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Rembrandt als Erzieher

Julius Langbehn: Rembrandt als Erzieher - Kapitel 7
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authorJulius Langbehn
titleRembrandt als Erzieher
publisherC. L. Hirschfeld in Leipzig
printrun72. ? 76. Auflage
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Zur Praktik der Wissenschaften.

1. Geschichtsschreibung.

In der deutschen Geschichtschreibung herrschte bis jetzt mehr Verstand als Seele; ihrer bisherigen Art von Objektivität fehlt häufig das so unentbehrliche Gegengewicht einer entsprechenden starken Subjektivität; auch hier gilt es nunmehr das ethische Element offen an die Spitze zu stellen. Die logische Entwicklung der Tatsachen erschöpft die Aufgabe des Geschichtschreibers nicht. Ethik ist mehr als Logik; und sie soll darum auch mehr bedeuten. Der alte Gegensatz zwischen Schlosser und Ranke, welcher so lange zugunsten des letzteren verschoben war, muß sich wieder etwas zugunsten des ersteren ändern, wenn das normale geistige Gleichgewicht hergestellt werden soll.

Es ist Gold in Rankes Schriften; aber der warme Pulsschlag des Blutes fehlt ihnen. Bei aller Schärfe und Klarheit der Beobachtung wie Darstellung ist etwas Tonloses, Farbloses, ja etwas zwar nicht sittlich, aber doch geistig Charakterloses in seiner Geschichtschreibung. Sie zeichnet weit mehr, als daß sie malt; und es ist doch nicht zu leugnen, daß letzteres gerade so sehr zur Aufgabe des Geschichtschreibers gehört wie ersteres. Die Weite des Horizontes allein genügt nicht, um ein Bild groß erscheinen zu lassen; es bedarf auch des entsprechenden Vordergrundes; und dieser, das tiefe Pathos der Gesinnung, fehlt bei Ranke. Er verfällt dadurch teilweise dem: summum jus, summa injuria. »Ein Maler muß malen können«, rief man einst mit vollem Recht Cornelius zu; und man könnte es mit nicht minderem Recht Ranke zurufen. Die Werke beider werden, trotz ihrer vorhandenen großen Vorzüge, nie ins Herz des Volks eindringen, weil sie nicht aus dem Herzen des Volks geflossen sind. In diesem Punkte leisteten sonst ganz unbeholfene altdeutsche Maler, wie Wohlgemuth, und sonst ganz unkritische altdeutsche Geschichtschreiber bedeutend mehr; und selbst in neuerer Zeit hat der vielfach angefeindete und jetzt mit Unrecht fast vergessene Gervinus, in seiner Geschichte der deutschen Dichtung, dasselbe geleistet. Es wird die Aufgabe der künftigen deutschen Geschichtschreiber sein, die edle Subjektivität solcher deutsch fühlenden Männer mit der kritischen Zuverlässigkeit Rankes zu verbinden. Man spricht nicht umsonst von Farbensattheit; und insofern diese Eigenschaft der Rankeschen Geschichtschreibung fehlt, könnte man sie eine hungrige nennen; es hat auch seine Kehrseite, wenn man, unter Verzicht auf jedes persönliche Urteil, rein sachlich sein will. Dergleichen erinnert stark an römische Rechtsprinzipien; in der Tat möchte man eine solche Gesinnung und Geschichtschreibung mehr römisch als deutsch nennen; jedenfalls ist sie ihrem Wesen nach international. Das volle Einsetzen der überzeugten Persönlichkeit, die ethische Darstellungsweise eines Schlossers, muß demgegenüber als eine spezifisch deutsche Geistestätigkeit bezeichnet werden. Sie ist dem Prinzip der Rembrandtschen Malerei verwandt; sie gründet sich auf innere Wärme, nicht auf innere Kälte; sie wendet sich an die oberen, nicht an die unteren Kräfte des Geistes. Wollte die deutsche Geschichtschreibung von heute in diesem Sinne weiterarbeiten, so würde sie wieder einen nationalen Geist gewinnen; so würde wasserklare Objektivität der Darstellung nicht ihr einziges Ideal sein; so würde sie neben Ranke noch andere Götter kennen.

Es ist bezeichnend für die jetzige deutsche »Wissenschaftlichkeit«, daß man einen Forscher wie Johannes Janssen, den gründlicher Fleiß, Wahrheitsliebe und eine durch seinen besonderen Standpunkt bedingte, subjektive Geschichtsauffassung kennzeichnen, in ehrenrühriger Weise angreift. Man vermag Subjektivität nicht von mala fides zu unterscheiden; und man ist gewissenlos genug, die so gewonnenen Ansichten offen auszusprechen; freilich ist Ritterlichkeit nicht eben die Sache deutscher Gelehrter. Aber doch sollte man bedenken, daß es Fälle gibt, in denen derjenige seine eigene Ehre riskiert, der sie anderen nehmen will. Der Unparteiische wird es als ein Verdienst Johannes Janssens anerkennen, daß er auch einmal die Kehrseite des Reformationszeitalters aufgezeigt hat; der Vernünftige wird seine wie der protestantischen Geschichtschreiber Darstellung gegeneinander abwägen und sich selbst ein Urteil bilden; nur der Träge und Voreingenommene wird bei ihm zu kurz kommen. Wie der Grieche seine homerischen Rhapsoden, so sollte der Deutsche seine nationalen Geschichtschreiber anhören: empfangend und zugleich mitschaffend.

Ranke bezeichnet durchaus nicht den Anfang, sondern das Ende einer großen Periode der deutschen Geschichtschreibung; und diese beginnt mit Niebuhr; Schlosser und Gervinus begleiten sie als Neben- und Gegenströmungen. Die Geschichtschreibung der Zukunft wird keiner dieser Richtungen einzeln huldigen dürfen: sie wird gleichermaßen eine Geschichtschreibung des Geistes wie eine solche des Charakters sein müssen. Dauernd im Leben eines Volkes sind die festen wiederkehrenden Züge seiner Individualität. Auf sie zurückzugreifen und sie besonders zu betonen, wo und wann und wie sie hervortreten, ist eine Hauptaufgabe der echten Historik; und diese wird am ehesten dann auf das Volk erziehlich einwirken, wenn sie ihm die einzelnen Züge seiner Individualität selbst, die lebendigen Gestalten seiner Geistesheroen, ins Gedächtnis zurückruft. Und die ganze Geschichtschreibung wird eine bedeutsame Bereicherung erfahren, wenn man sich erst entschließen wird, dem Einflüsse des Blutes auf die Entwicklung der Völker, Stämme, Menschen gründlicher nachzugehen. Man wird dann das Völkerleben nicht mehr nach unsicheren politischen Grenzen, weit mehr nach den mit- oder gegeneinander bewegten Blutströmungen, in Vergangenheit wie Gegenwart, schildern, studieren, beurteilen. Man wird dann auch den Deutschen geben, was der Deutschen ist. Ihr Blut liegt ganz überwiegend der vergangenen geistigen Blüte Südeuropas zugrunde – in der Renaissancezeit; ihr Blut eilt ganz überwiegend der künftigen geistigen Blüte Nordeuropas voraus – in den Niederdeutschen. Man spottet heutzutage über Stammbäume, wie man vor hundert Jahren über die Bibel spottete; letzteres hat bereits aufgehört; aber auch ersteres wird aufhören. Auf jenen Bäumen erwuchs die goldene Frucht deutschen Fürstentums. Nicht umsonst hat selbst ein Kaiser Wilhelm I. seine persönliche Liebe dem Gesetz der Ebenbürtigkeit, d. h. der absoluten Rassereinheit opfern müssen; über Deutsche darf nur deutsches Blut herrschen; das ist das erste und wichtigste unserer Volksrechte. Mithin decken sich Volks- und Fürstenrecht, die man so gern sich widersprechen läßt; eine klarblickende Wissenschaft erkennt und begründet solche Deckung; der landläufige Liberale freilich steht ihr dickstirnig gegenüber, faßt sie nicht, ja bekämpft sie heimlich und offen. Sein Zeitungsgehirn wird von dem großen Strom der Geschichte nicht befruchtet; es verliert eben dadurch die Fähigkeit zu denken; und wer nicht denkt, ist tot. Als ein schlagendes Beispiel für die oberflächliche und kurzsichtige Art, wie gewisse deutsche Spießbürger dem deutschen Adel gegenüberstehen, kann die bekannte Beurteilung des letzteren durch den Romanschriftsteller Spielhagen dienen. Wenn eine solche Persönlichkeit die eigentliche Heldenader des deutschen Charakters zu verunglimpfen sucht, so wird man dadurch an jenen Charaktertypus erinnert, den die Engländer treffend als »wütendes Kaninchen« bezeichnen. Derartige impotente Anschauungen dürfen im deutschen Geistesleben nicht vorwiegen. Grundpfosten, auf denen das Deutsche Reich ruht, dürfen nicht von den Ratten angenagt werden; man muß wünschen und hoffen, daß auch hierin sich ein Umschwung vollziehen wird.

