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Rembrandt als Erzieher

Julius Langbehn: Rembrandt als Erzieher - Kapitel 16
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authorJulius Langbehn
titleRembrandt als Erzieher
publisherC. L. Hirschfeld in Leipzig
printrun72. ? 76. Auflage
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Gegen den Rationalismus

1. Die Persönlichkeit Lessings

Wenn es jetzt wieder zu einer deutschen Reformation kommt, so wird diese sicherlich in manchen Punkten an ideale Bestrebungen des achtzehnten Jahrhunderts anknüpfen; aber im ganzen wird diese Bewegung der Geister unbedingt einen volkstümlichen Charakter tragen müssen. Deutschlands »zweiter Reformator« jedoch, Lessing, besaß zur naiven Masse des Volkes so gut wie gar keine Beziehungen; und diese keine zu ihm. Luther fühlte noch mit dem gemeinen Mann, Lessing war dies nicht gegeben; in allen seinen Dramen erscheint keine echt volkstümliche Figur; Just, der allein etwas davon hat, ist – ein Bedienter. Der Bediente aber und sei es der beste, gehört nicht mehr zur freien Masse des Volks. Er hat sein Selbstbestimmungsrecht verloren und erscheint dadurch als der Antipode des Bauern; insofern ist die Wahl und Schilderung gerade dieses Typus für Lessing, als einen Gebildeten und Gelehrten, charakteristisch. Was Lessing selbst von seinen Jugenddramen sagte: »Ich schilderte die Welt, ehe ich sie kannte,« gilt in anderem Sinne auch von den Erzeugnissen seiner reiferen Muse. Sie bewegen sich, innerlich und äußerlich, in den höheren Regionen des Lebens; ihnen fehlt der Schlagschatten des niederen Volkstums und damit einer der wirksamsten Faktoren plastischer Darstellung. Er ist darin Kant verwandt; auch dieser hat sich der breiten Masse seines Volkes fremd gegenübergestellt: durch die künstelnde, undeutsche Terminologie, welche er in vielen seiner Schriften anwandte. Lessing hat mit Kant und dem preußischen Korporalstock das gemein, daß alle drei die Voraussetzung, doch nicht das Ziel der deutschen Entwicklung bilden. Für den eigentlichen Kern der Volksseele in ihren verschiedenen Äußerungen besaß Lessing wenig Verständnis. Trotz des hohen Ranges, den man ihm nach Geist und Charakter zusprechen muß, war er im Grunde religions- und vaterlandslos; Religion und Vaterland aber sind gerade die beiden maßgebenden Faktoren im heutigen Deutschland. Lessing selber hat gesagt, daß er manches in seinen Schriften nur »γυμναστιχως«, also »zur bloßen Übung« und ohne eigene innere Überzeugung behauptet habe. Unzweifelhaft war ihm etwas von jener inneren Kälte eigen, welche trotz aller sonstigen vortrefflichen Eigenschaften einen Friedrich II. für Schiller so abstoßend machte. Die instinktive Abneigung des jugendlichen Goethe gegen Lessing beruhte nicht nur auf äußerlichen Gründen; es war die Scheu eines warm empfindenden Herzens vor dem kalt überlegenden Verstand.

Lessing liebte die Musik nicht und hat, wie er selbst erklärte, in seinem Leben nie geträumt; das Stigma einer vorwiegenden Verstandesrichtung war seiner ganzen Geistestätigkeit und der von ihm eingeleiteten Geistesbewegung aufgeprägt. Er erinnert darin einerseits an den musikfeindlichen Kant und andererseits an den religionsfeindlichen Voltaire, seinen sonstigen Gegner; aber während dieser hämischerweise anderen Leuten sein écrasez l'infame zurief, ging Lessing männlich gesinnt selbst an dies Unternehmen. Sein groß entworfenes Werk über die »Erziehung des Menschengeschlechts« erscheint dem unparteiisch Urteilenden mehr geistreich als wahr. Denn es sieht von den unerläßlichen individuellen Vorbedingungen eines jeden geistigen Prozesses vollkommen ab; es hätte ebensogut in China wie in Deutschland geschrieben werden können; es ist ungeschichtlich und schwebt darum im Leeren. Nach einem unanfechtbaren pädagogischen Grundsatz ist Einzelerziehung besser als Massenerziehung; und diese ohne jene nichts wert; in diesem Sinne ist auch Völkererziehung besser als abstrakte Menschheitserziehung. Der Erzieher soll individualisieren; das ist für ihn das erste aller Gebote; Lessing hat es in dem obigen Werke nicht beachtet. Es ist nur ein Luftschloß von grandioser Konstruktion. Man ist sogar versucht, zu glauben, daß Lessing bezüglich des »γυμναστιχωσ« Behaupteten gerade an dieses Geisteselaborat in erster Linie gedacht habe; und damit würde es freilich sehr an Wert verlieren. Zudem berührt sich auch hier wieder der große Volkserzieher mit seinen einschlägigen Gegnern; er ist geradeso dogmatisch wie sie; nur dogmatisiert er auf eigene Hand. Kaum jemand kann sich dem Geiste seiner Zeit entziehen. Man sieht, daß selbst bei einem so rein kritischen Geiste wie Lessing das subjektive Moment von höchster Bedeutung ist. Die kosmopolitische, dogmatische und zum Teil experimentelle Richtung Lessings war nicht geeignet, ihn dem Herzen des deutschen Volkes näher zu bringen. Lessing spricht aus den Gelehrten und zu den Gelehrten; wenn auch häufig gegen die Gelehrten. Man möchte sagen, er suchte das Volk, aber er fand es nicht. Und manches Traurige in seiner Lebensgeschichte, vorzüglich jene geistig desperate und desolate Stimmung, welche ihm so oft eigen ist, mag teilweise diesem Mangel entspringen. Wer sich mit seinem Volk oder seiner Mutter überwirft, der wird nie seines Lebens recht froh werden; auch Schopenhauer erging es ähnlich. Lessing büßte die Sünden seines Standes wie Rousseau die seines Jahrhunderts. Beiden fehlt die innere Heiterkeit, welche Söhne des Volks beseelt.

In der deutschen Geistesgeographie stellt Lessing das dar, was man einen »interessanten Fall« nennt. Sein Name ist keineswegs, wie man gemeint hat, slawischen Ursprungs; es ist nie nachgewiesen worden, daß Lessings Voreltern ihn in einer slawischen Fassung geführt haben: er enthält vielmehr die bekannte deutsche und zumal friesische Gentilendung – ing; die friesischen Namen Conring, Malling, Letting u. a. sind bekannt. Friesische Kolonisten sind während des Mittelalters erwiesenermaßen vielfach nach dem heutigen Königreich Sachsen eingeführt worden. Rein friesische Orts« und Personennamen sowie friesischer Gesichtstypus sind dort noch jetzt nicht selten; besonders für die Oberlausitz und das Erzgebirge sind jene Besiedelungen urkundlich verbürgt. Es ist sehr wahrscheinlich und wird durch innere Gründe noch wahrscheinlicher gemacht, daß der deutsche Reformator, in dem keine Spur von slawischer Geisteseigentümlichkeil zu finden ist, jenen frühzeitigen Einwanderern durch seine Abstammung angehört. Denn diese letztere, nicht der Wohnsitz oder Geburtsort eines Menschen entscheidet über seine Individualität. Kolonisten sind, bezüglich ihrer geistigen Eigenart, stets dem Mutterlande zuzurechnen: und zwar nicht nur in der ersten, sondern auch in den folgenden Generationen. Der klare und kühle Geist des Friesenstammes hat in Lessing seinen bisher anscheinend größten Vertreter gefunden: er zeigt innerlich wie äußerlich die großen graublauen »Friesenaugen«, von denen Storm öfters redet. Sein lebhafter Unabhängigkeitssinn, seine un- und antilyrische Begabung, seine Spielsucht, sein ganzer Wett- und Wagegeist sprechen für eine solche Blutsverwandtschaft. »Die Friesen sollen frei sein, solange die Winde aus den Wolken wehen und die Welt stehen wird,« heißt es in ihrem alten Landrecht; es ist die geistige Devise Lessings. In echt holländischer, d. h. verstandesmäßiger Weise ist er ein Freund der Juden. Für seine Verstandesschärfe und Polyhistorie gibt es, wenn auch nicht mit gleicher Tiefe des Denkens verbunden, zahlreiche verwandte Beispiele gerade in dem holländischen Gelehrtenstande des 17. Jahrhunderts. Ihr Blick ist beschränkt, Lessings Blick ist weit: vielleicht würde dieser Prophet in seinem Vaterlande nicht so groß geworden sein, wie er es jetzt ist: denn oft entwickeln sich geistige Keime zu ihrer höchsten Blüte erst dann, wenn sie aus dem heimischen in einen fremden Boden verpflanzt werden. Das ist auch ein Segen der inneren Kolonisation. Immerhin zeigt Lessing gerade in der tiefsten Tiefe seines Wesens sich dem erwähnten Gelehrtentum verwandt. Beide verkörpern in sich jene mehr trockene und nüchterne Seite des holländischen Charakters, welche zu dessen feuriger Richtung – wie sie durch den batavischen Künstler Rembrandt veranschaulicht wird – einen äußerlich befremdenden, doch innerlich ergänzenden Gegensatz bildet.

