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Rembrandt als Erzieher

Julius Langbehn: Rembrandt als Erzieher - Kapitel 27
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authorJulius Langbehn
titleRembrandt als Erzieher
publisherC. L. Hirschfeld in Leipzig
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Katholisches, Reformatorisches

Von dem tapferen, ehrlichen, frommen, deutschen Geist des Rittertums sollten Schule und Gesellschaft. Kunst- wie Geistesleben des heutigen Deutschlands wieder etwas in sich aufnehmen. Das wäre ein Gegengift gegen das drohende Amerikanertum; das wäre Kraftüberleitung, die zur nationalen Verjüngung führte; das wäre eine Erweckung der Toten, wie sie in jeder großen Zeit stattfinden muß! Nur dann wird Neues geboren, wenn man die alten Geister aufruft; dies klingt darwinistisch, ist aber nur menschlich; Natur wie Geschichte gehen stets dieselben Wege. Es sind die Wege des gleichzeitigen Beharrens und Fortschreitens. Für den gemeinen Verstand schließt sich beides aus; für den höheren Verstand gehört es zueinander; fordert es sich gegenseitig. Danach hat sich die Stellung des heutigen Deutschen gegenüber dem Christentum, gegenüber dem Mittelalter, gegenüber dem Katholizismus zu regeln.

Nicht wenige der besten Protestanten aus deutschem Geblüt, so Shakespeare, Bach, Bacon, Leibniz, Lessing, Schiller, Novalis, Hebbel, Lagaroe, weisen eine katholikenfreundliche Ader auf. Und der leitende Geist des letzten deutschen Jahrhunderts, Goethe, ist ihnen darin gefolgt: sein Faust enthält vielfach katholische, sowie mittelalterliche Elemente und klingt schließlich sogar in offensten Katholizismus aus. Der Faustcharakter ist ohne letzteren gar nicht denkbar; beide gehören – wieder einmal – als polare Strömungen zusammen. An Goethes Faust hat der Katholik teil wie der Protestant am Kölner Dom. Alles, was ernst und edel ist, muß sich irgendwo treffen. Denkende Protestanten sollten sich dergleichen Wahrheiten nicht verschließen; sie sollten sich der Haltung der obigen weisen und milden Männer erinnern; diese stellen sich dem Dursystem Luthers als eine sänftigende Mollharmonie entgegen. Neben dem: »Ein' feste Burg ist unser Gott«, darf und muß das »veni creator spiritus« seinen Rang voll behaupten. Ja in den jetzigen Zeiten geistiger Dürre hat der Deutsche besondere Veranlassung, den »Schöpfer Geist« anzurufen; dieser hat sich bisher noch nicht auf die »Burg« des Deutschen Reiches niedergelassen. Das erstere dieser beiden Lieder hat man ein Volkslied genannt, das Zweite könnte man ein Menschheitslied nennen; es gibt aber viele Völker und nur eine Menschheit; die denkbar höchste Polarität ist die zwischen der Vielheit der Welt und ihrer Einheit. »Wir glauben all an einen Gott«, können sowohl Katholiken wie Protestanten singen; es ist ein Akkord, der aus der Ewigkeit kommt und zu ihr führt; es ist ein Akkord der höchsten Synthese. Engelchöre singen so.