Allen körperlichen Verbindungen entsprechen geistige Verbindungen. Man wird solche nur richtig erkennen, wenn die Darstellung der im Menschen ursprünglich gegebenen Kräfte und ihres Ringens miteinander dahin kommt, wohin sie gehört; wenn die Geschichte auch vom anthropologischen und also im höheren Sinne vom konservativen Standpunkt aus betrachtet gehandhabt dargestellt wird. Aus der Rassen- und Sprachen-, aus der Kriegs- und Kunstgeschichte eines jeden Volkes wird man die Geschichte seines Leibes wie seiner Seele zu erläutern haben. »Der Krieg ist eine Sache der Psychologie«, hat Napoleon I. gesagt und die Geschichtschreibung ist es noch mehr; an die Spitze der letzteren gehört nicht die politische, sondern die Charaktergeschichte der Völker. Es handelt sich hier stets um Typologie; von dieser ist die Anthropologie nur eine Seite. Eine recht verstandene Anthropologie kann stets nur »Geschichte des Volkstums« sein, weil es einen Menschen an sich so wenig gibt, wie eine Kunst an sich oder einen Baum an sich; es gibt immer und überall nur individuelle Menschen, d. h. Volksangehörige. Es handelt sich also um folklore!! Sittengeschichte, Geistesgeschichte, Staatengeschichte hängen sämtlich von diesem eben erwähnten Gesichtspunkt ab und ordnen sich ihm natürlicher- wie logischerweise ein. Virchow selbst hat 1889 in einem Vortrage gesagt: »Überall, wo wir der Geschichte menschlicher Kultur in das einzelne nachgehen können, kommen wir darauf, daß es nicht die Massenarbeit gewesen ist, welche die Züge der Kultur bestimmt hat, sondern einzelne Persönlichkeiten, einzelne Stämme, einzelne Völker sind es, an welche sich die Fortschritte der Kultur knüpfen.« Wie er diese Meinung mit seinen sonstigen Anschauungen, die sich ausschließlich auf politische und wissenschaftliche Massenarbeit richten, vereinigen will, ist freilich unerfindlich. Seine Theorie verurteilt seine Praxis und diese jene; aber auch darin liegt etwas Gutes: gerade aus dein faulenden Samenkorn sprießt der Keim.

Alexander Peez hat für diese neue Art von Geschichtschreibung vortreffliche Winke gegeben; er hat Europa »aus der Vogelperspektive« betrachtet; er hat dadurch höchst erfreulicherweise einen der jetzt fast ausschließlich herrschenden »dokumentarischen« Geschichtsforschung ganz entgegengesetzten Weg eingeschlagen. Er hat die Grundlinien von demjenigen gegeben, was Rankes Weltgeschichte hätte sein sollen: eine Darstellung der Entwickelungsgeschichte der Menschheit, insbesondere ihres europäischen Zweiges, auf Grund von rein tatsächlichen, aber doch für die bisherige Geschichtsforschung neuen Faktoren des äußeren wie inneren Lebens der Völker. Peez schreibt zwar noch nicht, aber er skizziert doch anthropologische und mithin – makroskopische Geschichte. Wirklich ist es die höchste Zeit, daß man neben den papiernen die gewachsenen Dokumente: die Haar- und Schädelformationen, den Wuchs und die Farbe, kurz, die äußere sinnliche Erscheinung der Völker wie ihrer Angehörigen Zur Unterlage der Geschichtsforschung macht. Eine blonde Locke kann unter Umständen ganze Folianten umwerfen.

*

Die Ceschichtschreiber eines Volkes sind die Apostel seines Heldentums. Hieraus ergeben sich weitere Anforderungen, welche man bezüglich der Ausübung ihres Berufs an sie stellen muß. Wie jede, so soll auch die geschichtliche Wissenschaft nicht »umkehren«, sondern sich einem freien, nationalen, künstlerischen Geistesleben ein- und unterordnen.

