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Rembrandt als Erzieher

Julius Langbehn: Rembrandt als Erzieher - Kapitel 2
Quellenangabe
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authorJulius Langbehn
titleRembrandt als Erzieher
publisherC. L. Hirschfeld in Leipzig
printrun72. ? 76. Auflage
year1922
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Rembrandt als Erzieher
für
I. Deutsche Kunst.

Es waltet in jeder Zeit ein geheimes Bündnis verwandter Geister. Schließt, die ihr zusammengehört, den Kreis fester, daß die Wahrheit der Kunst immer klarer leuchte, überall Freude und Segen verbreitend.
Robert Schumann

Rembrandt ist ein bildender Künstler; auf die bildende Kunst wird er daher besonders stark einwirken müssen. Doch ist hierbei, wie schon hervorgehoben, immer im Auge zu behalten, daß es sich nicht um spezielle Nachahmung seiner Kunstübung, sondern um prinzipielle Nachahmung seiner Kunstgesinnung handelt. Nichts wäre falscher, als jetzt zu rembrandtisieren, wie man früher antikisiert hat; nichts ist notwendiger, als die rechte Nachahmung von der falschen Nachahmung zu scheiden. Kunstgesetze gibt es, Kunstrezepte nicht. Eine Kopie ist niemals Kunstwerk und eine Manier ist niemals Stil; einen Künstler oder eine Kunstrichtung kann man so wenig nachmachen, wie man einen Apfel oder eine Birne chemisch erzeugen kann; beide Kategorien von Dingen wachsen nur von innen heraus. Auf dies so sehr und so lange vernachlässigte Wachstum von innen heraus müssen die Deutschen wieder aufmerksam gemacht werden; und dazu kann ihnen, nach verschiedener Richtung hin, Rembrandt verhelfen.

Der deutsche Charakter.

