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Reportagen

Joseph Roth: Reportagen - Kapitel 14
Quellenangabe
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typereport
authorJoseph Roth
booktitleDer Neue Tag
titleReportagen
publisherVerlag Kiepenheuer & Witsch
editorIngeborg Sültemeyer
year1970
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Die Abseits-Menschen

Vorwärts, 7. 1. 1923

Eine Droschke wartet, im Regen, vor der Diele.

Die Diele hat alle ihre Lichter rötlich besänftigt, und aus ihren Fenstern bricht gespenstisch ein Widerschein, wie bei einem Zirkusbrand im Film. Hinter den safrangelben Vorhängen sieht man die Silhouetten angeschmiegt kreisender Paare.

Die Droschke, die im Regen wartet, besteht aus einem Gefährt, einem Kutscher und einem Pferd.

Der Kutscher sitzt auf dem Bock, in einem Kittel, mit einer Kapuze, wie ein Mann ohne Unterleib. Die Beine hat er hochgezogen und er sitzt vielleicht auf ihnen. Oder er hält sie unter der Decke. Oder er hat gar keine.

Der Peitschenstiel schwankt gertenhaft im Regen und wedelt mit dem Lederriemen. Der Kutscher niest manchmal, und es klingt, als ob er wieherte. Das Pferd streichelt mit dem rechten Vorderhuf das Pflaster.

Vor der Drehtür der Diele wacht, goldbetreßt und imposant, ein Portier. Sein Schnurrbart mitten im Gesicht ist ein blonder Draht und läuft in zwei feine, aufwärtsgereckte Spießhaken aus, an denen man, wenn alle Kleiderrechen schon benützt sind, je einen Stadtpelz aufhängen könnte.

Die Drehtür kreist ewiglich um ihre Achse und aus ihren Fächern fallen Menschen heraus, wie Kohlenstücke aus einem Kran. Die einen fallen in die Straße, andere in die Diele. Die Drehtür ist eine philosophische Einrichtung, und manche erblicken in ihr ein Symbol des Lebens.

Der Portier greift immer mit der Rechten an die goldene Kappentresse, wie einer, der grüßen will, aber es doch lieber unterläßt. Wenn er wirklich einmal: Guten Abend! sagt, antwortet ihm keiner, als wäre er ein Automat oder ein Grammophon.

Der grüne Schutzmann entsprießt einer Mauernische und wandert gemessen der Diele entgegen. Der Portier hebt mechanisch die Hand an den Tressenrand und spricht. Man kann deutlich hören, daß er kein Grammophon ist, oder daß seine Platte viel mehr Worte hat als nur: Guten Abend!

Der Kutscher vernimmt durch den Halbschlaf verwehte Laute und schwenkt seine Beine vom Bock, wie ein Paar hohler Hosen. Dann steht er unten und beweist, daß ein Kutscher einen Unterleib hat und nicht ein Bestandteil der Droschke ist.

Der Dienstmann hockt auf einem Schemel, an die Wand gerückt, eine rot- und dunkelangestrichene Verzierung; eine verkleidete Freske mit einer Pfeife im Mund. Plötzlich bläst er eine Rauchwolke als Lebensbeweis in die Luft und bröckelt von der Mauer ab. Er schlurft zur Droschke und klatscht auf den Rücken des Pferdes. Dieser Laut gibt ihm den fehlenden Rest des Mutes und er schleicht in die Gruppe des Portiers, des Schutzmanns und des Kutschers.

Alle drei merken den Standesunterschied und bestätigen ihn durch Schweigen.

Der Cellist tritt aus der Diele, um sich abzukühlen. Er ist ein schwarzhaariger Mensch und seine Augen sind klein und glänzend, wie eingesetzte Glühwürmchen. Sein Scheitel ist glatt und sicher, als wären die einzelnen Haare an den Enden künstlich wieder in die Kopfhaut eingefügt. Der Scheitel verbreitet Sicherheit und erweckt das Bewußtsein, daß über ihm die fürchterlichsten Stürme fruchtlos verbrausen.

Der Cellist trägt einen Frack, aus der Weste schießt die Hemdbrust weiße Strahlenbündel in das Dunkel. Der Schutzmann grüßt und der Portier steckt die Hände in die Taschen, um ein kollegiales Verhältnis anzudeuten.

Eine ferne Glocke spuckt zwei erzene Schläge in die Straße. Um sie zu bestätigen, ziehen alle die Taschenuhren. (Nur der Cellist trägt eine Armbanduhr am Lederriemen.)

Um diese Zeit tritt ein grauhaariger Mann aus der Toilette und sieht geblendet in die tönende Helle, deren Widerhall in seine Stille gedrungen ist.

Er läßt Seife, Nagelfeilen, Bürsten, Zündhölzerpyramiden, die quadratischen Handtücher sorglos liegen.

Er kennt einzelne Herren und er fühlt sich etwas heimischer in fremdem Glanz, als hätte er in dieser Gesellschaft zahlreiche gute Freunde. Er lehnt wie ein zufriedener Besen an seiner Tür und lächelt.

Die Klänge des Jimmy kamen zu ihm immer leise und wie in Watte gewickelt; es waren isolierte Klänge. Von der schmetternden Pracht ihrer Nacktheit ist er nun ein wenig verwirrt.

Der Herr Direktor wandelt zwischen den Tischen umher und umsegelt mit den Frackschößen die Menschengruppen in der Mitte.

Draußen bekommt der Kutscher einen Betrunkenen vom gütigen Schicksal zugeschaukelt.

Der Schutzmann nimmt eine solche Gesetzesübertorkelung nicht zur Kenntnis.

Der Portier lächelt gönnerhaft und mit Kennermiene. Er sagt: Guten Abend! und der Betrunkene antwortet, weil er die Menschen nicht mehr einschätzen kann.

Der Dienstmann schlurft zur gegenüberliegenden Ecke und fügt sich wieder in die Mauer ein.

Nur der Portier bleibt, strahlend und golden, an seinem Platz neben der kreisenden Drehtür.

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