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Reportagen

Joseph Roth: Reportagen - Kapitel 28
Quellenangabe
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typereport
authorJoseph Roth
booktitleDer Neue Tag
titleReportagen
publisherVerlag Kiepenheuer & Witsch
editorIngeborg Sültemeyer
year1970
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Berliner Bilderbuch

Der Drache, im April 1924

Der alte Tiger des Berliner Zoologischen Gartens ist aus Gründen der Humanität von seinem Wärter erschossen worden.

Der Tiger war krank und dem Tode nahe. Seine Beine zitterten, seine Augenlider schwollen an. Das Fell schlotterte um sein Knochengerüst, wie ein fremder, geschenkter Mantel. Er lag im Käfig, sanfter als ein Lamm, und die Menschen lachten.

Sie hatten sich vom Weltkrieg bereits erholt, dank jener Leichtigkeit des Vergessens, welche die Menschen vor allen anderen Tieren auszeichnet. Ihre Gesundheit war schon so weit vorgeschritten, daß es sie nach einem neuen Krieg gelüstete. Vergessen waren Drahtverhau und Dörrgemüse, abgelieferte Kirchenglocken und Küchenmörser, Opfer der Religion und der Wirtschaft, Heldengreifkommission und Heldengräberkommission, die Erhebung der Gemüter und die Entlausung der Körper. Die Menschen gingen schon wieder in den Zoologischen Garten, die Raubtiere zu bewundern, als hätten sie sich von Raubtieren durch andere Fähigkeiten unterschieden, und nicht durch die des Vergessens.

Der Tiger aber vergaß die Große Zeit nicht, in der man ihn mit kleinen Mohrrüben gefüttert hatte. Kleine gelbe Mohrrüben bekam er, während die ganze Welt aus Menschenfressern bestand. Dieweil der Mensch sich bemühte, den Tiger an Grausamkeit zu übertreffen, fütterte er den Tiger mit Mohrrüben.

Diese Zeit konnte der Tiger nicht verwinden. Dem Menschen war von allen masurischen Sümpfen wenigstens der General zurückgeblieben; von der ganzen Unterernährung eine blutarme Revolution; von allen geflüchteten Ruhmdefraudanten ein heimgekehrter Kronprinz; vom ganzen Christentum ein Hakenkreuz.

Was aber blieb dem Tiger? – Nur der saure Mohrrübengeschmack des Weltkrieges; ein schlotterndes Fell; kranke Augen; zittrige Gliedmaßen.

Vor einigen Tagen erschoß ihn der Wärter. Und von allen Schüssen, die seit 1914 gefallen waren, ist dieser einzige Schuß der nützlichste.

Einem andern Exemplar der Wissenschaft ist der Krieg nicht so schlecht bekommen, wie dem Tiger: der Professor der Germanistik, Herr Roethe, kann Mohrrüben besser vertragen. Er lebt und könnte, was Kriegslust betrifft, jeden gesunden Tiger beschämen.

So groß ist die Achtung des deutschen Bürgers vor Kant sogar an dessen 200. Geburtstag noch nicht, daß ein Verbot den Roethe hindern könnte, Kant zu feiern; und so groß ist kein Genie, daß es 200 Jahre nach seinem Tod vor Grabschändungen sicher sein könnte. Die Unsterblichkeit ist mit einer Jubiläumsrede von Roethe wahrlich teuer bezahlt.

Diese Rede beschloß die Kantfeier der Berliner Universität. Roethe »behandelte« Kant vom »preußischen Standpunkt« und eröffnete den Zuhörern, daß die »Kant'sche Moral« den Geist »echt preußisch aus der Wirklichkeit erlöst« habe. Der Traktat vom ewigen Frieden bedeute nichts gegenüber der Tatsache, daß er den Krieg als eine wertvolle Triebfeder betrachtet habe, alle Talente der Kultur zu entfalten.

Den »aus der Wirklichkeit erlösten Geist« repräsentiert der Roethe. Man merkt es, wenn er anfängt, seine Talente zu entfalten, deren Triebfeder der Krieg ist. Und es gibt kein Gesetz, das den Tigern Professorenstühle und den Professoren Käfige verschafft! Laßt die Tiere Jubiläen feiern und ein Wildschwein wird einen Philosophen besser würdigen können.

Der Geist der republikanischen Behörden ist nicht aus der Wirklichkeit erlöst: Noch ist das Blutbad von Halle nicht trocken und schon rüstet man zu einer völkischen Heerschau im Berliner Stadion. Vorläufig ist es nur eine Zeitungsnotiz. Aber die letzten Jahre haben bewiesen, daß es mit Zeitungsnotizen anfängt und mit beschämenden Niederlagen der Republik niemals aufhört.

Ich weiß nicht, wer das Stadion gebaut hat. Aber gewiß haben jüdische Steuerzahler dazu beigetragen. Wenn diese Juden überhaupt noch die Absicht haben, sich zu wehren, so haben sie jetzt einen Anlaß. Ihnen gehört das Stadion, wie allen andern. Man kann sie in ihrem eigenen Hause nicht beschimpfen und ermorden.

Aber die Logik argumentiert: weshalb nicht die Juden, wenn man die Republikaner in ihrer eigenen Republik beschimpft und mordet?

Austauschpolitiker: seit einigen Tagen ist Kahr in Berlin. Ludendorff bleibt in München.

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