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Reportagen

Joseph Roth: Reportagen - Kapitel 5
Quellenangabe
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typereport
authorJoseph Roth
booktitleDer Neue Tag
titleReportagen
publisherVerlag Kiepenheuer & Witsch
editorIngeborg Sültemeyer
year1970
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Die Bar des Volkes

Der Neue Tag, 6. 1. 1920

In einer Seitengasse der Schulerstraße, in der Annoncenexpedition und Zeitungsbureaus wie Schwalbennester an Dachfirsten hart aneinanderkleben, ist die Erste Wiener Suppen- und Teeanstalt. Abseits von der Dampffabrik der Gegenwart birgt sich die Bar der Armen. Kaum hundert Schritte weiter in einer der nächsten Straßen, duliöht ein Varieté. Bogenlampen spielen Sonne. Das Varieté hat seine Auslagen: Holzbretter mit Photographien von Menschenfleisch. Auf einem Bild klimmt ein feiner durchbrochener Seidenstrumpf eine schlanke Beinform hinauf, bis ihn eine ungewisse Wolke aus Spitzen und Unterrock verschluckt. Und auf einem andern atmet eine weiße Frauenbrust Geheimnisse hinter dem zarten Duft eines dunklen, unendlich weichen Tüllkleides. Und gegenüber ist eine Bar. Eine richtige Bar. Ein leicht beschwipster Klavierklang taumelt auf die Straße, die Häuserfassade entlang. Und die Drehtür ist unaufhörlich in Bewegung. Und hinter der Drehtür ist ein goldbetreßter Götze von Portier ersichtlich. Seine weißen Handschuhe atmen den Duft von unzähligen Parfüms. Seine blonden aufgezwirbelten Schnurrbartenden knixen gleichsam fortwährend zusammen vor Sealskin und Blaufuchs. Ein leiser, unendlich leiser Gläserklang schlüpft durch den Türspalt. Und manchmal fällt auf die Straße ein helles klirrendes Fragment von einem Frauenlachen, daß es sich anhört, wie wenn eine kleine, dünne Silbermünze auf das Pflaster rollen würde. Aber ich will ja gar nicht von dieser Bar erzählen, sondern von der anderen in der Seitengasse der Schulerstraße.

Die Tür ist offen. Blechgeschirre klappern. Links vom Eingang ist der Hahn einer Wasserleitung. Er schließt nicht recht. In gleichen Zeiträumen spuckt der Mund der Wasserleitung Tropfen in den Kessel. Klink! Klink! Wenn man eine Weile zuhört, nimmt es sich aus wie eine Musik. Sehr armselig, primitiv, aber doch eine Musik. Man lernt die Tropfen unterscheiden. Oh, sie sind durchaus nicht alle einander gleich. Der eine ist stark, plötzlich, und er fällt nicht, sondern stürzt sich geradezu mit einem Kopfsprung in den Kessel. Und ein anderer ist jung und zart und schüchtern und traut sich nicht recht in die Mitte, sondern plinkt leise auf den Rand. Und alle zusammen bilden dann eine sehr naive, kindliche Musik und es klingt, wie wenn man in kleinen Zeitabschnitten auf die sieben Tasten eines Kinderklavierspielzeugs tippt. Das ist die Tafelmusik der Armen.

