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Rembrandt als Erzieher

Julius Langbehn: Rembrandt als Erzieher - Kapitel 17
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authorJulius Langbehn
titleRembrandt als Erzieher
publisherC. L. Hirschfeld in Leipzig
printrun72. ? 76. Auflage
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Universale Anschauung

Wenn sich das Engste mit dem Weitesten vermählt, so wird das Große geboren. »Im kleinsten Punkt die größte Kraft zu sammeln,« hat der deutsche Nationaldichter und -denker Schiller für die eigentliche Aufgabe des Menschen erklärt. Die heutige Bildung, in ihrer spezialistischen Einseitigkeit und Äußerlichkeit, ist allmählich auf einen solchen »kleinsten Punkt« zusammengeschrumpft; die »höchste Kraft« wird sie erst wiedererlangen, wenn sie ihren Horizont zur echt volkstümlichen und menschlichen Anschauungsweise erweitert. Und die Wichtigkeit dieses Problems kann gar nicht hoch genug angeschlagen werden. Denn im rechten Sinne für das Ganze kann überhaupt nur der arbeiten, der aus dem Ganzen arbeitet; die Dinge führen dahin, wo sie herkommen.

Bezüglich derjenigen heutigen Bildung, welche sich in erster Linie und einseitig an den Verstand wendet, darf und muß man sagen: wir haben genug davon! Die Natur reklamiert ihre Rechte, auch wo man glaubt, sie sich untertänig gemacht zu haben. Zumal wann und wo ein neuer Geist den Thron der Geschichte besteigt, pflegt dies vorzukommen: »Bete an, was du verbrannt hast und verbrenne, was du angebetet hast,« sprach der christliche Priester zu Chlodwig dem Großen, als er ihn taufte. Gliederung, nicht Zergliederung muß die Losung der kommenden Zeit sein. Individuell in der Kunst, organisch in der Wissenschaft, rhythmisch in der Politik soll sich das Leben des deutschen Volkes entfalten. Eine derartige einheitliche und zusammenhängende Schwenkung auf den einzelnen Gebieten der deutschen Bildung muß deren gesamter Neugestaltung notwendig vorausgehen. Und die Besserung selbst muß an einem ganz bestimmten Punkt einsetzen. Das naive deutsche Publikum, welches jetzt auf allen Gebieten am Munde der Spezialisten hängt, sollte wenigstens auf einigen derselben wieder anfangen, selbst zu urteilen; vor allem aber innerhalb der Kunst; welche nur durch und für den ganzen Menschen besteht. Es gibt auch ein Laienpriestertum der Kunst, und eine gesunde Entwickelung der letzteren ist ohne diesen Faktor nicht denkbar. Und wenn die Leute nicht urteilen können, so sollten sie wenigstens empfinden. Wahres Empfinden reicht oft weiter als gutes und immer weiter als schlechtes Urteilen.

Nur die Anschauung, zunächst die äußere und dann die innere, ermöglicht ein wirkliches Verständnis der Dinge. Verständnis ist mehr als Verstand. Rembrandt könnte die Deutschen wieder lehren, daß gesunder Individualismus und lebendige Anschauung mehr gelten als Kritik und Gelehrsamkeit. Dies ist das nächste Ziel, welches einer Erziehung der Deutschen vorschweben muß. Nur so werden sie den Weg zu sich selbst und ihrer geistigen Unschuld zurückfinden.