Eine Geschichtschreibung, welche Licht und Schatten, Objektivität und Subjektivität mit überlegenem und überlegtem Urteil als gleichberechtigte Mittel der Darstellung handhabt, ist ohne Zweifel philosophischer und künstlerischer und besser als eine solche, welche sich bezüglich ihrer Arbeitsmittel auf einen dieser beiden Faktoren beschränkt. Objektivität und Subjektivität sind eben wissenschaftliche Mittel, nicht wissenschaftliche Zwecke; Zweck ist in diesem Falle nur die Plastik oder Deutlichkeit der Darstellung; und »Deutlichkeit ist die richtige Verteilung von Licht und Schatten«, hat ein weiser Mann gesagt. Licht und Schatten sollen nicht nur innerhalb der Darstellung des Geschichtschreibers, also sachlich richtig verteilt sein, wie es bei Ranke der Fall ist; sie sollen auch in dem Verhältnis des Darstellenden zu seiner Darstellung, also persönlich richtig verteilt sein, wie es bei Schlosser der Fall ist. Der letztere hat, als gesund empfindender Niederdeutscher, das Richtige getroffen; und es mindert sein Verdienst nicht, daß er kritisch von Ranke weit überholt worden ist; ethisch hat er Ranke weit überholt. Kritik scheidet, Ethik entscheidet. Der Geschichtsforscher darf und soll dem Gang der Geschichte, welcher nur das Große und wirklich Wertvolle bestehen läßt, ein wenig vorgreifen; er braucht die Verantwortlichkeit nicht zu scheuen; er muß den Mut der Entscheidung haben. Er soll Farbe bekennen. Der letztere Ausdruck ist von tief symbolischer Natur; denn aus der Gesinnung des Menschen heraus werden seine Werke geboren; und nur wer selbst Charakter hat, kann charaktervoll Geschichte schreiben. Eben dieser ethische Standpunkt führt zu einem anderen hinüber: dem künstlerischen Geschichtsforschung ist Wissenschaft, Geschichtschreibung ist Kunst; man darf diese beiden Tätigkeiten ja nicht miteinander verwechseln. Bloße Sichtung der Tatsachen, worauf man sich jetzt so vielfach beschränkt, ist auch hier nur die Hälfte der erforderlichen Arbeit und nicht einmal die bessere Hälfte. Es gibt zweierlei Arten von Kritik: die eine, welche das Wahre vom Falschen, die andere, welche das Wesentliche vom Unwesentlichen scheidet; jene ist negativ und reinigend, daher von niederer Art; diese ist positiv und gestaltend, daher von höherer Art. Die heutige deutsche Wissenschaft, in ihren verschiedenen historischen Fächern, befaßt sich überwiegend mit der ersteren Art von Kritik; sie fördert unzählige Tatsachen zutage, ohne viel nach deren Wert zu fragen; und sie erfüllt damit ihre große Aufgabe nur halb. Nachdem durch Darwin auch die Naturforschung gewissermaßen in die Geschichtswissenschaft eingegliedert worden ist, kann man sagen, daß die gesamte heutige Wissenschaft einen historischen Charakter trägt. Sie will die Geschichte der Welt und die Geschichte der Menschheit geben; sie ist also Weltgeschichte, noch in einem weiteren Sinne, als man dies Wort früher gebrauchte, aber sie wird dies nur sein können, wenn sie innerhalb jener beiden Gebiete die selbständige Verantwortlichkeit des Urteils nicht scheut: wenn sie, im besten Sinne des Wortes, wieder subjektiv wird. »Staub sollst du fressen und mit Lust«, darf nicht ihre Parole sein: weder in bezug auf den Staub der Dokumente noch auf den, in welchen alles Organische zu zerfallen bestimmt ist. Staub ist eine trockene Speise, die Gelehrten sollen von ihr nicht zu viel genießen; sie sollten sich an der Kunst Rembrandts, der schmelzendsten und darum in gewissem Sinne feuchtesten Kunst, die es je gegeben, ein Beispiel nehmen. Sie sollten ihre Kräfte nicht dem Verfall, sondern dem Wachstum widmen; sie sollten nicht nur zerlegen, sondern auch aufbauen.

2. Philologie.

Das Wasser der Objektivität ist gut; aber der Wein der Begeisterung darf auch nicht fehlen; beides miteinander erst gibt die rechte Mischung. Die Griechen hielten es für barbarisch, Wein allein zu trinken; die Deutschen sollten es für barbarisch halten, Wasser allein zu trinken – auf geistigem Gebiet. Ohne Enthusiasmus ist, nach Goethe, eine Kunst nicht denkbar; und so auch nicht die Kunst der Geschichtschreibung – dies Wort im weitesten Sinne genommen und auf die verschiedensten Fächer der Historie, auch auf die philologischen angewandt. Wie wenig begeisternd die letzteren heutzutage in Deutschland wirken, weiß jedermann; hier täte es vor allem not, dem unendlich strömenden Wasser einmal wieder etwas Wein beizumischen. Diese Empfindung hat das deutsche Volk schon längst. Man darf ihm jetzt mit Goethe zurufen:

Die Philologen,
Sie haben Dich sowie sich selbst betrogen.

Die Gesinnung eines Welker und Boeckh. eine echt und nützlich philologische, ist im heutigen Deutschland selten geworden, wo nicht verschwunden. Trugphilologie ist nachgefolgt. Katalogisieren, inventarisieren. registrieren ist zwar zuweilen notwendig; aber sowie es in einer Bildung überwiegt, stirbt diese. Eine Literatur von Handbüchern, seien letztere nun gut oder schlecht, ist eine totgeborene. Sapiunt ex indicibus: sie haben ihre Weisheit aus den Registern – der Bücher nämlich und nicht aus den Büchern selbst, hat ein bedeutender Philologe über eine gewisse Gattung seiner Fachgenossen gesagt; und diese Gattung nimmt jetzt sehr überhand. Man gelangt allmählich zu einer Wissenschaft der Zettel und der Verzettelung; sie steht, in bezug auf echte Erkenntnis des Altertums, im Zeichen des Shakespeareschen »Zettel«; Oberon, der Geist der Gnade, weilt fern. Die heutigen Philologen bleiben durchweg bei dem ersteren stehen; sie vermögen sachliche und formale, produktive und kritische Gesichtspunkte nicht gleichzeitig zu beherrschen. Zier zeigt beispielsweise die Erscheinung eines v. Willamowitz-Möllendorff, was dabei herauskommt, wenn der auf falschen Bahnen wandelnde wirkliche mit dem ebenso vorgehenden geistigen Kleinadel sich liiert: eine Wissenschaft der hämischen Seitenblicke! Der köstliche Wein des Altertums wird hier mit Schwefelsäure verfälscht; die Griechen werden bekämpft, indem man sie anscheinend preist. Die mehr und mehr hervortretende Ansicht, daß die Erzeugnisse des Altertums nur zur Betätigung von Textkritik usw. da seien, ist dürftig nach innen und nach außen gefährlich. Die Schüler an den Gymnasien und die Studenten an den Universitäten haben darunter zu leiden; ja die wesentliche Wirksamkeit der heutigen deutschen Gymnasien besteht darin, ihren Schülern für zeitlebens das Altertum zu verleiden. Das ist eine verderbliche Tätigkeit. Denn sie führt mindestens zur Halbbildung und vielfach zur Roheit.

Seinerzeit konstatierte in öffentlicher Rede Professor Kirchhofs, Rektor der Universität Berlin, selbst hervorragender Altertumsforscher, daß für die Studien der überwiegenden Mehrzahl aller heutigen deutschen Philologiestudierenden nicht so sehr sachliche Rücksichten als solche auf das zu bestehende Examen maßgebend seien; und noch dazu auf ein Examen im Sinne der heute herrschenden Richtung. Einen »stark banausischen Charakter«, schreibt dieser Sach- und Fachkenner dem philologischen Studium an den heutigen deutschen Universitäten zu; aus den Philologen gehen aber die meisten Lehrer der gebildeten deutschen Jugend hervor. Es läßt sich denken, wie sehr letztere geistig wie sittlich unter jenem »banausischen Charakter« leiden muß. Die freie, vornehme, und in keiner Weise handwerksmäßige Persönlichkeit eines Rembrandt kann auch auf diesem Gebiet, so fern es ihr anscheinend liegt, als ein Richt- und Augenpunkt für bessere Bestrebungen dienen. Rembrandt ist so recht eine antiphilologische Erscheinung; und daher für überphilologische Ausschweifungen als ein wirksames Korrektiv zu empfehlen. Hier könnte er zum Erzieher der Erzieher werden.

