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Rembrandt als Erzieher

Julius Langbehn: Rembrandt als Erzieher - Kapitel 23
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authorJulius Langbehn
titleRembrandt als Erzieher
publisherC. L. Hirschfeld in Leipzig
printrun72. ? 76. Auflage
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Von edlen Seelenkräften

1. Genie

Im geistigen Leben ist das Genie der speziell aristokratische Faktor; man hat ihn als solchen oft mißverstanden; ja gelegentlich, sogar in sein Gegenteil verkehrt. Wahrheit und Vornehmheit sind einander verwandt. Es ist eine Unwahrheit, wenn der geistig Geringere sich dem geistig Vornehmeren als gleichberechtigt gegenüberstehen will, wie etwa ein Eugen Richter einem Bismarck oder ein Nicolai einem Goethe; »wer einen tadelt, der stellt sich ihm gleich«, hat letzterer richtig bemerkt. Und der geistig Vornehmere würde sich seinerseits einer Unwahrheit schuldig machen, wozu er nicht fähig ist, wenn er seine tiefere Einsicht dem geistig Geringeren gleichstellen oder gar unterordnen wollte: daher die steten Kämpfe, denen das Genie ausgesetzt ist. Nicht nur in der Brust des einzelnen Menschen, sondern auch im Leben der gesamten Menschheit streitet die gemeine mit der höheren Natur. Das Genie vertritt die letztere; es ist vornehm, insofern es natürlicher und demnach wahrer ist, als andere Leute. Das Genie weiß die Welt im Grashalm, aber auch den Grashalm in der Welt, d. h. den Bau des Grashalms im Bau der gesamten Welt wieder zu erkennen; es steht zwischen den: Größten und dem Kleinsten; es spezialisiert und generalisiert zu gleicher Zeit. Es ist konservativ, weil es wahrt; und es ist liberal, weil es sich, d. h. seine eigene Individualität wahrt. Genie ist etwas sehr Einfaches und eben darum Seltenes. »Diejenigen Menschen, welche natürlich bleiben, nennt man Genies«, lautet ein sinn- und trostvoller Ausspruch Rahels. Genial ist derjenige, welcher seinem Genius folgt. Jeder Mensch erfreut sich eines solchen; mag dieser nun leise oder gewaltig seine Schwingen regen. Es kommt weniger auf die Höhe der Leistungsfähigkeit eines Menschen, als darauf an, daß er reale und ideale Interessen in sich gleichmäßig entwickele; es kommt auf Abrundung seines Wesens an. Da liegt's. Auch der Unbedeutende kann in seiner Art genial sein, wenn er seine Person zu vollkommenem Gleichmaß abrundet; und der Geniale wird es desto mehr sein, je mehr er ebendasselbe tut. Seinem Genius folgen, heißt den gegebenen und angeborenen Bedingungen seines inneren Daseins folgen; Genie, Genius, Generation entspringen einer und derselben Wortwurzel, welche den Vorgang der Zeugung und Abstammung bezeichnet. Wer seine eigene Natur verleugnet, kann nie schöpferisch sein; der Überfluß von Unnatur und der Mangel an Genie im gegenwärtigen Zeitalter sind notwendig miteinander verbunden. Nur wer natürlich ist, ist ehrlich; und nur wer ehrlich ist, kann die Wahrheit erkennen; in diesem Sinne sagt die Bibel: »Die Furcht Gottes ist aller Weisheit Anfang.« Alles Große entspringt aus der einen und einzigen Wurzel: dem Sittlichen. Natürlichkeit ist das Majestätsrecht der Menschheit; möchten es sich die Deutschen nicht nehmen lassen. Rembrandt ist, wie der wahrste so auch der genialste aller deutschen Maler, weil er der natürlichste aller deutschen Maler ist.

»Das Genie ist der Sinn für das Wesentliche«, hat man gesagt; man könnte hinzufügen: »Talent ist der Sinn für Nebensachen«; und es gibt offenbar sehr viele Talente im heutigen Deutschland. Sie stellen sich dem Genie gern mit Mißtrauen oder doch mit Ironie gegenüber; und bringen es so in Verruf. »Wer mich ein Genie nennt, den schlage ich hinter die Ohren«, sagt Lessing; Bismarck hat sich ähnlich geäußert; und beide sind – Genies. Gerade sie zeigen aufs deutlichste, was Genie ist und was es nicht ist. Paolo Mantegazza, ein italienischer Physiologe und Phraseologe von neuestem Datum schildert beispielsweise in seinen Estasi umane, wie Bismarck bei der Erinnerung an seine Erfolge und Moltke bei derjenigen an seine Siege in »Ekstase« gerate; sicher ein Gedanke, der an unfreiwilliger Komik nichts zu wünschen übrig läßt; man denke sich einen verzückten Bismarck oder Moltke! Eben der Mangel jeder irgendwie zu denkenden Ekstase bezeichnet das innerste Wesen jener Männer. Die landläufig-triviale Anschauung von dem, was Genie ist, ist wohl nie schlagender ad absurdum geführt worden, als durch jene wohlgemeinte Betrachtung des transalpinen Professors; südliche Phantasie und nordischer Wirklichkeitssinn beleuchten sich in diesem Fall gegenseitig; aber nicht zum Vorteil der ersteren. Der Romane versteht den Germanen nur selten; jener fühlt romanisch und romantisch; dieser denkt deutsch und deutlich. Wer das Genie für einen unerklärlichen und den Lauf der Welt unterbrechenden Faktor hält, gleicht dem Wilden, welcher den Weißen für einen Zauberer hält – weil dieser ein Schießgewehr handhabt. Auch zwischen dem Genie und dem Durchschnittsmenschen existiert nur eine Grad-, keine Grundverschiedenheit. Es gibt allerdings Ausnahmemenschen, aber nur der Quantität, nicht der Qualität ihrer natürlichen Gaben nach. Die Menschheit stuft sich allmählich ab – vom Genie bis zum Kotzebue.

Uebrigens gibt es nichts, was dem Wesen des echten Genies mehr entgegengesetzt wäre, als eine unklare Schwärmerei. Im Rausch vollbringt man weder Mannes- noch Künstlertaten. Es ist Zeit, sich von diesem Irrtum gründlich zu befreien. Das Gefühl, und selbst das schöpferische Gefühl, bringt so wenig ein Kunstwerk hervor wie der Farbenfabrikant ein Bild hervorbringt; beide liefern nur das Material, mit dem der Künstler arbeitet. Seine Tätigkeit, wenn sie echt ist, wird immer aus warmer Empfindung und kalter Aberlegung gemischt sein.

2. Besonnenheit und Genialität

Besonnenheit ist weit mehr ein Zeichen echten Genies, als Phantastik. Die Besonnenheit ist es, die den Gebildeten vom Barbaren unterscheidet. Man spricht von dunkler Barbarei; und deutet schon dadurch an, daß Bildung eigentlich in Klarheit bestehe: in Klarheit über sich selbst wie über die Dinge, wie über das Verhältnis beider zueinander. Der Mensch ist desto mehr Genie, je mehr er sich dem reinen Typus seiner Gattung: dem homo sapiens nähert; das horazische sapere aude – sei besonnen! – gilt noch heute; kurz, ein Genie ist derjenige, welcher stets und ganz intensiv besonnen ist. Besonnenheit, auf eine bestimmte Aufgabe gerichtet, bedeutet Konzentration; und Konzentration, aufs höchste gesteigert, bedeutet Schöpfung: darum ist das Genie schöpferisch. Diese Definition umfaßt gleichermaßen das militärische, politische, künstlerische, wie sittliche Genie; ihnen allen gemeinsam ist die hohe innere Sammlung; und weil diese in der unruhigen und zerstreuten heutigen Generation so selten geworden ist, ist in ihr auch das Genie so selten geworden. Zum Genie gehört zweierlei: etwas göttlicher Leichtsinn und viel menschlicher Scharfsinn. Die eigene Individualität freizulegen, sie von äußeren Schlacken und Zufälligkeiten zu reinigen, also Unnatur von sich fernzuhalten; das ist die eigentliche Tätigkeit des Genies.

