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Reportagen

Joseph Roth: Reportagen - Kapitel 39
Quellenangabe
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typereport
authorJoseph Roth
booktitleDer Neue Tag
titleReportagen
publisherVerlag Kiepenheuer & Witsch
editorIngeborg Sültemeyer
year1970
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Prozeß im Halbdunkel

Frankfurter Zeitung, 4. 6. 1924

In Berlin geht ein Prozeß zu Ende, der ein »politischer« genannt wird, und der das Interesse der Kulturhistoriker, der Psychologen und Dichter mehr verdient als jener der Politiker, die doch nur das Stoffliche, das »Material« des Prozesses in Anspruch nimmt. Bedeutsamer ist die Atmosphäre, aus der er herauswächst und das Halbdunkel, in dem er spielt. Interessanter als die Frage nach dem »Was« ist diesmal die Frage nach dem »Wie« und »Wer«. Vor den Schranken des Gerichts stehen die Vertreter einer neuen Zeit und einer neuen Romantik; die Typen des modernen Halbdunkels, jener Gewitterbeleuchtung, in der die Grenze zwischen Staatsaktion und Verbrechen, zwischen Patriotismus und Pathologie, gläubiger Schwärmerei und zynischem Spitzeltum verschwinden. Es ist der Prozeß gegen Thormann und Grandel, denen man einen Mordversuch an General Seeckt vorwirft.

Es ist ein Prozeß der halben Worte, der Achtel-Geständnisse. Wer oft in Gerichtssäle kommt, wird wissen, daß die Zuhörer charakteristisch sind für die »Sache«, über die verhandelt wird. Ich will versuchen, einen Teil dieser Zuhörer zu beschreiben: Männer zwischen achtzehn und vierzig. Kleinbürger, gewesene Offiziere, Matrosen, die man an ihren scharfen und zugleich naiven Augen erkennt, Studenten und Halbstudenten, viele in der schon Uniform gewordenen Kleidung derjenigen, denen der politische Dilletantismus zum Sport geworden ist und die infolgedessen Sportjacken mit Gürtel tragen. Ich habe den Mut, eine eigene Rassentheorie aufzustellen, die ebensowenig wissenschaftlich fundiert ist wie jede Rassentheorie, aber mehr Wahrscheinlichkeit ist: diese deutschen »Konsuln«, Stahlhelmträger, Versailler-Rollen-Sprenger, Stammbaum-Kletterer hat eine gemeinsame Lebensweise, eine gemeinsame Denkart, ein einheitlicher Wahnwitz wirklich zu einer Gemeinschaft gemacht, die gemeinsame Rassenmerkmale aufzuweisen hat. So bildet sich eine Ähnlichkeit unter Menschen, die lange in der Gefangenschaft oder in sibirischer Verbannung gelebt haben und von dem gleichen Ideenkomplex beherrscht werden. Es gibt wirklich eine Rasse: die völkische.

Ihre Angehörigen sitzen im Gerichtssaal und stehen vor den Richtern. Tettenborn, der Sekretär der Partei, mit dem länglichen, scharfen Gesicht, dem Windhund ähnlichen Profil. Alles ist Spitze in diesem Antlitz, die Nase, das Kinn, die Backenknochen, alles sucht, drängt sich vor, wittert, der Blick verrät Bereitschaft zu allem und flüchtet sich doch hinter die Lidervorhänge wie ein Lauscher, der immer fürchtet, er hätte sich zu weit vorgewagt. Thormann, der mit dem Auftrag zur Ermordung kam und einen geeigneten Mörder suchte, wie man einen doppelten Buchhalter sucht oder einen tüchtigen Inseratenaquisiteur. Thormann mit dem Hang zur maßvollen Fettleibigkeit wie ein Prokurist am Beginn seiner Karriere, aus dem Stadium des gewöhnlichen Vollstreckers bereits hinaus und noch nicht der alleinverantwortliche Befehlshaber. Den »typischen« Blick hat auch er, den unsichern, der Verborgenen, Verbergenden, auch die witternde Nase und nur das schon gerundete Kinn der Sicheren. Dr. Grandel repräsentiert die ältere Generation und ist ein Kleinbürger. Bei ihm bricht sich der Fanatismus an den Schutzwällen des kleinbürgerlichen Gemüts und eine furchtsame Besonnenheit wehrt sich gegen die Gewalt der Idee. Deshalb wird er ein Sonderling, ein Eigenbrötler, der die Ziele der Partei außerhalb der Partei erstrebt und ein zuverlässiger Kämpfer nicht in, sondern neben der Reihe wird. Er leidet an Herzanfällen. Gewiß fördert die Aufgeregtheit den konstitutionellen Fehler. Er ist ein Choleriker mit Hemmungen. Er hat das Gesicht eines alten Verwaltungsbeamten. Die Haltung eines lange Sitzenden, der mechanisch und fleißig Kolonnen schreibt.

Dann gibt es noch einen Köpke, einen jungen Mann ohne Besonderheiten, der typische Botenjunge, fix, »anstellig« und mit dem Hang zur Lüge ohne Zweck. Man kann viel mit ihm anfangen, er selbst kann es nicht. Dieser Mann war Leutnant. Alle waren Offiziere. Alle durften sie befehlen, strafen, Verantwortung tragen. Sie hatten den Beruf des Aufrechten und sind im Grunde Spitzel. Ihre Tricks sind billig. Dennoch »fielen« sie aufeinander »herein«.

Das ist die Atmosphäre der Nachkriegszeit. Ein Historiker müßte diese Menschen festhalten. Sie wissen alle irgend etwas, was die Sicherheit des Staates gefährden könnte. Es scheint, daß man sich wirklich ihrer bedient hat. Jede Aussage ist hier eine Verheimlichung. Jedes Geständnis eine Verschleierung. Jedes Wort eine halbe Unwahrheit.

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