Die griechische Tempelarchitektur enthält optische Feinheiten – systematische Krümmungen von anscheinend geraden Linien –, welche sich mit bloßem Auge gar nicht und selbst mit Instrumenten nur schwer nachweisen lassen, die aber trotzdem zur Formenschönheit der Gebäude sehr viel beitragen; die Griechen konnten ihrer feinen künstlerischen Empfindung durch solche mathematisch-architektonische Delikatessen Ausdruck geben, weil sie den Grund- und Aufriß eines Gebäudes nicht blind nach irgendeinem vorgezeichneten Plan kopierten, sondern ihn in Wirklichkeit mit dem Auge visierten. Ebenso soll der Deutsche in seinem Kunst- wie Geistesleben verfahren. Er soll den Bau seiner Bildung nicht aus dem oder auf das Papier, sondern aus der inneren Anschauung konstruieren; dann wird sie, gleich dem griechischen Tempelbau, ebenso einfach und groß wie subtil werden. Phidias schuf den olympischen Zeus und eine lebensgroße Fliege; er besaß den »Insekten- und Löwengeist«, welchen Rahel vom Künstler fordert. Wenn man die Tiefe der Komposition mit der Subtilität der Ausführung in den Bildern Rembrandts vergleicht, so muß man sagen, daß auch er von jenem doppelten Geisteshauch beseelt war. An der ersten Hälfte desselben mangelt es den heutigen deutschen Bildungsvertretern nicht, um so mehr aber an der letzteren: und doch lassen sich die einzelnen Detailfragen der Volkserziehung nur im festen Zusammenhang mit deren großer Gesamtaufgabe lösen. Freilich würde dazu ein »philologischer Bismarck« gehören, wie ihn Professor von Esmarch gelegentlich einmal verlangt hat. Auch hier bedarf es der, bedarf es einer Persönlichkeit! Der früheste dichterisch besungene deutsche Held, der niederdeutsche Beowulf, stieg in die Tiefen des Meeres hinab, um dort mit – einem riesigen, uralten Weibe zu kämpfen: jenem philologischen Bismarck, wenn er kommen sollte, steht Ähnliches bevor. Durch eine Flut von guten wie schlechten Verbesserungsvorschlägen watend, wird er mit dem riesigen uralten Wuste deutscher Halbbildung aufzuräumen haben. Hoffentlich siegt er, wie sein Vorgänger; aber jedenfalls würden alle landläufigen Volkserzieher seine geborenen und geschworenen Feinde sein, wie alle landläufigen Politiker seinerzeit die geborenen und geschworenen Feinde Bismarcks waren; nichtsdestoweniger braucht Deutschland einen solchen Mann. Alle Bildung geht darauf aus, der Natur gewachsen zu sein; keine Berechnung, sondern nur geistige Anschauung ist der Natur gewachsen; darum ist eine auf innere wie äußere Anschauung gegründete die beste Volkserziehung. Idee heißt auf holländisch »Denkbild«; die niederdeutsche Sondersprache ist hierin, ihrer äußern Fassung nach, sehr sinnvoll; die hochdeutsche Allgemeinsprache sollte ihr, der inneren Gesinnung nach, folgen. Dann wird auch sie wieder zu gesunden Denkbildern gelangen.

Die jetzige deutsche Bildung gleicht einem großen Katalog; und vielleicht wird jede Bildung etwas von einem solchen an sich haben. Aber wenn er einmal nicht zu entbehren ist, so sollte er sachlich, nicht alphabetisch geordnet sein: der Geist, nicht der Buchstabe muß in ihm herrschen. Wie das deutsche Zivilgesetzbuch nicht vorwiegend für die materiell, soll der deutsche Bildungskodex nicht vorwiegend für die geistig »Besitzenden« geschrieben sein. Manche Leute schreiben dicke Bücher über Bachsche Musik; wenn aber Goethe von ihr sagt, »es ist, als ob die ewige Harmonie sich mit sich selbst unterhält«, so gibt er mehr als jene; denn er gibt das Wesentliche. Ebenso geben dem nichtgelehrten, aber lebendig empfindenden Menschen beispielsweise die Priesterchöre in Mozarts »Zauderflöte« ein richtigeres Bild von dem echt ägyptischen und dessen »Türkischer Marsch« ein richtigeres Bild von dem echt türkischen Wesen als irgendein Antikenmuseum oder ein Orientreisender ihm zu bieten vermögen. Schillers Teil schildert die Schweiz besser als Bädekers Handbuch. »Genialität ist der Sinn für das Wesentliche.« Der strenge Pomp des ägyptischen, das dumpfe Ungestüm des türkischen, die freie Männlichkeit des schweizerischen Volkscharakters ist in den ebengenannten Werken sprechend wiedergegeben; sprechend vor allem fürs Volk; und dieser einzige Umstand ist von hoher Bedeutung. Kongenialität kann, in ihrer Art, Berge versetzen. Diese große Kraft darf der Deutsche sich nicht nehmen lassen.

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