»Wer so fleißig ist wie ich, wird solche Sachen machen wie ich«, hat Bach geäußert; und dieses verständige Urteil eines tiefdenkenden Künstlers erscheint eher geeignet, über das innerste Wesen des Genies aufzuklären, als die oft gehörten Meinungen weltunerfahrener junger Leute oder kunstunerfahrener Ästhetiker. Jener Ausspruch ist keine Bescheidenheitsphrase: er ist überhaupt nicht persönlich gemeint. Der große Mann, welcher aus dem Volke entsprungen ist, stellt damit sich selbst wieder mitten ins Volk hinein. Was ein Genie über sich selbst aussagt, ist glaubhafter, als was alle Talente oder Nichttalente über dieses vermuten. »Das Genie ist der Fleiß«, hat man auch gemeint; aber im Grunde ist der Fleiß nur ein Teil und eine Seite der Besonnenheit: er ist aktive Besonnenheit. Man fragte Newton, wie er eigentlich dazu gekommen sei, das Gesetz der Schwere zu finden; »weil ich immer daran gedacht habe«, erwiderte er.

Die wahre Bedeutung des Begriffs Genie wird sich am ehesten auf Gebieten zeigen, welche von seiner herkömmlichen falschen Anwendung gänzlich abliegen. Genial ist z. B. die Bemerkung Bismarcks: Daß der Kleinkaufmann sich seinen Käufern gegenüber stets im Vorteil befinde, weil er den reellen Wert seiner Waren besser kenne, als sie. Es ist eine Bemerkung, aus der sich sehr weittragende praktische wie sittliche Folgerungen ergeben; die fast jeder Mensch jeden Tag einigemal machen könnte; und die doch nicht so leicht jemand macht. Sie ist genial, weil sie das Wesentliche der Sache trifft! Und sie ist wichtig, insofern sie auch auf geistige Dinge übergreift. »Es ist schlecht ein Handel mit ihm zu machen, weil er seinen Wert ganz kennt«, schrieb Schiller über Goethe an Cotta – in Verlagsgeschäften; den Handel darauf zu gründen, daß der eine Teil den Wert der betreffenden Ware nicht oder nur teilweise kennt, wird sich sittlich kaum rechtfertigen lassen. Genial war es ferner von Bismarck, daß er unter den größten Schwierigkeiten 1866 die Einverleibung Sachsens in Preußen verhinderte; denn es war eine Tat der höchsten Besonnenheit; »ich sehe, daß auch Sie ein deutsches Herz in der Brust tragen«, sagte auf die Mitteilung davon später v. d. Pfordten zu ihm; aber ein so deutsches Herz Bismarck auch besitzen mochte, in diesem Fall war es mehr seine Vernunft als sein Herz, welches entschied. Der Süddeutsche nimmt das Genie gern von der Gefühlsseite; der Norddeutsche wendet sich eher der Vernunftseite zu; aber freilich ist diese nicht nur die Verstandesseite; denn die Vernunft umfaßt auch das Gefühl, der Verstand nicht. Genialität ist die Mischung höchster Besonnenheit mit höchster Leidenschaft; aber so, daß die Besonnenheit stets als die führende, die Leid enschaft als die geführte Kraft erscheint. Wie der Engel mit dem feurigen Schwert vor dem Paradiese, soll der Verstand vor dem Herzen Wache stehn.

Das Agens einer verhaltenen Leidenschaft unterscheidet die Besonnenheit von ihrer Karikatur, der Nüchternheit. Das Genie verbindet stets den lecken Wurf des Ganzen mit der sorgfältigen Durchführung des einzelnen; Lessings Bienenfleiß ist ebenso bekannt wie seine im besten Sinne »kecke« Polemik. Lessings und Goethes Keckheit, Klotzens und Nicolais Geckheit gehören zusammen, es sind Komplementärfarben. Auch dem größten Staatsmann unseres Zeitalters hat bekanntlich viel politische Geckheit gegenübergestanden. Fleiß und Keckheit sind zwei polare Strömungen, die zusammengehören: Bismarcks Politik war stellenweis sehr kühn; andrerseits bemaß sich die Zahl von Schriftstücken, welche jährlich das deutsche Auswärtige Amt passierten, nach Zehntausenden. Fleiß ist die Fähigkeit, seine ganze Persönlichkeit auf große und kleine Dinge innerlich zu konzentrieren; diese Konzentrationsfähigkeit hat nicht jeder; der gute Wille allein genügt dazu nicht. Er kann zwar blinden, aber nie sehenden Fleiß erzeugen; dieser ist eine Gabe von oben her. Bismarck war seinerzeit nicht nur der klügste, sondern wahrscheinlich auch der fleißigste Mann Deutschlands; und vielleicht nur jenes, weil er dieses war; er hatte die Gabe des Fleißes in einem so hohen Grade, daß sie ihm angeboren gewesen sein muß; es war seine zweite, aber auch seine – erste Natur; es war sein Genie. Der Geschäftsmann ist dem Feldherrn, dieser dem Politiker und dieser wieder dem speziell sogenannten Künstler darin verwandt, daß alle–disponieren. Disponieren heißt, Kleines und Großes zueinander in Verhältnis setzen. Das Große besteht nur durch das Kleine; und dieses durch jenes; aber beides muß, um lebendig zu wirken, in einer Hand vereinigt sein. Es ist die Hand des echten Künstlers; wenn sie das Herz des Menschen berührt, so macht sie es schlagen!

3. Kunstweisheit

Die Griechen, das genialste unter allen Völkern, waren zugleich das besonnenste unter allen Völkern. Besonnenheit ist diejenige Eigenschaft, welche auch den größten schöpferischen Geistern der nachgriechischen Zeit, mögen sie sonst unter sich noch so verschieden sein, gleichmäßig eignet; Shakespeare und Bismarck, Leonardo und Mozart, Bach und Rembrandt besitzen sie; und der letztere in den so tief durchdachten Licht- und Schattenwirkungen seiner Bilder nicht am wenigsten. Sein Kunst gefühl ist groß, aber sein Kunst verstand noch größer; ja man kann ihn fast als den hervorragendsten Vertreter einer rein überlegenden Kunst ansehen, den es je gegeben; denn kein Künstler hat jemals ein an sich so einfaches und einseitiges malerisches Rezept so unendlich abzuwandeln und so geschickt zu verwerten gewußt, wie er. Er ist in dieser Hinsicht ganz Kalkül und eben darum ganz – Genie. Die künstlerische Seele bedarf des Rechnens, wie das Ei der Schale; je unfruchtbarer die letztere an sich ist, desto besser dient sie dazu, das werdende Leben zu schützen. Rembrandt konnte jenes »Rezept« anwenden, weil er damit den innersten Charakterkern seines eigenen Volksstammes traf; ohne diesen würde ihm dasselbe zum Schaden gereicht, ihn der Schablone überliefert haben; mit ihm gelangte er zur Kunst des – Helldunkels. Rembrandt geht hier von einem Punkt, fast von einem Nichts aus; denn wenn irgendwo, so sind in der Kunst die Rezepte vollkommen nichtig; aber es ist ein archimedischer Punkt, von dem er ausgeht. Dem unerschöpflichen Reichtum, der ganzen weiten Welt den Erfindungen und Empfindungen in den Werten Rembrandts steht die Einseitigkeit und rein prinzipiell genommen sogar Dürftigkeit in der Technik derselben äußerlich zwar befremdend, innerlich aber ergänzend gegenüber. Ein Diamant, von reinstem Wasser, ist auch an sich eintönig; aber geschliffen erglänzt er wunderbar: es ist der Kalkül, welcher den Diamanten des Kunstgefühls schleift. Daß dieser Kalkül oft sehr rasch und, bei gehöriger Übung, fast unbewußterweise vor sich geht, ändert an der Tatfache selbst nichts, Übung macht den Meister; und besonders, wenn sie nicht mehr als solche empfunden wird. Der Kunstverstand erst gestaltet die künstlerische Individualität zu einem fertigen und in sich geschlossenen Ganzen; aber freilich der selbstgefundene und nicht irgend ein theoretisch angeeigneter Kunstverstand: der Diamant kann nur mit seinem eigenen Staube geschliffen werden. Die ältesten angelsächsischen Dichter wie die ältesten niederländischen Musiker, also die frühesten künstlerischen Vorfahren Shakespeares wie Beethovens, sind beide durch eine fast unglaubliche Formenkombinationsgabe ausgezeichnet. Alle künstlerische Weisheit ist nur bewußt gewordene und bewußt gehandhabte künstlerische Individualität. Das Kunstgefühl wagt und der Kunstverstand wägt; der Kriegsspruch: »Erst wägen, dann wagen« gilt also innerhalb der Kunst umgekehrt: sie schreitet von der Freiheit zur Gebundenheit fort. Sie wird; aber sie wird gesetzmäßig; und man nennt dies leben.