2. Rembrandt und Lessing

Friesen und Bataver haben sich in Holland zu einem Volke vermischt; und die daraus entspringende geistige Doppelströmung ist durch die ganze holländische Geschichte zu verfolgen. Der niederländische Befreiungskampf gegen die Spanier hatte sein geschichtliches Vorbild bereits in frühgermanischer Zeit: in dem vergeblichen Freiheitskampf des edlen und glutvoll empfindenden Bataverfürsten Claudius Civilis gegen die Römer; zu Leyden, Lugdunum Batavorum ist Rembrandt geboren. Beide große Niederländer drangen auf Freiheit und Selbständigkeit; für Freiheit und Selbständigkeit stritt auch Lessing: aber in seiner besonderen und jenen anderen beiden, durch einen gewissen Mangel an Enthusiasmus entgegengesetzten Art. Er erinnert darin, trotz größerer geistiger Beweglichkeit, auffallend an den kühlen und verständigen Geist des zweiten und erfolgreichen niederländischen Befreiungshelden, Wilhelm I. von Oranien. Lessing war ein Streiter, aber kein Sänger. Insofern Musik die seelenvollste Kunst und Gesang die seelenvollste Musik ist, erscheint das Frisia non cantat bezeichnend genug für die Geistesrichtung dieses sonst so vortrefflichen Volksschlages: und bezeichnend auch in seinem Gegensatz zu der so überaus musikalisch empfundenen Malerei Rembrandts. Wie Rembrandt und Beethoven der einen, gehören Franz Hals und Lessing der anderen jener beiden Richtungen an; die Trinklieder des letzteren und seine Neigung zu munterem Lebensgenuß sympathisieren sehr mit dem Meister von Haarlem, wie Beethovens Schwermut und seine düstere Kunststimmung mit der des Meisters von Amsterdam. Kalte und warme Strömungen mischen sich wie im Ozean, so auch im unendlichen Vereich des geistigen Lebens; nur daß dessen Gesetze denen der Physik gerade entgegengesetzt sind; denn hier sind die kalten, dort die warmen Strömungen die tieferen. Rembrandt und Beethoven leiten tiefer, als Lessing und Franz Hals. Wie von der Ostlüste Amerikas der wirkliche, geht von der Westküste Europas ein geistiger Golfstrom aus; es ist eine niederdeutsche Strömung; sie wirkt befruchtend und befreiend, wohin sie kommt! Ihren stärksten Ausdruck aber findet sie in dem empfindungsvollen Mystiker Rembrandt.

Das friesische und das batavische Holland verhalten sich zu einander, wie das ostelbische und das westelbische Deutschland. Lessing sah in dem durchsichtigen doch starren Denker und speziellen Landsmann Rembrandts, Spinoza, einen ihm anverwandten Geist; ebenso wie Rembrandt in dem dunklen Denker und speziellen Landsmann Lessings, Böhme, einen ihm sinnverwandten Geist erkannt haben würde. Die nahe innere Zusammengehörigkeit der ersten beiden Männer bedarf keiner Begründung; diejenige der letzten beiden erstreckt sich sogar auf Äußerlichkeiten: der Lichtreflex beherrscht die gesamte Kunst Rembrandts und aus einem Lichtreflex – dem Schein der Sonne auf eine Zinnschüssel – wollte Böhme das eigentliche Wesen Gottes und der Welt erkannt haben. Er war darin Künstler, wie Rembrandt. Das Dunkle sucht, im Gebiet der inneren wie äußeren Anschauung, immer nach dem Hellen als seinem ausgleichenden Gegensatz; und diese Klaviatur des Geistes gilt für den einzelnen wie für ganze Völker. Sie erklingt bald in Übereinstimmungen, bald in Gegensätzen, immer aber harmonisch. Es ist sogar möglich, daß der helldunkle Charakter des Niederdeutschen sich geradezu als ein friesischsächsischer Charakter definieren läßt. Denn der Friese ist mehr hell und der Sachse mehr dunkel in seinem ganzen Wesen, seinen geistigen Bestrebungen, ja seiner äußern Erscheinung; es würde wahrscheinlich sehr ergiebig sein, diesen großen, nationalen Doppelakkord bis in seine Einzelheiten zu verfolgen.

Er überträgt sich sogar auf das rein tatsächliche Verhältnis des größten deutschen Kritikers zum größten deutschen Maler; Lessing hat in seinen kunstkritischen Schriften auf Rembrandt, der ihn freilich in erheblichen Punkten widerlegt haben würde, keine Rücksicht genommen. Ebenso existieren weder Dürer noch Peter Vischer, weder Bach noch Schlüter für ihn; er ist hierin ganz Gelehrter und ganz Kind seiner Zeit; die deutsche bildende Kunst überhaupt scheint ihn kalt gelassen zu haben. Auch Luther kümmerte sich nicht um Kunst; aber weil er unter, nicht über ihr stand; weil er selbst dem Volksboden angehörte, dem sie entsprang. Trotzdem oder eben darum findet sich z. B. in seiner Bibelübersetzung vieles, was an die Schlichtheit und kindliche Tiefe der religiösen Bilder Rembrandts erinnert. Beide setzten sich durch diese einfache Auffassung hoher Dinge einer falschen Beurteilung aus; und Luther als die politischere Natur berücksichtigte die letztere sogar. »Gott grüße Dich, Du liebe Maria – also hätte ich den Gruß verdeutschen müssen, hätte ich das beste Deutsch hie sollen nehmen,« sagt er selbst in seinem Sendbrief vom Dolmetschen über den sogenannten englischen Gruß; übersetzt ihn aber doch tatsächlich und, wie er ausdrücklich angibt, aus Rücksicht auf die Menge etwas anders. Eine deutsche Bibelübersetzung in jener von Luther selbst für die bessere erklärten Sprache, in einer wahren Volks- und Herzenssprache, wäre wohl zu denken und – zu wünschen. Sie würde das gerade Gegenteil einer Professorenbibelübersetzung sein; sie würde eine echt evangelische sein und sich zu Luthers jetziger Bibelübersetzung etwa verhalten wie ein Bild Rembrandts zu einem solchen Dürers. Vielleicht ließe sich eine solche Bibelübersetzung nur im plattdeutschen oder einem andern deutschen Dialekte denken; denn hier spricht die Volksseele am schlichtesten.

Lessings Art gleicht der dekorativen Kunst seiner Zeit, des Rokoko, die gleichfalls auf Lichtreflexe einen hohen und etwas übertriebenen Wert legt, ja teilweise auf sie allein gegründet ist; und beide finden ihr gemeinsames Echo in der gleichzeitigen Musik, z. B. eines Mozart, der auch persönlich sich Lessing verwandt zeigt. Alle Kinder einer Zeit sind sich verschwistert; das scharfe Licht der Lessingschen Schreibart, der heitere Glanz Mozartscher wie Haydnscher Musik und die vergoldeten Ornamente von Sanssouci atmen den gleichen Geist. Dekadenzzuständen gegenüber wirken jene zersetzenden Lichteffekte gewissermaßen reinigend, verklärend, erhebend; denn dem Schlechten geschieht sein Recht, wenn es verzehrt wird; eben dadurch wird es geheiligt. Was ist Mozart? Eine untergehende Sonne, welche den Sumpf bescheint. Von Lessing, Sterne, Mirabeau, Napoleon I. und anderen Geistern des Rokoko gilt dasselbe; sie alle wirken durch Helligkeit; bald im Großen bald im Kleinen, bald im Groben bald im Feinen. Sie sind Abendrot, Wetterleuchten, Blitz; stets treten sie in einen Gegensatz zu Rembrandt, welcher vorwiegend durch Dunkelheit wirkt. Er ist Mitternacht, Meereswelle, Mond. Aber die Zeit schreitet fort; der Morgen ist der Mitternacht näher als dem Abend; und die deutsche Zukunft ist Rembrandt näher als Lessing!

3. Lessing und die Gegenwart

Lessing selbst sagt gelegentlich von sich, er habe zu viel Bücher gelesen, um das Ziel reiner Menschlichkeit zu erreichen. Wir werden also nur ihn und uns ehren, wenn wir über seine Leistungen hinausgreifen bis zu seinen Forderungen; und sogar über diese noch hinaus bis zu den Forderungen der deutschen Gegenwart. »Nur die Fertigkeit, sich bei einem jeden Vorfalle schnell bis zu allgemeinen Grundwahrheiten zu erheben, nur diese bildet den großen Geist, den wahren Helden in der Tugend, und den Erfinder in Wissenschaften und Künsten,« sagt er mit Recht; aber er hat damit nur die Hälfte dessen ausgesprochen, worauf es in diesem Fall ankommt. Das wahre Genie muß sich ebenso schnell und ebenso leicht zu vielen einzelnen Fällen herunterlassen wie zu jenen allgemeinen Gesichtspunkten aufsteigen können. Die Fähigkeit, zu abstrahieren, ist wichtig; aber die Fähigkeit, zu exemplifizieren, ist es ebensosehr. Nicht nur in dem bloßen »Hinauf«, wie es Lessing fordert, sondern in dem »Auf und ab«, wie es sich bei allen Vollgeistern, bei ihm nur stellenweise findet, liegt die eigentlich schöpferische Kraft beschlossen. Hier ist der Puls des geistigen Lebens. Es war die von Lessing oft selbst empfundene Lücke in seinem Wesen, welche ihn das Genie einseitig definieren und betätigen ließ.

