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Rembrandt als Erzieher

Julius Langbehn: Rembrandt als Erzieher - Kapitel 26
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authorJulius Langbehn
titleRembrandt als Erzieher
publisherC. L. Hirschfeld in Leipzig
printrun72. ? 76. Auflage
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Christentum und Deutschtum

Zu dem stolzesten Denkmal der bisherigen deutschen Kunst, zum Bau des Kölner Domes haben alle Deutschen einmütig beigesteuert; die Unterschiede der Partei und sogar des Bekenntnisses verschwanden vor einer solchen Aufgabe; sie gleicht darin einem etwaigen Bau des deutschen Geisteslebens. Er darf nicht Parteisache sein. Und wie jenes pangermanische Bauwerk der älteren Tochter des Christentums, der katholischen Kirche zunächst geweiht ist; und wie dennoch der Protestant an ihm teil hat; so muß auch jenes neubeginnende Leben dem früher geborenen Kinde der Menschheit, dem Glauben im weitesten Sinne des Worts zunächst geweiht sein; und das Wissen dennoch Anteil an ihm haben. Aber dieser Anteil darf nur ein untergeordneter sein; kein normierender, oder gar schablonisierender; denn Wissen gibt sozusagen nur den Querschnitt eines jeden Dinges; also zugleich ein vollkommen richtiges und vollkommen falsches Bild von ihm. Das Wissen erzeugt Pygmäen, der Glaube erzeugt Heroen.

Deutschtum und Christentum finden sich in der Vergangenheit zusammen. Das eigentümlichste und bedeutsamste deutsche Bauwerk nach dem Kölner Dom und gewissermaßen ein weltliches Seitenstück zu diesem ist das Schloß Marienburg bei Danzig, die architektonisch so überaus charaktervolle Wiege des preußischen Staats; es verherrlicht in seinem Baustil mit ausdrücklicher Absicht das Zusammenwirken von Kreuz und Schwert; also im tieferen Sinne dasjenige von Kunst und Krieg, von Christentum und Deutschtum. Das christliche Bekenntnis der überwiegenden Mehrzahl aller Deutschen ist eine gegebene Tatsache; die geographische Lage Deutschlands, welche ihm die Politik der gewaffneten Hand aufnötigt, ist es ebenfalls; Christentum und Wehrhaftigkeit sind also vom Deutschtum bis weiters nicht zu trennen. Von dem altdeutschen Heiland, welcher Christus als einen führenden »Herzog« darstellt, bis zur ganz modernen Heilsarmee, welche Religiosität und Kriegertum in minder geschmackvoller Weise verbindet, haben Kampfgeist und Gläubigkeit von jeher und zumal auf niederdeutschem Boden ein inniges Bündnis miteinander geschlossen; bald zeigt es sich in aristokratischer, bald in demokratischer Form; immer aber ist es – deutsch. In der Tat begegnen sich die deutsche Ehrlichkeit und die christliche Wahrhaftigkeit auf halbem Wege; und der deutschen Treue steht die christliche Liebe wohl an.

Liebe ist die Wurzel alles Guten. Wer nicht mit herzlicher Liebe über Christus schreibt oder redet, der soll es lieber bleiben lassen; denn Christus gebührt nicht nur Hochachtung: ihm gebührt Hingabe. Das Christentum praktisch ins tägliche Leben zu übersetzen, wie es künstlerisch Rembrandt getan, wird immer eine der Hauptaufgaben des Deutschen bleiben. Und das deutsche Volk wird beim Christentum beharren müssen, solange es keine bessere Basis für sein geistiges Dasein besitzt; dies aber ist nicht der Fall. In Christus hat sich die Natürlichkeit zu völliger Selbstlosigkeit und die Vornehmheit zu völliger Erhabenheit gesteigert. Christus stellt die vollkommenste sittliche Uneigennützigkeit dar. Er ist der Urtypus des Kampfes gegen das Pharisäertum; die größte Unbarmherzigkeit gegen dieses sowie die größte Liebe zum Volk charakterisieren ihn; und diesem Banner hat man zu folgen – heute, morgen, immerdar! Wie und wo die Pharisäer neu werden, da wird auch Christus neu werden müssen; nach der positiven wie nach der negativen Seite hin; für uns Deutsche noch besonders nach der deutschen Seite hin. Gift und Gegengift, Pharisäertum und Christentum treten ans Licht auf dem gleichen Boden; und es ist nur ein Punkt, wo sich diese zwei Wege scheiden; der heutige Deutsche aber steht an diesem Punkte. Möge er zu wählen wissen.

Der Schwerpunkt des Christentums liegt in dem persönlichen Charakter, in dem persönlichen Wollen, in der persönlichen Leistung Christi; auf diesem Boden gibt es keinerlei Differenzen; denn wer wollte oder könnte dem persönlichen Wesen Christi opponieren? Sein sittlicher Adel kann nicht übertroffen werden; für unsere »Seele« vergoß er sein »Blut«. Er bewies dadurch, daß beides zusammengehört; und zwar nicht nur wie das Alte Testament meint, innerhalb des einzelnen Menschen; sondern auch wie das Neue Testament lehrt, innerhalb der gesamten Menschheit. Christi Blut ist unsere Seele! Jeder Mensch sollte ein direkter Nachfolger Christi sein. Das gilt nicht nur für die Religion, sondern für alle Gebiete des Lebens. Diejenigen Leute, mag ihre kirchliche oder unkirchliche Stellung sein wie sie will, welche zu dieser tiefsten Persönlichkeit kein oder ein antipathisches Verhältnis haben, taugen nicht. Sie ist geradezu als ein Prüfstein für den Menschenwert des einzelnen anzusehen. Voltaire, der bei manchen guten und sogar edlen Charaktereigenschaften im ganzen doch einem alten Weibe, etwa einer geistreichen, bejahrten und boshaften Marquise des ancien régime glich – eben dieser Voltaire konnte den Namen Christi nicht aussprechen hören, ohne in moralische Krämpfe zu verfallen. Er ist der rechte Repräsentant einer untergehenden, greisenhaften, kranken Kultur, die allem kindlich Großen und menschlich Großen und natürlich Großen und einfach Großen verständnislos gegenübersteht. Sein wegwerfendes Urteil über Shakespeare entspricht dem; die Griechen glaubte er selbst übertroffen zu haben; kurz, er ist ein rechtes Bild jener Kritiklosigkeit, welche sich selbst für Kritik hält. Shakespeare, die Griechen, das Christentum tritt er mit Füßen und setzt sich selbst auf den Thron; er ist Götze und Götzendiener zugleich. Er erscheint als eine Art von Mene Tetel für gewisse Größen von heute, welche sich auf ihren »Geist« und ihr »Wissen« etwas einbilden; er war zu seiner Zeit ein Totenvogel, und sie sind heute Totenvögel wie er.

Es ist sicher auch eine Schattenseite an den deutschen literarischen Klassikern des vorletzten und den deutschen bildenden Künstlern des letzten Jahrhunderts, daß sie der Person Christi gern ausweichen – weil diese damals wie heute vielfach falsch beleuchtet und falsch verehrt wurde. Wenigstens dies »Kind« sollte man nicht mit dem Bade ausschütten. Christus, das Kind, bleibt immer der Höchste. Ex oriente lux. Zwar ist die deutsche Malerei neuerdings wieder etwas religiös geworden; aber es mag dahingestellt bleiben, ob dies nur aus religiösen Motiven geschah. Christus bleibt Christus, auch wenn man ihn jetzt zu Panoramen und Romanen verarbeitet; hat er die Kreuzigung überstanden, so wird er auch dieses überstehen.

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