Rafaels Art, zu kalkulieren, weicht von derjenigen Rembrandts gerade so sehr ab, wie seine Naturanlage von derjenigen Rembrandts abweicht; beide brauchen ihren Verstand wie beide den Pinsel brauchen: aber zu ganz verschiedenen Zwecken. Sie konstruieren. Bei Rafael ist dies schon dem oberflächlichen, bei Rembrandt erst dem tieferen Beobachter klar. Nichts erscheint auf den, ersten Blick toter und unorganischer als ein Schneefeld; aber man braucht nur eine Fingerspitze voll davon aufzuheben, um zu sehen, daß es durch und durch organisch, kristallinisch, mathematisch geordnet ist; dieser Tod ist voll von Leben. Ebenso trägt jedes wahre Kunstwerk, mag es noch so form- und regellos aussehen, seine mathematischen Konstruktionsgesetze in sich. Der nordische Künstler hat seine Bilder dem Nebel abzuringen, welcher seine Heimat umschattet: daher das Dunkelgrollende in der Musik eines Beethoven wie in der Malerei eines Rembrandt. Man hat bezüglich Beethovenscher Musik von »Unspielbarkeit« und bezüglich Rembrandtscher Malerei von »Ungenießbarkeit« gesprochen; man hält für verworren, was mystisch ist: und irrt sich darin sehr. Je tiefer eine Individualität angelegt ist, desto tiefer sieht sie in die Welt. Freilich ist es nicht jedermann gegeben, in ihr Gesetzmäßigkeiten zu erkennen; wohl aber dem Genius. Die anscheinend form- und regellosen Bilder Rembrandts bestätigen dies; sie haben ihre eigene Mathematik für sich: es ist eine Mathematik der Schatten; sie operiert nicht mit Zahlen-, sondern mit Helligkeitsgrößen. Diese werden, ganz wie jene, nach ihren eigenen Gesetzen kombiniert. In der Kunst, gerade wie in der Natur, fühlt man die Gesetze eher als man sie erkennt; die Gesetzmäßigkeit sowie der Kalkül, aus welchem diese letztere entspringt, ist auch in Rembrandtschen Gemälden leichter zu fühlen als zu erkennen. Nur verhält es sich hier umgekehrt wie in dem obigen Fall: je weniger Schnee man nebeneinander sieht, desto organischer erscheint er; je mehr Rembrandtscher Bilder man nebeneinander sieht, desto organischer erscheinen sie. Sie gleichen in ihrer Gesamtheit einem vielflächigen Brillanten; dessen Lichtarchitektonik ist aber ebenso einfach nach ihrem Prinzip wie reich in der Anwendung; sie zeigt jene »Einheit in der Mannigfaltigkeit«, welches alles organische Leben erfüllt. Auf dem rechten Kalkül beruht die Höhe der Kunst wie des Krieges; in ihm begegnen sich Gedanke und Gefühl; er reklamiert und proklamiert die Einheit der Menschennatur, welche sonst so leicht und so oft verloren geht. Die Planeten – wörtlich: Irrsterne – haben ihren Namen daher, weil es den Alten schien, als ob deren Bewegungen willkürlich und mit denen des übrigen Sternenhimmels nicht in Übereinstimmung stattfänden; und doch sind gerade sie diejenigen Weltkörper, deren gesetzmäßiges Dasein dem der Erde am verwandtesten ist. So ist auch der scheinbar stil- und maßlose Rembrandt gerade derjenige Künstler, dessen innere Gesetzmäßigkeit der Natur der Deutschen am nächsten steht. Individualität scheint gesetzloser und ist gesetzmäßiger als Schablone. Außer Pindars Oden dürfte es auf künstlerischem Gebiet kaum etwas geben, was so intensiv durchkomponiert wäre, wie gewisse Bilder Rembrandts; allerdings komponieren diese beiden Meister anders als Homer und Rafael; und dies ist es, was so häufig übersehen wird. Die Empfänglichkeit des Publikums hat sich hier der Leistung des Künstlers, bis jetzt wenigstens, nicht gewachsen gezeigt.

Eine Geometrie im wörtlichen Sinne macht sich in den radierten Landschaften Rembrandts geltend; er bevorzugt hier die parallelen oder sich überschneidenden Linien; man kann diese Landschaften als Variationen über den flachen holländischen Horizont ansehen; sie sind fugenartig. Der Meister folgt darin nur einem nationalen Zug. Holland selbst ist – durch seine Deiche, Kanäle und geradegeschnittenen Äcker – wie mit Mathematik überzogen. Sie macht sich in seiner wie in sonstiger niederdeutscher Architektur und Architektonik geltend. An die friesischen Holzschnitzereien braucht nur erinnert zu werden; sie verlieren sich zuweilen sogar in mathematische Dürre. Den niedersächsischen Backsteinbau dagegen, wie er in Stralsund, Wismar, Rostock, Lüneburg usw. blühte, darf man einen im besten Sinne mathematischen Baustil nennen; er ist auf bloße Linienverhältnisse gegründet; und diese steigern sich oft zu reichster Wirkung, ja zu einem fast musikalischen Wohllaut der Form. Wie so oft wird auch hier die Musik aus der Mathematik geboren. »Alles muß zu Mathematik werden«, sagt in solchem Sinne bedeutsam genug Novalis. Und andere Helden des Geistes haben eben diesen Grundsatz praktisch betätigt. Dantes Poesie z. B. entspricht ihm völlig: sie bewegt sich in rein zahlenmäßigem Aufbau; und letzterer dient überlegterweise ihrer grandiosen Phantastik zum festen Gerippe. Auch Shakespeares Werke sind von geheimer Mathematik belebt; sie äußert sich bei ihm, in seinen Jugendarbeiten offener und in den späteren versteckter, als eine ganz verstandesmäßig berechnete, man möchte sagen, an den Fingern abgezählte Parallelität einerseits und Kontrastierung andererseits der einzelnen Szenen, Charaktere, Wendungen, ja Worte. Es behagt der Kraft, sich selbst zu bändigen. H. v. Kleist und Grabbe sind trotz ihrer Fehler als Menschen, gerade als Künstler und in ihren ausgereiften Werken, überaus verständig. Als Schumann einmal einen gemeinsamen Toast auf seine beiden speziellen Helden, Jean Paul und Bach ausbrachte, entsetzte man sich darüber; man wußte nicht, daß Ungebundenheit und Gebundenheit in der Künstlerseele sich oft seltsam mischen; ja, daß sie sich gegenseitig fordern, wie die Positive und Negative des elektrischen Stromes. Diese Pole stehen sich bald näher, bald ferner; bei Wagner z. B. fallen sie oft weit auseinander; finden sich dann aber auch wieder innigst bei ihm zusammen. Jeder Kristall hat seine besonderen Neigungswinkel; aber schön sind sie alle; von Dante bis Wagner. Kunstanlage beruht auf Individualismus, auf »Löwengeist«; Kunstbildung beruht auf Kalkül, auf »Insektengeist«; das Genie geht den Weg vom einen zum andern; und sein Volk folgt ihm darin. Es wird erzogen.

