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Reportagen

Joseph Roth: Reportagen - Kapitel 19
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typereport
authorJoseph Roth
booktitleDer Neue Tag
titleReportagen
publisherVerlag Kiepenheuer & Witsch
editorIngeborg Sültemeyer
year1970
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Fünf-Uhr-Tee

Lachen links, 1. 2. 1924

Der Fünf-Uhr-Tee ist eine Institution zur Förderung der bürgerlichen Geselligkeit. Er kommt nur für jene Menschen in Betracht, die für die Aufhebung des Achtstundentags sind, weil sie selbst keinen haben. Der Fünf-Uhr-Tee versammelt Männer und Frauen in einem Privatsalon oder in der eleganten Halle eines Hotels an mehreren kleinen Tischen, während auf einer Estrade ein Quartett musizieren muß.

Es muß bemerkt werden, daß um diese Zeit die Abendblätter bereits erschienen sind, so daß die männlichen Teilnehmer des Fünf-Uhr-Tees über ihre Gewinne beruhigt sind und mit innerer Sammlung dem Verlauf des Ekartés folgen können.

Indessen dürfen die Frauen über die neuesten Erscheinungen auf dem Modewarenmarkte sprechen und über die häuslichen Sorgen, die im Besitz eines »Trampels« bestehn. »Trampel« ist der bürgerliche Ausdruck für Dienstmädchen. Gattinnen gutgestellter Männer, die an der Börse spielen, müssen »Trampel« haben – weibliche Wesen, die gegen Bezahlung und Kost der »Herrschaft« ihren Sorgenbedarf liefern. Dafür dürfen sie die nur für Herrschaften reservierten Treppen nicht benützen, geschweige denn einen Bräutigam haben. Der Liebesgenuß ist lediglich den Frauen vorbehalten, die auch zum Fünf-Uhr-Tee dürfen. Man könnte sagen: Ohne Five-o-clock kein Geschlechtsverkehr!

Außer den Trampelsorgen gibt es noch jene, die um das Ziel der nächsten Sommerreise kreisen. Den Menschen des Fünf-Uhr-Tees stehn, wie man weiß, Berge, Sonnen, Seen, Täler und Meere zur Ferienverfügung, ebenso wie Teppiche und Spielsäle, Karlsbader Salz und Franzensbader Moor, heiße, warme und kalte Mineralquellen und der ganze Klassensegen der göttlichen Natur. An allen Heilquellen der Welt stehn, wie auf Tischen eines gutbesuchten Restaurants, Tafeln mit der Inschrift: »Reserviert – nur für Kapitalkräftige.« Die Sorgen der Fünf-Uhr-Tee-Menschen besteht nur in der Wahl einer solchen Tafel.

Und während sich die Gäste so die Zeit vertreiben, spielt die Musik »Peer Gynt«. Denn die Musik ist eine Erfindung zu Zwecken des Fünf-Uhr-Tees. Sie füllt die Gesprächspausen aus und gibt dem Klappern der Teller und Löffel eine liebliche Begleitung.

Bis die Stunde des heiligen Abendmahls herannaht – denn heilig sind nur die Mahlzeiten. Dann endet der Fünf-Uhr-Tee. Man verläßt ihn, durch Konversation erfrischt, von Getränken durchwärmt und spricht: So vergißt man wenigstens seine Sorgen.

Es ist noch nie vorgekommen, daß ein Besucher des Fünf-Uhr-Tees sich ihrer erinnert hätte...

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