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Rembrandt als Erzieher

Julius Langbehn: Rembrandt als Erzieher - Kapitel 8
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authorJulius Langbehn
titleRembrandt als Erzieher
publisherC. L. Hirschfeld in Leipzig
printrun72. ? 76. Auflage
year1922
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Subjektive und künstlerische Forschung. (Goethes Farbenlehre.)

Goethes gesamte Farbenlehre ist auf den Gegensatz einerseits und das Zusammenwirken andrerseits von »Hell« und »Dunkel« gegründet: er leistet theoretisch das, was Rembrandt praktisch geleistet hat: eine harmonische Lösung dieses Kontrastes. Ihre beiden Geister treffen sich; und überschneiden sich; und da sie ein und dasselbe Problem – die Farbenmischung–in ganz verschiedener und doch ganz gleichartiger Weise behandeln, so kann man bildlich sagen: sie stehen um einen vollen rechten Winkel voneinander ab. Dieser stellt eine feste Ecke innerhalb des Baus einer subjektiven Weltauffassung dar.

Die Herzensangelegenheit des alternden und auf der Höhe des Welturteils stehenden Dichters, seine subjektive Farbenlehre gegenüber der Newtonschen objektiven, stellt ihn in einen offenen Gegensatz zur heutigen Wissenschaft, und zwar auf deren eigenstem Gebiet. Es ist weder sachlich richtig noch entspricht es der Pietät, diese Ansicht des großen Weimarers als eine bloße Marotte von ihm zu behandeln; das Problem liegt weit tiefer; es handelt sich hier um prinzipielle Strömungen und Gegenströmungen. Die modernen Naturwissenschaftler urteilen über Goethe von ihrem Fachstandpunkt aus vollkommen richtig; aber ihr Unrecht liegt darin, daß sie ihren Standpunkt höher schätzen als das allgemein Menschliche. »Goethes Farbenlehre ist längst gerichtet«, sagte Dubois-Reymond; auch Christus ist »längst gerichtet,« aber gerade dadurch lebt er! In dieser Sache war Goethe nicht ohne Grund so überaus hartnäckig; denn er kämpfte für seinen Standpunkt, für sein Leben, für die Wurzel seines gesamten geistigen Daseins. Als Künstler, der er durch und durch war, nahm er stets und überall das Recht der Subjektivität für sich in Anspruch; daß er sich dabei der Grenzen und der sich zuweilen ergebenden Grenzverschiebungen gegenüber einer rein objektiv aufgefaßten Wissenschaftslehre nicht bewußt war, ist weniger ihm als seiner Zeit und seiner besonders gearteten Bildung zuzuschreiben. Er fühlte und beobachtete richtig, aber er dachte und schloß zuweilen falsch. Wirklich ist nicht zu leugnen, daß es neben sowie gegenüber der objektiven Farbenlehre noch eine subjektive Farbenlehre geben kann, und daß Goethe diese in vielen Fällen richtig erkannt und gelehrt hat. Er formulierte nur seine Meinung falsch, indem er sie der Newtonschen als ein Entweder – Oder gegenüberstellte; beide können sehr gut nebeneinander bestehen; daß auch Goethes Gegner in dieser Sache letzteres nicht zugaben und nicht zugeben, darin besteht ihrerseits ihr Unrecht. Freilich ist es historisch und logisch erklärlich, vielleicht sogar notwendig, daß auch diesmal – wie innerhalb der deutschen Bildung überhaupt – das Pendel zunächst nach rechts und dann nach links schwankte, ehe es in der Mitte stehen bleibt. Naturgesetze und Geschichtsgesetze, ja alle Gesetze der Welt gehen sich parallel; wie jede Strömung, so vollzieht sich auch die des Lebens durch einen stetigen gleichmäßigen Schub der Kräfte und Massen; darauf beruht die Einheit der Welt. Jene beiden Farbenlehren laufen einander auch parallel, aber nach entgegengesetzter Richtung hin; sie bilden dadurch einen kleinen Wirbel im Strom des geistigen Daseins. Newton sah die Natur, Goethe hatte sie. Dies Verhältnis der beiden Männer zur Natur ist zugleich ein solches zum Volk; Goethe steht im Volk, Newton ihm gegenüber; wie der echte Künstler immer im Volke, der Gelehrte, auch wenn er echt ist, ihm gegenübersteht. Goethe blickte von der freien Natur, Newton dagegen vom Innern des Hauses aus auf das Fenster; kein Wunder, daß beide Verschiedenes sahen; und doch war es nur eine und dieselbe Glasscheibe, auf welche beide ihren Blick lichteten. Goethe selbst hat einmal hervorgehoben, ein wie großer Unterschied es sei, »ob man eine Kirche von außen oder von innen betrachte«; dieser Unterschied ist es, der im geistigen und religiösen Sinn überhaupt erst eine Kirche konstituiert: auch hier läuft, wie sonst öfters, die physische mit der geistigen Tatsache parallel. Goethe unterließ es, die Nutzanwendung dieser Wahrheit, in Sachen der Farbenlehre, auf sich selbst zu machen; er hätte sich dadurch manchen Arger ersparen können. Sicherlich hätte er in diesem Punkte nicht nachgeben können, ohne sich selbst und das Beste seiner Natur zu verraten; aber er brauchte auch gar nicht nachzugeben; und ebensowenig brauchten seine Gegner nachzugeben. Beide hätten nicht sagen sollen »entweder – oder«, sondern »je – nachdem«. Auf Goethes Seiten waren die Konklusionen, auf seiten seiner Gegner die Prämissen falsch – oder vielmehr unvollständig; der eine ignorierte teilweise den objektiv sinnlichen Tatbestand, die anderen ignorierten ganz den subjektiv geistigen Eindruck; jener sah die Welt und in diesem besonderen Fall die Farbenphänomene zentral, diese sahen sie peripher an. Beide vergaßen aber, daß ein richtiger Kreis sowohl eine Peripherie wie ein Zentrum hat.