Deutschland hat diesen Weg erst teilweise zurückgelegt; es hat bisher mehr und anders kalkuliert, als seine Individualität erfordert; und das hat zersetzend auf seine Bildung gewirkt. Der deutschen Wissenschaft fehlt es an Kunst und der deutschen Kunst an – Mathematik. Kepler erweiterte die mathematische Weltanschauung dadurch, daß er künstlerische Prinzipien auf sie anwandte; ein heutiger künstlerischer Kepler hätte umgekehrt zu verfahren. Die Kunst ist einer derartigen Befruchtung aber erst dann zugänglich, wenn sie in gesunder Art individuell geworden ist.

4. Verständigkeit

Obwohl die Deutschen im Lauf der Geschichte sich oft als politische Konfusionsräte gezeigt haben, ist doch andererseits in ihrem »verständigen« Wesen eine starte politische Ader enthalten; und sie teilen diese Doppeleigenschaft mit den – Franzosen. »Gesunder Menschenverstand ist etwas Französisches«, sagt ein Sprichwort jenseits der Vogesen; es gilt dort, wiewohl oft und gerade jetzt dementiert. In der bekannten französischen clarté begegnen sich einigermaßen die Verständigkeit der Griechen und die der Deutschen; Frankreich hat im Norden viele germanische, im Süden einige griechische Elemente in sich aufgenommen; in der heutigen deutschen Bildungskonfusion könnte gerade ein derartiger Blick über die Vogesen hinüber nicht schaden. Das do, ut des gilt auch auf geistigem Gebiet und zwischen den Nationen. Vielleicht ist jener Punkt, wo sich deutsche Verständigkeit und französischer Klarsinn treffen, der einzige, von welchem aus eine Besserung der heutigen Beziehungen beider Völker sich erwarten ließe. Wie ein echtes und falsches Deutschtum, so gibt es auch ein echtes und falsches Franzosentum; und es liegt in der Natur der Sache begründet, daß letzteres in politischen wie geistigen Dingen bald seine günstige, bald seine ungünstige Seite, zuweilen auch eine Mischung von beiden hervorkehrt. Einen Denker von der Natürlichkeit Montaignes oder einen Dichter von der Grazie Molières hat Deutschland bisher nicht hervorgebracht. Die neuere französische Plastik wird von der gegenwärtigen deutschen nicht erreicht. Die französische Geistesverwirrung, wie sie jetzt öfters hervortritt, ist nur die Kehrseite der früheren und wahrscheinlich immer noch latent vorhandenen französischen Geistesgesundheit; gallo-romanische streiten sich dort mit griechisch-deutschen Einflüssen; ebenso steht es bei den Deutschen – soweit es sich um rein geistige Interessen handelt. Wie immer gilt es auch hier, auf die besten und tiefsten Züge des eigenen Volkscharakters mutig zurückzugreifen; sie sind dem unparteiischen Beobachter nicht verborgen; und kennzeichnen sich sogar äußerlich. In Holstein wie im Schwarzwald kann man zuweilen Bauernmädchen finden, welche in Haltung, Bewegung und Charakter an beste griechische Kunstwerke erinnern. Fremde Bildung wirkt desto segensreicher, je gründlicher sie der heimischen assimiliert wird; es sollte den Deutschen nicht schwer fallen, sich griechisches »Maß« zu assimilieren. Ihr verständiges Wesen bestimmt sie gewissermaßen dazu. In dieser Eigenschaft treffen echtes Griechentum, echtes Deutschtum und echtes Franzosentum zusammen. Wenn der Deutsche von der Schale auf den Kern des Griechentums vorgedrungen sein wird, dann hat er in seiner eigenen Erziehung einen bedeutenden Schritt vorwärts getan: nämlich den Schritt vom Schein zur Wahrheit. Anglomanie, Gallomanie, Gräkomanie – jede Art von Manie hat zu weichen und endgültig der Vernunft, dem Maß, dem wahren Deutschtum Platz zu machen.

Verständigkeit ist auch der Grundzug im Charakter der Bewohner der heutigen deutschen Hauptstadt: nämlich der wirklichen und eingeborenen Berliner; und ganz besonders in den niederen, von falscher Bildungstünche noch weniger angegriffenen Volksschichten. Diese sind schlicht und klar, wie ihr Weißbier; und es ist nicht unmöglich, daß auf und aus diesem gesunden Untergrunde noch einmal echte und höhere Bildungsinteressen emporwachsen; wie aus dem Preußen Friedrich Wilhelms I. später dasjenige Friedrichs II. und Wilhelms I. wurde. Geist entwickelt sich überall aus dem Lokalgeist; er ist in jenen niederen Berliner Volksschichten noch zu finden; sie entstammen durchweg dem sandigen Boden der Mark; sie sind von niederdeutscher Art; und können demnach möglicherweise als ein Bindemittel zwischen dem Geist der deutschen Hauptstadt und dem Geist des deutschen Volles dienen. Denn auf Bildungsfähigkeit kommt es an, nicht auf »Bildung«. Der Berliner Maurer, auch der von heute, ist originaler und deshalb bildungsfähiger als der Berliner Geheimrat; Zelter war der einzige persönliche Freund Goethes. Er war wie Goethes und aller edlen Bildung unversöhnlicher Feind, Nicolai, ein echter Berliner; aber er entstammte dem unliterarischen und volkstümlichen, nicht dem literarischen und »gebildeten« Berlin. Wie so oft, finden auch hier Gift und Gegengift sich nahe beisammen.

Das Vornehme und das Volkstümliche sympathisieren stets miteinander; und der Bildungsdünkel hat an keinem von beiden teil; er ist unfruchtbar. Verständigkeit dagegen, wenn sie sich mit Originalität paart, erzeugt Bildung; die heutigen Deutschen besitzen freilich Verständigkeit sowohl wie Originalität; aber leider haben sie nicht immer beides in- und miteinander. Das Volk soll nicht von den Gebildeten lernen, sondern die Gebildeten sollen vom Volke lernen – natürlich zu sein; denn darauf kommt es jetzt an. Also zurück zur heimischen Volksseele, meine Herren» wenn's gefällig ist; und zurück zur Naivität, wenn's möglich ist: zurück Zur Wahrheit und Natürlichkeit aber auf alle Fälle!

