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Rembrandt als Erzieher

Julius Langbehn: Rembrandt als Erzieher - Kapitel 24
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authorJulius Langbehn
titleRembrandt als Erzieher
publisherC. L. Hirschfeld in Leipzig
printrun72. ? 76. Auflage
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Abstufung der Geister

Das schlimme und wahre Wort: »Erst gib mir zu leben, dann will ich ehrlich sein«, gilt zwar für die Masse der Menschen; aber für eine Auswahl der Menschen gilt es nicht; eben darum ist diese berufen jene zu führen – in materieller, geistiger, sittlicher Hinsicht. Alle großen Kulturfragen der Menschheit hängen davon ab, ob sich zuweilen eine Anzahl von Leuten findet, welche die Ehre dem Leben vorzieht. Sie soll herrschen. Das Naturreich selbst ist aristokratisch aufgebaut; es gliedert sich von niederen zu höheren Zuständen, von niederen zu höheren Wesen. Kurz, sämtliche Probleme, welche sich aus dem gesellschaftlichen Zusammenleben der Menschen ergeben, führen auf das eine große, aristokratische Problem zurück: auf das der berechtigten Über- und Unterordnung der Menschen unter sich. Aus ihm entfließen auch die heute schwebenden deutschen Volksprobleme.

1. Edle Minderheit

»Fein« soll der Deutsche, nach dem erwähnten Ausspruch Rahels, sein. Die oculi truces, welche schon Tacitus den Deutschen zuschreibt, müssen nunmehr zu sanfterem Blick gebändigt werden. Die jetzigen deutschen Bauern, wo und soweit sie sich unverdorben erhalten haben, sind den alten Deutschen des Tacitus noch am verwandtesten; aus Erde schuf Gott den Menschen und aus den Bauern könnte man den Deutschen schaffen – wenn man den ersteren Begriff richtig versteht. Aus bäuerlicher Wurzel muß sich der künftige innere Aristokratismus der Deutschen entwickeln. Man glaubt an Erbsünde; man sollte auch an Erbtugend glauben; freilich ist jene allgemein und diese ist es nicht. Gerade in dem, was man Menschlichkeit nennt, ist ein auch äußerlich aristokratischer Zug nicht zu verkennen; denn die Zahl derer, welche wahrhaft »Menschen« sein können und wollen, wird immer nur eine Minderzahl darstellen. Diese edlere Minderheit soll die Geschicke der Deutschen entscheiden, jedenfalls im geistigen und womöglich auch im politischen Leben. Dann wird das uraristokratische Gesicht dieses Volkstypus aus der demokratischen Maske, die er für geraume Zeit trug, wieder auftauchen. Nach der Majoritätszeit kommt die Minoritätszeit. Das Griechentum, die Renaissancezeit, die klassische deutsche Literaturperiode waren solche Minoritätszeiten; die edleren aber der Zahl nach beschränkteren Schichten des betreffenden Volksorganismus waren damals geistig die herrschenden; und »was einmal war, kann wieder kommen«. Der aktive, schöpferische, männliche Geist der Menschheit tritt in solchen Zeiten mehr an die Oberfläche: er taucht zwar danach wieder unter; aber seine Werke bleiben.

»Eine Schanze ist nur ein Haufen Dreck; aber der Soldat verteidigt sie mit seinem Leben, weil seine Fahne darüber weht«, sagt Goethe. Ein menschlicher Name, sei es auch der größte und beste, ist allerdings vergänglich; aber es gibt Namen, an welche sich zuzeiten die Ehre einer Nation knüpft: Rembrandt ist ein solcher Name. Diejenigen Deutschen befinden sich jetzt noch in der Minderheit, welche den durch ihn bezeichneten Zielen zustreben; aber Mehrheit oder Minderheit entscheidet hier nicht; die größten und rühmlichsten Siege der Welt sind immer von Minderheiten erfochten worden. Die Kämpfe der Niederländer, der Schweizer, der Griechen bezeugen es! Wie den letzteren in der Schlacht bei Salamis die Stammheroen eben jenes Bodens erschienen, um den und auf dem gekämpft wurde; so werden auch den Deutschen in der Entscheidungsschlacht gegen eine falsche Bildung die großen Helden der deutschen Erde, als gewaltige Mitstreiter, Zur Seite stehen. Der gegenwärtig so einflußreiche Professor mag dann von seinem hohen Katheder, wie Xerxes von seinem Thron am Griechenufer aus, diesem Kampfe zusehen. Der Sieg wird auch heute nicht da sein, wo die Mehrzahl ist, sondern da, wo freier Mut, einheimischer Geist und echte Menschlichkeit sich finden. »Da ward es aller Welt und vornehmlich dem Könige offenbar, daß es wohl viel Menschen wären, aber wenig Männer«, erzählt der ehrliche Herodot; und so werden vielleicht auch künftige Deutsche sagen können.