Musik und Ehrlichkeit, Barbarei und Frömmigkeit, Kindersinn und Selbständigkeit sind hervorragendste Züge des deutschen Charakters; indem Rembrandt ihnen auf künstlerischem Gebiet gerecht wird, zeigt er sich vorzugsweise als einen echten Deutschen. Treue gegen sich selbst, Treue gegen das angeborene enge Stück deutscher Erde, Treue gegen den weiten lebendigen deutschen Volksgeist – kurz die Bewährung der schönsten deutschen Tugend, der Treue überhaupt ist es, welche Rembrandt uns lehren kann und soll. Individualität heißt wörtlich Unteilbarkeit; aber eben diese bedingt zugleich: Einteilbarkeit, innere Abstufung, durchgängige Organisation. Einzelseele, Stammesseele, Volksseele treffen sich und steigern sich gegenseitig in diesem Manne; Seelendreieinigkeit ist es, welche ihn so stark macht. Er ist Rembrandt, er ist Holländer, er ist Deutscher. In dem Begriff des Volkstümlichen und Volksmäßigen aber gipfelt diese künstlerische Skala; darum kann und wird es niemals eine allgemein verbindliche oder allgemeingültige, sondern immer und überall nur eine besonders gestaltete oder relativ gültige Kunstweise geben; eine Menschheitskunst, von der man wohl gesprochen hat, ist unmöglich. Denn das Unendliche kann uns nur in endlicher Form sichtbar werden; sowie man es ohne Umhüllung sinnlich darstellen will, zerfließt es in nichts; das Lebendige wird dann Schablone. Wie es nur Eichen, Tannen, Palmen usw., aber niemals einen Baum an sich gibt, so gibt es auch nur griechische deutsche, französische Kunst usw., aber niemals eine Kunst an sich. Aufgabe der Kunstgeschichte ist es, das Verhältnis jener sich in- und über- und nebeneinander gliedernden Individualitäten, soweit es sich auf künstlerischem Gebiet betätigt, klarzumachen; in der Praxis aber und in dem einzelnen Fall kann man sagen: die deutsche Kunst wird desto besser sein, je deutscher sie ist. Theorie oder gar fremde Theorie entscheidet hier nichts. Hier entscheiden vor allem jene praktischen und angeborenen Eigenschaften, wie sie z. B. Rembrandt im höchsten Maße besitzt. Solche Eigenschaften geben dem niederländischen Malerfürsten das Recht, als ein Hauptvertreter des deutschen Geistes und ein Haupterzieher des deutschen Volkes zu gelten; sie geben ihm die Fähigkeit, die heutige deutsche Volksseele, die ihrer selbst in so mancher Hinsicht vergessen hat, zu diesem ihrem Selbst zurückzuführen; und zwar zunächst auf dem Gebiete der Kunst. Aber ein Einfluß Rembrandtscher Gesinnung auf die Kunst des deutschen Volkes ist ohne einen gleichlaufenden Einfluß der gleichen Gesinnung auf das sittliche und das geistige Leben unseres Volles nicht denkbar. Die bildende Kunst des künftigen deutschen Volkslebens wird ihre Einwirkungen weit über ihre eigenen Grenzen hinaus erstrecken; und ebenso wird Rembrandt noch in anderer Hinsicht, als gerade in bezug auf seine Künstlerschaft, dem deutschen Geiste und dem Deutschen Reiche Anregung wie Anleitung von mancherlei Art bieten können. Ein rechter Mensch ist unerschöpflich; dies gilt auch von einem der echtesten Deutschen, dem Menschen Rembrandt. Die Individualisierung der Kunst, im Rembrandtschen Sinn, wird eine nähere Berührung der Kunst mit dem Leben schon ohne weiteres zur Folge haben. Erinnert sich die Kunst wieder der Volksseele, so wird sich auch die Volksseele wieder der Kunst erinnern; daß letzteres jetzt noch nicht der Fall ist, daß die deutsche Kunst sich heutzutage nur an den vagen Begriff des »Gebildeten« wendet, liegt auf der Hand. Ein wirklich bildender Einfluß der Kunst auf das Volk kann sich nur seitens einer wahrhaft volkstümlichen Kunst entwickeln. Auch hier kann Rembrandt wieder als Leit- und Augenpunkt dienen. Was den heutigen deutschen Künstlern und den heutigen deutschen Gebildeten mit am meisten fehlt: der tiefe innere Ernst der Gesinnung und des Lebens, das Absehen von allen Äußerlichkeiten: von Markt, Mode, Gesellschaft, Bildungstrivialität und Charakterromantik, findet sich nirgend so sehr wie bei Rembrandt! Keines Malers, ja keines Künstlers uns erhaltene Werke sind von einem so tiefen, weltvergessenen Ernst erfüllt, wie die seinigen. Die Gestalten, welche er schuf, blicken uns aus dem Grund ihrer Seele an; man möchte sagen, daß man nicht nur die Tätigkeit des Künstlers, sondern die Erscheinung des Kunstwerks selbst über dessen Seele vergißt. Dergleichen gelingt nur dem Größten. Rembrandts Kunst ist ganz Charakter; und sticht seltsam ab gegen die Frivolität, welche in dem Leben und den Leistungen der heutigen Künstlerwelt so oft vorherrscht. Nichts aber ist schlimmer als Charakterlosigkeit; sie ist das Verbrechen aller Verbrechen.

Daß die Kunst auch eine sittliche Seite habe, daran denkt man heutzutage allzu selten; man fordert m dieser Hinsicht nicht viel vom Künstler; und bekommt deshalb auch in dieser Hinsicht nicht viel von ihm.

Auch der niederländische Meister stand in der letzten Zeit seines Lebens allein gegenüber künstlerischen Tagesmoden, die damals in sein Vaterland eindrangen; aber er blieb, der er war. Der tiefe unbefangene, unerschütterliche Glaube an das Echte verließ ihn nicht; ihn sollten sich die Deutschen, so manchem unechten Bildungs- und Charakterschimmer von heute gegenüber, vorzüglich aneignen. Dann werden sie nicht nur den Künstler, sondern auch den Menschen Rembrandt ehren; und der Segen seiner großen und gesunden Erscheinung wird auf sie zurückfließen. Bismarck hat es als eines seiner politischen Geheimnisse verraten oder vielmehr als einen seiner politischen Grundsätze mit der gewohnten Offenheit ausgesprochen: »wenn ich den Wert eines Menschen kennen lernen will, so subtrahiere ich seine Eitelkeit von seinen Fähigkeiten; mit dem, was übrigbleibt, rechne ich dann erst«. Möchten die Deutschen dies Subtraktionsexempel nicht zu scheuen haben. Und »ernst hab' ich es stets gemeint«, sagte Goethe in seinem Alter. Möchten auch die jetzigen Deutschen dies von sich sagen können; dann wird es gut um sie stehen.