In dem Charakter einer jeden Institution, an der Menschen teilhaben, liegt es, daß sich Schlechtes in sie einschleicht; so gab und gibt es protestantische wie katholische Pfaffen; aber man darf sie nie mit den Priestern verwechseln. Dies geschieht von protestantischer noch mehr als von katholischer Seite. Die durch Luther eingeleitete religiöse Bewegung hat auch ihre Schattenseiten gehabt; und die Gerechtigkeit erfordert, dies hervorzuheben. Man soll nicht Bilderstürmer sein. John Knox sagte einmal über ein Marienbild, es sei »nur ein bemaltes Brett«; das ist nicht wahr: es ist ein Symbol des Großen, des Ewigen, des Menschlichen. Menschheit und Gottheit begegnen sich in ihm. Dies gilt von der Sixtinischen Madonna so gut wie von jedem Marienbild im deutschen Bauernhause. Gerade im Marien- und Heiligenkultus liegt ein ausgesprochen germanischer Zug – ein deutscher Erdgeruch – den Luther etwas zu rasch abgelehnt hat; möglicherweise werden die Deutschen, wenn sie sich auf ihr Deutschtum besinnen, desselben wieder inne werden; jedenfalls aber wird in einem Zeitalter, das der Kunst gewidmet ist, der im tiefsten Sinne künstlerischen Religion, dem Katholizismus ein geräumiger Platz gewahrt werden müssen. Jedes Bild Christi, der Muttergottes, der Heiligen ist das Bild einer mehr oder minder erhabenen Seele; und leichter als im Buchstaben erkennt sich der

Mensch im Bilde; zumal wenn er kindlichen Herzens ist. Mehr als ein geschriebenes oder gesprochenes wirkt oft ein gemaltes oder gesungenes ecce homo. Der Katholizismus hat nicht mit der Vergangenheit gebrochen; er hat sich die alt- und urdeutsche »Bild«-gesinnung bewahrt, welche der Protestantismus verbannte. Hier liegt der tiefste Keim der deutschen Seele. Er heißt: Anschauung, nicht Spekulation.

Auch sonst sind manche vorzügliche Quellen des geistigen wie sittlichen Lebens den Deutschen durch die Reformation des 16. Jahrhunderts abgegraben worden. In den Niederlanden wurden durch sie viele unersetzliche Kunstwerte zerstört; der große niederdeutsche Bildhauer Brüggemann verkam im Elend, weil jene ihn unbeschäftigt ließ; ja sie hat vielfach die äußere und innere Freudigkeit aus den deutschen Herzen verdrängt. Rembrandt nimmt hierin etwa eine Mittelstellung zwischen Katholiken und Protestanten ein; er war kein Kopfhänger: er war fromm und freudig. Andererseits enthält die katholische Legende und frühere Kirchentradition einen reichen Schatz sowohl von Poesie wie Religiosität, der von den Durchschnittsprotestanten keineswegs genügend gewürdigt wird. Wie viele von ihnen kennen die Kirchenväter? Wieviele die acta der Bollandisten? In dem heiligen Antonius, in Bernhard von Clairveaux, in Thomas a Kempis lebt ein großer mütterlicher Geist; der Deutsche soll sich gerade auf diesen zwar nicht beschränken, aber er darf ihn nicht entbehren; er findet in ihm das Korrelat zu seiner geistigen Männlichkeit. Kein rechter Baum ist ohne Laub. Jene trefflichen Männer haben ihrerzeit schon gegen Buchbildung und Buchgesinnung protestiert; als den heiligen Antonius ein »gebildeter« Freund fragte, wie er in der ägyptischen Wüste ohne Bibliothek leben könne, erwiderte jener: »Ich lese nur in einem Buche, in dem der Schöpfung«; und Bernhard von Clairveaux hat sich ebenso geäußert: »Glaube dem Erfahrenen; du wirst etwas mehr in den Wäldern als in den Büchern finden; Holz und Stein werden dir sagen, wovon die Meister nicht zu reden wissen«. Diese Worte gelten auch für den modernen Menschen. Der heutige Deutsche soll zu seinen »Vätern« aufsteigen; aber er soll, wie Faust, auch der »Mütter« gedenken: die deutsche Erde, die Natur, die früheste christliche Kirche sind solche Mütter. In das neueste deutsche Geistesleben ragt demnach der älteste Katholizismus tief hinein. Je reifer der Deutsche wird, desto mehr wird ihm eben dieser Standpunkt einleuchten: denn was vom einzelnen menschlichen, gilt auch vom gesamten religiösen Leben: das Kind wie den Mann zieht es zu seiner Mutter, der Jüngling stürmt ihr oft davon.