5. Kindlichkeit

Heroenzeit ist Kinderzeit. Wenn wieder eine deutsche Bildungsepoche kommt, welche Heldentum nicht nur durch Überlieferung, sondern auch durch die Tat kennt; wenn die Epigonen von heute sich in Progonen verwandeln wollen: so wird man noch einen weiteren Zug im deutschen Volkscharakter pflegen und hervorkehren müssen, der ihm mit dem Griechen gemein ist. Der echte und reine Deutsche hat, mehr als sonst irgend andere Völker, etwas Kindliches in seinem Wesen: er gleicht darin den alten Griechen. »Droben überm Sternenzelt muß ein großer Vater wohnen«; diese Worte, welche Schiller gedichtet und Beethoven komponiert hat, spiegeln die arische Grundnatur am tiefsten und reinsten wieder. Der deutsche »Allvater«, der griechische »Vater der Götter und Menschen«, der christliche »Vater unser, der du bist im Himmel« sind ihrem letzten Ursprünge nach identisch. Im Auge liegt die Seele und so auch die Seele des Kindes. »Das schönaugigste aller Völker« werden die Griechen von einem antiken Schriftsteller genannt; und ein schönes, blaues, deutsches Auge dürfte unter den gleichen modernen Völkern den Vorzug beanspruchen. »Ihr Hellenen bleibt doch immer Kinder«, sagte einst ein ägyptischer Priester zu Solon; und zwar sehr richtig: die Griechen erfüllten teilweise schon von Natur aus die Forderung Christi: »Werdet wie die Kindlein.« Im Kindlich-Menschlichen also vereinigen sich die beiden Hauptfaktoren der bisherigen deutschen Bildung: Griechentum und Christentum. Aber freilich ist es immer wieder der Geist, keineswegs der Buchstabe des Griechentums, um den es sich hier handelt; von dem letzteren bieten die heutigen deutschen Gymnasien genug und zuviel; von dem ersteren in der Regel wenig. In diesem Sinne ist also das »small latin and less greek«, welches man Shakespeare zuschrieb, auszulegen wie anzuwenden. So modern Shakespeare ist, war er doch mehr Grieche als die Leute, welchen ihm seinen Mangel an griechischer Buchstabenbildung vorwarfen; und auch weit mehr als die jetzigen offiziellen Vertreter der letzteren.

Eine gewisse Kindernatur ist vielfach noch den heutigen Neugriechen eigen; nicht minder ist sie in hervorragenden Männern der germanischen Vergangenheit zu erkennen. Walther von der Vogelweide, Dürer, Mozart, Burns, Hölderlin u. a. sind bestätigende Beispiele dafür; in ihnen begegnen sich, auch ohne daß sie es wußten oder wollten, Griechentum und Christentum; sie weisen daher den Weg, welchen die deutsche Kultur in ihren höchsten Bestrebungen zu gehen hat: nämlich zugleich Kind und Künstler zu sein. Rafael leitet von den Griechen zu ihnen hinüber. Diesen Geistern und ihresgleichen gehört das Beste der Zukunft – weil ihnen das Beste der Vergangenheit gehört! Griechentum wie Christentum, Kindlichkeit wie Menschlichkeit blühen in ihnen, tragen in ihnen Frucht; und die Deutschen können stolz darauf sein, daß es im tiefsten Grunde deutsche Geister sind.

Goethe wurde noch in seinem späteren Alter von Übelwollenden gerade das vorgeworfen, was der ägyptische Priester dem Solon vorhielt: daß er ewig ein Kind bleibe; und wenn Friedrich II., mitten zwischen zwei entscheidenden Schlachten des Siebenjährigen Krieges, im Lagerzelte seinem Vorleser de Catt ein ganzes Menuett vortanzt, so zeigt dies, daß auch in seiner einsamen und stolzen Seele der gleiche Zug schlummerte. Die deutschen Männer des Worts wie der Tat tragen ihn fast ausnahmslos. Er ist ihre edelste Zier. Und es ist vielleicht die ärgste Schuld der gegenwärtigen Zeit, daß sie unter den: Wüste einer äußerlichen Bildung diesen Zug erstickt oder doch versteckt hat. Der Siegfriedsmut ist ihr verloren gegangen! Wer seine Männlichkeit mit seiner Kindlichkeit bezahlt, macht ein schlechtes Geschäft; wer jene zu dieser addiert, ein gutes; eine organische Entwicklung kann ohne solches Addieren nicht vor sich gehen. Daß Rembrandt ganz dieser Forderung entspricht, wurde schon oben erwähnt. Vor Gott und dem Kinde ist alles gleich. Kinder haben einen tiefen Ernst; sie sind nach einer Bemerkung Goethes »unerbittliche Realisten«; aber es ist echter nicht falscher Realismus, der sie erfüllt; er ruht auf idealem Grunde. Nur die zarten Fibern eines kindlich empfindenden Herzens besitzen jene gleichzeitige Eindrucks- wie Ausdrucksfähigkeit, welche den wahren Künstler macht. Wenn das Kind den Stuhl schlägt, an den es sich gestoßen hat, so ist es Poet; es beseelt das Leblose; es anthropomorphisiert; es schafft. Der Deutsche ist ein grübelndes und zuweilen raufluftiges, aber dabei doch spiel- und sangesfrohes Kind; und ein ebensolcher Mann; der Grieche war ein innerlich wie äußerlich vorzugsweise schönes Kind; und ein ebensolcher Jüngling. Eben diese Eigenschaften mildern sich in den weiblichen Typen beider Völker zu einigermaßen ergänzenden Zügen. Die griechische Anmut ist heiter, mit einem Anflug von Sieghaftem; die deutsche Anmut ist demütig, mit einem Anflug von Schmerzhaftem: eine Athene mit der Siegesgöttin auf der Hand ist dort, eine »schmerzhafte Muttergottes« hier ein Spiegelbild der betreffenden Volksnatur. Frauen und Kinder sind sich geistig verwandt.

Schiller, in welchem sich deutscher, kindlicher Idealismus und deutscher, männlicher Ernst schön vereinen, hat auf den Kunsttrieb des Kindes, sein »Spielen« und das sich daraus entwickelnde »Spiel der Kräfte« im Menschen hingewiesen. Wäre er selbst, nach seiner angeborenen Charakterart, noch etwas mehr Kind gewesen, so würde er als praktischer Künstler mehr geleistet haben wie jetzt. Sein Idealismus war nicht zu kindlich, sondern gegenteils nicht kindlich genug; er trug noch etwas zu sehr die Spuren eines rein abstrakten Denkens an sich. Kindernatur ist konkret. Ein Kind sieht ungemein deutlich und oft deutlicher als Erwachsene; doch ist sein Horizont durch mangelnde Erfahrung negativ wie der des Künstlers durch vorhandene Individualität positiv eingeschränkt: beide sehen nicht weit über die Welt weg, wohl aber oft tief in sie hinein. Sie leben in einer Art von geistigem Zwielicht; sie sind Helldunkel. Dämmerung ist dem doppelten Gesicht günstig: und somit auch dem künstlerischen Schauen. Der Künstler ist desto mächtiger, je beschränkter d. h. individueller er als Mensch ist; und in seiner Tätigkeit ist er desto deutlicher, je dunkler d. h. kindlicher er selbst als Mensch ist. »Die Natur ist einfacher als man begreifen und zugleich verschränkter als man sagen kann«, erklärt Goethe. Diesen geheimnisvollen Wegen der Natur hat man sorgsam zu folgen.

Christus, das Kind, ist auch im höchsten, nämlich im religiösen Sinne Künstler; in jener wie in dieser Hinsicht zeigt er sich als ein solcher »Realist«, daß er mit seinem eigenen Fleisch und Blut malt; daß er sein Kunstwerk nicht außer sich, sondern in sich hinstellt; und daß ihm der gesamte Himmel zum Rahmen desselben kaum groß genug ist. Kinder produzieren nicht Kunstwerke, sondern agieren selbst als Kunstwerke; sie spielen: solange sie noch klein sind, in heiterer und wenn sie erst erwachsen sind, in erhabener Art. Die Tragödie des Kindes – es ist eigentlich die eines jeden Kindes –. welches die Schlechtigkeit der Welt zum ersten Male kennen lernt, ist vielleicht die traurigste aller Tragödien. Wenn sie sich durch ein ganzes Leben hinzieht, vermag sie das »Mitleid« und die »Furcht« einer Welt zu erregen: so in erhabenster Steigerung im Leben Christi. Es ist ein Spiel, ein tief erschütterndes Trauerspiel!

