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Reportagen

Joseph Roth: Reportagen - Kapitel 36
Quellenangabe
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typereport
authorJoseph Roth
booktitleDer Neue Tag
titleReportagen
publisherVerlag Kiepenheuer & Witsch
editorIngeborg Sültemeyer
year1970
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Parade eines Gespenstes

Vorwärts, 30. 4. 1924

In der geräuschvollen lebendigen Hauptstraße erschien in der Mittagsstunde ein Gespenst. Obzwar es schrecklich genug war, gehörte es doch keineswegs zu dem Geschlecht jener Gespenster, die in der traditionellen Aufmachung, lautlos und bleichen Angesichts, in Bettlaken oder in langen Hemden zu erscheinen pflegen, wenn die Mitternacht schlägt. Im Gegenteil: dieses Gespenst erschien am hellen Mittag, von einer effektvollen Regie mit Lärm in die Straßenszene gesetzt, buntgekleidet und von der verblüffenden Wirkung eines Reklameplakats. Dieses Gespenst war geeignet, im gleichen Maße Grauen wie Aufsehen zu erregen.

Es trug auf dem Kopfe einen Helm aus massivem Metall, an dessen Vorderseite ein königlicher Wappenadler die Schwingen ausbreitete, wie auf dem Schild eines Finanzamtes. Es war ein Prachtexemplar der Heraldik, halb schwebte es und halb klebte es, und es hielt genau jene Lage ein, die den meisten herrschaftlichen Symbolen eigen ist und durch die ungewollt zum Ausdruck gebracht wird, wie schwer es den Herrschenden fällt, das auszuführen, was sie gerne darstellen. Um den Oberkörper des Gespenstes spannte sich ein Rock von einer strahlenden Bläue, welche die Farbe des südlichen Himmels weit überblaute. Die Beine steckten in Hosen, die seitwärts breite rote Streifen trugen, von der Farbe getrockneten Menschenblutes. Die Hosen landeten unsichtbar im Innern der Stiefel, die aus schwarzem Spiegelglas hergestellt schienen. Es war, als hätten sie die Aufgabe übernommen, statt des Kopfes die Bilder der Außenwelt aufzunehmen. An die Absätze waren Sporen geheftet, die unaufhörlich klingelten, wie Miniatur-Alarmsignale winziger Radfahrer. An der linken Seite des Gespenstes schepperte ein langes Eisenstück, das oben von einem Korbgriff gekrönt wurde. Diesen Griff hielt das Gespenst unter dem linken Arm, ungefähr wie lebendige Menschen eine Aktentasche zu tragen pflegen, oder einen Regenschirm außer Betrieb. Auf beiden Schultern dieser phantastischen Erscheinung klebten Achselklappen. Von ihnen ging ein unbeschreiblicher blendender Glanz aus, als wären sie aus Sonnenzwirnen hergestellt und mit Mondscheinfäden durchwirkt.

Dieses märchenhafte Traumbild schritt, Aug' und Ohr betäubend, mitten durch eine reale Straße. Es ragte über die meisten Passanten hinaus. Es war wie ein wandelndes Denkmal und man sah es schon von weitem. Es ging mitten in einem Bannkreis von mindestens zwei Schritten, denn es verscheuchte die geblendeten Menschen, so daß sie entweder zurücktraten oder auswichen und sich erst in einer gewissen Entfernung umwandten, um noch einmal der Gnade dieses seltsamen Anblicks teilhaftig zu werden. Ein ständiges feines metallenes Klirren kündete die Erscheinung an. Man vernahm es durch den Lärm der Autohupen und der knatternden Omnibusräder, der brummenden elektrischen Drähte und der klingelnden Straßenbahnen. Es war leise, aber durchdringend. Es erinnerte an die Stimme eines lächelnden Todes, der unter Tschinellenbegleitung kommt. Der eiserne lange Schürhaken an der Seite schlug sirrend an das Knie, wie eine ferne Sense an Sommertagen.

Das Gesicht beschattete bis zur Nasenwurzel der Helm. Immerhin konnte man noch die Augen erblicken. Sie glänzten blau, wie das Tuch der Uniform und ihr Ausdruck war sehr streng, aber auch sehr leer. Sie waren irgendwohin, in ein ungewisses Land gerichtet. Sie fanden kein Hindernis und reichten bis ans Ende der Welt, das ihr Besitzer wahrscheinlich erhoffte. Sie waren kühn und nicht zum Schauen fähig, sondern lediglich zum Blicken. Der kleinen Nase fehlte die Kuppe. Es war, als sollte sie abgebaut werden und als hätte man gleichsam ihren äußersten Ziegel schon abgetragen. Das Kinn ragte, Löcher in die Luft bohrend, spitz, weißbestäubt und vordringlich über den hohen Halskragen und warf einen kleinen Schatten auf die vorgewölbte Brust. Die Wangen glühten, im Gegensatz zu den Gesichtern mitternächtlicher Gespenster, im sanften Rosa einer festlichen Konfirmationserregung.

Woher kam dieser Geist mitten in die Welt der Elektrizität, der Radiowellen, der Mikrophone, des Asphalts, der Arbeit, der Warenhäuser, der Fabriksirenen, der Autoreifen, der Zeitungsverkäufer, der Telegraphenboten, der Dienstmänner, der Motorräder? War es ein Reklameartikel der mittelalterlichen Geschichte? Ein personifiziertes Kapitel der Vergangenheit? Ein Statist aus einem historischen Film? Ein Bühnenrequisit aus bemalter Pappe?

Ach, es war ein wirklicher Geist. Er war nicht verkleidet, er war uniformiert. Ich merkte es an dem feinen Leichenaroma, das er ausströmte. Er roch nach Stickgas. Seine Sauberkeit hatte ihre Ursache in Stahlbädern. Ich wäre ihm gerne gefolgt, um zu sehen, wo er verschwinden würde. Vielleicht ging er in eine Bibliothek und legte sich wieder in einen alten Band der Weltgeschichte, aus dem er gestiegen war. Oder er ging in die heiligen Hallen des Kasinos. Oder in das Wahlbureau einer nationalen Partei, die ihn als Wahlplakat verwendete?...

Josephus

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