Die Geschichte schreitet auch über große Persönlichkeiten fort; sie ist noch mächtiger als Luther; die deutsche Volksseele ist noch mehr als ihre Söhne. In die schöpferischen Tiefen jener gilt es jetzt zurückzutauchen; dann wird die Gestalt Luthers bleiben, indem sie sich verschiebt. Sie kann sich dem geistigen Wachstum des deutschen Volkes nicht entziehen. Auf religiösem Gebiet und vom höchsten Standpunkt aus gesehen, wird es Luther wahrscheinlich ebenso wie Lessing ergehen: er wird als eine notwendige aber negative Größe zu gelten haben, an deren Stelle späterhin ebenso notwendige aber positive Größen treten müssen. Eine »dritte Reformation« führt in ihren letzten Konsequenzen nicht nur über den geringeren, sondern auch über den größeren der beiden Männer hinaus – zurück zu dem milden, poesievollen, deutschen, aristokratischen Gemütsleben des Mittelalters; zurück zu den tiefen mütterlichen Instinkten der frühesten christlich-germanischen Periode; zurück zu dem starken, tapferen, kindlichen, bildsamen und bildersehenden Wesen des ältesten Deutschen, zum Deutschtum in seiner reinsten Form. Die deutsche Seele will ihr Recht! Aber diesem dreifachen Zurück entspricht auch ein dreifaches Vorwärts; der heutige Deutsche hat tapfer hineinzuschreiten in die neuen Bahnen einer künstlerischen, einer wehrhaften, einer adeligen Bildung; das Neueste berührt sich nochmals mit dem Ältesten und das Individuelle nochmals mit dem Vornehmen. Aus dem Kinde ist ein Mann und aus dem Bauern ein Adeliger geworden. Indem sich so in der Geschichte eines einzelnen Volkes ein auf- und ein absteigender Geistesstrom begegnen, ist die höchste seelische Wechselwirkung eingetreten; jedes einzelne Mitglied des Volkes aber sollte sie in sich erfahren; nur dann hat es teil am Leben des Ganzen. Protestanten wie Katholiken können sich in solcher Gesinnung zusammenfinden. Wenn diese sich auch äußerlich als ein Priestertum der Wahrheit und Liebe kundgäbe, so würde – ein Luther gegen sie nichts einzuwenden haben, ja sich von ihr überwunden erklären. Selbst unter den Schwierigkeiten des modernen äußeren Daseins ist sie einer Minderheit von Rittern des Geistes zugänglich. Diese werden mit der Tat für sie einzutreten haben. Gemeinschaft der Heiligen ist auch eine »Minderheit«; zu ihr müssen wir zurück; ihre alte und ihre neue Form schließen sich nicht aus; sie stärken und ergänzen sich vielmehr. In diesem Sinn soll jeder Deutsche ein »Ritter vom heiligen Geiste« sein.

Einkehr

Will der neue, deutsche Mensch in sich und seinem geistigen Dasein ein gesundes Gleichgewicht herstellen, so muß er vor allem konservativ in seiner Seele sein; die antike und die Renaissancebildung entwickelten sich aus gebundenen Verhältnissen zur Freiheit; die moderne Bildung hat sich aus freien – und überfreien – Verhältnissen zur Festigkeit zu entwickeln. Dann erst ist der rechte Ausgleich der inneren Kräfte gewonnen. Ein Jahr 1848 des Geistes steht noch aus; nach den Gesetzen jener Polarität, welche alles geschichtliche Werden beherrscht, wird es sich in umgekehrter Richtung geltend machen müssen wie das Jahr 1848 innerhalb der Politik; es wird nicht eine Lösung, sondern eine Bindung des Volksgeistes, eine Abwendung vom geistigen Demokratismus und ein Hinwenden zum geistigen Aristokratismus bedeuten. Innerer, nicht äußerer Zentralismus bildet das notwendige Gegengewicht zu allem Individualismus.