Hinsichtlich der Kindernatur gilt es noch, eine Art von optischer Täuschung zu zerstören; in reinen Menschen hat man oft etwas Kindliches gefunden; aber es ist umgekehrt: in den Kindern liegt noch das rein Menschliche. Und dieses, als das Wesentliche, ist das Primäre. Ebenso auf volkstümlichem Gebiet: das Volkstümliche ist keineswegs bäuerlich, aber wohl ist der Bauer volkstümlich: Subjekt und Prädikat dürfen hier nicht verwechselt werden. Durch ihre kindliche Anlage sind also die Deutschen ganz besonders zur – Menschlichkeit befähigt. Liebe, die Wurzel alles Guten, ist, natürlich betrachtet, vorwiegend eine Eigenschaft der Jugend und der Arier.

6. Vornehmheit und Natürlichkeit

Es ist ein seiner Zug der Natur, daß das einfach Menschliche zugleich das hoch Vornehme ist. Nur der kann vornehm sein, der natürlich ist, und nur der darf sich natürlich geben, der vornehm ist. Den geistigen Aristokraten wird es stets zur Ungezwungenheit sowie den unverdorben Empfindenden stets zum geistigen Aristokratismus ziehen; das Volk und seine Helden gehören zusammen. Shakespeare ist der vornehmste aller Dichter, weil er der natürlichste aller Dichter ist; seine Werke erscheinen weniger als Erzeugnisse der Kunst wie der Natur; und darum sind sie vornehm wie diese – wann und wo sie rein auftritt.

Schlichter Volkscharakter, reich nuanciert und vielseitig vertieft und zum Ausgangspunkt aller Bildung gemacht, würde dem heutigen deutschen Geistesleben einen vornehmen Stempel aufdrücken; aus ihm würde eine Saat von – Persönlichkeiten hervorgehen; und nur solche können gebildet sein. Viele Bildungen machen erst die Bildung. Rembrandt kann als ein entscheidendes Gegengewicht gegen die weitgediehene Trivialität der heutigen Bildung dienen; der Begriff und die Betätigung echter Vornehmheit fehlt dem heutigen Deutschen durchgängig; und dieser Mangel ist ein wesentlicher. Denn er schließt den eines feineren geistigen Lebens in sich. Die betreffende Patinader Edelrost einer großen geschichtlichen Vergangenheit, erzeugt sich zwar natürlicherweise erst mit der Zeit; aber es ist doch gut» die Augen schon möglichst früh an jene zu gewöhnen: an den äußeren Eindrücken schult sich der innere Sinn. Innerhalb der deutschen Bildung macht sich jener Mangel auf mancherlei Art bemerkbar; sie ist reich an Trivialitäten, Spezialitäten, Velleitäten; einem lebendigen Adel der Gesinnung widerstrebt sie gern. In der gesamten schönen Literatur erscheint Graf Moltke als der einzige wirklich vornehme Schriftsteller; in der Malerei hatte Feuerbach einen vornehmen Zug, aber es erging ihm schlecht genug.

Wie Volkstümlichkeit von Reklame, so ist Salonton von Vornehmheit höchst verschieden. Rankes Vornehmheit ist lediglich eine solche der Kritik, nicht der Seele; es ist nicht eine Vornehmheit Rembrandts, sondern eine solche Lessings; die beiden »Friesen« treffen sich in der Fremde. Rembrandt ist volkstümlich und vornehm Zugleich; eben dadurch wird er zu einem sicheren Maßstab für andere, seien es echte oder falsche Größen. Eugen Richter und Kotzebue sind teilweise volkstümlich, aber sie sind nie vornehm; Metternich und Voltaire sind teilweise vornehm, aber sie sind nie volkstümlich. Blücher und Fritz Reuter sind völlig volkstümlich, es strömt etwas vom Herzblut des Volkes in ihnen; aber der goldene Schimmer einer inneren Vornehmheit fehlt ihnen. Clausewitz und Novalis sind völlig vornehm; aber sie sind nicht volkstümlich; den ungebildeten Deutschen ist nicht einmal ihr Name bekannt. In der heutigen deutschen Gesellschaft sucht man vergeblich nach weiblichen Typen, wie sie uns die Meisterhand eines Liotard und anderer Künstler der Rokokozeit in sprechender Lebendigkeit aufbewahrt hat; es geht ein geistig aristokratischer Zug durch sie, den die heutige Damenwelt öfters vermissen läßt; gesellschaftlicher Luxus, gemeinnützige Bestrebungen von mehr äußerlicher Art oder gar die literarische Produktionsweise von heute können ihn nicht ersetzen. Der »prometheische Funke« leuchtet oder – verglimmt auch in Frauenköpfen; sie sind sogar vorzugsweise das Thermometer des Zeitgeistes; denn sie reflektieren uns nur, deutlich und abgeklärt, den männlichen Geist ihrer Zeit.

Jener rein menschliche Adel der Gesinnung, welcher in Schiller, Hölderlin und manchen ihrer geringeren Zeitgenossen lebte, ist ausgestorben; oder er tritt mindestens nicht ans Tageslicht. Ähnliche Erscheinungen sind im heutigen oder künftigen Deutschland erst wieder zu erwarten, wenn man auch dort zu einer freien und naturgemäßen Allgemeinbildung zurückgekehrt ist. Die Ungezwungenheit und Natürlichkeit der menschlichen wie künstlerischen Existenz eines Rembrandt wird hier gute Dienste leisten. Trotz seines derbsinnlichen Äußeren ist dieser eben doch ein ausgesprochener Geistesaristokrat; man erkennt dies am besten, wenn man seine Werke mit denen der holländischen Kleinmaler, den Vertretern eben jenes niederen Volkes in der Kunst vergleicht. Auch seine Freundschaft mit dem späteren Bürgermeister Six von Amsterdam, dem Haupte einer hocharistokratischen Familie und danach auch eines hocharistokratischen Gemeinwesens, ist hiefür bezeichnend. Rembrandt kann, richtig verstanden, den Deutschen die Vornehmheit inokulieren; und eine solche Impfung würde sie gegen manche Krankheit schützen. Beispiele wirken; vielleicht kommt dem jetzt so rauch- und pulvergeschwärzten Antlitz des Deutschen von dem niederländischen Farbenkünstler her, noch einmal etwas frische und feine Farbe.

Wo Kraft sich mit Selbstbewußtsein, wo Heiterkeit sich mit Ernst mischt, da wird sich auch schließlich jene sozial und politisch vornehme Gesinnung einstellen, welche die schönste Zier der Nationen ist. Wer auch eine derartige Vornehmheit kann sich nur von innen nach außen entwickeln: der Deutsche soll vornehm sein, nicht vornehm tun. Sinnlichkeit, ohne eine Spur von Gemeinheit, ist immer vornehm; in diesem Sinne hat jedes Kind nicht nur moralisch etwas Heiliges, sondern auch künstlerisch etwas Vornehmes an sich; und dieselbe Eigenschaft kommt jedem Künstler, soweit er Kind ist, zu; die Griechen, die Renaissanceitaliener, Shakespeare bestätigen es. Der aristokratische Charakter aller Kunst, den man von jeher erkannt hat, ist also tief begründet und er läßt sich noch von verschiedenen anderen Seiten rechtfertigen. Schon weil die Kunst höheren Interessen der Menschheit dient und diese stets nur einer Minderheit der Menschen ernstlich am Herzen liegen, ist sie aristokratisch. Sie ist es auch darum, weil sie männliche Selbständigkeit verlangt; es ist vornehmer, auf eigenen Füßen zu stehen, als sich zum Sklaven fremder und falscher Theorien zu machen. Bemerkenswert ist, daß in Hannover die sogenannten »schönen Familien« die dortigen vornehmen Familien sind; gerade dies Land ist ein echt- und urdeutscher Boden; es zeigt sich mithin deutlich, daß das künstlerisch Schöne und das politisch Vornehme auch in der Ursprünglichen deutschen Volksauffassung zusammengehen. Diese beiden geistigen Faktoren haben sich in der Vergangenheit und – Gegenwart voneinander getrennt; sie sollen sich in der Zukunft wieder vereinigen. Das deutsche Volk soll eine im besten Sinne »schöne Familie« bilden; und zwar besonders seinen nächsten Vorfahren wie seinen nächsten Nachbarn gegenüber. Es soll den höheren menschlichen Interessen dienen.