Auch innerhalb der freien Künste sollten sich die Individualitäten neben- und übereinander gruppieren. Bereits im achtzehnten Jahrhundert nahm die deutsche Geistesentwickelung tatsächlich einen bedeutsamen Anlauf nach einer solchen Richtung hin; es gab damals in Hamburg, in Berlin, in Weimar, in Düsseldorf, in Wien und anderswo individuell geartete Geisteskreise. Nicht nur literarisch oder poetisch, sondern auch allgemein menschlich und philosophisch gliederte sich damals der deutsche Volkskörper in einzelne größere Massen. Es waren Organe, die sich gegenseitig befruchteten; ohne Voß^ Luise gäbe es nicht Goethes Hermann und Dorothea; und ohne Kant nicht den gereiften Schiller; aber diese Ansätze zu einer reicheren Ausgestaltung des nationalen Innenlebens starben später ab. Man sollte sie jetzt wieder erwecken. Gemeinschaften wie jene oben erwähnten, müssen wiederkehren. Sie sind als synthetische Faktoren des Volkslebens zu bezeichnen; und deren bedürfen die Deutschen jetzt mehr als je; sie werden desto eher erscheinen, je entschiedener und bewußter man sie anstrebt. Diese Einheit Deutschlands bleibt noch Zu erringen! Die bisherigen Anläufe Zu ihr sind durch ein verhängnisvolles Geschick unterbrochen worden. Goethe blieb aus dem Kranze jüngerer Genossen, die ihn hätten umgeben können und sollen: Schiller, Hölderlin, Novalis, Kleist einsam zurück. Der Haß des letzteren gegen den herrschenden Dichtersurften wäre kaum geblieben; auch Schiller sagte einmal über Goethe: »Ich hasse diesen Menschen«, und liebte ihn dennoch später. Der Reife ist dem Reifen gewogen. Immerhin haben Goethe und Schiller in ihren »Xenien«, als eine oberste Orakelbehörde, Hunderte von Sprüchen über das damalige und damit auch über das jetzige deutsche Geistesleben abgegeben. Es waren zugleich kriegerische Brand» Pfeile, welche sich gegen nichtige oder falsche Kunst» wie Bildungsanschauungen richteten. Kurz ein solches Kunstorakel stellt auf geistigem Gebiet eine »Herrschaft der Besten«, mithin eine Aristokratie im eigentlichen Sinne des Worts dar. Es sollte heute wieder einen hohen Rat in geistigen Dingen Deutschlands geben, wie er in Weimar, als der zeitweiligen kunstpolitischen Hauptstadt Deutschlands, damals bestanden hat. Die Männer, welche ihm angehören, werden sich den trivialen geistigen Tagesströmungen möglichst fern und den tieferen, geistigen Volksströmungen möglichst nahe zu halten haben.