Der Weg von der heutigen Majoritäts- zur künftigen Minoritätsherrschaft führt demzufolge, wenn er eingeschlagen werden soll, durch die Isolierung einzelner Deutscher; das heißt: eine neue und feinere und wahrhaft selbständige Lebensrichtung wird sich zunächst abgesondert von und in einem gewissen Gegensatz zu der Masse des Volks entwickeln müssen.

Einsamkeit ist hier schön, groß, notwendig. Platz muß da sein, wo eine Welt geboren wird. Die großen, einsamen Seelen wußten und wissen dies nur zu wohl; und sie sind auch im geistigen Leben des heutigen Deutschlands vorhanden; wie die »Geister« sind auch sie gern da, wo man sie nicht sucht. Sie sind es, von denen die jeweilige Erneuerung eines Volkes ausgeht. In denjenigen geschichtlichen Menschheitsperioden, in welchen wie heutzutage jeweilig eine Vergletscherung der menschlichen Seele eintritt, haben einzelne festgefügte und hochbegabte Individuen der gegenwärtigen Gattung homo sapiens das eigentlich innere Leben des »Gesamtmenschen« in bessere Zeiten hinüberzutreten. Und sie tun es jetzt so wie je. Von der deutschen Kunst, von der deutschen Bildung, vom deutschen geistigen Leben gilt das, was einst Schiller gesagt hat: »Die Gipfel der Menschheit werden erglänzen, wenn noch feuchte Nacht in den Tälern ruht«; und die jetzigen Deutschen sind berufen, ein solches Seherwort zu verwirklichen. Es gibt auch heute noch Männer, die Charakter haben, weil sie einsam sind und einsam sind, weil sie Charakter haben. Je mehr ihrer sind, desto besser wird es sein; sie geben das Knochengerüst für einen künftigen Bildungskörper ab; Sehnen, Muskeln, Nerven sollen sich ihnen anfügen. Zur Einsamkeit und Einkehr in sich selbst möchte man daher vor allem den heutigen Deutschen raten. Der geistige und gemütliche Gehalt der jetzigen deutschen Geselligkeit ist ohnehin, gegen früher, bedeutend zurückgegangen; sie hat sich veräußerlicht; man verlangt materiell weit mehr und leistet ideell weit weniger als noch vor vierzig Jahren; Fachgespräche, Vergnügungssucht und mündlich ausgetauschte Zeitungslektüre überwiegen nunmehr. Ein natürlich empfindender Mensch kann sich in dieser Umgebung nicht wohl fühlen; er wird folglich an solcher Geselligkeit nicht viel verlieren. Freilich braucht man nicht so weit zu gehen wie Ibsen, welcher sagt: »Derjenige ist der stärkste, welcher allein steht«; aber sicherlich wird derjenige der stärkste sein, welcher sein persönliches Dasein von seinem gattungsmäßigen Dasein am klarsten zu trennen weiß; und es trotzdem versteht, beide in nächste Beziehung zueinander zu bringen. Zwei verschiedenartige Metalle, welche sich berühren, erzeugen Elektrizität.

Wiedergeburt

Lebendige Gestalten wiegen schwerer als tote Begriffe. Rembrandt, dem einen Manne, werden viele Männer folgen. Eine Schwalbe macht zwar noch keinen Sommer; aber sie verkündigt ihn; und ist darum glückverheißend. In Rembrandt liegen die Eigenheiten der deutschen Natur dicht beisammen; so daß sie, wie Blumenblätter in der Knospe, noch den Eindruck des Ungeordneten machen. Auch für sie wird der Sommer kommen.