3. Rechtspflege.

Von einem Ihering ist die deutsche Rechtswissenschaft mit philosophischem Geiste behandelt worden; aber leider zu sehr im römischen Sinne. Er sagt, es sei »den Römern gelungen, aus dem Recht einen äußeren Mechanismus zu machen, den jeder handhaben könne, der die Konstruktion desselben kennt« und erkennt darin »den Sieg der Zweckmäßigkeitsidee über das subjektive Sittlichkeitsgefühl«. Und allerdings wird das Rechtsleben eines Volkes immer in einem Kompromiß zwischen Zweckmäßigkeit und Sittlichkeit bestehen; aber es fragt sich nur, ob der Schwerpunkt eben dieses Rechtslebens in die erste oder in die zweite Kategorie fallen soll. Das deutsche Recht sollte jedenfalls auf deutsche Treue gebaut sein. Es gibt nichts, was höher zu setzen wäre als Sittlichkeit; und der deutsche volkstümliche Geist hat dies öfters ausgesprochen. Nach römischem Rechtsbegriff gibt es eine Verjährung, nach deutschem Rechtsgefühl aber nicht; »hundert Jahre Unrecht machen noch keine Stunde Recht«, lautet ein deutscher Bauernspruch. Wie einst Ludwig XIV. sagte: es gibt keine Pyrenäen mehr, so möchten auch manche heutige Juristen sagen: es gibt keine Alpen mehr. Aber wie im politischen so machen sich auch im geistigen Leben die natürlichen Völkergrenzen immer wieder geltend; Ludwig XIV. hat das noch selbst erfahren und auch die heutigen Juristen werden es vielleicht noch selbst erfahren.

Es ist freilich sehr fraglich, ob sich das deutsche Rechtsleben jetzt noch – seinem wesentlichen Schwerpunkt nach – auf eine rein volkstümliche Basis stellen läßt; aber keineswegs fraglich ist es, daß dies zu Ende des Mittelalters hätte geschehen können. Fremdvölkische Kulturelemente sind, wie schon erwähnt, innerhalb jeder Volksbildung von sekundärer Bedeutung. Wer sie, wie Ihering im Recht oder Winckelmann in der Kunst oder die 1848er Demokraten in der Politik zu primären Faktoren erhebt, der irrt; und solche Irrtümer kommen dem eigenen Volke oft teuer zu stehen. Auf den berechtigten Einwand, daß das deutsche Recht sich eigentlich hätte von innen heraus entwickeln müssen, erwidert freilich Ihering horribile dictu: »Die Entwicklung von innen heraus beginnt erst bei der Leiche«. Daß sich jeder pflanzliche, tierische, menschliche, geistige Organismus von innen heraus entwickelt, scheint diesem berühmten Rechtslehrer unbekannt geblieben zu sein; es ist bezeichnend für ihn, daß er hier nur »Mechanismus« oder »Leiche« kennt. .Das Lebendige, das in der Mitte liegt und worauf es allein ankommt, entgeht ihm. Er urteilt als Professor, als »Mechaniker«, als Römer; und betätigt so aufs schlagendste das obige Wort Bismarcks »in allen diesen Fragen halte ich von der Wissenschaft gerade so wenig, wie in der Beurteilung irgend welcher anderen organischen Bildungen«. Einer solchen Auffassung der Rechtswissenschaft muß entgegengetreten werden.

Neuerdings hat man das Volk in den Geschwornen- und Schöffengerichten wieder juristisch gemacht; mm sollten auch die Juristen wieder etwas volkstümlich werden. Der Entwurf des neuen deutschen Zivilgesetzbuches z. B. entsprach nicht in dem Maße einheimischen deutschen Rechtsanschauungen, wie vom nationalen Standpunkt aus gewünscht werden mußte. Georg Beseler hat von diesem Entwurf gesagt: »Er verneint das selbständige deutschrechtliche Studium seit Conring und ignoriert eine weltgeschichtliche Kulturarbeit von 75 Jahren.« Man hat richtig bemerkt, daß er durchweg vom Standpunkt des Gelehrten und des Besitzenden abgefaßt war; der nichtgelehrte und nichtbesitzende, mithin ein sehr großer Teil des deutschen Volks kam darin zu kurz; daß bei Abfassung eines Gesetzbuches auch das Herz mitsprechen könne und müsse, scheint man nicht bedacht zu haben. Gesetze werden geboren, nicht gemacht. Vermutlich würde irgend ein juristischer Luther oder Stephan, wenn man ihn hätte haben können oder wollen, das erwähnte Gesetzbuch nationaler und individueller und darum besser entworfen haben, als es durch eine vielköpfige Kommission von Fachgelehrten überhaupt zu ermöglichen war. Kommissionsberatungen sind nicht immer wertvoll; viele Verständige ergeben noch keinen Verstand; an eine bekannte Xenie Schillers braucht hier nur erinnert zu werden. An jener Arbeit vermißt man vor allem den Stempel einer gewaltigen, schöpferischen, individuellen Persönlichkeit; aber selbst wenn diese nicht zur Stelle und Gefahr im Verzuge war, hätte sich durch vielleicht manches anders machen lassen. Volkstümliche und wissenschaftliche Rechtsanschauungen stehen sich zuweilen unvereinbar gegenüber. Das Volk vertritt auch hier das organische und lebendige, die Wissenschaft allzuoft das mechanische und abstrakte Prinzip; und jenes hat stets den Ausschlag zu geben. Indes ist es hoffentlich noch Zeit, in dieser Hinsicht Abhilfe eintreten zu lassen. Eine Zeit zeigt, was sie wert ist, je nachdem sie große Aufgaben, die ihr gestellt sind, löst oder nicht.

Die heutige deutsche Jurisprudenz steht nicht auf der Höhe ihrer Aufgabe; gegenüber der Lebensmittelfälschung, dem betrügerischen Bankerott und so manchem anderen unreellen Geschäftsgebaren der jetzigen deutschen Gegenwart versagt sie vielfach; und gerade hier sollte sie die Wächterin der physischen wie sittlichen Gesundheit sein. Kann sie es nicht mit dem ihr jetzt zu Gebote stehenden wissenschaftlichen und gesetzgeberischen Apparat, so muß sie ihn eben organisch erweitern, vertiefen, verschärfen. Wo das Unrecht erfinderisch ist, muß auch das Recht erfinderisch werden. Hier fehlt es. Die Erzeugnisse der neueren Gesetzgebung teilen offenbar das Schicksal gewisser gotischer Bauten von heute: sie sind nach dem äußeren Formenprinzip aber ohne inneres, lebendiges Stilgefühl konstruiert; sie beruhen zu sehr auf »wissenschaftlicher« Grundlage. Beiden fehlt daher, trotz der großen Zahl und der Mannigfaltigkeit ihrer Einzelformen, jener Reiz und jene Lebensfrische, welche früheren Kunst- wie Gesetzeswerken eigen ist. So können auch juristische Leistungen ihren künstlerischen Fehler haben; und zwar nicht etwa äußerlich und formal, sondern ganz sachlich und innerlich: allzu juristisch ist nicht mehr juristisch. Der Geheimrat, mag er nun Gesetze oder Bauten entwerfen, bleibt immer der gleiche: er konstruiert mit dem Verstande, nicht mit der Seele; und ihm fehlt der direkte Kontakt mit dem Volksgefühl. Das ist der Fluch seiner Existenz. Ein authentisches Wort des Fürsten Bismarck hierüber lautet zu stark, als daß es sich hier wiedergeben ließe.