Die neue Zeit wird unter neuen Zeichen stehen; sie wollen beachtet und gedeutet sein; sie wollen befolgt sein. Es ist längst bekannt, daß das menschliche Blut Eisen enthält; Blut und Eisen haben das jetzige Deutsche Reich nach außen gegründet. Das menschliche Blut enthält aber nach neuesten chemischen Untersuchungen auch Gold; und nur wenn das Gold echter Vornehmheit dem eingeborenen deutschen Charakter erhalten bleibt, so wird jenem gewaltigen äußeren ein ebenso gewaltiger innerer Aufschwung des deutschen Volksgeistes folgen.

7. Bescheidenheit

Wer soll Herrscher sein? Der Bescheidenste. Freilich kann derjenige, welcher nichts ist, leicht bescheiden sein; oder vielmehr er kann es nie sein; denn Bescheidenheit entsteht nur durch Subtraktion: indem man seine Ansprüche von seinen Fähigkeiten abzieht. Mögen alle diejenigen Deutschen, an welchen etwas zu subtrahieren ist, sich diesem Wettkampfe stellen! Eine nationale, geistige, sittliche Reform in dem Zeichen der »Bescheidenheit« würde eine echt deutsche Reform sein. Denn der Deutsche ist von Haus aus bescheiden; er ist es freilich neuerdings nicht immer geblieben; eben darin, das; er zu dieser seiner Grund- und Ureigenschaft zurückkehrt, besteht auch hier die Rückbildung – Reform – welche ihm nottut. »Mich dünkt bei den Deutschen zu bemerken, daß ihnen das Irren und sich Aufblasen nicht ganz natürlich und bequem ist; sie haben nur Grazie in der strengen Ausübung von dem, was sie für wahr und recht erkennen«, hat Rahel gesagt. Der Besonnene ist bescheiden und der Bescheidene ist besonnen. Nur wer staatsklug und bescheiden zugleich ist, kann dauernd die Welt beherrschen; darf sie beherrschen; soll sie beherrschen. Gerade in einer Zeit des Egoismus ist bei sonst gleichem Kraftmaße der Strebenden derjenige unter ihnen der mächtigste, welcher keinen Egoismus besitzt; denn ihm ist alsdann eine Schranke weniger gezogen als den andern. Uneigennützigkeit aber ist der höchste Grad von Bescheidenheit; der Eigennützige ist mächtig, der Uneigennützige mächtiger. »Rechtschaffenheit ist die beste Politik«, hat Macaulay gemeint; man könnte diesen Spruch dahin erweitern, daß man sagte: »Uneigennützigkeit ist die beste Politik.« Die Deutschen könnten ein erstes unter allen Völkern der Erde sein, wenn sie ihre bisherigen Erfolge festhalten und ausdehnen, außerdem aber ihre frühere Bescheidenheit wiedergewinnen würden. Zug und Gegenzug ergeben erst die Harmonie. Der Deutsche sollte nunmehr wieder das werden, was er in seiner ursprünglichen Kunst wie Poesie ist: der milde Mann! Dieser Ausdruck ist die wörtliche Übersetzung von gentleman; und gentle Shakespeare wurde dieser, einer der edelsten aller bisherigen Deutschen, von seinen Zeitgenossen genannt; hier ist das Ideal des Deutschen! Ein künftiger Linné des Geistes wird die Gattung Mensch vielleicht nicht nach der Weisheit, als Koma sondern nach der Güte, als vir benevolus bezeichnen. Und darin wäre sicher ein Kulturfortschritt zu erkennen. »Unser höchstes Ziel besteht gar nicht darin, zu wissen, sondern gut zu sein«, hat ein trefflicher Deutscher von heute gesagt.

»Selig sind, die da geistlich arm sind.« Findet die deutsche bildende Kunst wieder einmal in einer einzelnen Persönlichkeit ihr Zentrum wie die deutsche dichtende Kunst es in Shakespeare besaß, so wird eine solche Persönlichkeit sicher von der »einfältigen« Art sein. Je weniger sie scheinen wird, desto mehr wird sie sein; und je mehr sie sein wird, desto weniger wird sie scheinen. Die Kunst soll erheben und vertiefen, nicht blenden; künstlerische Simplizität, hoheitsvoll wie bei Leonardo oder demütig wie bei Rembrandt, ist daher das beste Erziehungsmittel für den unruhigen und zerstreuten großen Haufen, für die Beschauer, für das Publikum.

Kein Maler hat so zahlreiche Selbstporträts hinterlassen wie Rembrandt; und einem flüchtigen Beobachter könnte dies wohl als Selbstgefälligkeit erscheinen; aber in Wahrheit beweist er gerade dadurch seine vollkommene Unparteilichkeit, Sachlichkeit und – Unscheinbarkeit. Er sagt gerade heraus, was er meint, wie ein Kind: er greift zu dem Nächsten, wie ein Kind; er hat keine Nebengedanken, wie auch ein Kind sie nicht hat. Die »Einheit in der Mannigfaltigkeit«, welche aller Kunst und die Fähigkeit, simple Motive ins Unendliche zu variieren, welche dem niederdeutschen Charakter zugrunde liegt, betätigen sich hier aufs schönste. Rembrandt betont sein Ich; Shakespeare läßt es verschwinden; mag aber die schöpferische Geisteskraft den Weg vom Allgemeinen zum Besonderen oder den umgekehrten einschlagen, sie gibt und kann nichts anderes geben als was sie selbst ist. Das Beispiel der Genannten bestätigt dies aufs neue; und Christus zeigt in allerhöchstem Maße jene Eigenschaft: sein Ich zu betonen, indem man auf dasselbe verzichtet und es schließlich sogar vernichtet: »Wer sein Leben verliert, der wird es gewinnen.«

Von den »geistig Schwachen« gibt es leider heutzutage genug; nur wenige Deutsche lassen sich von dem modernen Bildungsschwall nicht einschüchtern; ihr Joch drückt sie hart! Diesen wissensbedrängten und kunstbedürftigen Seelen von heute bleibt nur eine Wahl: sich einer äußerlichen Bildung ab- und echter Herzenseinfalt wieder zuzuwenden. Wie und bis zu welchem Grade dies dem einzelnen gelingt, das hängt von seiner Persönlichkeit ab; aber keiner darf den ernstlichen Versuch dazu unterlassen. Sie sollen wieder geistlich arm werden! Das Evangelium Christi ist noch nicht tot; und es kann auch weltlich angewandt werden; denn seine geistlichen Wahrheiten sind auch geistige Wahrheiten.

8. Ehre und Sitte

Eine falsche Kultur schwächt nicht nur geistig, sondern auch sittlich. Wie die Wissenschaft in ihrem letzten Grunde auf den Menschen, so führt der Mensch in seinem letzten Grunde auf das Sittliche. Auf diesen Punkt wird also der deutsche Mensch und der deutsche Künstler sein festes Augenmerk zu richten haben.