Grenzen sind dazu da, daß sie respektiert werden; und ganz besonders auf geistigem Gebiet. Es ist demnach richtig, wenn man den Horizont Goethes in dieser einen Frage als einen begrenzten oder beschränkten bezeichnet; denn der Mensch überschreitet seine Grenzen nur, wenn und soweit er sie nicht kennt; und je enger sie sind, desto weniger kennt er sie. Das ist sein Verhängnis. Diesem Verhängnis sind die Gegner Goethes noch weniger entgangen als er; eben weil ihr geistiger Horizont, im allgemeinen, so unendlich viel enger war als der seinige: Goethe schoß etwas übers Ziel hinaus und sie blieben sehr weit hinter diesem zurück. Das Ziel aber ist die einheitliche, gerechte, objektiv-subjektive Auffassung der Natur. Auch die Sonne hat Flecken, und auch durch die Nacht schimmern oft viele Lichter; aber darum ist die Sonne doch stets heller als die Nacht. Ja ein neuerer Naturforscher hat die Hypothese aufgestellt, daß eben die Flecken der Sonne uns nur dadurch als solche erscheinen, daß sie Lichtschwingungen von einer ganz außerordentlichen und deshalb dem menschlichen Auge als Finsternis erscheinenden Höhe enthalten; daß sie den Durchblick auf den inneren, in unendlich hohen Temperaturgraden glühenden Kern der Sonne darstellen; während das, was wir Sonne nennen, eigentlich nur deren äußere, schwache Photosphäre ist. Vielleicht sind auch die Sonnenflecken Goethes von solcher Art. Doch mag diese Frage unentschieden bleiben: ist sie doch auch für die Sonne selbst noch nicht entschieden. Von den tieferen Bezügen der Natur ist noch wenig bekannt; des Forschens ist kein Ende; aber »das Unerforschliche ruhig zu verehren«, ist nach Goethe selbst die höchste Aufgabe des Menschen.