Ein festes Zusammenhalten der Gutgesinnten und ein freiwilliges Unterordnen des Kleineren unter den Größeren ist dabei unerläßlich. Kriegs- wie Kunstorganisation kann immer nur eine aristokratische, d. h. lebendig und gesetzmäßig in sich abgestufte sein. Die etwaige äußere Form derselben wird sich erst künftig bestimmen lassen; sie hängt von Zeit und Umständen und Menschen ab; am leichtesten dürfte sie sich unter dem Schütze des deutschen Adels entwickeln. Was dieser an politischen Rechten verloren hat, könnte er an kunstpolitischen Rechten wiedergewinnen. Wie die deutschen Schlösser und Fürstensitze in der Regel von ihren Parks umgeben sind, deren schwellende grüne Pracht jene erst zur rechten architektonischen Wirkung kommen läßt; so sollte der einzelne deutsche Fürst sich mit einem geistig und künstlerisch angeregten, dem deutschen Boden entstammenden Gesellschaftskreis umgeben – um seines Berufes auch nach außen imposant zu walten. Einen Fürsten, der seine Fürstenpflicht nur mechanisch absolviert, wird das Volk wenig achten; einen solchen, der sie organisch durchführt wird es verehren. Jagd, Sport und Parade genügen hiezu nicht. Die neue Pflicht, welche das neue Deutsche Reich seinen Magnaten auferlegt, heißt: Pflege und Stärkung des deutschen Volkstums nach der individuellen, persönlichen, lokalen Seite hin. Kurz, sie sollten die leitenden Sozialaristokraten sein. Aber freilich gehört dazu, daß sie sich nicht durch Tageskunst und Tageskritik beirren lassen,– daß sie, wie Karl August von Weimar gesunden eigenen künstlerischen wie menschlichen Neigungen folgen; daß sie das gute Neue erkennen, fördern, verteidigen. Hier gibt es eine Souveränität zu holen!

2. Mann und Masse

Es kommt nicht darauf an, daß man dem Erfolg huldigt; es kommt darauf an, daß man den großen Mann auch in einer unscheinbaren Hülle erkennt; daß man Vertrauen zu ihm hat und dies durch Taten beweist. Das Gefallen, welches das sogenannte große Publikum jetzt an Wagner, Böcklin, Ibsen zeigt, spricht mehr gegen diese Künstler als das Mißfallen, das man ihnen früher entgegenbrachte; sie könnten nicht Mode werden, wenn sie nicht teilweise der Mode dienten: sei es auch nur dadurch, daß sie ihr widersprechen. Widerspruch kitzelt. Den großen Haufen muß man links liegen lassen; man muß seinetwegen nicht einmal nach rechts gehen; man muß geradeaus gehen. Dieser gerade Weg wird dem Volke wie dem einzelnen vorgezeichnet durch – seine Individualität, die er ausbilden, vertiefen, verteidigen soll: immotus in undis. Wer dem Echten dient, wird es nur mit den Echten halten; diese werden als Wenige immer den Vielen entgegenstehen. Die Anziehungskraft der ersteren wächst je mehr sie sich selbst um einen festen Mittelpunkt scharen; und sie können dadurch die letzteren, falls es gut geht, unwillkürlich nach sich ziehen. Aber der Beifall der »gebildeten«, d. h. halbgebildeten Masse ist unter allen Umständen wenig wertvoll; es sei denn, daß sie sich entschließt, zur gesunden Natur zurückzukehren. Und dies wird immer nur vorübergehend der Fall sein; wenn es überhaupt dazu kommt. Ein Volk lernt langsam. Da man vor Toten zuweilen mehr Respekt hat als vor Lebenden, so ist immerhin die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß ein Rembrandt den heutigen »Zeitgenossen« etwas mehr Eindruck macht als die Obengenannten. Im Grunde stimmen zwar die Genien des 17. mit denen des 19. Jahrhunderts überein; sie sind Originale und stoßen darum an; aber ihr Schicksal kann belehrend wirken für diejenigen, welche noch belehrungsfähig sind. Ein Mann macht viele. Dieser geheime Magnetismus zwischen den Vielen und dem Einen ist eines der wichtigsten und vielleicht überhaupt das wichtigste Volkserziehungsmittel. Mann und Masse gehören zusammen, wie Schwert und Schild; in dem Manne schlägt der nationale Geist zu, durch die Masse deckt er sich. Zu den einzelnen so hoch entwickelten Individualitäten, wie Shakespeare und Rembrandt, bildet der sonst so stark ausgebildete Massengeist und Massentrieb der Niederdeutschen einen frappanten und – natürlichen Gegensatz. Sie gleichen darin den unzählbaren Grashalmen ihrer eigenen heimatlichen Marschweiden, aus denen gelegentlich eine Hyazinthe auftaucht; oder dem unendlichen Schwärm der Heringe, dieses speziell niederdeutschen Fisches, den ein »Heringskönig« zu begleiten pflegt. Die tieferen Charaktereigenschaften des Stammes verdichten sich jeweilig zu einem hochbegabten Individuum, das nicht minder überraschend wirkt als eine Blume von seltenem Duft oder ein phosphoreszierendes Tiefseewunder. Man könnte auch sagen: der Mann ragt aus der Masse, wie eine niederdeutsche Eiche über ein niederdeutsches Kleefeld; und es ist ein eigener Zug der Geschichte, daß der bisher größte niederdeutsche Mann und Staatsmann, Bismarck, eben dieses volkstümliche Doppelbild in seinem Wappen führt: drei Kleeblätter in drei Eichenblättern! Der Niederdeutsche ist gewöhnlich; und seine leitenden Geister sind ganz ungewöhnlich gewöhnlich. Dichtgedrängte Massen eines gleichen geistigen Materials zeigen gern die Neigung, sich an einem bestimmten Punkt in ihr Gegenteil zu entladen: so entsprang der phantasiereiche und gefühlvolle Shakespeare den praktischen und politischen Engländern; so der bewegliche und vibrierende Geist Rembrandts dem phlegmatischen und stetigen Holländertum; so der klarste aller Politiker, Bismarck, den bisher unklarsten Politikern, den Deutschen; so noch in neuester Zeit der bizarre Böcklin den nüchternen Schweizern. Und solche Glanzpunkte eines nationalen Daseins wirken dann ihrerseits wieder gestaltend auf die Masse zurück; ein einziger heller Reflex, richtig auf eine dunkle Fläche gesetzt, kann ihr Plastik und Leben verleihen.

