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Reportagen

Joseph Roth: Reportagen - Kapitel 42
Quellenangabe
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typereport
authorJoseph Roth
booktitleDer Neue Tag
titleReportagen
publisherVerlag Kiepenheuer & Witsch
editorIngeborg Sültemeyer
year1970
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secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Der Kriegsberichterstatter

Lachen links, 1. 8. 1924

Er hatte Sonne im Herzen, seine »Unabkömmlichkeit bescheinigt« in der Tasche, er war der Mittler zwischen der Begeisterung des Hinterlands und der stumpfen Gleichgültigkeit der Front, er war der moderne Barde des modernen Krieges, seine Kriegsgedichte waren Telegramme, seine Muse war das Pressequartier, er war General-Interviewer und Siegesprophet, weit genug vom Schützengraben, um in Stimmung zu bleiben, nahe genug, um den Jammer zu sehn, und klug genug, um ihn zu verschweigen.

Er war ein Marketender der öffentlichen Meinung. Zehn Kilometer hinter der Front hatte er seinen Berichterstattungsladen aufgeschlagen und verkaufte Zuversicht. Den Prostituierten, die, wie er, mitgezogen waren, um den Patriotismus zu erhalten, fühlte er sich keineswegs verwandt, obwohl er sich billiger, als sie es getan, verkauft hatte. Manchmal wurde er mit einer Latrine verwechselt – von Leuten, deren Geruchsorgan auf geistigen Gestank reagiert. Dennoch durfte er nicht benützt werden, denn nicht jeder Mißbrauch, sondern jeder Gebrauch wurde im Felde bestraft.

Er trug eine phantastische Uniform und als das Abzeichen der Presse, die er vertrat, nicht etwa den Revolver, sondern eine Feder. Deshalb hielt man ihn für einen »Waschlappen« und ignorierte seine militärischen Fähigkeiten, obwohl er den Krieg genau so verlieren konnte wie jeder bessere General. Er schlug, zwar nicht sein Leben, wohl aber seinen heimatlich-redaktionellen Schreibtisch in die Schanze, als er in Gefahr war, die Schanze graben zu müssen. In den Ruhepausen und vor jeder neuen Musterung schrieb er schnell einen Haßgesang, ein Aushebungslied, und erreichte so, daß er in den vordersten Schützengraben der Kriegslyrik gelangte, die ihre Position hinter dem Armeeoberkommando aufgeschlagen hatte.

Hier schwebte er im Fesselballon über den Leichenfeldern, die nur aus diesem Grunde stanken. Und weil er ohnehin in Hindenburgs nächster Nachbarschaft kämpfte, hatte er es nicht weit bis zum Interview mit Ludendorff. Er übernahm es sogar, die Verachtung, die ihm Generale entgegenbrachten, statt ihrer zuvorkommend zu schlucken, damit Jene reden könnten. Mit seiner tapferen Rechten stenographierte er für König und Vaterland.

Manchmal bekam er sogar einen Orden für tapferes Verhalten weit vor dem Feind. Dann fuhr er ins Hinterland und erzählte von »unseren Feldgrauen«, obwohl diese niemals von »unserm Kriegsberichterstatter« sprachen. Sie lasen nur gelegentlich, was er berichtet hatte und bewunderten seine Phantasie, der die Sachkenntnis keine Hemmungen bereitete. Wild galoppierte sie dahin auf gepanzertem Pegasus. Sie ritt Attacken der Stimmungsmalerei. Es war die Kavallerie der Durchhaltekunst.

Aus allen gefahrlosen Zonen kehrte er glücklich heim, der Kriegsberichterstatter. Dann fuhr er nach Versailles. Heute macht er für neue Kriege Reklame. Er ist der Propagandachef der Firma Revanche, General und Co. Er verfaßt Leitartikelplakate. Er ist selbst eine Litfaßsäule der Begeisterung an den Ecken der Heerstraßen. Er sehnt sich nach Heldentaten, Haßgesängen und Interviews. Für ihn läßt Gott Stahlfedern wachsen.

Vorläufig berichtet er über Denkmalsenthüllungen. Er produziert nationale Belange. Er ist der Krupp der Phrasengeschosse. Er widersteht jeder Kontrollkommission, weil er ihr entgeht, wie er den Granaten entgangen ist. Es ist sein Schicksal, zu entgehn. Wir büßen sein Leben mit unserm Tod. Er ist international: Hier heißt er Maurenbrecher und in Paris Sauerwein. Er hat viele Namen und ist immer derselbe. Er unterscheidet sich von einer Hydra nur dadurch, daß sie Köpfe hat und er nicht einen einzigen.

Man kann ihm gewissermaßen nichts abschlagen ...

Josephus

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