Ein Schüler Rembrandts, Owens, hat in einem großen und vortrefflichen Bilde dargestellt, wie die Advokaten mit ihren Federkielen die Gerechtigkeit ermorden; und Burns rechnet, in einem seiner schönsten Gedichte, a lawyer's tongue zu den Ingredienzien eines Hexenkessels; so verschiedenartige Zeugnisse beweisen immerhin etwas. Das eigentliche Volk steht den Juristen heute durchweg wie einer Art von unbegriffenen Dämonen gegenüber, die ihm oft Gutes und oft auch Böses erweisen. Kurz, diese Leute sind seinem Herzen fremd; doch brauchten sie dies nicht zu sein; sie würden es nicht sein, wenn sie deutscher wären. Gesetzgeber von heute sollten etwas von dem menschlich einfachen und schlicht volkstümlichen und echt niederdeutschen Geiste eines Möser an sich haben. Vollkommene Natürlichkeit ist die erste Vorbedingung jeder schöpferischen Kraft; sie führt weiter als bloße Theorie. Gesetzeskundige sind noch lange keine Gesetzeskünstler; in Deutschland gibt es deren gegenwärtig sehr wenige; möchten sie sich mehren.

Im Recht schlägt sich das Volksleben nieder, in der Kunst steigt es auf. Im ältesten deutschen Volkstum berührt sich, eigentümlich genug, das Dichten mit dem Richten; manche Rechtssprüche waren in poetische Form gefaßt; darin offenbart sich ein feiner und gewissermaßen musikalischer Zug des Volkscharakters. Das deutsche Recht hat durchweg etwas Zartes, das römische Recht etwas Hartes in sich. Streichmusik ist deutsch und Blechmusik ist römisch; die deutsche Rechtswissenschaft sollte, bildlich gesprochen, mehr im Sinne jener als dieser gehandhabt werden. Sie sollte mehr der feingestimmten Volksempfindung als einer dröhnenden Systematik dienen.

4. Heimat- und Sprachkunde.

Nachdem die deutsche Wissenschaft sich so mannigfach schon in räumliche und zeitliche Fernen verloren hat, könnte eine zeitweilige Rückkehr und eine vorzugsweise Konzentration auf das Heimatwesen ihr gut tun. Es wäre eine Wissenschaft im Sinne Rembrandts, der mit seiner Heimat enger verwachsen ist als irgend ein anderer Künstler. Die Wissenschaft bleibt ihrem Wesen nach stets international; aber sie kann diesen ihren internationalen Beruf auch national anwenden und auf ein individuelles, nationales, heimatliches Vorgehen dringen, um, soweit es bisher noch nicht geschehen ist, die deutsche Bildung aus und auf deren eigenem Boden zu ernähren. Ein Volk, das sich bewußtermaßen zur Einheit zusammenschließt wie das deutsche, hat es auch nötig, bewußtermaßen seine organische Vielheit zu betonen.

Eine Berücksichtigung der geistigen Volksinteressen im nationalen und künstlerischen Sinn würde, falls man sie staatlicherseits beliebte, eine Menge von notwendig zu erledigenden Einzelaufgaben vorfinden. Nachdem man lange und sogar auf Staatskosten, wie nicht jedermann wissen dürfte, an einem Korpus der romischen Inschriften gearbeitet hat, wäre es wohl auch an der Zeit, an ein Korpus der deutschen Volkslieder zu denken. Die Dänen besitzen ein solches in ihren »Kaempeviser« schon lange. Vielleicht würde sich daraus für den deutschen Geist, für den deutschen Charakter und vor allem für die deutsche Musik – in Gegenwart und Zukunft – noch ungleich Wertvolleres ergeben, als jenes andere Korpus geleistet hat oder leisten wird. Unter vielem anderem ist auch eine musterhafte Gesamtausgabe der Werke Rembrandts unbedingt erforderlich, um dem deutschen Volke das bisher vielfach noch fehlende Verständnis für diesen seinen größten bildenden Künstler zu erschließen; daß sie bisher fehlte, ist fast nicht besser als wenn es an einer Gesamtausgabe Shakespeares fehlen würde; und es ist seltsam oder auch bezeichnend genug, daß man dies nicht längst bemerkt hat. Freilich müßte es in diesem Fall eine rein objektive, d. h. mit den besten Mitteln der modernen Technik und auf durchaus mechanischem Wege hergestellte Ausgabe sein; das deutsche Volk hat ein Recht darauf. Rembrandt in seiner eigenen Gestalt, nicht in der persönlich gefärbten Auffassung eines Kupferstechers, und wäre es der beste, kennen zu lernen. Die Auffassung eines Kupferstechers ist so wenig für Rembrandt maßgebend, wie diejenige eines Schauspielers für Shakespeare es ist. Der Künstler selbst will befragt sein, nicht seine Dolmetscher. Hier liegt der Fall vor, wo »Mechanik« berechtigt, und zwar allein berechtigt ist.

Ähnliches läßt sich auf dem sprachlichen Gebiet leisten. Dessen volkstümlich philosophische Behandlung würde die besten Früchte tragen, und es ist verschiedentlich ein Anfang zu solcher gemacht. Die von K. Abel in seiner Schrift: »Über den Gegensinn der Urworte« begonnenen Studien, welche sich auf den Geistesgehalt sowie auf die durch alle Zeiten fortlaufende geistige Geschichte einzelner Worte und Wortformen beziehen, sind noch einer großen Erweiterung fähig. Es könnte sich daraus eine Art von geistiger oder vielmehr seelischer Grammatik ergeben, welche die rein formale und logische Grammatik der Sprachen in glücklichster Weise ergänzt. Die geschichtliche Entwickelung sowie die angeborenen Eigentümlichkeiten gerade des deutschen Sprachgeistes würden dadurch in neuer und heller Beleuchtung erscheinen. Hier können die Deutschen sich selbst kennen lernen; denn die deutsche Sprache ist offenbar, entsprechend der Natur des deutschen Geistes, die von allen lebenden Sprachen am meisten individuelle. Die Quellen des deutschen Geistes fließen fort und fort in der deutschen Sprache und es könnte nicht schaden, wenn mit niederdeutschem Geist auch etwas niederdeutsche Sprache in den Schatz der heutigen deutschen Bildung überginge. Die gegenwärtige deutsche Prosa, über deren Charakterlosigkeit so vielfach geklagt wird, könnte dabei nur gewinnen. Sie würde nicht, wie es in den sogenannten Gebirgsromanen geschieht, mit den: Dialekt zu kokettieren haben, indem sie ihn des Gegensatzes halber in eine ganz andere Sprache brockenweise einschiebt; sondern sie würde einzelne Worte und Wendungen des Volkes, in weiser Auswahl, in ihren eigenen lebendigen Zusammenhang hinübernehmen müssen. Andere Dialekte ließen sich ebenso verwerten; eine derartige Bereicherung aus dem Volksgeiste heraus würde der deutschen Sprache mehr nützen als ihre Fixierung durch eine Akademie nach französischem Muster, also eine Verarmung derselben, welche man von gelehrter Seite vorgeschlagen hat. Die deutsche Sprache muß deutsch gepflegt werden. Möglichste Pflege der Stammesdialekte als solche und ihre möglichst nahe Verbindung mit dem Hauptstamm der Schriftsprache ist hiefür das einzig richtige Programm; dieses hat sich den jeweilig bestehenden geschichtlichen Verhältnissen anzuschmiegen. Schiefheiten und Unwahrheiten der Bildung lassen sich in einem urwüchsigen Idiom weit weniger verbergen als in einem abgeschliffenen. Ueberhaupt ist jenes bescheidener, herzlicher, lieblicher als dieses; und insofern würde eine teilweise Rückkehr zu dialektischem Sprachgeist auch ihre sittliche Wirkung haben.