Die Begriffe der »Masse« und des »Mannes«, der großen Menge wie der Einzelpersönlichkeit setzen sich wechselseitig ineinander um. Der große Mensch findet sich in allen wieder; und alle finden sich in ihm wieder. »Mon dieu, ayes pitié de moi; mon dieu, ayes pitié de ce pauvre peuple«, rief der sterbende Oranien aus und erinnert durch diesen Doppelblick nach oben wie nach unten, auf sich wie auf sein Volk, an ein weit größeres Beispiel aufopfernder Menschenliebe. Zwischen Gott und dem Volk steht – der Mann. Mann und Masse verhalten sich zueinander wie das männliche und weibliche Prinzip innerhalb der gesamten Welt: jenes wird aus diesem geboren, und befruchtet es dann seinerseits wieder. Der Mann lebt in der »Masse« und die Masse erkennt sich in dem »Mann«. Das Männliche ist der höchste Ausdruck des Menschlichen; denn es ist schöpferisch, künstlerisch, aufbauend.

Die besondere Abstufung Zwischen Masse und Mann spiegelt nur eine andere allgemeine geistige Abstufung im menschlichen Dasein wider: nämlich die zwischen Natur und Genie. Das letztere hat für die gesamte nachchristliche Zeit in dem niederdeutschen Shakespeare einen hervorragendsten Vertreter gefunden; die erstere ist in dem überwiegend naturwissenschaftlichen Zug des geistigen Lebens der Gegenwart zu zeitweise herrschender Geltung gekommen; und eben dieser Strömung entspricht die bisherige Proklamierung des demokratischen oder Massenprinzips in der politischen Jetztzeit. Adel und Volk, Genie und Natur, Mann und Masse gehören zusammen. Es ist ein altes und oft, zuletzt noch durch den mehrfachen Wechsel der politischen Gesinnung der Deutschen während der letzten Generationen bestätigtes geschichtliches Gesetz: daß auf die Demokratie stets der Cäsar folgt; so fordert auch die demokratisch-naturwissenschaftliche Richtung der modernen Zeit als ein ihr unvermeidlich folgendes Supplement einen cäsaristisch-künstlerischen Typus, d. h. das nunmehr zu erwartende Hervortreten einer gewaltigen und rein geistig vorherrschenden Einzelindividualität. Demokratie ist ein Körper, der sich nach einem Kopf sehnt; darum beträgt sie sich oft so kopflos; und darum findet sie so leicht einen Kopf – sei er nun ein Demagog oder ein Cäsar. Es ist wahrscheinlich, daß jene voraussichtliche Reaktion da auftreten wird, wo die Aktion am stärksten war; mithin da, wo in politischer Hinsicht der demokratische Massengeist und in künstlerischer Hinsicht jener Geist der Unscheinbarkeit, die zwang- und anspruchslose künstlerische Selbstbestimmung bisher sich am stärksten geltend machte: also auf niederdeutschem Boden. Jener Mann, wenn er kommt, wird wahrscheinlich ein Stammes- und muß notwendig ein Geistesverwandter von Rembrandt sein. Pflanzen wachsen schußweise und Volksindividualitäten auch.