Ehrenmann ist ein Minoritätsbegriff. Ehre ist nie allgemein; sie kann nur im Gegensatz zur Unehrenhaftigkeit gedacht werden; und ist also ein aristokratischer Faktor. Im Konflikt zwischen Vorteil und Ehre entscheidet sich bei vollkommen freier Wahl immer nur eine Minderheit der Menschen für die letztere. Die Ehre des Künstlers besteht darin, seinem besten Selbst treu zu bleiben unter allen Umständen. Er berührt sich darin wieder mit dem militärischen Geist. Die Ehre des deutschen Offiziers gibt sich vorwiegend nach außen hin kund, aber sie ist darum nicht weniger innerlich gemeint; die Ehre des deutschen Künstlers richtet sich wesentlich nach innen, aber sie sollte sich trotzdem nicht minder äußerlich dartun. Er kann darin von dem heutigen Krieger noch viel lernen; Integrität der Persönlichkeit, Integrität der Gesinnung, Integrität des Handelns ist beiden gemeinsam oder sollte es wenigstens sein. Also auf Charakter kommt es an! Die Gedankenblässe der gegenwärtigen Bildung ist oft genug der »blassen Furcht« verwandt. Fürst Bismarck hat in seiner Reichstagsrede vom 6. Februar 1888 gesagt: »Die Tapferkeit ist bei allen zivilisierten Nationen gleich.« Er hat damit bewußter- oder unbewußterweise die große und weitgreifende Wahrheit ausgesprochen, daß Tapferkeit auch einen Teil der Zivilisation bildet; daß also nicht nur geistige, sondern auch moralische Kraftleistungen dem »zivilisierten« Menschen zukommen. Die neueste deutsche Bildungsfrage ist nicht zum wenigsten eine Frage des Mutes. Der zivilisierte Deutsche wird seine Tapferkeit darin zu zeigen haben, daß er den Mut besitzt – echt und selbständig zu sein, auch auf geistigem Gebiet. Er wird sich gegen den Ansturm äußerlicher Einflüsse zu wahren haben; von ödem Strebertum und oder Plutokratie hat er sich gleich fern zu halten.

Das Parvenütum von heute beruht auf sittlicher Halbbildung und führt zu sittlicher Mißbildung; der Pöbel im Frack kann nicht scharf genug gegeißelt werden. Wer auf mehr oder minder ehrenvolle Weise zu einem Haufen Geldes gelangt ist, darf darum noch lange nicht »vornehme« Allüren annehmen; so mancher moderne Trimalchio hält sich einen Bedienten; läßt er sich aber einmal auf geistige Fragen ein, so redet er sich um den Hals. Es wäre zu wünschen, daß einem solchen unwahren und frivolisierenden Treiben, das vielfach soziale Fäulniskeime in sich birgt, auch einmal von oben her Einhalt geboten würde; daß die besseren Klassen sich ihm endgültig entziehen würden: wir wollen Reinlichkeit! Eine adelige oder bürgerliche Gesellschaft, welche Leute, die das Zuchthaus mit dem Ärmel gestreift haben, auch nur unter sich duldet, ist verloren. Hier liegen die wahren Keime zur Revolution! Für eine Reform des deutschen Gesellschaftslebens gibt es nur eine einzige Vorbedingung; es ist die folgende: daß man den gesellschaftlichen Wert eines Menschen nicht nach dem Gelde abschätzt, das er besitzt. Dieser letztere Standpunkt, der denkbar roheste, ist leider jetzt nur zu häufig der maßgebende; man sieht infolgedessen den Offizier zum Heiratsspekulanten und den Künstler zum Salonstatisten herabsinken; gibt man diesen Standpunkt nicht auf, so wird das deutsche Gemüt veröden. Das goldene Kalb muß umgestürzt werden. Selbstverständlich aber wird die Erfüllung einer solchen Forderung einen gewissen sittlichen Aufschwung des deutschen Volkes voraussetzen. Ohne einen solchen ist nie Großes gelungen; und ohne einen solchen, darf man hinzufügen, werden die Deutschen nie sie selbst sein. Der moderne Mensch, welcher auf seine Modernität so stolz ist, sollte endlich aufhören, sich seine Weltanschauung vom ersten besten Kellner diktieren zu lassen. Es gibt noch eine andere Noblesse als die, welche sich durch Trinkgeldergeben äußert. Geld zu haben ist für den Menschen ebenso notwendig, wie die physiologische Entlastung seines Körpers von gewissen unreinen Stoffen; aber darum diese letztere Funktion für den Mittelpunkt des Lebens zu erklären, wäre doch verfehlt. Das neunzehnte Jahrhundert predigte fast solche Ansicht. Sie muß bestritten werden. Der eigentliche Daseinskampf des modernen Menschen ist der nicht materielle, sondern sittliche Kampf gegen das Geld: er soll es sich, aber nicht sich ihm unterjochen; der moderne Siegfried – der wiedergeborene Deutsche – soll diesen gleißenden Drachen töten. Für ihn handelt es sich hier um einen heiligen Krieg und zugleich um das höchste aller sozialen Probleme; es handelt sich um den Kampf der Seele gegen das Seelenlose; und wenn man will. Gottes gegen den Teufel. Denn Sittlichkeit ist nur da, wo Seele ist. In der Sittlichkeit aber gibt es, wie überall, nur ein Vor oder Zurück, kein Stehenbleiben; dies möge man bedenken.

Offiziere, Gelehrte, Künstler vergeben sich etwas, wenn sie an Genußsucht mit dem Bankier wetteifern. Der rohe Geldkultus ist ein nordamerikanischer und zugleich schlechtjüdischer Zug, welcher in dem jetzigen Berlin mehr und mehr überhand nimmt; eine deutsche und ehrenfeste Gesinnung sollte demgegenüber ganz entschieden Stellung nehmen. Es ist roh und plebejisch, sich an einer Geselligkeit zu beteiligen, welche auf platte Sinnlichkeit und leere Renommisterei gegründet ist; welche der wahren, inneren Bescheidenheit entbehrt; welche weder sittlichen noch geistigen Gehalt in sich hat. Solche Geselligkeit war in dem Berlin Friedrich Wilhelms II. zu Hause; und sie taucht im jetzigen Berlin stark wieder auf; ja sie verbreitet sich von dort aus mehr und mehr auf andere große Städte. Wer kein »Haus« hat, der soll auch keins machen. Offizier- und Beamtenkreise sollten hier mit gutem Beispiel vorangehen und zu einer edlen Nüchternheit des materiellen Lebens zurückkehren. »Repräsentieren« wird sonst »Lügen«. Gastereien auf geborgten Schüsseln fehlt das süße Aroma des eigenen Herdes. Gastlichkeit besteht nicht darin, daß man den Geldbeutel zieht und für einige Leute das Essen und Trinken bezahlt; sie besteht darin, daß man andere an dem Geist wie der Lust des eigenen Hauses teilnehmen läßt. Das ist deutsche und individuelle, jene andere ist schablonenhafte und Berliner Gastlichkeit.

»Alles was die Individualität vernichtet, ist Despotismus, mit welchem Namen man es auch bezeichne«, bemerkt ein so ausgesprochener Realist wie John Stuart Mill. Mögen mithin diejenigen Deutschen, welche der Veredelung der Individualität huldigen, zusammenhalten; trage jeder von ihnen den leuchtenden Kranz auf der Stirne, der ihn zu einem Priester höheren Menschentums macht. Dann wird das Individuum, der einzelne, der Mensch, wieder zu seinem Rechte gelangen. Das Recht des einzelnen ist hier das Recht aller.

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