Die wissenschaftliche Objektivität kann, wenn sie ihren Vorteil recht versteht, gerade auf dem Gebiete der wissenschaftlichen Subjektivität noch die weitgehendsten Eroberungen machen. So ist, um ein Beispiel zu geben, die objektive Akustik von Helmholtz mit glänzendem Erfolge behandelt worden; mit der subjektiven Akustik beschäftigt sich fast niemand. Immerhin besaßen bereits die Griechen eine bedeutende, jetzt leider für uns verlorene Kenntnis von dieser; sie wußten, daß und wie durch die Forderungen der Akustik die künstlerische Form eines Gebäudes und diese durch jene beeinflußt wurde. Wie die subjektive Farbenlehre die Eindrücke des Auges, soll die subjektive Tonlehre die Eindrücke des Ohrs zusammenfassen, erläutern, anwenden. Zwischen diesen beiden einander polar entgegengesetzten Gebieten der Sinnestätigkeit – zwischen Auge und Ohr, Farbe und Form – bewegt sich noch eine Welt von Sinneseindrücken, welche erst teilweise bekannt ist und mehr als einem wissenschaftlichen Kolumbus zu tun geben könnte. Spezielle Fragen zu universalisieren und universelle Fragen zu spezialisieren, darauf wird es zunächst ankommen. Es ließe sich wohl eine Ästhetik des Schmetterlingsfluges denken; und möglicherweise würde man, wenn man die Schönheitslehre so in einem einzelnen Falle individualisiert, spezialisiert, isoliert, weiter kommen, als wenn man sie wie gewöhnlich ex abstracto behandelt: es wäre angewandte Ästhetik. Die Methode des Kopernikus, den gewohnten Standpunkt umzukehren, würde sich vielleicht auch hier bewähren; es könnte sein, daß sich die Gesetze des Planetenumlaufes in den Farbenschattierungen des Insektenflügels und diese in jenen wiederfänden. Derartige geistige Verbindungslinien nicht etwa spielend, sondern real denkend zu ziehen und sie danach zum geschlossenen Bilde zu vereinigen, ist eine der lohnendsten Tätigkeiten, welche dem Forscher überhaupt beschieden sein kann. Es ist eine makroskopische Tätigkeit. Natur, Geist, Leben bilden und bewegen sich stets in Übergängen. Diese pflegen nun zwar, wie sich auch bei Goethes Farbenlehre gezeigt hat, dem flachen Verstand und der niederen Kritik recht unbequem zu sein; aber man darf sie darum nicht in ihrem Werte herabsetzen. Jedenfalls kann man den deutschen Dichterfürsten selbst als einen Vertreter des Übergangs von der Kunst zur Wissenschaft hin, in seinen Naturstudien überhaupt, und von der Wissenschaft zur Kunst wiederum weg, in seinen Farbenstudien insbesondere, ansehen. Er offenbart hier einen mystischen Zug, der ihm als Künstler nicht übel steht, aber auch den heutigen Forscher, wenn und soweit er künstlerisch denken will, gut kleiden wird. Ja noch mehr als das; jene Geistesrichtung wird ihm, verständnisvoll gehandhabt, von hohem positivem Nutzen sein. Denn der Mantel der Philosophie sieht nicht nur stattlich aus, er wärmt auch gut. Je subjektiver und persönlicher eine Geistestätigkeit ist, desto mehr wird sie sich der Kunst zuneigen. Auch die eigentliche Kunst kraft im Menschen, d. h. die Art und Fähigkeit seiner künstlerisch produktiven Kräfte harrt noch ihrer genaueren Untersuchung und wissenschaftlichen Ausbeutung; außer einigen gelegentlichen Äußerungen großer Künstler, so Rafaels, Mozarts und Otto Ludwigs über die Art ihrer schaffenden Tätigkeit, ist hierüber so gut wie nichts bekannt. Daß gewisse Vertreter der »objektiven« Wissenschaften sowohl Beethoven wie Wagner allen Ernstes für wahnsinnig erklärt haben, beweist nur, wie sehr solche Forscher unter Umständen die Grenzen ihres Machtbereiches verkennen konnten. Und doch eröffnet sich gerade hier ein hochwichtiges Feld der wissenschaftlichen Forschung, auf welchem man, im Bunde mit Kunstgeschichte und Völkerpsychologie, zu den bedeutendsten geistigen Ergebnissen gelangen könnte. Eine solche »Lehre vom Kunstschaffen« wäre demnach den subjektiven Wissenschaften zuzuzählen, so noch manche andere; in ihnen allen würde Genialität und Kongenialität eine große Rolle spielen. Was sie alle verbindet, ist der mehr oder minder künstlerische Zug, der sie erfüllt; sie stehen gewissermaßen auf dem äußersten linken Flügel der Wissenschaft, auf demjenigen, welcher zur Kunst hinüberführt. Vermutlich wird in der kommenden Zeit die subjektive, lebendige, schöpferische, künstlerische Seite der Wissenschaft mehr als jetzt betont werden.

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