3. Der heimliche Kaiser

Da Bescheidenheit zweifellos diejenige Tugend ist, welche bei der jetzigen deutschen Generation am wenigsten gilt; so wird es, nach dem obigen Gesetz des ergänzenden Gegensatzes zwischen Mann und Masse, vor allem ein bescheidener Mann sein, den man als einigende und zusammenfassende Persönlichkeit auf deutschem Bildungsgebiet nunmehr zu erwarten hat. Er wird dem Mechanischen, Materiellen, Brutalen möglichst ab- und dem Individuellen, Geistigen, Sittlichen möglichst zugewandt sein. Er wird so sein, wie die »Masse« jetzt nicht ist. Nach dem Stande der heutigen deutschen Verhältnisse darf man sagen, daß dieser »Mann« eine kunstpolitische Persönlichkeit sein wird; eine solche, welche die schließlich gewonnene politische Schulung der Deutschen auf ihre längst vorhandene künstlerische Begabung anwendet; und beiden dadurch erst die Vollendung gibt. Künstler und Beschauer, Führer und Volk, Gott und Welt gehören zusammen. Das geheimnisvolle Wechselspiel zwischen Peripherie und Zentrum, deren keines ohne das andere gedacht werden kann, überträgt sich aus der Mathematik auf das Volksleben.

Nimmer in tausend Köpfen, der Genius wohnt nur in Einem,
Und die unendliche Welt wurzelt zuletzt doch im Punkt

hat ein niederdeutscher Dichter, Hebbel, erklärt; und ein oberdeutscher Dichter, Schiller, hat sich zu dem gleichen Glauben bekannt:

Millionen sorgen dafür, daß die Gattung bestehe,
Aber durch wenige nur pflanzet die Menschheit sich fort.

Die Zeit bedarf eines gewaltigen Hebels, der die toten Massen in Bewegung zu setzen weiß; ihm gebührt die Herrschaft. Aber freilich nicht nach Tyrannenart, sondern in der Art, daß er die Gefühle, die Wünsche, die Befehle seines Volkes ausführt, zuweilen auch anscheinend gegen dessen Willen. Hebbel hat ferner gesagt, daß jede Zeit auf geistigem Gebiet ihren »heimlichen Kaiser« habe; und die Geschichte bestätigt es, daß gerade die größten geistigen Kräfte bei ihren Lebzeiten und für die Gesamtheit ihrer Zeitgenossen oft »heimlich« bleiben. Man sieht die Sonne nicht, weil sie scheint. Leonardo, Shakespeare, Rembrandt, Bach, Bismarck – solange man diesen nicht erkannte – waren heimliche Kaiser der Deutschen für die letzten fünf Jahrhunderte. Ihnen schlossen sich auch »heimliche« Herzöge und Vasallen an; so für das letzte Jahrhundert in der diskreten Erscheinung eines Moltke und in der vornehm verschwindenden Gestalt eines Clausewitz. Der erstere blieb bis zu seinem 64. Jahre dem deutschen Volke unbekannt; der letztere, welcher sein klassisches und bis heute noch gültiges Werk: »Vom Kriege«, erst nach seinem Tode erscheinen ließ, verstand das s'ettacer aus dem Grunde. Hölderlin und Novalis sind solche halbverschwindende Größen auf geistigem Gebiet. Wie Moltke erst in seinem Alter und Clausewitz erst nach seinem Tode, so werden jene beiden noch nicht einmal jetzt von der Allgemeinheit nach dem ihnen zukommenden Werte geschätzt. Was die beiden Krieger bewußter-, taten die beiden Künstler unbewußterweise: sie löschten sich im Gedächtnis der Mitwelt aus, aber nicht für immer. Sie sind kostbaren Palimpsesten zu vergleichen, deren Schrift erneuert werden kann. Die Sehnsucht nach dem politischen Kaisertum war den Deutschen in Erfüllung gegangen; möge nun das geistige Kaisertum, wenn es ihnen beschieden ist, nicht allzulange auf sich warten lassen.

