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Rembrandt als Erzieher

Julius Langbehn: Rembrandt als Erzieher - Kapitel 22
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authorJulius Langbehn
titleRembrandt als Erzieher
publisherC. L. Hirschfeld in Leipzig
printrun72. ? 76. Auflage
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Menschentum und Volkstum

Der Weg des modernen Menschen geht von der Zweiheit zur Einheit, von der Spaltung zum Zusammenschluß, vom Spezialisten zum – Menschen. Dieser ist das alte und doch so neue Endergebnis aller Bildung; auf ihn hat alle Erziehung hinzuwirken; ihn hat sie zu schaffen. Die moderne Menschheit, welche sich nach zwei Seiten hin spaltet: in Geschäftsgeist und Gelehrsamkeit, Unbildung und Überbildung, falsche Sentimentalität und falsche Geistigkeit – sie macht einem natürlich empfindenden Menschen, in dem jetzigen Zeitalter der Museen, nur allzusehr den Eindruck, welchen einem völlig naiv empfindenden Menschen von heute eine Antikensammlung macht: er sieht nur Körper ohne Köpfe und Köpfe ohne Körper. Solcher Anblick kann leicht eine Art von Totengräberhumor wecken; aber dieser ist unfruchtbar; wie alle Ironie. Es gilt vielmehr, auf Heilmittel zu denken. Wie ein Mensch, so assimiliert sich auch ein Volk den Dingen, die es liebt; möge das deutsche Volk jetzt wieder seine Liebe zum Ganzen wenden; so wird es auch selbst wieder zum Ganzen werden. Eine Gestalt wie Rembrandt kann, wenigstens für Deutschland, die Brücke schlagen zwischen dem zerstückelten Menschen von heute und den: ganzen Menschen der Zukunft. Aus dem Ganzen zu leben, aus dem Ganzen zu schaffen: diese kostbare Eigenschaft, welche der gegenwärtigen Generation so gut wie verloren gegangen ist, kann ihr wieder zuteil werden, wenn sie sich den niederländischen Meister zum Muster nimmt. Die Leute von heute verzehren ihr Leben lotweise und erschöpfen es trotzdem bald; zu Rembrandts Zeiten verzehrte man es zentnerweise und erschöpfte es doch nicht. Das Bild Rembrandts, richtig verstanden, könnte wohl als ein umgekehrtes Medusenhaupt wirken: wiederbelebend, was so lange versteinert war.

Der Geist einer Zeit verrät sich sogar in ihren geringsten Erzeugnissen und oft auf eine überraschende Art. Es ist der Unterschied der älteren: griechischen, italienischen, deutschen, gegenüber den heutigen Geldmünzen, daß jene aus der Fläche und diese auf die Fläche des Prägestückes modelliert sind; jene sind im ganzen, diese ins einzelne geformt; darum wirken jene reich und lebendig und künstlerisch, diese hart und tot und heraldisch. Jene sind Kunstwerke, diese bloße Formeln; jene haben Stil, diese keinen; jene sind von innen nach außen, diese von außen nach innen geformt, gebildet gesehen. Der typische moderne Mensch gleicht den Geldstücken, die durch seine Hand gehen: er ist rund, hart, fest, scharfgeprägt, aber seelenlos. Wie kann er wieder Seele bekommen? Wenn er einen Funken jenes Geistes in sich aufnimmt und wieder in sich aufleben läßt, der einen Rembrandt beseelte – jenes umfassenden, unternehmenden, anspruchslosen, niederdeutschen Geistes, der auch in einem Shakespeare wie in einem Bismarck lebte.

»Ei so habt doch endlich einmal Courage, euch den Eindrücken hinzugeben, euch ergötzen zu lassen, euch rühren zu lassen, euch erheben zu lassen, ja euch belehren und zu etwas Großem entflammen und ermutigen zu lassen«, hat der Weimarer Dichterheros den Deutschen zugerufen. Er wollte sie zu Menschen machen; aber es ist ihm bisher nicht gelungen; man staunt gerade seine besten Bestrebungen vielmehr wie etwas Fremdes und Unmögliches an; ein trauriges Zeichen für die jetzige Kultur. »Ich bin es müde, über Sklaven zu herrschen«, sagte Friedrich der Große, als er starb; Sklaven sind die jetzigen Deutschen nun zwar nicht; aber daß sie wirklich freie Menschen sind, wäre eine zu gewagte Behauptung. Deutschland hat geistig sowohl wie politisch den Schritt von der Notwendigkeit zur Freiheit noch nicht getan. »Vergesset niemals, daß ihr Mensch seid«, mahnte derselbe Friedrich der Große in seinem Testament seinen Nachfolger; man möchte diesen Spruch über die Tore Deutschlands schreiben. »Es ist leichter ein Molla zu werden als ein Mensch zu werden«, lautet ein iranisches und ironisches Sprichwort; und bekanntlich nimmt der Molla im Morgenlande die gleiche Stellung ein wie der Professor im Abendlande.