Seele und Persönlichkeit.

»Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust,« klagt der moderne Gelehrte mit Goethes Faust; und »immer strebe zum Ganzen«, antwortet es ihm aus Schillers Spruchweisheit. Zwei Seelen – in einer Brust – sind keine Seele; es ist das eigentlichste Wesen der Seele, daß sie nur eine ist; daher denn auch die Seelenlosigkeit der modernen Bildung. Jener Schritt von zwei zu eins ist es, welcher der Mittelmäßigkeit so schwer und dem Genie so leicht wird. »Nah ist und schwer zu fassen der Gott,« sagt Hölderlin.

Individualität haben heißt Seele haben; die Individualität eines Menschen ist seine Seele; hier ist also der springende Punkt, von dem alle künstlerischen Bestrebungen ausgehen müssen. »Die Hauptsache ist, daß man eine Seele habe, die das Wahre liebt und die es aufnimmt, wo sie es findet,« sagte Goethe von der Aufgabe des Künstlers. Selbstverleugnung ist die Losung des Christen, Selbstbetätigung ist die Losung des Künstlers. »Eines ist not«, heißt es im Christentum; »Vieles ist not«, heißt es in der Kunst. Vor der Rücksicht auf die eigene geistige Persönlichkeit, den eigenen künstlerischen Charakter, die besondere angeborene Künstlerseele müssen demnach dem Künstler andere Rücksichten zurückstehen: Rücksichten des Eigennutzes, der Überlieferung, ja oft selbst der Pietät müssen vor diesem ersten Erfordernisse schweigen. Ein Verzicht auf die eigene Individualität erscheint nur berechtigt, wenn er zugunsten einer höheren und wahrhaft seelischen Weltauffassung stattfindet. Aber seiner Individualität abtrünnig zu werden, aus bloßem Eigennutz oder aus Eitelkeit, ist gemein.

Die Persönlichkeit gehört an die Spitze der Kunst. Nur die erstere kann, wenn sie stark entwickelt wird, der letzteren das geben, was ihr heutzutage so sehr fehlt: echte Naivität. Dieser verlorene Ring muß wiedergefunden werden. Natur, Nation, Naivität entspringen einem gemeinsamen Wortstamme, der das Geborenwerden bezeichnet; also sich wiederum auf die gegebenen Eigenschaften des Menschen bezieht.

Kunst aus erster Hand, nicht aus zweiter Hand brauchen wir. Es ist ein großer Unterschied, ob eine Mutter ihr Kind schreien hört oder ob jemand anders es schreien hört; so ist es auch ein großer Unterschied, ob ein Volk die Muster seiner Kunstübung von sich selbst oder aus der Fremde übernimmt; der Zusammenhang des Blutes entscheidet dort wie hier. Der Künstler soll in seiner Art bleiben und in seiner Art sich bilden; tut er es nicht, so verfällt er der – Entartung; auch Worte sind weise. Der jetzige Deutsche hat zwischen Art und Entartung zu wählen. Natürliche und künstliche Weine lassen sich chemisch gar nicht unterscheiden; was beide dennoch scharf voneinander trennt, ist der Mangel oder das Vorhandensein des Aromas, der Blume; dieser Begriff ist für die bisherige Wissenschaft nicht faßbar; und doch ist er es allein, auf den es in solchem Fall ankommt. Individualismus ist die »Blume« des Lebens.