Langgestreckt, wie gewaltsam ausgedehnt und schmalbrüstig ist der Raum. Die Decke ist hoch und erscheint noch höher, in unendliche Himmelsferne gerückt durch die schwere Schicht von Dunst, der wie ein Volkshaufen von Wolkenschleiern in der Luft wallt. Es ist wie eine Küchenwolkenmassendemonstration. In einer Dampfwäscherei sieht man nur noch solche Wolkenschwärme. Und irgendwo oben, mitten zwischen Nebelfetzen, von Dunstzipfeln umflattert, schweben drei, vier Glühbirnen, todmatte Glühbirnen, wie Sterne, die am Erlöschen sind. Manchmal bringt ein Luftzug oder die überhitzte Atmosphäre die unsichtbaren Stangen, an denen die Lichtlein hängen, in Bewegung. Und dann sehen die Lampen aus wie irrende Meteore, die einen Weg suchen, um hinunterzufallen. Gehobelte Holztische wie in einem Zeichensaal. Fünfzehn, vielleicht zwanzig Holztische in einer Reihe. An den Holztischen kleben dumpfe Menschenklumpen wie Fliegen, große, wuchtige Feldfliegen auf Fliegenpapier. Und irgendwo, weit vorne, in Dünsten gebadet, schwankt eine Bude aus Holzlatten wie ein Strandwächterhäuschen, das durch eine Überschwemmung ins Meer hinausgespült wurde. Das ist die Kassa, wo man um ein paar Papierfetzen andere Papierfetzen löst. Und dann schwankt man zur Küche, wo ein schwerer, großer Schöpflöffel rastlos pendelt zwischen Kessel und Blechgeschirren.

Irgendwo, an einem Eck, plumpst man hin und stellt seine Schale vorsichtig, vorsichtig, daß nur ja kein Tropfen in die Luft springt, auf die Tischplatte. Und in der Hosentasche, zwischen dem blauen Schnupftuch und dem Türschlüssel, liegt, steif und unnachgiebig, ein Blechlöffel, ein Zinnlöffel, mit Sommersprossen aus Rost. Mit diesem Löffel schlürft man Suppe und Gemüse. Und wenn man den Löffel vergessen hat, dann trinkt man aus der Schale. Der Löffel ist nur ein von der Kultur der Armut angeflogenes Suffix.

Wenn man seine Augen an den dampfgeschwängerten Dämmer gewöhnt hat, kann man sogar die Menschen sehen, die hierher kommen.

Auf kragenlosen, nackten, ausgemergelten Hälsen stecken Köpfe, wie zufällig aufgespießt: nicht gewachsen. Die Ohrmuscheln sind knorpelig und durchsichtig; fast wie aus Pauspapier. Ich weiß nicht, warum arme Menschen immer so dünne Ohrmuscheln haben. Und die Augen stehen entweder so weit vor, als steckten sie an Stielen und wollten fort aus dem Kopf, um irgendwo in einer Suppenschüssel zu ertrinken. Oder sie liegen so tief in den Augenhöhlen vergraben, als schämten sie sich vor der Öffentlichkeit. Augen, die an Platzfurcht kranken.

Kennt ihr solche Augen?

Und die Nasen sind plump wie formlose Klumpen aus Knetgummi. Da hat sich niemand Mühe genommen. Und das Kinn ist bei den Männern viereckig und groß wie eine Schiefertafel und bei den Frauen ausgezehrt-spitz und abschüssig wie eine schiefe Ebene. Und die großen Hände, über deren Rücken dicke blaue Stränge gespannt sind wie Stricke zum Wäschetrocknen. Mit den Fingern, die knorpelig sind und knorrig-gichtisch wie Waldwurzeln.

Kennt ihr solche Hände?

Ein kleines Mädchen sah ich in der Suppen- und Teeanstalt. Ihre Haare waren in unsagbar dünne Mäuseschwänzchen gedreht und um den Kopf gelegt. Es war ein wasserhelles Haar, von jener Färbung, die auch nur Haare der Armen haben können. Nur die Augen waren von einem tiefvioletten Blau, einem reichen, satten Blau. Das Mädchen aß aus einem Topf. Dann ging es fort und trippelte durch jene Straße, in der sich die Bar befindet. Sie sah nicht einmal hinein. Sie lauschte nur eine Weile dem leichtbeschwipsten Klavierklang, der die Häuserfassade entlang taumelte. Und als dann durch eine Fensterritze das Fragment eines Frauenlachens fiel, hörte das Mädchen den Silberklang und bückte sich wie nach einer Münze.

Dieses kleine Mädchen kann sicherlich auch so schön lachen. So hell, daß es klingt, wie wenn eine dünne Silbermünze auf Steinfliesen kollert. Warum lacht es nicht?

Josephus

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