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Reportagen

Joseph Roth: Reportagen - Kapitel 27
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typereport
authorJoseph Roth
booktitleDer Neue Tag
titleReportagen
publisherVerlag Kiepenheuer & Witsch
editorIngeborg Sültemeyer
year1970
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Dialog über Walhall

Vorwärts, 30. 3. 1924

Alfred und Eduard, zwei unpolitische Naturen, die sich aber leidenschaftlich für die Politik interessierten, trafen wieder einmal zusammen. Alfred fragte: »Was ist Dir in der Politik der letzten Zeit besonders aufgefallen?« Darauf erwiderte Eduard:

»Ich habe die Verteidigungsrede Ludendorffs gelesen und über seinen Wunsch, für sich und Hitler Ehrenplätze in Walhall zu bekommen, lange nachgedacht.«

»Nach welchen Grundsätzen«, fragte Alfred, »werden denn die Walhallplätze verteilt?«

»Ungefähr so«, erwiderte Eduard, »wie die Ehrendoktorate der deutschen Universitäten. Ich zweifle nicht daran, daß die Komiteeleitung von Walhall bereit sein wird, Ludendorffs Wünsche zu erfüllen. Der Weg nach der Götterburg soll seit einiger Zeit mit Diktaturgelüsten, Putschabsichten, Rebellionswünschen gepflastert sein.«

Alfred: »Ist denn die Walhalla nicht schon stark überfüllt?«

Eduard: »Es scheinen noch Logenplätze frei zu sein. Außerdem dürften Neubauten vorgenommen werden. Und übrigens mußt Du Dir das ungefähr so vorstellen wie eine Untergrundbahn. Nach irgendwelchen metaphysischen Gesetzen, die ja drüben noch mehr in Anwendung kommen als in unseren unterirdischen Haltestellen, gehen immer noch einige hinein.«

Alfred: »Ich kann meine Bedenken dennoch nicht ganz unterdrücken. Ein General wie Ludendorff wird, obwohl er ja in dieser, selbst für Generale seltenen Verbindung von Unverstand und Größenwahn nicht häufig vorkommt, in Walhalla dennoch kein besonderes Aufsehen erregen. Aber soviel ich weiß, ist das germanische Jenseits auf streng feudalen Grundsätzen aufgebaut – und ich glaube zu wissen, daß die verstorbenen Mitglieder des »Verbandes deutsch-nationaler Juden«, trotz dringender Empfehlungen von höchsten und sogar allerhöchsten Stellen, entschieden abgelehnt wurden. Was werden die oben versammelten Könige und Helden zu so einem bürgerlichen Mitglied sagen, wie es Adolf Hitler ist, der bekanntlich ein Tapezierer aus Oberösterreich ist?!«

Eduard (entrüstet): »Wie kannst Du nur die deutschnationalen Juden mit Hitler vergleichen! Hast Du nie etwas von dem Prinzip der Rassereinheit vernommen? Dinters »Sünde wider das Blut« zirkuliert in Walhall in hunderttausend Exemplaren, und der Arierparagraph und die Weltanschauung über Satisfaktionsfähigkeit, die aus Waidhofen an der Ybbs stammt, also ebenfalls, wie Hitler, aus Österreich, sind die hervorragendsten unter den modernen Walhallgesetzen. Eine Ausnahme wurde seinerzeit nur bei Richard Wagner gemacht, der bekanntlich jüdisch belastet ist – aber nur mit Rücksicht auf seine großartigen Verdienste um die germanische Heldensage und um den Stabreim. In Hitlers Ahnenreihe wirst Du bestimmt weder auf einen Juden noch auf irgendeine Intellektualität stoßen. Im übrigen wird er dort jene Bescheidenheit lernen, die ihm hier abhandengekommen ist. In seinem unscheinbaren Cutaway wird er zwischen all den Rüstungen verschwinden. Im Rate der Götter wird er weder Sitz noch Stimme haben, wohl aber ganz gut einen Schriftführerposten ausfüllen können, oder Vorturner in der Riege des alten Jahn werden, oder Privatsekretär bei Wilhelm Jordan oder auch bei Stöcker.«

Alfred: »Du magst recht haben! Bedenklich scheint mir nur, daß Hitler weder die Umgangssprache in Walhall, die Sprache der Eddalieder, noch auch nur das Mittelhochdeutsche beherrscht. Wie wird er sich verständigen können?«

Eduard: »Eine Verständigung ist nicht nötig und wäre sogar von Schaden. Du mußt nämlich wissen, daß auch die Genies, insofern sie ihre Rassereinheit nachgewiesen haben, sich von Zeit zu Zeit aus nationalen Gründen in Walhall einfinden. Seitdem Treitschke seinen Einzug gehalten hat, waren Goethe und Herder allerdings nur sehr selten zu sehen. Lessing war schon wegen seines kompromittierenden Verhältnisses zu Moses Mendelssohn lange nicht mehr dagewesen. Allein es kommen immer noch ein paar weniger empfindliche Naturen, die aber doch bedeutende Geister sind, wie zum Beispiel Ludwig Uhland, Gottfried Keller. Schließlich ist Bismarck fast immer noch anwesend. Und siehst Du: Männer dieser Art wünschen gar keine Verständigung mit den Herren der Neuzeit. Die letzten großen Geister, die es trotz dem Andrang immer noch aushalten, würden verschwinden, wenn Hitler mit ihnen zu sprechen anfinge. Deshalb ist es gut, daß er sich nur mit seinesgleichen verständigen kann.«

Alfred: »Du weißt mich immer wieder zu beruhigen, lieber Eduard, aber ich habe dennoch eine große Sorge auf dem Herzen: Kannst Du Dir vorstellen, was die Gefallenen vom Weltkrieg anfangen werden, wenn sie Ludendorff erblicken?«

Eduard: »Auch darüber kann ich Dich trösten. Die Gefallenen befinden sich erstens sehr weit von jenem Platz entfernt, der dem General vorbehalten ist. Sie kamen gewissermaßen, weil sie ja meist Mannschaften, Juden, Katholiken oder gar Proletarier waren, direkt aus den Massengräbern in das gewöhnliche Stehparterre, wo es ihnen, in Anbetracht der fehlenden Gliedmaßen, ohnehin nicht sehr bequem ist. Außerdem aber bin ich überzeugt, daß sie aus Angst vor einer neuen Mobilisierung und dem Versuch des Generals, das Jenseits in einen Kasernenhof zu verwandeln, beim ersten Gerücht von Ludendorffs Ankunft in die Hölle flüchten werden.«

Alfred (ungläubig): »In die Hölle? Du glaubst, daß jemand freiwillig die Hölle wählt?«

»Gewiß, glaube ich es«, antwortete Eduard, »denn die Hölle mit allen ihren Qualen und lodernden Fegefeuern ist ein Paradies gegenüber einem Himmel, in dem sich Ludendorff befindet...«

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