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Reportagen

Joseph Roth: Reportagen - Kapitel 29
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typereport
authorJoseph Roth
booktitleDer Neue Tag
titleReportagen
publisherVerlag Kiepenheuer & Witsch
editorIngeborg Sültemeyer
year1970
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Gespräch über den deutschen Professor

Vorwärts, 13. 4. 1924

»Die Universität Neapel«, sagte Alfred, »feiert das Jubiläum ihres 700jährigen Bestandes. Zu dieser Feier hat sie die bayerische Akademie eingeladen. Nun, und was hat die bayerische Akademie geantwortet?«

Eduard: »Sie wird doch die Einladung nicht etwa zurückgewiesen haben?!«

Alfred: »Ihre Mitglieder sind deutsche Professoren, und diese seltene Menschengattung weist jede ausländische Einladung zurück. Der deutsche Professor steht auf dem Standpunkt, daß die Universität von Neapel an dem Friedensvertrag von Versailles schuldig ist, obwohl nicht die italienischen Professoren, sondern die italienischen Generale und Diplomaten an diesem Friedensvertrag mitgewirkt haben.«

Eduard: »Wie kann man nur Diplomaten, Generale und Professoren miteinander verwechseln?«

Alfred: »Der deutsche Professor kann alles. Verwechselt er sich doch selbst mit einem General. Bei der vorletzten Rektorsinauguration der Berliner Universität sangen die Studenten das kriegerische Lied: »Wohlauf, Kameraden, auf's Pferd, auf's Pferd ...« Der Rektor Roethe hatte sie dazu aufgefordert; obwohl es gerade einem deutschen Professor eher ziemen würde, etwa den Text so zu singen: »Wohlauf, Kameraden, auf's Steckenpferd!« Aber es war nicht dieses gemeint, sondern ein wirkliches Schlachtroß, obwohl die Kavallerie in den modernen Kriegen nur eine untergeordnete Rolle spielen kann. Das wußte der Germanist Roethe nicht. Seine Kollegen von der chemischen Fakultät sind besser unterrichtet. Sie wissen, daß nicht ein munterer Ritt ins Feld der Ehre entscheidend ist, sondern die Wirkung des Giftgases. Die Chemiker sind praktische Naturen, die Germanisten romantische. Aber deutsche Professoren sind sie alle, das heißt: Menschen, denen der geistige Stahlhelm über Augen und Ohren gerutscht ist, so daß sie Stimmen und Erscheinungen der Außenwelt nicht mehr wahrnehmen können.«

Eduard: »Und die Wissenschaft leidet nicht darunter?«

Alfred: »Es gibt seit einigen Jahrzehnten eine Inzucht der deutschen Wissenschaft und eine peinlich gewahrte Rassereinheit des deutschen Geistes. Die Entwicklung der wissenschaftlichen Ideen vollzieht sich in Deutschland unter dem hermetisch schließenden Stahlhelm, wie die Entwicklung exotischer Pflanzen in einem glasüberdeckten Treibhaus. Nur, daß der Stahlhelm die Sonne nicht durchläßt. Die Liebe des deutschen Professors zum Schlachtroß ist zwar mehr eine platonische. Denn reiten hat er nie gekonnt. Wohl aber hat er bereits den Knüppel schwingen gelernt, den er von Kunze bezieht. In der Linken das Buch und den Knüppel in der Rechten steht er heute auf dem Katheder, bereit, die Wissenschaft zu verbreiten und gleichzeitig Neapolitaner, Juden, Franzosen, Marxisten niederzuschlagen. So nimmt er allein den Kampf gegen die Welt auf – und sie, die es nicht zu wissen scheint, schickt ihm Einladungen.«

Eduard: »Wie ist es möglich, daß sie es nicht weiß?«

Alfred: »Daran sind wir selbst schuld. Wir kümmern uns gar nicht um die Universitäten – und sie sind auch nicht mehr ein integrierender Bestandteil unseres öffentlichen Lebens. Sie sind höchstens das Agitationsmaterial im Wahlkampf der nationalistischen Parteien. Also sind wir, die wir keinen Kontakt mit den Akademien haben (und ihn auch nicht brauchen), immer noch geneigt, dem Professor mehr Achtung zu zollen, als er verdient. Dieser unbegründete Respekt vor der Autorität ist höchst verderblich. Ein qualifizierter Arbeiter, der denken kann, ist klüger als zehn Forscher, welche ein Leben damit zubringen, die Umlaute des Gudrunliedes zu zählen. Deshalb ist der denkende Arbeiter auch Sozialist, das heißt: Zukunftsmensch; deshalb sind neun von zehn Professoren auch Nationalisten, das heißt: Vergangenheitsmenschen.«

Eduard: »Willst du leugnen, daß die Wissenschaft den Menschen befreit?«

Alfred: »Das eben ist die folgenschwere Verwechselung. Ich leugne nicht die befreienden Impulse, die von der Wissenschaft ausgehen. Ich leugne die Möglichkeit einer Befreiung durch den Professor. Weil wir so dumm sind, den Professor für die Wissenschaft zu halten, respektieren wir die Bannmeile, die von der Tradition um die Hochschule gelegt ist. Wir stören den Professor nicht, weil wir immer noch glauben, er arbeite an seinen Büchern. Er aber arbeitet indes nur mit der Linken, während er mit der Rechten exerziert. Es hat sich ein Durcheinander zwischen Generaltum und Professorentum herausgebildet, während wir uns um die Bannmeile drückten. Ludendorff, der ein General ist, hält Vorträge über die Walhalla und die Forscher der Eddalieder fordern ihre Schüler auf, das Pferd zu besteigen. Der Feldwebel forscht nach dem Ursprung der Rassen in seiner Kompagnie und die Hörer des Seminars für Rassenforschung üben sich im Schießen auf proletarische Zielscheiben. Diese Tatsachen erörtern wir nicht genügend laut. Deshalb weiß es die neapolitanische Universität nicht und sie lädt infolgedessen noch die deutschen Professoren ein.«

Eduard: »Werden die neapolitanischen Gelehrten nicht sehr beleidigt sein?«

Alfred: »Wenn sie Philosophen sind: nein! Denn sie haben ihre Abweisung nicht von jenen erhalten, die sie eingeladen hatten! Sie luden deutsche Gelehrte ein, und nur durch eine falsche Adressierung kam die Einladung an bayerische Professoren. Sie luden die Freiheit ein und ihnen antwortete die Barbarei. Es ist, wie wenn ein Dichter an die Sterne appelliert und ihm fallen Hakenkreuze ins Angesicht.«

Eduard: »Was werden die Neapolitaner jetzt denken?«

Alfred: »Sie werden denken, am deutschen Himmel leuchten keine Sterne mehr, sondern Hakenkreuze.«

Eduard: »Und ich glaube, sie werden richtig denken ...«

Josephus

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