Endlich dürfte ein großes und wissenschaftlich gesichtetes Sammelwerk über deutsche Volkssitten, Volkstrachten und körperliche Volkstypen nicht minder notwendig sein, wie eine gründliche und klarlegende Bearbeitung desjenigen, was man »deutsche Geistesgeographie« nennen könnte – nämlich eine wissenschaftliche Darlegung von den Beziehungen der Einzelindividualitäten des deutschen Geisteslebens in Poesie, Kunst und Wissenschaft zu den betreffenden landschaftlichen sowie Stammescharakteren. Derartige wissenschaftliche Arbeiten würden, mit Verstand und Verständnis ins Werk gesetzt, das Blut im deutschen Volkskörper rascher und reiner pulsieren machen. Hier könnte die kritische und registrierende Tätigkeit der Wissenschaft im allereigentlichsten Sinne segensreich wirken.

5. Heilkunde.

Die Gegner Bismarcks haben ihm einmal, erschreckt durch seine Unbefangenheit und Tatkraft, vorgeworfen: er sei ein Mensch, der »wenn ihm eine schwierige chirurgische Operation oder das Kommando eines Kriegsschiffes übertragen würde, ohne weiteres ans Werk ginge«; sie haben ihm damit, ohne es zu wollen, ein hohes Lob gespendet. Eben das ist der rechte Mensch, welcher sich nicht in die Schranken irgend welcher Fachbildung einpfercht, sondern im Notfall einer jeden Lage gewachsen ist. Künstler und Politiker haben das miteinander gemein, daß sie jeder Aufgabe gewachsen sein müssen; der Maler, der nur sein Handwerk versteht, versteht auch dieses nicht; und wehe dem Künstler, der nicht größer ist als seine Werke. Daß ein General auch Kriegsschiffe kommandieren kann, hat u. Caprivi gezeigt; ja derselbe Mann hat nicht gezögert, einen diplomatischen Posten anzunehmen; und ob es nicht besser gewesen wäre, Bismarck als Mackenzie zum Leibarzt Kaiser Friedrichs III. zu machen, ist immer noch fraglich. In diesem letzteren Fall hat die medizinische Arbeitsteilung sich von ihrer traurigsten Seite gezeigt. Bismarck aber hat gerade auf ärztlichem Gebiet, in bezug auf seinen eigenen Körper, den Mut eines selbständigen und rücksichtslosen Vorgehens bewiesen; er hat sich nicht von pfuschenden Autoritäten ins Grab kurieren lassen; für seine Gesundheit wie für sein Seelenheil ist jeder selbst verantwortlich. Was heutzutage auf dem Gebiete der Medizin nach wissenschaftlichen, d. h. in diesem Fall schablonenhaften Grundsätzen gesündigt wird, ist ganz unglaublich. »Man muß Bamberger vollständig beipflichten, wenn er meint, daß die meisten Kranken, welche während der Endokarditis« – einer Herzkrankheit – »selbst sterben, nicht an der Krankheit, sondern an der Behandlung derselben zugrunde gehen«, sagt Felix von Niemeyer. Es ist gar nicht so lange her, daß man Typhuskranke »wissenschaftlich« nach einem Wärmeverfahren behandelte und sie dadurch zu 90 Prozent tötete; jetzt weih man, daß sie mit einem Kälteverfahren behandelt werden müssen; wollte ein Kranker in jener früheren Zeit von der wissenschaftlichen Behandlung absehen, so hatte er Aussicht zu genesen; sonst nicht. Modearzeneien empfiehlt und verwirft man abwechselnd. Die bisherige Geschichte der Kochschen Einspritzung gegen Schwindsucht endlich erinnert lebhaft an den Law'schen Papierschwindel im vorletzten Jahrhundert; nur daß man in ersterem Fall nicht mit dem Vermögen, sondern mit der Gesundheit der Leute spielte; also mit einem weit kostbareren Gut. Hier hat man wieder einmal mikroskopisch beobachtet und nicht makroskopisch gedacht; man kommt um das Denken aber nicht herum; es ist die Vorbedingung einer jeden Krankenbehandlung. Das fiat experimentum in corpore vili gilt für sie nicht. Leider wurde nur schon zu oft hiergegen gesündigt; so auch seitens derjenigen Heilkundigen, welche die Kochsche Einspritzung mißbräuchlich und vorschnell anwendeten. Ärzte erklären zwar gelegentlich: ihr Beruf sei, Krankheiten zu verhüten und nicht zu heilen; aber sie handeln recht selten danach.

Jeder Mensch und jeder Deutsche sollte zunächst vorbeugend sein eigener Arzt sein; die streng wissenschaftliche Heilkunde aber sollte stets den ganzen Menschen im Auge haben; ohne ein solches Verfahren zersplittert sie sich ins Endlose. Es war ein Grundsatz des Hippokrates: daß immer der ganze Mensch krank sei; dies ist der Grundsatz einer göttlichen Medizin; denn Gott ist der Geist des Ganzen. Einer derartigen Heilkunst sollte man sich wieder zuwenden. Schon jetzt ist das sogenannte medizinische Studium rein quantitativ nicht zu bewältigen; es wird also in nicht ferner Zeit einmal ein Augenblick eintreten, wo man in bezug auf die allgemeine Tendenz desselben umkehren, in bezug auf den faktischen Inhalt desselben aber abschwenken muß. Man wird umkehren müssen in bezug auf den Spezialismus und wird abschwenken müssen nach der Seite des Individuellen, Subjektiven, Menschlichen hin. Der Modearzt wird sich in einen Volksarzt verwandeln müssen. Massage, Terrainkur, Kaltwassermethode, schwedische Gymnastik nehmen hiezu schon einen Anlauf; jedenfalls wird man in dieser Richtung noch bedeutend fortzuschreiten haben. Sie behandelt den Menschen im ganzen und als Ganzes und deshalb richtig; man kann diese Heilmethode, mit Inbegriff aller Chirurgie, als die vorwiegend physikalische bezeichnen; und sie der bisherigen, vorwiegend chemischen, entgegensetzen. Vielleicht und hoffentlich bildet jene den Übergang zu einer teilweise psychischen Heilmethode. Und gerade in diesem Sinne kann man recht wohl von einer christlichen Medizin reden; ja sie als die feinste und innerlichste und geistvollste Art von Medizin – als eine tief aristokratische Heilmethode ansehen; daß sie zugleich eine echt volkstümliche ist, braucht nicht erst gesagt zu werden. Die heutige medizinische Wissenschaft verfährt gegenüber der volkstümlichen Heilkunde durchweg so wie Gottsched gegenüber dem Hanswurst: anstatt das volkstümliche Element zu veredeln und zu vertiefen, verwirft sie es. Und doch ist auch hier das Natürlichste mit dem Vornehmsten identisch; auf eine Medizin des Wissens muß jetzt eine solche des Könnens folgen; sie würde eine echt künstlerische Heilkunde sein. Sie würde das Brauchbare der bisherigen wissenschaftlichen Medizin in sich einzuschließen haben; in der Sonderung des Brauchbaren von dem Unbrauchbaren auf diesem Gebiet besteht nunmehr die nächste Aufgabe des Heilkundigen von heute. Um Künstler werden zu können, muß er erst Kritiker sein; und seine Kritik wird sich oft genug in einen Krieg verwandeln müssen.