Macht sich der stille und gewaltige Hauch Rembrandtschen Geistes in der germanischen Eigenart wieder geltend, so kann sie sich wieder einmal neu beleben; so kann sie sich – konsolidieren. Individualität, die sich gefestigt hat, ergibt Stil. Daß nicht nur die deutsche Kunst, sondern auch das deutsche Leben wieder Stil gewinne, ist das zu hoffende Endergebnis einer solchen Erziehung. Stil ist dem Spezialismus, Menschentum der Bildungsschablone gerade entgegengesetzt. Jeder Spezialist hat sein Fach; er hat, wo er sein Haupt hinlege; aber »des Menschen Sohn« hat dies nicht. So war es zu Christi Zeiten; so ist es heute; so wird es in sinkenden Zeiten immer sein. Nur eine neue Geistesblüte, eine wieder aufsteigende Entwickelung des deutschen Volkslebens kann darin Wandel schaffen. Sie wird sich in der Richtung nach dem Religiösen wie dem Wehrhaften, nach dem Künstlerischen wie dem Kriegerischen, nach dem Kindlichen wie dem Männlichen bewegen müssen. Das ist die kommende deutsche Polarität. Wichtiger als die sprachlichen ist es, die künstlerischen Fremdwörter Deutschlands auszurotten; und vorzüglich wird man das eine große Fremdwort, das die deutsche Kunst lange Jahre beherrschte, durch ein deutsches Wort und eine deutsche Tat ersetzen müssen: nicht Renaissance, sondern Wiedergeburt soll erstrebt werden. An Stelle der Phrase muß die Wirklichkeit treten; jene spricht man andern nach; diese erlebt man selbst. »Es ist keine Zeile darin, die nicht erlebt worden wäre«, hat Goethe von seinen eigenen Gedichten gesagt; es wird um die deutsche Kunst wie um den deutschen Geist erst dann gut stehen, wenn man von ihnen das gleiche sagen darf. Das nennt man Wiedergeburt. Der Akt der Neugeburt wird wesentlich darin zu bestehen haben: daß sich die besseren Deutschen von den schlechteren Deutschen scheiden; daß jene auf diese Einfluß gewinnen: daß jene diese möglichst zu sich hinüberziehen; daß jene diese aufklären. Die unedlere Mehrheit soll von der »edleren Minderheit« erzogen werden; sie soll von ihr beherrscht werden; sie soll von ihr geadelt werden. Wir brauchen Leute, die sich um ihre eigene Achse drehen; die Vollcharaktere, nicht Halbcharaktere sind; die Vollbildung, nicht Halbbildung haben. Aus solchen Menschen nur kann sich jene edlere Minderheit zusammensetzen.

Kurz, wir bedürfen in Deutschland einer »Partei der Unabhängigen«; sie wird eine Adelspartei, im höhern Sinne, sein müssen; denn sie wird die Bauern, die Bürger, die Edelleute, die deutschgesinnte Geistlichkeit, die deutschgesinnte Künstlerschaft, die deutschgesinnte Jugend umfassen müssen. Das neue geistige Leben der Deutschen ist insonderheit eine Sache der deutschen Jugend; und zwar der unverdorbenen, unverbildeten, unbefangenen deutschen Jugend. Sie hat das Recht. Die Jugend ist mehr der Synthese wie das Alter mehr der Induktion zugeneigt; leben, geboren werden, schaffen ist aber ein höchst synthetischer Akt; ihn soll der jetzige Deutsche vollbringen. Dazu wird er im höchsten Grade Kind sein müssen. Glaubt man an einen dauernden oder auch nur zeitweiligen Fortschritt innerhalb der Menschheit, so stellt sich jedes Kind, gegenüber seinem Elternpaar, als eine »edlere Minderheit« dar; innerhalb eines Volkes, einer Rasse, aller Rassen ist es ebenso. Menschenseele und deutscher Charakter sollen auch jetzt eine edlere Minderheit miteinander zeugen, welche für das Echte streitet und das Schöne pflegt. Daher muß die deutsche Wiedergeburt von der deutschen Kindernatur ausgehen; greisenhafte Völker, wie z. B. die heutigen Türken, sind dieses Auskunftsmittels beraubt; jugendlichen Völkern steht es zu Gebote. Benutzen sie es gut, so kehrt auch der Glaube wieder bei ihnen ein; echter Glaube ist immer Kinderglaube; und echte Menschheit immer Kindheit.