Wenn ein solcher »heimlicher Kaiser« kommt, so wird er die Gabe, zu führen und zu formen, besitzen müssen. Er wird dadurch in einen entschiedenen Gegensatz zu dem gegenwärtigen papiernen Zeitalter treten. »Das Kritzeln und Schmieren kommt mir als Zeichen eines verderbten Jahrhunderts vor«, sagte vor dreihundert Jahren Montaigne; und »der Lesegeist ist dem Deutschen so angeboren, daß er ihn nicht einmal verläßt, wenn die Vernunft fort ist«, meinte vor hundert Jahren Lichtenberg. Gegen den toten Buchstabenkult wird also der heimliche Kaiser die lebendige, geistvolle Persönlichkeit auszuspielen haben. Seine erste Pflicht aber wird es sein, sich nicht als ein römischer, sondern als ein deutscher Kaiser zu zeigen; er wird unter einer Reihe gleichgesinnter Geister ein primus inter pares sein – er wird unter dem deutschen geistigen Adel die erste Stelle einnehmen müssen. Adel ist immer korporativ; und Korporationen können nur etwas leisten, wenn sie sich einem tüchtigen Führer unterordnen; sonst sind sie allzu leicht der Verknöcherung ausgesetzt. Aristokratie ist ein Kopf, der ein Gehirn braucht. Der »heimliche Kaiser« soll im wesentlichen die Tätigkeit eines solchen übernehmen: er soll denken, leiten, organisieren – für die Gesamtheit. Aber wie man das Gehirn in einem lebendigen Kopfe nie sieht, so muß auch seine einzelninteressierte Persönlichkeit gewissermaßen verschwinden vor der Rolle, welche ihm als Vertreter der Gesamtpersönlichkeit seiner Stammesgenossen zufällt. Seine eigene Individualität muß in der Individualität seines Volles aufgehen, sich in ihr spiegeln, sich mit ihr decken. »Der Beste soll Herr sein.« Dasjenige Naturwesen ist das höchste, welches am meisten Güte mit am meisten Mannheit verbindet: dies Wesen ist der Mensch; insonderheit der edle arische Mensch. Güte und Mannheit zusammen ergeben Ritterlichkeit; sie ist die eigentliche eingeborene Tugend des Deutschen; zu ihr soll er zurückehren. Es ist möglich und zu wünschen, daß sich jenes Ideal in einer einzelnen Persönlichkeit, eben in dem »heimlichen Kaiser« ganz besonders verkörpern wird. Die bisherigen deutschen Geisteskaiser waren bald mehr milde, bald mehr Mann; jetzt sollen sich diese beiden Eigenschaften zusammenschließen und zusammenschweißen; so wird sich das deutsche Dasein runden.

Wenn jener »milde Mann« kommt, wird er nur der Sprecher für die Volksmasse sein. Gedanken, welche die eines einzelnen sind und bleiben, gleichen der vereinzelten Pflanzenzelle; Gedanken, welche von einem einzelnen ausgesprochen werden und doch die eines ganzen Volkes sind, gleichen dem Samenkorn: es ist klein, aber es kann zum gewaltigen Baum werden, wie das Senfkorn des Evangelismus. Von lebendigen Menschen können immer lebendige Worte ausgehen. Der »heimliche Kaiser« wird, wie jeder seiner Vorfahren und Vorregenten, ein erst geborner Sohn der deutschen Volksseele sein; ist er dies nicht, so ist er nicht der Kaiser; ist er es aber, so wird er auch von ihr geliebt sein; denn welche Mutter wird ihr Kind nicht lieben? Und als Kind muß dieser heimliche Kaiser sich vor allem zeigen. Er soll das eigentliche enfant terrible der Deutschen sein; das mit einem wahren Worte ganze Gebäude von Schein und Unwahrheit umstößt; das der Natur wieder zu ihrem Recht hilft gegenüber der Unnatur: enfant in seinem Wesen und terrible in seiner Tätigkeit. Er hat die echten Deutschen zu lieben und die Afterdeutschen zu hassen; denn zu jeder Sympathie gehört eine Antipathie; Liebe und Strenge sind die beiden Eigenschaften, deren ein Arzt und Reformator bedarf.