Auch das Gebiet des Hypnotismus und der rein geistigen Suggestion mit rein körperlicher Folgewirkung, wie es besonders der neueren französischen ärztlichen Schule zum Studium dient, gehört einer gewissenhaften ärztlichen Wissenschaft an. Bei solchen Vorgängen begegnet sich das Naturleben mit dem Menschenleben, das unbewußte mit dem bewußten Dasein; an einem solchen Kreuzungspunkte zweier Weltkräfte läßt sich jede einzelne von ihnen besser beobachten, kontrollieren, erkennen, als sonst möglich. Einzelne hervorragende Forscher haben dies bereits anerkannt; »der Hypnotismus ist die Medizin der Zukunft«, erklärte Professor von Nußbaum in München; und andere ärztliche Autoritäten ersten Ranges, so Professor von Krafft-Ebing zu Wien sind ihm darin gefolgt. Hypnotismus ist Zauber; beide Worte sind viel mißbraucht worden und beide bezeichnen sachlich genommen nur eine Gruppe von tieferen und bisher unerklärt gebliebenen Naturgesetzen, sozusagen ein summarisches Verfahren der Natur; ohne Zweifel wird dem recht angewandten »Zauber« in der kommenden Bildung eine größere Rolle beschieden sein, als in der jetzigen. Was eigentlich »Kraft« sei, weiß noch heute kein Physiker zu sagen; aber die deutsche Sprache weiß es zu sagen: craft heißt im Englischen »Zauber«. Es würde besser um deutsche Wissenschaft stehen, wenn die Physiker als solche etwas Philologen und die Philologen als solche etwas Physiker sein wollten; wenn man der Einseitigkeit entsagen würde; wenn man denken würde! Novalis, nach seinem Beruf ein naturwissenschaftlicher Techniker, ist hier mit gutem Beispiel vorangegangen; er hat den Hypnotismus vorausgesehen und über ihn hinausgesehen; ihm hat der heutige Gelehrte, wenn auch nicht in den Leistungen, so doch in der Tendenz zu folgen. Alle geistigen und materiellen Vorgänge sollten womöglich zu den tiefsten Gesetzen des Welt- und Naturlebens in Beziehung gebracht werden, auch auf dem Gebiet der Heilkunde.

6. Wissenschaft der Eindrücke.

Alles Leben schreitet stets in der Richtung von der Symmetrie zum Rhythmus fort, nicht umgekehrt; und insofern würde auch eine Entwicklung der Wissenschaft, wie sie durch eine teilweise Wendung zu mehr subjektiven Gebieten der Forschung sich vollzieht, nur eine natürliche sein. Jedenfalls darf man sagen, daß es nicht nur eine Wissenschaft der Erscheinungen gibt, welcher sich die heutigen Naturforscher überwiegend zuwenden, sondern auch eine Wissenschaft der Eindrücke, welcher sich ein Goethe vorzugsweise widmete. Freilich ist die letztere mehr von psychologischer als physikalischer, mehr von mystischer als spezialistischer Art; und es ist klar, daß sie sich dadurch mit der Kunst berührt. Aber Wissenschaft bleibt sie darum doch und kann als solche ausgebildet werden. Es könnte Z. B. eine Wissenschaft der Gerüche geben; und diese würde sich zur Chemie etwa verhalten, wie die Goethesche Farbenlehre zur Newtonschen; man hat sie sogar schon vorbereitet. Die bekannte Jägersche Seelendufttheorie ist durchaus nicht so sinnlos, wie man annimmt; sie ist nur die falsche Anwendung eines ganz richtigen Gedankens: daß nämlich jeder Mensch eine besondere und in sich geschlossene Individualität bilde, welche sich nicht nur geistig, sondern auch sinnlich in jeder seiner Handlungen, Erfahrungen, Äußerungen betätigt. Es ist nichts sicherer, als daß jeder Mensch einen individuellen Geruch hat, so wie er eine individuelle Stimme hat; jeder Hund weiß es. Daß unsere Werkzeuge und Studiengewohnheiten noch nicht sein genug sind, um diesen mannigfachen und unglaublich zart nüancierten Veränderungen im Wesen der Einzelmenschen zu folgen, hebt diese Tatsache nicht auf. Alle Geschehnisse im Reiche der Natur können und sollen Gegenstand der Forschung, der Vergleichung, der Gesetzeskonstatierung sein; es würde sehr willkürlich und nichts weniger als »objektiv« sein, wollte man ein ganzes und weites und vielversprechendes Gebiet von natürlichen Vorgängen dabei völlig übergehen. Der Umstand, daß diese Beobachtungen nicht leicht anzustellen sind, wird den echten Gelehrten nicht abschrecken, sondern anziehen. Es ist die so überaus wichtige Lehre von der Einheit der Menschennatur, welche hier wieder einmal, allerdings in etwas unverständlichen Ausdrücken, gepredigt wird; es ist nun zwar nicht jedermanns Sache, sich in letzteren zu finden; aber es ist jedermanns Pflicht, sich erstere stets gegenwärtig zu halten. Jäger verwechselt nur die Symptome oder vielmehr ein einzelnes Symptom des gesamten und einheitlichen Seelenlebens mit diesem selbst; dies ist ein rein logischer Irrtum, den man zwar nicht billigen, aber doch dem heute überall so stark fühlbaren Mangel an philosophischer Schulung zugute haben sollte. Dem landläufigen Materialismus von heute sind nicht minder arge Denkschnitzer begegnet. Iliacos muras intra peccatur et extra. Durch derartigen Vorspuk künden sich stets gewisse neue Zeiten an: wenn die Sonne aufgehen will, so wallt der Nebel. In keiner Weise aber ist abzusehen, weshalb subjektive Eindrücke der Menschennatur nicht auch auf sinnlichem Gebiet, wie dies auf geistigem Gebiet innerhalb der Psychologie schon längst üblich ist, ein Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung sein sollen; sollen sie aber Gegenstand dieser Forschung sein, so ist man auch verpflichtet, sie in den gesamten Bau des menschlichen Organismus und seiner Äußerungen einzureihen; und dies würde wieder Zur aufbauenden Naturwissenschaft, zur »Tektonik der Natur« zurückführen. Auf alle Fälle ist in der »Wissenschaft der Eindrücke« eine bedeutsame Gebietserweiterung der bisherigen Wissenschaft im allgemeinen und der Naturwissenschaft im besonderen gegeben. Handelt es sich in der »Tektonik der Natur« um ein einheitliches Zusammenfassen der Maßverhältnisse, also der inneren Symmetrie des Naturlebens, so handelt es sich hier um ein einheitliches Zusammenfassen der Gefühlsverhältnisse, also des inneren Rhythmus des Menschenlebens. Die Wissenschaft der Erscheinungen und die Wissenschaft der Eindrücke ergänzen sich gegenseitig, wie Strömung und Gegenströmung des elektrischen Fluidums.