Ein Organismus lebt nur dadurch, daß er wächst; und er wächst nur dadurch, daß er stetig innere Achsenverschiebungen erfährt; daß er von einer Mathematik erfüllt ist, die sich selbst untreu wird; die rhythmisch wird, die lebendig wird. Wenn aber eine Achse sich verschiebt, so kreuzt sie sich selbst; so streitet sie mit sich selbst: darum ist kein Wachstum ohne streitbare Auseinandersetzung des Organismus mit sich selbst zu denken. Das ist echte Sphärenmusik; und sie gilt auch in der nationalen Sphäre; nach solchen Takten werden Völker geboren. Ja. das gesamte Weltleben ist nur ein Kampf zwischen Alter und Jugend; und man kann nicht zweifeln, wem dabei der Sieg zufällt; wem er schon längst zugefallen ist: Gott ist jung und der Teufel ist alt. Das Alter wirft Steine auf die Jugend, doch diese schüttelt sie lachend ab. Der Kampf zwischen beiden ist unvermeidlich; es ist ein Kampf zwischen Leben und Tod; und zugleich einer auf Leben und Tod. Der Deutsche wird sich demnach mit seinen eigenen Untugenden, mit seiner eigenen Altersschwäche auseinanderzusetzen haben; nur so kann er wiedergeboren werden. Wiedergeburt besteht eben darin, daß man wieder das wird, was man von Haus aus ist und was man nur zeitweilig oder teilweise aufgehört hat zu sein; daß man zu seinem eigentlichen Wesen zurückkehrt und sich aus diesem neu gebiert, wie die Pflanze aus dem Samenkorn. Das ist jetzt unsere vornehmste nationale Aufgabe.

Der Deutsche in seiner Reinheit ist der Mensch χαί ξοχήν augenblicklich zwar ist er es nicht: aber er kann es wieder werden. Um dies Ziel zu erreichen, darf ihm kein Preis zu hoch, kein Streit zu schwer sein. Dazu wird er im höchsten Grade Mann sein müßen. Auf die Ausreifung der Persönlichkeit weist, drängt, entwickelt sich alles hin. Der Stufengang innerer Entwicklung geht vom Kinde durch den Mann zum Menschen. Alle drei sind Gottes, wenn sie das, was sie sind, ganz sind. »Gott ist der Geist des Ganzen.«

Insofern Christus der Vertreter der höchsten geistigen wie sittlichen wie religiösen Jugendlichkeit, der eigentlichen Gotteskindschaft ist, darf man sagen, daß jede deutsche Wiedergeburt sich in seinem Zeichen vollziehen muß. Inmitten des Brüggemannschen Altares zu Schleswig, eines immer noch nicht genug geschätzten Meisterwerks deutscher Plastik, steht ein holzgeschnitztes, lebensgroßes, pausbäckiges Christuskind, mit einem wirklichen linnenen Hemdchen angetan; eine liebliche Sage berichtet, daß dies Christkindchen zu jedem Neujahr ein neues Hemd erhalten müsse; erhalte es das aber nicht, so weine es. Dem deutschen Kinde, dem deutschen Volke ergeht es ebenso: es weint nach einem neuen Hemde; es weint nach einer Wiedergeburt an Leib und Seele!