Es ist daher möglich und wahrscheinlich und notwendig, daß der deutsche Volksgeist, wenn er sich wirklich auf geistigem Gebiet lebendig zu regen beginnt, sich nun stark von Lessing ablenkt; gerade damit würde er in tieferem Sinne Lessing gemäß handeln. Denn Lessing hat nie die Überlegenheit Shakespeares und Luthers über sich, d. h. die der naiven über die rein abstrakte Denkweise bestritten; er hat sie vielmehr oft anerkannt. Würde es dem deutschen Volke gelingen, von dem überwiegenden Kultus der letzteren sich wieder zu dem überwiegenden Kultus der ersteren zu wenden, so wäre – unter den heutigen Umständen – der noch lebende Lessing gewiß der erste, ihm dazu Glück zu wünschen. Sind Staub und Moder beseitigt, so kann der Kehrbesen der Kritik wieder in die Ecke gestellt werden. Die am Boden kriechende Tatsächlichkeit der jetzigen wissenschaftlichen Forschung scheint den Übergang von jener zu dieser Richtung darzustellen; sie steht ebenso weit unter der Naivität, wie Lessing über ihr steht. Es läßt sich eine Zeit denken und sie ist vielleicht nicht fern, in welcher zwischen beiden Bestrebungen eine goldene Mittelstraße eingehalten wird. Wer den Kontakt mit dem Volke hat, wird weiter kommen als Lessing.

Ohne die Ausschreitungen des Pastor Götze in Hamburg zu billigen, muß man doch sagen, daß sein Streit mit dem großen Kamenzer in gewissem Sinne ein Kampf des Volkes mit den Gebildeten war; und er entspann sich bezeichnenderweise an einer plattdeutschen Bibel. Die ebenfalls plattdeutschen Spottlieder, welche die Braunschweiger Jugend nach Lessings Tode auf diesen sang, zeigen, daß und wie das Volk selbst an dem bedeutsamen Streit Anteil nahm. Eine solche, allerdings negative Ehre ist keinem der anderen klassischen deutschen Literaturheroen zuteil geworden; man ehrte den großen Kritiker negativ, weil seine Tätigkeit eine negative, reinigende, zerstörende war; sehr positiv singt das Volk dagegen noch heute Luthers: »Ein' feste Burg ist unser Gott«. Von beiden hat das Volk Notiz genommen. Es huldigte Lessing, wie die Besiegten dem Besieger huldigen; aber es ist möglich, daß eben dies Volk einmal wieder auf sein angeborenes und uraltes und unanfechtbares geistiges Souveränitätsrecht zurückgreift; daß es dann seinerseits einmal wieder über Lessing siegt. Denn der Standpunkt eines Lessing ist kein solcher, über den hinaus sich kein Fortschritt denken ließe. Der Weltgeist geht Schritt vor Schritt; er atmet aus und atmet ein; und ebenso der Nationalgeist.

Wie Deutschland durch Preußen, so ist die deutsche Bildung durch Lessing groß geworden; aber bei Lessing stehenzubleiben, ist nicht im Sinne Lessings. Gerade nach dem von letzterem proklamierten Grundsatz: »Daß für die verschiedenen Lebensalter eines Volkes oder der Menschheit auch verschiedene Erzieher und verschiedene Erziehungsmethoden nötig seien,« haben diese beiden Faktoren heute gegen andere für das innere deutsche Volksleben bedeutsamere zurückzutreten. Die verhältnismäßig engen preußischen Verhältnisse, in welchen Lessing während der Zeit seiner Entwickelung lebte, reagierten in ihm politisch wie geistig nach der Seite eines etwas übertriebenen» weltbürgerlichen Weitblicks; der heutige deutsche Geist hat sich von beiden Extremen fernzuhalten. Man hat gesagt: »Deutschlands Herzen sind da, wo Preußens Fahnen wehen;« man kann auch sagen: »Die preußischen Fahnen sollen da wehen, wo das deutsche Herz schlägt.«

4. Mommsen und Nicolai

»O Erasmus von Rotterdam, wo willst du bleiben? Höre, du Ritter Christi! reite hervor neben den Herrn Jesus, beschütze die Wahrheit, erlange der Märtyrer Krone,« heißt es im Tagebuch des Nürnberger Meisters Dürer. So rief der deutsche Volksgeist den Gelehrten und sie antworteten nicht; so ruft der deutsche Volksgeist noch heute den Gelehrten und sie antworten nicht; sie zeigen sich hier im ungünstigen Sinne als Erben des Humanismus vom 16. Jahrhundert.

Unter den deutschen Gelehrten des 19. Jahrhunderts gibt es einen, der eine ganz überraschende Ähnlichkeit mit Erasmus zeigt: Mommsen. Eine gewisse halbironische Teilnahme an geistigen und sittlichen Bestrebungen, welche dem Kern des deutschen Volkstums fremd gegenüberstehen, charakterisiert beide; aber wie einst, so wird auch heute das deutsche Volk, soweit es echt empfindet, sich zu den echten Vertretern seines Wesens halten. Mommsen ist ganz Erasmus darin, daß er übermäßig den »Zeitverhältnissen« Rechnung trägt; und auch die Motive mögen hier wie dort die gleichen sein. Beide stammen von der Nordsee und beiden eignet jene ungünstige Seite des friesisch-holländischen Charakters: das Kalte und Seelenlose und egoistisch Berechnende. Mommsen ist ursprünglich Jurist; was ja oft mit Formalist gleichbedeutend ist; gerade darum nahm der Natur- und Volksmensch Luther an dieser Menschengattung so besonderen Anstoß. Die Worte von Novalis, der ein ebenso frommer wie tiefdenkender Mensch war: »Es gibt geistvolle Historiker des Buchstabens, philologische Antiquare,« scheinen wie auf Mommsen gemünzt. Er ist der ausgesprochenste Vertreter jener Geistesrichtung im heutigen Deutschland, welche sich selbst treffend dadurch charakterisiert, daß sie entgegen der geschichtlichen Entwickelung sowohl wie dem Volksbewußtsein, die lateinische Schrift- und Druckweise für den deutschen Sprachgebrauch eingeführt wissen will. Sie verrät in einem solchen anscheinenden Nebenumstande, wes Geistes Kind sie ist; nämlich das Kind eines fremden, nicht eines deutschen Geistes. Selbst in dieser, wenn man will, sehr unpolitischen Frage, stehen Bismarck und das deutsche Volk auf der einen, Mommsen, der Mann der »Forschung« und der »Freiheit« auf der andern Seite; denn bekanntlich hat sich der erste deutsche Reichskanzler für, die neuere deutsche Wissenschaft gegen den Gebrauch der deutschen Schrift ausgesprochen. Mommsen vertritt nicht nur nach der Richtung seiner Studien, sondern auch nach seinem sonstigen Wesen ganz den kalten Geist des Römertums; er ist dem Griechentum innerlich ebenso fremd wie dem Christentum. Da aber die deutsche Bildung, nach ihren bisherigen besten Elementen, zwischen diesen beiden letzteren Mächten in der Mitte steht: so ergibt sich daraus ein undeutscher Zug im Charakter des Genannten. Die ätzende Schärfe seines Stils sowie manches andere in seiner Persönlichkeit erinnert auffallend an Voltaire; der Verstand beider ist groß; aber wie dem französischen, so fehlt auch dem deutschen Popularhistoriker die – Seele. Dieser Mangel reflektiert selbstverständlich bei beiden auf den Menschen. Voltaires Charakter als Mensch ist bekannt: als Dichter hat er eine der zartesten Gestalten der Geschichte, welche an Größe der Gesinnung wie des Unglücks nur von der Kassanora des Äschylus erreicht wird. Johanna d'Arc, in den Schmutz gezerrt; als Kritiker hat er Shakespeare und damit sich selbst verurteilt; man sieht, wohin »Geist« allein führt. Sinkende Zeiten bringen solchen Geist hervor; im Sumpfe wachsen schillernde Blumen.

Wie äußerlich und oberflächlich der modernere dieser beiden »Geschichtschreiber« sich religiösen Dingen gegenüber verhält, welche doch für jede Periode der Geschichte mit aufs stärkste in Betracht kommen, erhellt aus dem seinerzeit von ihm gemachten Vorschlag eines Massenübertritts der heutigen deutschen Juden zum Christentum. Er fügt zwar hinzu: »Soweit sie es können, ohne gegen ihr Gewissen zu handeln.« Aber da ein solcher Massenübertritt unmöglich aus innerer Überzeugung geschehen kann; und da ein Religionswechsel nicht nur wenn er gegen, sondern auch wenn er ohne innere Überzeugung erfolgt, mindestens eine Lüge ist – so ergeben sich die Folgerungen von selbst. Man weiß, in welch niederträchtiger Weise sich Heine über seine Taufe geäußert hat; er konnte sie mit seinem »Gewissen« vereinigen; aber eine derartige Seelenverkäuferei sollte doch niemand empfehlen. Religion ist nicht ein Mantel, der beliebig an- und ausgezogen wird. Und doch ist der Urheber jenes obigen Vorschlags einer von denjenigen, welche als Hauptsäulen der neuen deutschen Bildung gelten und im spezialistischen Sinne auch berechtigterweise gelten; aber im menschlichen Sinne glücklicherweise nicht.