7. Zoographie.

Was jetzt unbekannt ist, ist darum nicht für immer unbekannt. Schädellehre, Physiognomik usw. sind dunkle Tastversuche der Wissenschaft; und es wäre ebenso falsch, ihre bisherigen Resultate unbesehen anzunehmen, als ihnen jede wissenschaftliche Weiterentwickelung absprechen zu wollen. Man hat gegen die Schädellehre eingewandt, daß die Form des Schädels von der des Gehirns in den meisten Fällen gar nicht abhängig sei; und dieser Einwand trifft zu, soweit es sich um einen direkten Rückschluß aus der Form des Schädels auf die Eigenschaften des Gehirns handelt, aber auf letztere kommt es hier zunächst nicht an, sondern vor allem, wie in dem früher erwähnten Fall Rafaels und Beethovens, auf die Gestalt des Schädels selbst. Diese gehört so gut wie die der Hand, des Fußes, der Zähne usw. Zur körperlichen Physiognomik; und für letztere ist das Wesentliche gerade die jeweilige gleichartige und übereinstimmende, den Gesamtcharakter der betreffenden Persönlichkeit in leiblicher wie geistiger Beziehung widerspiegelnde Formation aller einzelnen Gliedmaßen. Mit derartigen mathematisch-tektonischen Formverhältnissen des tierischen, pflanzlichen usw. Einzelindividuums hat sich die Wissenschaft als solche bisher überhaupt noch nicht beschäftigt. Wenn sie dies will, so wird sie freilich teilweise kunstgeschichtlich vorgehen müssen; denn die Kunstgeschichte hat es stets mit Einzelindividuen zu tun; nur daß die Anzahl der künstlerisch schöpferischen weit geringer ist, als die der natürlich geschaffenen Individuen. Aber auch von diesen will jedes einzelne in seiner Einzigart erkannt sein; und nicht nur, wie nach der bisherigen wissenschaftlichen Methode üblich, als ein Gattungstypus; die Wissenschaft muß auch individualisieren. In der Natur gibt es keinen Zufall, sondern nur Gesetz; und dies Gesetz gilt es überall aufzudecken. Auch der sicher vorhandene, aber uns bis jetzt nicht bekannte innere Farben- und Formenzusammenhang, z. B. zwischen den Samenkörnern und den jeweils aus ihnen entspringenden Pflanzen, zwischen dem Ei und der jeweils aus ihm entstehenden Vogelgattung – kurz, jene Art von wissenschaftlicher Untersuchung, welche die innere Einheit einer einzelnen organischen Entwicklung gerade in und durch die Verschiedenheit ihrer betreffenden zeitlichen Entwickelungsphasen nachweist und welche Goethe durch seine Metamorphose der Pflanzen begründet hat, kann und muß viel weiter ausgedehnt werden, als es bisher geschehen ist. Fakt man die Symptome der Stetigkeit innerhalb der Entwicklung organischer Gebilde etwa als deren genetische Längslinien auf, so kann man die Symptome der Verschiedenheit innerhalb eben dieser Entwickelung als deren genetische Querlinien betrachten. Ein Lamarck und Darwin haben mehr jene, ein Goethe und v. Baer mehr diese Beziehungen des Naturlebens im Auge gehabt. Und da es sich in dem ersteren Forschungsgebiet mehr um Raum- und Bewegungsverhältnisse, in dem letzteren mehr um Linien- und Schattierungsverhältnisse handelt, so bedarf eben dieses auch eines besonderen Namens: man könnte es »Zoographie« nennen. Diese ist nicht minder umfangreich und bedeutsam, in ihren Mitteln und Zielen, wie die Geographie; und wie man letztere erst spät als eine besondere Wissenschaft anerkannt und dann wiederum die Geologie an sie angeschlossen hat, so wird sich umgekehrt die Zoographie an die Zoologie, die schon längst als Wissenschaft anerkannt ist, anzugliedern haben. Diese neue Wissenschaft wird, wie ihre Begründer Goethe und v. Baer, einen gewissen künstlerischen Charakter nicht verleugnen können.

Zoo- und Geographie beschäftigen sich mit der Gegenwart, Zoo- und Geologie mit der Vergangenheit des Erdenlebens; schon darum haftet jenen Wissenschaften notwendig ein lebendigerer und anschaulicherer Zug an als diesen. Graphik, als sinnliche Darstellung, ist der Ursprung aller Künste, und Logik, als geistige Erkenntnis, ist die Quelle aller Wissenschaften; so sind denn auch jene Namen, in ihrer Zusammensetzung, richtig gewählt: die Kunst gibt das Werdende, die Wissenschaft das Gewordene; jene schildert, diese begründet. Mit dem Worte ξώγραφία bezeichneten die alten Griechen die bildende Kunst, im weitesten Sinne, als Darstellung des Lebenden: ξώον; und mit dem Worte »Zoologie« könnte man, im weitesten Sinne, die gesamte gegenwärtige Wissenschaft bezeichnen; denn sie beschäftigt sich mit der Erkenntnis des Lebenden, in Natur wie Geschichte. So begegnen und überkreuzen sich, im tiefsten Grunde ihrer Bestrebungen, Altertum und Neuzeit, Kunst und Wissenschaft. Eine richtige Begriffsunterscheidung läßt sich in ihrer vollen Ausdehnung kaum erschöpfen; sie zieht, wie der ins Wasser geworfene Stein, immer weitere Kreise. Die organische Einheit der Welt darzutun, ist eins der höchsten Ziele wissenschaftlicher Forschung; und die organische Vielheit der Welt wiederzugeben, ist eine der höchsten Aufgaben künstlerischer Darstellung. Die »Tektonik der Natur« verhält sich zur Zoographie, wie die Mathematik zur Physik. Jedes Gewebe besteht aus Kette und Einschlag; nicht nur die Wissenschaft überhaupt, sondern jede einzelne Wissenschaft hat ihre objektive wie subjektive Seite; aber ihr Schwerpunkt liegt entweder mehr hier oder mehr dort. Und der Schwerpunkt entscheidet über die Lage eines Körpers. Das gilt physisch wie geistig; daraus erhellt schon von selbst die Stellung derjenigen Wissenschaften, welche sich teilweise mit, der Kunst berühren und welche man demgemäß die subjektiven nennen kann. Zu ihnen gehört ferner noch die Tierpsychologie sowie die Erforschung alles desjenigen, was man bisher aushilfsweise mit dem Namen Instinkt belegt hat; diese seelischen Regungen irgendwie objektiv klar- und darzustellen, ist bisher nicht gelungen.

Die höchste Aufgabe der natürlichen Wissenschaft ist doch wohl: Schöpfung zu verstehen. Geht sie hierauf ernstlich aus, so wird es ihr vielleicht auch einmal gelingen, die täglich sich wiederholende physische Schöpfung zu verstehen, das Wesen der organischen Fortpflanzung zu erkennen. Damit würde das höchste Problem aller Naturforschung gelöst sein.

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