Das Menschliche gehört überall an die Spitze; sonst ist die Kultur nicht frei. Ist sie es, so wird man den einzelnen Menschen nicht mehr nach seinen Gehirnfunktionen, sondern nach den Leistungen seiner gesamten Persönlichkeit abschätzen, von denen jene nur einen untergeordneten Teil bilden. Wie sich das Gehirn Beethovens von demjenigen eines Affen unterscheidet, weiß man; wie es sich von dem eines beliebigen Schuhmachergesellen unterscheidet, weiß man nicht; und man wird dies auch auf dem Wege der bloßen Gehirnuntersuchung nie erführen können. Die geistige Leistungsfähigkeit eines Menschen ist nicht nur ein Ergebnis des Gehirns, sondern des Verhältnisses des Gehirns zum ganzen Menschen; und eben dieses ist wieder das Ergebnis zahlloser anderer Verhältnisse in bezug auf Vorfahren, Charakteranlage, Umgebung, Erziehung usw.; eins der höchsten Verhältnisse aber, von welchem alle diese Verhältnisse abhängen ist: das Volkstum eines Menschen. Hier liegt die Quelle seiner natürlichen Kraft. Ein je deutlicherer und tieferer Ausdruck desselben er von Haus aus ist und je ernstlicher er sich auch zu ihm bekennt, desto mehr wird er leisten können. »To move the whole man together« bezeichnete Lichtenberg als die wichtigste Lebensregel, welche es für den Menschen überhaupt gebe; und sie gilt fürs praktische wie fürs geistige Leben. Gesetzmäßige Individualität und individuelle Gesetzmäßigkeit – so heißt das große Ziel, welches des Volkes der europäischen Mitte wartet.

Alles Staatliche ist nur Form; auch im heutigen Deutschland; es ist Zeit, daß in diese Form ein Geist gegossen werde. Das von den jetzigen Deutschen zu erstrebende und zu erreichende Menschentum erscheint demnach als die Zwischenstufe zwischen der politischen Einheit, die sie im ganzen und nach außen hin bereits besitzen und der geistigen Freiheit, welche ihnen im einzelnen und nach innen zu noch fehlt. Der lösende und stärkende Glaube an ein echtes Menschentum ist es. welcher erst unser nationales Leben zu rechter Blüte erwecken kann. Aber zu dem Substantiv: Mensch muß noch das Adjektiv: deutsch kommen. Denn im Leben bedeutet die Theorie nichts und der spezielle Fall alles; richtig betrachtet, birgt er bereits alle Theorie in sich; so bedeutet auch »Menschentum« nichts Greifbares, wenn es nicht im besonderen ein deutsches usw. Menschentum ist. Tut aber ein Volk in seiner Entwickelung einen entscheidenden Schritt vorwärts, so ist damit – nach physischen wie geistigen Gesetzen – die Notwendigkeit gegeben, daß es dann alle diejenigen Dinge, die es innerlich angehen, unter einem ganz veränderten Gesichtswinkel sieht; und je klarer es sich dieses Vorganges bewußt ist, desto besser steht es um seine gesamte Existenz. Wer vorwärts geht, ohne rundzublicken, täte besser, stehen zu bleiben. Demgemäß ergibt sich für den Deutschen von heute zunächst die dringende Pflicht, seine Bildung und sein Menschentum nach allen Seiten hin abzugrenzen, festzulegen, zu vertiefen. Er wird abmessen müssen, wie weit sein Horizont reicht; und er wird bestrebt sein müssen, ihn ganz auszufüllen; er wird sich seinen Geistesverwandten und Geistesfeinden klar gegenüberstellen müssen; er wird die Mittel gründlich zu erwägen und abzuschätzen haben, welche seiner künftigen Selbsterziehung dienen können: er wird sein Kriegertum und Künstlertum in Menschentum auflösen müssen. In trinitate robur..

Menschheit ist Form, Deutschtum ist Farbe; Form und Farbe aber vereinen sich innerlichst in der Blume. Kristallklar und farbig leuchtend muß die deutsche Bildung sein; sie soll dem besten Rheinwein gleichen; wie er das Blut des Landes ist, soll sie das Blut des Volkes sein. Der deutsche Mensch sei individuell, künstlerisch, philosophisch, synthetisch, gläubig, frei! Von ihm, wie er ist, hat die deutsche Kunstpolitik auszugehen; auf ihn, wie er sein soll, hat sie hinzuarbeiten: das ist Volkserziehung.

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