Mommsen hat die ihm eigentümliche, rein verstandesmäßige Richtung mit einem, der größer ist als er: mit Lessing und mit einem, der kleiner ist als er: mit Nicolai gemein. Auch Nicolai ist, seinem Namen nach zu schließen, von friesischer Abkunft; denn diese Art von patronymen Namensbildungen ist, soweit das von Deutschen bewohnte Deutschland in Betracht kommt, ganz allein in Friesland üblich und hat sich von daher nicht durch Gewohnheit, sondern ausschließlich durch Abstammung anderswohin verbreitet. Nicolai zeigt die friesische Nüchternheit, verbunden mit friesischer Hartnäckigkeit, bis zur Karikatur; ja sie führt bei ihm zur völligen Unbelehrbarkeit, zum passiven Fanatismus, zum geistigen Nihilismus. Er möchte den Künstlern wie Kunstwerken die Seele austreiben. Und er erinnert dadurch an jenen Zug im holländischen Charakter, den man Seelenverkäuferei genannt hat; wie denn auch der holländerfreundliche Friedrich Wilhelm I. gelegentlich seiner »großen Garde« diese Eigenschaft streift. Es ist also kein Zufall, daß auf geistigem Gebiet sich Lessing, Erasmus, Mommsen, Nicolai treffen; sowie daß Ihering als geborener Friese und Ranke – dessen Name nach Analogie der rein friesischen Namen: Zanke, Hanke u. a. ebenfalls auf friesische Abstammung deutet – sich ihnen anschließen. Kalter Verstand charakterisiert sie alle, wiewohl ihr moralischer Wert teilweise weit auseinandergeht,– aber es ist immerhin bezeichnend, daß sich diese kühlen Geister gerade auf preußischem Boden zusammenfinden. Auch sie stellen ein »Preußisch-Holland« dar. Preußen ist eine vorwiegend politische Arena; die Politik rechnet; und Seele kennt sie nicht; oder doch nur als einen Faktor in ihren Rechnungen; und damit ist das Wesen der Seele zerstört; denn sie ist selbstherrlich und triumphiert eben deshalb zuweilen sogar über die Politik. Darum wird diejenige Politik stets die beste sein, welche sich mit der Seele verbündet. Wenn die preußische Politik die Wege der deutschen Volksseele einhält, ist sie unbezwinglich; auch das deutsche Bildungswesen wird sich von diesem grundbestimmenden Faktor nicht zu weit entfernen dürfen. Leute wie Mommsen kann man als eine Art von geistigem Kleinadel, mit dessen Licht- und dessen Schattenseiten bezeichnen. Die ersteren vereinigen sich, wie das bezüglich des wirklichen preußischen Kleinadels in Bismarck der Fall gewesen ist, auch einmal zu einem Lichtblitz–wie in Lessing: und beide große Männer geraten, durch ihren weiten und freien Blick, in halben Gegensatz zu ihren ursprünglichen Standesgenossen. Sie sind in den hohen Adel übergetreten; Bismarck ist wirklicher Fürst geworden; Lessing hat man den Fürsten der Kritik genannt. Dennoch ist seine Zeit vorübergegangen: nach dem Scharfrichter kam der Mildrichter; auf Lessing ist Goethe gefolgt.

5. Dichtergeist und Nüchternheit

Die Richtung, welche die Bildung des deutschen Volkes im neunzehnten Jahrhundert genommen hat, hängt ohne Zweifel mit seinen politischen Verwickelungen und Entwickelungen zusammen. Die deutsche Revolution von 1848 wurde großenteils durch Schillers »Marquis Posa« gemacht; und umgekehrt ist durch die Erfolge des Jahres 1870 der in Berlin von jeher heimische Geist Nicolais etwas mehr als wünschenswert auf das übrige Deutschland übergegangen. Dieser Vorgang ist wichtiger und bedrohlicher, als man wohl denkt. Es ist kein Zufall, daß Dubois-Reymonds »mechanische Weltanschauung« vorzugsweise dort ihre Verkünder und Verehrer findet, wo einst Schiller und Goethe vorzugsweise verständnislose Gegner fanden: in Berlin. Gerade letzteres sollte man nicht vergessen. Die Kontinuität der Geschichte ist sehr groß und ihre bleibenden sind ihre stärksten Faktoren. Die zwar nicht äußere aber innere Lokalphysiognomie einer Stadt oder eines Staates erhält sich auch dann noch sehr lange, wenn ihr im Laufe der Zeit neue Bevölkerungselemente zuwachsen: denn letztere werden eben aufgesogen. Das überwiegend orientalisierte kaiserliche Rom war von dem überwiegend italischen republikanischen Rom nur der Stufe, nicht aber der Art seines Charakters nach verschieden. Die heutigen Franzosen sind, nach den Hauptzügen ihres Nationalcharakters noch ganz dieselben turbulenten Gallier, welche Cäsar vor zweitausend Jahren beschrieb; und auch die heutigen Berliner sind im Grunde noch dieselben, wie die vor hundert Jahren. »Nicolai, der noch lebt.« schrieb Hebbel. Es ist nicht zu verkennen, daß dieser spezifische Berliner Geist dem rein deutschen Wesen entgegengesetzt ist. Goethe selbst hat dies oft empfunden und ausgesprochen; Berlin ist der einzige Ort, zu dem er sich offen als Antipode bekannt hat. »Was schiert mich der Berliner Bann, Geschmäcklerpfaffenwesen?« Für den diplomatisierenden Dichter, der im Tadeln und Opponieren sonst so überaus vorsichtig war, ist dies doppelt bezeichnend; das Gefühl des Gegensatzes muß demnach bei ihm sehr stark gewesen sein. »Wer mein Freund ist, der rate mir nicht, nach Berlin zu kommen,« sagt er bei einer anderen Gelegenheit. Die damaligen Dubois-Reymonds hatten ihm wahrscheinlich den dortigen Aufenthalt verleidet; daß jetzt die sogenannten Goethekenner ganz besonders in Berlin zu finden sind, kann diese Tatsache nur noch schärfer beleuchten. Literarische Feinschmeckerei vereint sich selten mit wahrer innerer Anteilnahme und Gesinnungsverwandtschaft. Dem Griechen steht der Alexandriner ebenso fern, ja noch ferner als der Barbar; denn dieser, als ein geistiges Kind, kann vielleicht noch zu voller Männlichkeit ausreifen; jener, als ein geistiger Greis, aber niemals. Schon im Altertum ging mit dem Aufblühen der Kennerschaft der Verfall der Kunst Hand in Hand; Goethes Gesellschaft war eine andere als die heutige Goethegesellschaft; sie fühlte menschlich, nicht kennerhaft.

»Sie lassen mich alle grüßen und hassen mich bis in Tod,« hat Goethe von Leuten gesagt, die zu seinen berufsmäßigen Verehrern gezählt wurden. Man hat daher ganz richtigerweise von Goethepfaffen gesprochen; denn das bezeichnende aller Pfaffen ist, daß sie innerlich das hassen, was sie äußerlich verehren. Nichts aber war Goethe und ist jedem freien Geiste mehr zuwider als ein derartig pfäffisches Wesen. Eine Versöhnung zweier so verschiedener Standpunkte, auf der Basis der Gleichberechtigung, ist nicht möglich; denn der menschliche Standpunkt ist ein für allemal der höhere, der bescheidenere, der ehrlichere; er ist der echtere. Es ist ein uralter deutscher Rechtsgrundsatz, daß jeder nur von seinesgleichen gerichtet werde: er gilt auch im Reich des Geistes; und nicht am wenigsten für die Kritik. Die ästhetischen Tees des früheren Berlins waren gegen Goethe nicht gerechter, als es die politischen Fortschrittklubs des heutigen Berlins gegen – Bismarck sind. In beiden Fällen ist der Gerichtshof nicht kompetent; in beiden Fällen urteilt Deutschland anders als Berlin. Goethe seinerseits wurde es nie müde, Nicolai, den Propheten der Plattheit, zu verdammen. Die Art des letzteren, Goethe und Schiller von oben herab zu behandeln, ist bekannt; aber dieser Standpunkt wurde auch von klügeren Leuten geteilt; über Schillers Glocke schrieb selbst eine Caroline Schlegel: »Wir wären fast vor Lachen vom Stuhle gefallen,« als sie deren erste Wirkung auf die damals sogenannten geistreichen Kreise Berlins schilderte. Dies Urteil über ein Gedicht, welches ein Wunderwerk von poetischer Formulierung und in gewissem Sinne das deutscheste aller vorhandenen deutschen Gedichte ist, erscheint überaus bemerkenswert; so gleichgültig es an sich ist, so wichtig und weittragend ist es in seiner symptomatischen Bedeutung. Der nüchterne Geist war dem idealen Geiste feind.