Die eigentliche Bedeutung der deutschen und aller Kunst überhaupt wurzelt im Typischen, Nationalen, Lokalen, Persönlichen; je klarer dies erkannt und je stärker dies betont wird, desto besser ist es für ihre Entwicklung; so auch im heutigen Deutschland. An der starken Persönlichkeit Rembrandts kann es sich aufrichten, erbauen, wiedergebären; ihr Wert ruht in ihrer Einzigkeit; und diese betätigt sich äußerlich wie innerlich, im kleinen wie im großen. Rembrandt ist unter den Künstlern des Nordens der einzige, welcher gleich den großen Künstlern des Südens seinen Vornamen zum Rufnamen erhob; der Name seines Vaters, nach dem er sich hätte nennen sollen, war Harmensz. Aber auch in seinem Vornamen »Rembrandt« liegt schon an sich ein ganz besonderer Hauch des Individuellen. Wie die individuelle und zuweilen überindividuelle Geistesrichtung der Engländer sich schon in ihren vielen und einem Festländer oft höchst sonderbar erscheinenden Vornamen – man denke nur an Percy Byshhe Shelley u. a. – kundgibt, so gilt ein gleiches auch von den Niederländern und am meisten von dem größten niederländischen Künstler. Sein Name ist fast so selten wie seine Kunst. Dieser Umstand deutet wiederum darauf hin, daß nicht nur Geist und Körper, sondern auch Namen und Sachen in einer eigenen, geheimen, unzweifelhaften Verbindung miteinander stehen; in der Natur ist alles Gesetz, nichts Zufall. Es gibt authentische Porträts Rembrandts sowohl wie Beethovens, auf welchen beide vollkommen wie Wahnsinnige aussehen; auch Goethe hat gelegentlich von sich gesagt, daß gewisse Gespräche, die er mit geistig sehr angeregten Leuten führte, ihn und sie in den Augen unbeteiligter Zuhörer hätten als Wahnsinnige erscheinen lassen müssen; so berührt die Persönlichkeit ihre äußerste Grenze.

Jede Individualität stellt eine Abweichung vom Normalen dar; und wenn es gestattet ist, nach Analogie des Wortes Ideal ein Wort Normal zu bilden, so kann man sagen: sie ist ein verschobenes Normal; aber man muß sich hüten, Verschobenheit mit Verschrobenheit zu verwechseln. »Der Schädel Beethovens ist ein derart häßlicher, daß hinter dieser Schale niemand den edlen Kern hoher geistiger Begabung suchen würde,« äußerte ein moderner Anatom nach eigener Augenscheinnahme desselben. Was indes dieser Mann der Wissenschaft »häßlich« nannte, ist gerade im Rembrandtschen, im deutschen, im individuellen Sinne »schön«: nämlich ein hoher Grad von Unregelmäßigkeit, Verschobenheit, Eigenartigkeit; und so ergibt sich für den unparteiisch Urteilenden, daß Beethovens Schädel mit seiner Musik durchaus übereinstimmt. Klarheit, Ebenmaß, Gleichgewicht fehlt beiden; aber Kühnheit, Kraft, Reichtum der Formen und des Inhaltes besitzen beide. Auch hier behält die Natur gegenüber dem Professor recht; oder vielmehr der letztere kennt die Natur nur halb: der Schädel und die Kunst Rafaels bewegen sich in reinen, der Schädel und die Kunst Beethovens in unreinen Linien. Aber unreine Linien sind nicht unschöne Linien. Es liegt keinerlei Grund vor, die eine oder die andere Formation an sich vorzuziehen; Rafael, der Umbrer, ist den Griechen verwandt; Beethoven war ein Deutscher. Für Deutschland ist nun einmal die deutsche Schädelform die beste, die fruchtbarste; und eben das kann man von der Rembrandtschen Kunstrichtung, gegenüber der Rafaelschen, sagen. Nach einem alten Kunstgesetz soll Harmonie, die sich aus Disharmonie entwickelt, höher zu schätzen sein als eine solche, die sich aus der Harmonie selbst entwickelt; und danach wäre die deutsche Schädel-, Kunst- und Geistesform, wo sie in durchgebildeten Persönlichkeiten auftritt, jedenfalls als die höhere zu bezeichnen. Deutschlands Nationaldichter Schiller hat sogar gemeint und in seiner bestimmten und kurz formulierenden Art ausgesprochen: daß der Weg aller Bildung von der Natur durch die Unnatur zur Natur zurückgehe.

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