Die höhere Bestimmung dieses »milden Mannes« wird sich aber noch in anderer Weise äußern; das Gefühl und Bewußtsein derselben wird ihm jene innere Ruhe verleihen, welche sein Beruf notwendig erfordert, und welche ihn wiederum als »Mann« der stets bewegten und unruhigen »Masse« entgegensetzt. Der Spruch Talleyrands: »surtour point de zèle«, wird auch sein Spruch sein müssen. Er ist von politischer aber zugleich auch von künstlerischer Art; er ergänzt den Spruch Goethes, »daß ohne Enthusiasmus keine Kunst zu denken sei«; denn ohne innere Sammlung, Festigkeit, Stetigkeit ist sie ebensowenig zu denken. »Die elektromotorische Kraft des Nervs ist am größten im Zustand der Ruhe«, heißt ein physiologisches Gesetz. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht; Ruhe ist die erste Kaiserpflicht: Ruhe ist die erste Geistespflicht. Ein Imperator muß eherne Züge haben; denn er ist der Ruhepunkt einer Welt; und der Markstein einer Epoche. Ruhige Massen werden dadurch geformt, befruchtet, belebt, daß man ihnen Bewegung und bewegte Massen dadurch, daß man ihnen Ruhe mitteilt. Dem punctum saliens ist der Kristallisationspunkt entgegengesetzt; und diesen letztern erfordern die heutigen deutschen Bildungsverhältnisse, nachdem jener erstere durch die neueren deutschen politischen Verhältnisse gegeben wurde. Man hat gesagt, daß die vielgerühmte Ruhe Homers nichts anderes sei als die größte Schnelligkeit, mit welcher er den Ereignissen und Gegenständen in ihrer Bewegung folgt; man könnte sagen, daß die dem Künstler unbedingt nötige innere Ruhe nur die allerrapideste Bewegung sei, mit der er dem Weltganzen und dessen Einzelheiten folgt. Von dieser Art soll auch die Ruhe des »heimlichen Kaisers« sein; dann wird sie echte und höchste Aktivität wie Aktualität sein. Dann wird er den Bewegungen des eigenen Volksgeistes sowie denen der ihm feindlichen Bestrebungen aufs schnellste folgen können.

Bescheidenheit und Ruhe sind demnach die zwei Hauptcharakterzüge, deren der »heimliche Kaiser« bedarf, um seiner Rolle gewachsen zu sein; es ist anscheinend wenig und doch sehr viel. Denn die genannten beiden Eigenschaften gerade sind es, welche der modernen Zeit fehlen; wer jene hat, wird diese beherrschen; durch ihre Fehler beherrscht man die Menschen; und wer sie beherrscht, der kann sie erziehen. Alle, welche den Glauben höher halten als das Wissen, werden die geborenen und erkorenen Bundesgenossen jenes Geistbeherrschers sein. Hinter diesem undurchdringlichen Wall wird der »heimliche Kaiser« Hof halten; von hier aus wird er ein Schutz der geistig Schwachen sein, gerade wie der wirkliche Kaiser ein Schutz der wirtschaftlich Schwachen sein soll.

Aus alten Hufeisen schmiedet man die besten Toledoklingen, und aus alten Volksanschauungen die besten Geisteswaffen. Das Schmieden ist ein spezifisch deutsches Handwerk; Siegfried war ein Schmied ehe er ein Held wurde; und der ist der beste Held, welcher seine Waffen selber schmiedet. Auch der »heimliche Kaiser«, wenn er kommen sollte, wird etwas von dieser Eigenschaft an sich haben müssen. Das Feuer seines Geistes wird die alten Volksanschauungen zerschmelzen und die Kraft seines Arms wird sie zu neuen, und darum doch alten, streit- wie sieghaften Anschauungen umformen müssen. Möge er kommen!

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