Schiller erwiderte jene Antipathie durchaus; er gab ein von ihm beabsichtigtes und zur Verherrlichung Friedrichs II. bestimmtes Epos »Leuthen« auf, weil ihm dessen Held »zu kalt« erschien. Hier war der schwäbische Dichter, wie auch sonst, der berufene Fahnenträger für die Gesinnung der eigentlich deutsch Fühlenden; und lange nach ihm noch haben ein Lornsen und ein Gervinus ähnlich empfunden. Es ist leichter, solche Urteile zu verdammen, als sie zu verstehen. Halte man diese tiefen und zarten Regungen des deutschen Volksgemüts ja nicht für gering; denn Männer, die mit dem Volksgeiste Fühlung haben, wissen ihm auch Ausdruck zu geben. Wohl dem Volk, das auf seine Propheten hört! Schiller war in Leistungen wie Gesinnungen ein geistiger Aristokrat; und doch ist er der volkstümlichste aller deutschen Dichter. Hier bestätigt sich aufs neue, daß Volksgeist und Geistesaristokratie einander anziehen. Friedrich II. war tatsächlich »kalt«. Eine großartige Verständigkeit bildete den Grundzug seines Wesens; mit ihr schlug er seine Schlachten und durch sie brachte er seine Provinzen zum Blühen: aber selbst gegenüber seinen näheren Bekannten und Vertrauten zeigt er kaum die Äußerung oder das Vorhandensein eines wirklich herzlichen Gefühls. Er war gelegentlich sentimental, aber nie leidenschaftlich und hat darin eine merkwürdige Ähnlichkeit mit Napoleon I. und Cäsar. Als ein durchaus politischer, d. h. völlig klarer Charakter, eignete er sich für eine künstlerische Behandlung wenig; denn diese braucht für ihre Gestalten eine Trübung durch menschliche Affekte; ein durch und durch kühler Kopf lohnt eine poetische Darstellung nicht. Politik und Poesie stoßen sich zuweilen ab. Friedrich II. hatte kein Herz für die deutsche Dichtung und diese kein Herz für ihn; der Bund, den beide in Lessings Minna von Barnhelm schlossen, ist nur eine Vernunftehe; und auch bis heute noch hat der große König keine ihm ebenbürtigen poetischen Verherrlicher gefunden.

»Mag der Rationalismus auch noch so nötig und gut sein auf anderen Gebieten, aber für die Kunst ist er der Tod,« sagte Cornelius. Die kalte Hand des preußischen Staatsgerippes konnte, wo sie sich direkt mit dem warmblütigen deutschen Volkskörper berührte, diesem nur ein unbehagliches Gefühl verursachen; indes sind unbehagliche Eindrücke im Leben und vor allem in der Erziehung notwendig; dies hat sich auch in der Erziehung Deutschlands durch Preußen bewährt. Solange Preußen und Deutschland nicht eins waren, solange das Gerippe sich noch außerhalb des Körpers befand, mußten beide einander abstoßen; jetzt da sie zusammengehören, hat dies Gefühl keine Berechtigung mehr. »Die Kälte« des preußischen Geistes hat hier zum Segen geführt; ebendarum aber wäre nichts falscher, als sie überhaupt auf geistigem Gebiet herrschend zu machen. Das Dämmerlicht der Poesie gehört nicht in die Politik und die Nüchternheit der letzteren nicht in die Kunst. Es sind Gegensätze, die stets wiederkehren und stets auseinandergehalten werden müssen.

6. Das geistige Berlin

Berlin ist von jeher ein Sitz des Rationalismus gewesen. Ein negativer Zug, eine gewisse geistige Leere bei und trotz aller äußeren Betriebsamkeit überwiegt im Charakter des Berliners. Bismarck hat Berlin »eine Wüste von Ziegelsteinen und Zeitungen« genannt. Wüsten sind bekanntlich heiß und trocken; auch die Berliner geistige Atmosphäre ist dies; der eigentliche fruchtbare und befruchtende Hauch fehlt ihr. Es ist ein Hauptsitz der registrierenden und fast ein Gegner der schöpferischen Bildung; bis in die neueste Zeit hinein sind eigentlich schöpferische Künstler, wie Menzel, nicht durch sondern geradezu gegen Berlin emporgekommen. Berlin hat nicht sie, sondern sie haben Berlin groß gemacht.

Noch jetzt kann man von einer spezifisch Berliner Bildung reden. Es ist eine Bildung auf rein wissenschaftlicher oder noch genauer gesagt: auf rein verstandesmäßiger Basis; darin liegt ihre scheinbare Stärke, sowie ihre wirkliche Schwäche. Es ist eine Bildung, in der Empfindung keinen Platz hat; in der das Herz verstummt; und die folglich nie volkstümlich sein kann. Sentimental und gelegentlich fanatisch, bildungsfanatisch kann sie freilich sein. Auch war sie einmal geistreich; nämlich zu den Zeiten Rahels. Doch ist das heutige Berlin nicht entfernt so geistreich oder geistvoll wie das frühere; es weiß mehr und denkt weniger; fast möchte man sagen täglich weniger. Es ist jüdisch gefärbt – im schlechten Sinne. Rahel war voll Seele, die heutigen Berliner Juden verleugnen durchweg wie ihre alten Propheten so diese neue Geistesheldin; sie dienen dem Götzen der »modernen Bildung«. Auf sonstige Bevölkerungskreise der Reichshauptstadt ging und geht viel davon über. Wenn Bescheidenheit klug macht, was richtig scheint, so läßt sich dieser ganze Wechsel auch geschichtlich begründen; wie Nicolai auf Friedrich den Großen ist Rahel auf Jena gefolgt; die deutschen Siege von 1870 scheinen wieder umgekehrt gewirkt zu haben. Berlin sollte dies bedenken. Berliner Größen, die einst in Deutschland eine wichtige Rolle spielten und die jetzt nach ihrem sehr beschränkten Werte zutreffend taxiert werden: so Gutzkow in der Literatur und Lasker in der Politik, könnten hier als warnende Beispiele dienen. Beide führten einmal auf ihrem Gebiet das große Wort; und beide sind im Grunde nur triviale Persönlichkeiten; für »eminent« hält man sie jetzt nicht einmal mehr in Berlin. Es gibt Fälle, in denen die deutsche Bildung und die Berliner Bildung sich sehr entschieden voneinander abheben.

Ein totes Wissen, verbunden mit einer nur auf Tagesereignisse und Tagesinteressen gerichteten Gesinnung, führt sicher zur Trivialität, zu dem Erbteil Nicolais. Den Magneten und Magnaten der heutigen deutschen »schönen« Literatur, welche vorwiegend in Berlin ansässig sind, klebt durchweg etwas von diesem trivialen Geiste an. Das Überwuchern der Romanliteratur in dem Deutschland der letzten fünfzig Jahre ist nicht nur zufällig von dem Verschwinden einer wahrhaft bedeutenden poetischen Produktion, im engen und strengen Sinne dieses Wortes, begleitet gewesen. Und selbst der große »Berliner Roman« läßt bekanntlich noch immer auf sich warten. In der Literatur gibt es eigentlich nur zwei Genres: Goethe und Kotzebue; die jetzige deutsche Bühnendichtung, ebenfalls von Berlin beherrscht, huldigt durchaus dem Genre Kotzebue und Raupach; und was dieses gegenüber dem Genre Goethe bedeutet, weiß man. Daß Kotzebue technisch von den jetzigen Bühnengrößen übertroffen wird, macht die Sache nicht besser. Es kommt auf den grundsätzlichen Unterschied an; und dieser zieht sich gleichmäßig durch die heutige triviale wie die einstige klassische deutsche Literatur« Periode. Berlin vertritt, jetzt wie damals, den Geist der Trivialität; und das ist nicht gut. Schon Boerne hat sich in köstlicher Weise über die noch jetzt gangbare Gewohnheit der gebildeten Berliner lustig gemacht: geistige oder sonstige Tagesfragen durch gewisse Schlagworte abzutun, die dann jeder von ihnen dem andern nachspricht; und neuerdings gab man in einer großen deutschen Zeitung den inferioren Standpunkt der heutigen Berliner Literatur und ihres Publikums zu, fügte aber naiverweise zur Entschuldigung bei, daß »in einer so großen Stadt der einzelne keine Zeit habe, sich ein eigenes Urteil über geistige Dinge zu bilden«. Das mag sein; aber dann muß man sich eines Urteils enthalten. Am allerwenigsten darf man, unter solchen Verhältnissen, anderen das Urteil vorschreiben wollen.