Schlußwort

Bescheidenheit, Einsamkeit, Ruhe – gesunder Individualismus, volkstümlicher Aristokratismus, seelenvolle Kunst – das sind Heilmittel, welche der Deutsche auf sich anwenden muß, wenn er sich dem geistigen Elend der Gegenwart entziehen will. Diese Güter lassen sich nicht ohne Kampf erringen; für die nächste Zukunft des deutschen Geisteslebens gilt daher die Losung: Bindet die Klingen! Schule ist Mittel und Persönlichkeit ist Zweck; die jetzige deutsche Bildung hat dies Verhältnis auf den Kopf gestellt; es muß daher wieder auf seine Füße gestellt werden. Christus und die Pharisäer, Persönlichkeit und Schule werden sich im deutschen Geistesleben miteinander zu messen haben; der Streit muß ein durchaus ehrlicher sein; und das deutsche Volk wird über dessen Ausgang richten. Sein Wort entscheidet!

Es kann am Ende doch noch sein, daß das Urwüchsige in der Natur des Deutschen das Gekünstelte in ihr überwiegt und überwindet. Das deutsche Volk braucht lange, bis es reif wird. Aber aus dem langsamen Wachstum des deutschen Geistes darf man vielleicht auf einen hohen Grad von Vollendung schließen, der ihm noch bestimmt ist. Der deutsche Geist, der so häufig kosmopolitisch in die Fremde schweifte, wird nun, im Zeichen Rembrandts, sein Meisterstück zu liefern haben: indem er zu sich selbst zurückkehrt und sich vorwiegend einer schöpferischen Tätigkeit widmet. Die Kunst heilt, was der Krieg verwundet. Die Franzosen erstaunten 1870, daß das Volk der Denker sich in ein Volk der Krieger verwandelt hatte; mögen sie und hoffentlich recht bald erstaunen, wenn das Volk der Forscher sich in ein Volk der Künstler verwandelt. Es ist nur natürlich, daß ein Land, welches von Waffen und Fabriken starrte, die sich im Grunde beide gegen dessen Nachbarn richteten, bei diesen nicht beliebt war. Geistige und sittliche Überlegenheit aber, falls sie sich als echt erweist, versöhnt. Was hier ein einzelnes Volk gewinnt, das gewinnt auch die Menschheit; und es kommt somit allen übrigen Völkern zugute. Ein Volk, das sich auf sich und in sich selbst zusammenschließt, wird dadurch unwillkürlich auch mächtig über andere. Griechenland hat es bewiesen; Deutschland wird es hoffentlich beweisen.

Man hat von einem »Gott der Deutschen« gesprochen; so gibt es auch einen »Teufel der Deutschen«; er wohnt im modernen Paris und kehrt gern in Berlin ein. Läßt sich dieser Gast auch auf die Dauer nicht bannen, so ist es doch gut, wenn man ihn kennt: er heißt Plebejertum. Dieses äußert sich in der Kunst als Brutalismus, in der Wissenschaft als Spezialismus, in der Politik als Demokratismus, in der Bildung als Doktrinarismus, gegenüber der »Menschheit« als Pharisäismus. Daß aber der Teufel zuletzt geprellt wird, ist bekanntlich eine insonderheit deutsche Wahrheit und Weisheit. In solchem Glauben und solcher Tatsache triumphiert das innerste Gefühl der geistigen Gesundheit über gelegentliche Anwandlungen von geistiger Krankheit; ehrlich währt am längsten. Deutsche Ehrlichkeit ist mehr als französische Eitelkeit und deutscher Geist mehr als französischer Ungeist.

Wenn »der Sinn für das Wesentliche« bei den Deutschen wieder einkehren wird; wenn sie wieder zu Menschen geworden sein werden: dann werden sie über ihren jetzigen »wissenschaftlichen« Aberglauben lachen. Der trivialmodernen Bildung eines Dubois-Reymond und Zola wird eine genial-moderne Bildung der Rembrandt und Genossen folgen; man wird sich von dem und den Teufeln wieder zu Gott wenden: man wird wieder deutsch werden! Deutsch sein, heißt Mensch sein; wenigstens für den Deutschen; und vielfach auch für andere Völker. Denn es heißt, individuell sein; es heißt, ernst sein; es heißt, fromm sein; es heißt, Gott und dem Göttlichen dienen. Es heißt, leben.

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