In Wien herrscht noch heute durchgehends ein feineres Geistesleben als in Berlin. Der Professor gilt dort nicht so viel wie hier; aber der bedeutende Künstler desto mehr. Ein Brahms ist in Berlin dauernd so wenig denkbar wie ein Mozart; der lebende Hebbel würde in Berlin genau so verfemt gewesen sein wie der lebende Cornelius; und ein Burgtheater ist dort nicht zu denken. Kunst kann dauernd nur da gedeihen, wo Temperament gedeiht. Letzteres fehlt in den gebildeten Kreisen der deutschen Hauptstadt; sie verstehen weder zu lachen noch zu weinen. Dazu kommt ein anderes. Berlin wird, soweit geistige Dinge in Betracht kommen, nunmehr im übrigen Deutschland eifrig nachgeahmt; und eine solche Art von Geisteshegemonie kann sehr schlimme Folgen haben. Gesunde, sowie fern von Berlin lebende Persönlichkeiten, es darf nur an die bereits obenerwähnten Keller und Storm erinnert werden, entzogen sich ihr zwar. Sie standen auf eigenen Füßen; aber es ist kein gutes Zeichen, wenn solche Früchte nur in den entlegensten Winkeln des Deutschen Reiches wachsen. Kommt das Echte eines Staats- oder Volkslebens an seine Peripherie, das Unechte aber ins Zentrum zu liegen, so wird das Ganze hohl.

Das triviale Berlin bleibt sich eben stets gleich; es wird teils von Romantikern des Salons, teils von Romantikern der Gosse beherrscht; Wildenbruch suchte beide Richtungen in sich zu vereinigen. Nichts aber ist zu allen Zeiten in dieser Stadt seltener gewesen, als eine gesunde natürliche Genialität? sie neigte sich auf künstlerischem Gebiete stets zu zwei Ausartungen: Nüchternheit und Überspanntheit; sie schwankt zwischen Nicolai und E.T.A. Hoffmann, Müllner-Houwald und dem »jüngsten Deutschland«. Selbst in der Berliner Plastik machten sich jene zwei Strömungen bemerkbar; auf den akademisch-ledernen sog. Wrangelbrunnen folgte der ausschweifendbarocke sog. Begasbrunnen,– aber auf wie lange? Genau wie in der Politik, stehen sich hier Stock-Konservative und Wüst-Freisinnige gegenüber; genau wie dort, schießen jene rechts und diese links am Ziele vorbei. Es wäre gut, wenn zwischen beiden geistigen Richtungen eine mittlere Diagonale eingehalten würde; glücklicherweise ist sie latent schon vorhanden. Der Durchschnittsberliner von heute wie von einst kennt nur das Geschäft und das Vergnügen; aber in diesen beiden Reichen bewegt sich die echte Kunst nicht. Trotzdem haben zwar nicht aus Berlin stammende, wohl aber in Berlin tätige Männer gerade künstlerisch dort Großes und Größtes geleistet; sie haben damit auch geistig Berlin den Charakter einer Kolonie gewahrt. Im Grunde ist jede große Hauptstadt eine – innere – Kolonie desjenigen Landes, dem sie angehört. Berlin gehört Deutschland und im engern Sinne Niederdeutschland an; es hat sich denn auch eine niederdeutsche Charakterader bewahrt; ihr gehören eine ganze Anzahl von geistigen Persönlichkeiten an, welche sich aus dem dortigen bunten Völkergemisch vorteilhaft abheben. An sie wird eine etwaige innere Weiterentwickelung Berlins anzuknüpfen haben; sie könnte und sollte im Zeichen Rembrandts geschehen. Es sieht zwar einer homöopathischen Kur ähnlich, wenn man der heutzutage so verschwommenen deutschen Bildung den anscheinend verschwommensten aller Maler als Muster empfiehlt; aber andererseits ist es gerade eine stark allopathische Kur, wenn man der heutigen Berliner Bildung Rembrandt, diese von innerer Gesundheit strotzende Persönlichkeit, als ein Heilmittel verschreibt. Keine Bildung hat mehr Schablone, als die Berliner; kein Künstler hat weniger Schablone, als Rembrandt.

Die durchaus niederdeutschen Künstler: Schlüter, Karstens, Schinkel, Rauch sind die kenntlichsten Pioniere einer wahren künstlerischen Umbildung Verlins gewesen; und andere standen ihnen zur Seite: Lessing hat die Nüchternheit zur Kritik und L. Devrient die Überspanntheit zur Dämonik erhöht. Devrient, eigentlich de Vriendt, war von holländischer Abstammung. Sie alle sind fremde Pfropfreiser auf dem Baume des Berlinertums; und man sagt, daß edles Obst, auf Holzapfelstämme gesenkt, gut gedeiht; am besten aber gedeiht es, wenn diese vorher gekappt werden. So muß auch Berlin einen Teil seines bisherigen Nimbus verlieren, um ihn auf bessere Weise wiederzugewinnen. Die Gorgo mußte geköpft werden, ehe der Pegasus geboren werden konnte.

Im weiteren Umkreise des preußischen Staates sowie des geistigen Lebens spiegeln den obigen Gegensatz die durch Geburt und Leben der früheren preußischen Residenzstadt Königsberg angehangen und einander persönlich befreundeten Männer: Kant und Hamann wieder. Jede Uhr hat Pendel und Gewicht. Menzel seinerseits neigt sich wieder mehr zur Nüchternheit; in ihm hat die im engeren Sinne so zu nennende Berliner Kunst ihren bisher höchsten Vertreter gefunden; er ist berlinisch und doch niederdeutsch. Schadow steht ihm in der Plastik, Chodowiecki in der Kleinkunst ebenbürtig gegenüber; beide sind echte Berliner; nur daß jener mehr die historische und staatliche, dieser mehr die private und idyllische Kunst wie Lebensanschauung vertritt. Auch hier streben schließlich die guten wie die üblen Geister einem einzigen großen Ziele zu: der Betätigung echt deutscher und echt künstlerischer Gesinnung. Ist das aber erreicht, so wird Berlin nicht nur die Hauptstadt von Deutschland, sondern Deutschland auch die Heimat von Berlin sein; und beides ist gleich notwendig.

7. Berlin und Nordamerika

Die deutsche Reichshauptstadt ist im letzten Jahrhundert so rasch gewachsen, wie sonst nur nordamerikanische Städte; und wenn man weniger die äußere als die innere Erscheinung der Stadt, d. h. die geistige Durchschnittsphysiognomie ihrer Bewohner ins Auge faßt, so ist die Übereinstimmung fast noch größer. Stammesgemeinschaft ist immer Seelengemeinschaft; und Seelengemeinschaft ist immer Interessengemeinschaft; hier berührt sich die Politik mit den geheimsten Pfaden des Naturlebens. Das mochte ebenfalls ein Friedrich II. empfunden haben, wenn auch vielleicht in umgekehrter Schlußfolgerung, als er sich sofort dem neuerstandenen Freistaat jenseits des Ozeans anschloß. Nordamerika ist eine niederdeutsche Siedelung nach Westen, Preußen eine solche nach Osten hin; jene ist auf friedlichem, diese auf kriegerischem Wege entstanden; beide aber verleugnen ihre gemeinsame Heimat nicht. Rastloser Geschäftsgeist charakterisiert den Anwohner der Spree wie den des Hudson; aber freilich ist eben diese Unruhe auch dem Aufblühen eines selbständigen Geisteslebens beiderseits hinderlich gewesen. Universitäten und Museen, welche man hier wie dort mit großem Eifer gründet und pflegt, erzielen ein solches noch nicht. Diese gleichmäßige Entwicklung geht bis zu Äußerlichkeiten: das Kapitol und die Bildung zu Washington ist nur eine etwas vergrößerte und vergröberte Auflage der Kirchen am Gendarmenmarkt und der Bildung zu Berlin. Beiderseits zeigt sich ein Hasten und Jagen nach mannigfachen Bildungsergebnissen: beiderseits aber auch ein Mangel an stillem, ruhigem Wachstum von innen heraus: man treibt Raubbau an der Kultur; der praktische Sinn der Niederdeutschen geht gewissermaßen mit ihnen durch. Es ist eine falsche Anwendung hier kaufmännischer, dort staatsmännischer Grundsätze auf das geistige Leben. Fabriken und Verwaltungsbezirke lassen sich zwar von außen organisieren; Kunst- und Geisteswerke aber nur von innen. Es wäre an der Zeit, das suum cuique auch hier anzuwenden; mit Geld und mit Beamten läßt sich viel machen; aber nicht alles.

Berlin ist auch darin nordamerikanisch, daß ein bedeutender Bruchteil seiner Einwohnerschaft stets aus Zugewanderten besteht. Je mehr Vertreter idealer Interessen und selbstschöpferischer Geisteskraft sich unter diesen Zugewanderten befinden, desto besser wird es für Berlin und für Deutschland sein; Berlin wird dadurch seinen Charakter nicht ändern, aber es wird ihn heben. Hoffentlich wird diese Stadt nicht zum zweitenmal einen Lessing. Winckelmann, Semper von sich stoßen – wenn diese sich in einer den heutigen Verhältnissen angemessenen Gestalt wieder vorfinden sollten. Nordamerika erzeugt zahllose Zivilingenieure und Berlin zahllose Regierungsbaumeister; aber es sind »mechanische« Ingenieure und Baumeister. Die mechanisch und geistig gleich tüchtigen Kräfte in der Art, wenn auch nicht von der Höhe eines Leonardo, Svedenborg, Semper lassen auf sich warten. Die Überkultur diesseits und die Unkultur jenseits des Ozeans begegnen sich in ihren Mitteln; leider aber auch in ihrem Erfolg; welcher bisher, soweit es sich um neuschöpferischen Geist handelt, beiderseits gleich Null geblieben ist. Dieser Erfolg ist nur auf einem einzigen Weg zu erreichen: durch schöpferische, konstruierende, organisierende Persönlichkeiten; und zwar nicht im staatlich-administrativen, sondern im geistig-künstlerischen Sinne. Jene hat man, diese nicht. Das biblische Gleichnis vom Sauerteig gilt auch hier; und es trifft mit den besten und höchsten Resultaten der Wissenschaft darin zusammen: daß Organisches sich nur aus Organischem entwickelt. An diesem Tröpfchen organischen Geistes hat es in Berlin wie Nordamerika, auf geistig-künstlerischem Gebiet, bisher gefehlt. Findet dieser sich aber nicht ein, so ist Geld und Mühe umsonst aufgewendet: ihn zu suchen und zu fördern, soweit er etwa vorhanden ist, das ist die höchste Aufgabe aller derjenigen staatlichen Faktoren, welche sich der Geistes- und Kunstpflege widmen wollen. Und darüber, in welcher Richtung er zu suchen ist, kann ein Blick auf Rembrandt belehren. Rembrandts Bilder kann man kaufen, seinen Geist nicht; oder doch: wenn man ihn wieder zu erwecken weiß und Geldmittel hierfür richtig anwendet. Dann wird er auferstehen.

8. Preußische Bildung

In der Tat ist etwas Hohles in der preußischen Geistesbildung; sie hat sich mehr von außen nach innen, als von innen nach außen entwickelt; sie ist eine erweiterte Berliner Bildung. Ihr fehlen vorzüglich zwei Dinge: echte Philosophie und echte Volkstümlichkeit. Sie denkt nicht und sie fühlt nicht; dadurch wird sie in vieler Hinsicht äußerlich und oberflächlich. »Ich war achtzehn Jahre alt und konnte so gut wie gar nichts; wäre ich der heutigen Schulbildung in die Kunde gefallen, so wäre ich leiblich und geistig zugrunde gegangen,« sagte A. von Humboldt; und wieviel schlimmer ist es seitdem geworden. Regulative können das Leben zwar regulieren, aber es nicht hervorrufen; unter Umständen es sogar ersticken. Manche Regierungsverordnungen über das höhere Schulwesen in Preußen erinnern bedenklich an die beiden Kuppelbauten auf dem Gendarmenmarkt in Berlin; außen klassisch, prunkreich, vielgegliedert, anspruchsvoll; und innen: zwecklos. Hier hat der preußische Kommandogeist einmal über seinen Bereich hinausgegriffen; weder Kunst noch Bildung lassen sich auf Kommando erzeugen; sie keimen, wachsen, blühen langsam aus der Volksseele. »Schneider für Zivil und Militär« soll die Kultur nicht sein. So weit wie Boerne braucht man freilich nicht zu gehen, der in seinen weniger deutschen als »Pariser« Briefen schrieb: Er ist ein Preuße, also ein Windbeutel; doch ist es nicht zu leugnen, daß gerade auf dem geistigen Gebiete das Schneidige und Draufgeherische der Preußen öfters ins Windige umschlägt. Das hat sich von Nicolai bis Dubois-Reymond gezeigt. In bezug auf das Erziehungs- und Examenwesen hat Disraeli schon vor langer Zeit Preußen mit China verglichen. Es fehlt der gegenwärtigen deutschen Bildung, die durch die innere und äußere Politik Preußens so sehr beeinflußt wurde, an dem eigentlichen inneren Wohllaut: Mars war den Musen nie befreundet. Aber vielleicht ist es dem deutschen Volk noch vergönnt, sich Preußen für seine einigende Tätigkeit dankbar zu erweisen, indem es jene Hohlheit oder Lücke mit den Schätzen seiner Seele an- und ausfüllt. Preußen gab den Becher, so mag Deutschland den Wein geben. Es kann nicht schaden, ja es kann nur nützen, wenn in die preußische Kühle etwas deutsche Wärme hineinkommt. Ein kühler Kopf ist gut, aber nur wenn ein warmes Herz unter ihm sitzt; sonst tritt eine seelische Verknöcherung ein. Wenn Nüchternheit ihre Grenzen überschreitet, wird sie trivial. Der nicolaitische Geist war politisch berechtigt; geistig ist er es nur sehr teilweise. Das deutsche Herz gehört der Idealität; und diese Idealität hat sich jetzt als Herrschaft eines gesunden Individualismus zu betätigen. Deutschland kann das preußische Rückgrat, für das politische Leben, nicht entbehren; aber den freien Gebrauch seiner Glieder, für das geistige Leben, muß es behalten. Eine Verinnerlichung der preußischen und deutschen Bildung, wie sie jetzt ist, muß daher notwendig vor sich gehen. In militärischen Dingen ist die Schablone nicht nur erlaubt, sondern geboten; durch dies Medium hat sie sich unzweifelhaft der geistigen Bildung Preußens mitgeteilt; aber diese soll jetzt in derjenigen Deutschlands aufgehen. Wenn die gelehrten Deutschen, durch preußische Einwirkung, sich in schlagfertige Soldaten verwandelt hatten; so kann vielleicht auch der subalterne Geist jener speziell preußischen Bildung sich, durch deutsche Einwirkung, wieder endgültig zu höheren Anschauungen erheben. Wie im preußischen Staatsleben, so macht sich auch im Berliner Stadtleben ein – zeitliches – Oszillieren zwischen dem Grandiosen und dem Nüchternen geltend; es ist dahin zu streben, daß die erstere Richtung möglichst überwiege, ohne daß die letztere dabei aufgegeben werde.

Preußen ist auf politisch-militärischem Gebiet durch seine Disziplin groß geworden; aber der Unteroffizier, im geistigen Sinne, hat dort öfters zu sehr das Wort gehabt. Er hat hie und da seine Befugnisse überschritten, indem er die ihm geistig Aber geordneten kritisieren und korrigieren wollte. Möge also der preußische Offiziersgeist, im innerlichen Sinne, wie er in Kant, Herder, Humboldt lebte, über den entsprechenden preußischen Unteroffiziersgeist, wie er in Wöllner, Nicolai, Dubois-Reymond sich kundgegeben hat, dauernd triumphieren. Die Bigotterie eines Wöllner und seiner Nachfolger sowie die Aufklärung eines Nicolai und seiner Nachfolger sind beide gleich seicht und ordinär; sie stehen der reinen Empfindung, deren alle echte Religion wie Kunst bedarf, gleichermaßen fremd und feindselig gegenüber. Preußen sollte seine vornehme Seite nach außen kehren; es sollte sie, wie dies im militärischen Leben üblich und selbstverständlich ist, auch im geistigen Leben vorherrschen lassen; das ist eine Pflicht, die sein hoher deutscher Beruf ihm auferlegt. Jede Art von Organisation beruht auf Subordination, mag man diesen Begriff nun gröber oder seiner auffassen; Subordination ist daher auch auf dem geistigen Gebiet ein- und durchzuführen: Nicolai soll vor Goethe Order parieren. Das wäre einmal ein gesunder Übergriff des »Militarismus« auf das bürgerliche Leben. Allerdings werden sich die bewußten oder unbewußten Anhänger Nicolais gegen eine solche Subordination ebensosehr sträuben, wie die meisten jetzt noch lebenden Deutschen sich einst gegen die politische Sudordination unter Preußen gesträubt haben; aber wahrscheinlich wird ihr Widerstand in diesem Fall ebensowenig erfolgreich sein wie in jenem früheren. Die Geschichte ist mächtiger als menschliche Wünsche.

Der Deutsche hatte sich militarisiert; er muß sich nun zivilisieren, mit oder wider Willen. Zivilisation beruht auf Unterordnung der niederen Triebe und Anschauungen des Menschen unter die höheren. Subordination ist preußisch; und so gemeint, würde eine preußisch disziplinierte, doch keine Berliner Bildung für den Deutschen die rechte sein; möge er verstehen, zu lernen. Und möge er bescheiden sein.

9. Professorenschäden

Mit ihrer politischen verloren die Griechen einst auch ihre geistige Freiheit und gelangten dadurch zu dem Verfall ihrer Bildung, zum Alexandrinismus; mit der politischen wird den Deutschen hoffentlich auch ihre geistige Freiheit wiederkommen, damit sie sich aus dem Verfall ihrer Bildung, dem modernen Alexandrinismus, erretten.

Es scheint in der menschlichen Natur tief begründet, daß sich die Völker zeitweilig von einer rein verstandesmäßigen Bildung beherrschen lassen und daß sie, solange sie unter dem Einflüsse dieser Bildung stehen, gar nicht bemerken, wie hohl und unwahr sie ist. Pharisäer und Sophisten, After-Scholastiker und Spezialisten haben in den verschiedensten Ländern und Zeiten dies Prinzip vertreten; aber der echte und wahre Geist der Menschheit hat auch schließlich immer sich dagegen aufgelehnt – und darüber gesiegt. Wie die Vertreter der Goethe vorhergehenden deutschen Geistesperiode und teilweise selbst ein Lessing für die herannahende klassische Literaturperiode der Deutschen kein Verständnis hatten noch haben konnten, so fehlt auch den heutigen Gelehrten durchweg die Witterung für die bevorstehende und so überaus wichtige Wendung im deutschen Geistesleben. Es geht ihnen wie Lots Frau; sie sehen rückwärts und werden darüber zur Salzsäule; das heißt: sie studieren ihr Fach und werden darüber zu wandelnden Repertorien. Sie können das Publikum teilweise belehren, aber nicht beleben.

Es ist bezeichnend, daß zu allen Zeiten mit der abnehmenden Qualität der geistigen Bestrebungen ihre Quantität ganz übermäßig zugenommen hat. Die Zahl der Pharisäer zu und bald nach Christi Zeiten machte einen unverhältnismäßig großen Bruchteil der damaligen Gesamtbevölkerung Judäas aus; die Sophisten in Athen und anderswo sahen fast die ganze griechische Jugend zu ihren Füßen; kurz vor dem Ende des Scholastizismus war die Universität Paris von 12+000 Studenten besucht; um 1890 hatte Berlin 8000 Studenten und wurden in Deutschland jährlich 14+000 neue Bücher gedruckt. Wie viele dieser Studenten und Bücher wohl für das nationale Leben von dauerndem Werte waren? Jedenfalls ein weit geringerer Prozentsatz als früher, da man beide noch in beschränkterer Zahl produzierte. Solche Änderung bedeutet keinen Fortschritt, sondern einen Rückschritt in der nationalen Bildung. Vernunft ist stets bei wenigen gewesen; und es wäre zu wünschen, daß die geistig Schwachen sich nicht durch jenen äußeren Schein täuschen ließen. Wenn dieser äußerliche und quantitative Aufschwung irgendeinen Wert hat, so ist es ein negativer; er bezeichnet, wie in jenen obigen Fällen, die letzte Station einer untergehenden Bildungsepoche; es ist der dunkle Weg, der ins Freie führt.

Die heutigen Deutschen haben vielfach den richtigen Maßstab für geistige Werte verloren. Bismarck, der geflügelte Worte spricht und Büchmann, der sie druckt, gehören zwar zusammen; aber das Bild ist viel, ohne Rahmen; und der Rahmen ist nichts, ohne Bild. Dem Schwall des Geschriebenen gegenüber entbehrt der einzelne leicht des klaren Blicks; und dennoch: wenn jemand die Wahl hätte, ein eigenhändiges Gemälde Rafaels oder alles zu besitzen, was je über Rafaels Gemälde geschrieben wurde; wer würde bei solcher Wahl zweifeln? Diesen Unterschied gilt es, stets im Auge zu behalten: Dichtungen, nicht Kommentare, Menschen, nicht Gelehrte soll der heutige Deutsche schätzen und studieren; »Ein Lot Praxis ist mehr wert als ein Zentner Theorie,« verkündigt ein altbewährtes Sprichwort. Am übertriebenen Dozieren hat die deutsche Bildung von jeher gelitten; denn der Deutsche ist nun einmal zum Übertreiben geneigt, sei es aus Gewissenhaftigkeit, sei es aus Mangel an Selbstbeschränkung. Und dies ist der barbarische Zug in seinem Charakter.

Schiller überschrieb sein erstes Werk: in tyrannos; wollte jemand heute ein allgemeines Wort an die Deutschen richten, so müßte er es überschreiben: in barbaros. Sie sind nicht Barbaren der Roheit, sondern Barbaren der Bildung; früher gab es »dunkle«, jetzt gibt es helle Barbarei. Der heutige Professor urteilt durchweg über Welt und Natur mit der gleichen Sicherheit, mit welcher der Handwerksmann etwa Kabinettsgeheimnisse und Staatsverhältnisse bei seinem Glase Bier erledigt; Klarheit ist dies allerdings; aber was für eine? Es ist die Klarheit des politischen Kannegießers, die Klarheit Nicolais, die Klarheit des Spezialisten! Der Professor ist heutzutage der Generalentrepreneur der deutschen Bildung: das ist gegenüber früheren Zuständen ein Rückschritt, ja geradezu ein geistiges Verarmen zu nennen. Die deutsche Bildung hat offenbar quantitativ zu-, aber qualitativ abgenommen. »Bewahre Gott, daß der Mensch, dessen Lehrmeisterin die ganze Natur ist, ein Wachsklumpen werden soll, worin ein Professor sein erhabenes Bildnis abdruckt,« sagt Lichtenberg. Dies Konto ist ohnehin stark belastet. Der deutsche Professor, ausgestattet mit der äußeren Autorität und dem innern Selbstgefühl eines Weisen, ist trotzdem jeder Torheit fähig; und er beweist es jetzt wie je. Ein Professor der Universität Rostock z. B. schrieb in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine Abhandlung, in welcher er weitläufig nachwies, daß Bismarck überhaupt kein Staatsmann sei; und ein Professor der gleichen Universität schrieb zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts eine Abhandlung, in welcher er weitläufig nachwies, daß die ägyptischen Pyramiden nicht Kunst-, sondern Naturprodukte seien: eine Art von Kristallen, aus der Erde gewachsen. Ist es möglich, einen größeren Unsinn hervorzubringen als diese beiden Behauptungen? Der »Professor« ist die deutsche Nationalkrankheit; die durchgängige deutsche Jugenderziehung ist eine Art von bethlehemitischem Kindermord; diese zwei Wahrheiten können nicht oft genug wiederholt werden. Heutzutage sieht tatsächlich der Professor auf das deutsche Volk herab und das deutsche Volk zum Professor hinauf; möchte es lieber umgekehrt sein. Damit das Volk diese Ehre verdiene, muß es sich eine deutsche und eine vornehme Gesinnung aneignen; oder wenigstens muß es im deutschen Volk eine Minderheit geben, welche solche Ziele anstrebt; und welche dadurch einer falschen Bildung den Krieg erklärt. Das deutsche Volk sollte heute mehr auf die Stimme seines Herzens als auf die Stimme irreführender Professoren hören, mehr den Spuren seiner großen künstlerischen als seiner jetzigen vielfach entarteten gelehrten Landsleute folgen; und unter jenen steht Rembrandt in erster Linie.

10. Modernes Schulmeistertum

Vor allem wird es darauf ankommen, daß die Deutschen ihre Feinde – zumal die im eigenen Lager hausenden – erkennen. Zwei solcher typischen Feinde wurden schon früher einzeln betrachtet: Zola und Dubois-Reymond. Dieser italienische und dieser deutsche Halbfranzose haben viel miteinander gemein; der eine will die Kunst z.B. des Romanschreibens »wissenschaftlich« ausüben; der andere Will das Kunstwerk z.B. des Goetheschen Faust »wissenschaftlich« kritisieren. Beide verraten dadurch Mißverstand, Dünkel und seelische Roheit. Zola und Dubois-Reymond stehen der echten Kunst gegenüber, wie die beiden biblischen Ältesten der Susanna im Bade; auch jene sind zudringlich; auch jene steigen in fremde Gärten, wenn sie sich mit höheren Dinge befassen wollen. Dubois-Reymond hegte innerlich die gleichen demokratisierenden Neigungen, auf die sich Zola schon seit jeher versteifte. Unbildung und Überbildung begegnen sich und desavouieren sich – im Naturalismus. Das künstlerische wie das wissenschaftliche Proletariat des Geistes wandelt ganz die gleichen Wege; kann man von Zola als sein wollendem Akademiker sagen: jeune cocotte, vieille bigote; so darf man von Dubois-Reymond als sein wollendem Kunstrichter sagen: s'enfla si bene qu'il creva. Französische Dinge sprechen sich in französischer Sprache am besten aus. Zola im ersehnten Palmenfrack und Dubois-Reymond als anmaßender Verbesserer Goethes sind einander wert. Als Personen sind sie gleichgültig, aber als Gattungstypen wichtig; als solche muß man sie betrachten und als solche werden sie hier betrachtet. Sie sind Repräsentanten der Halbbildung; sie werden von dem großen Haufen verehrt; sie ahnen nicht, daß Seele in der Kultur alles ist. Und darum werden sie nie der Kultur dienen. Gegen solche seelenlose Bildung vorzugehen, das wäre der echte »Kulturkampf«. Wie das Gute, so kann auch das Schlechte, wenn man es der Anschauung zugänglich machen will, nicht begrifflich, sondern nur typisch aufgezeigt werden. Zu den Idealen gehören die Konterideale; die einen sagen dem deutschen Menschen, was er tun, die andern, was er lassen soll. Keine Liebe ohne Haß; zu dem sanften gehört stets der strenge Christus; sonst ist das Bild nicht vollkommen. Mögen darum auch die jetzigen Deutschen lernen, das Schlechte und Falsche zu hassen. Wer Haß sät, kann Liebe ernten; und er wird sie ernten, wenn er jenen an die rechte Stelle sät.

Der große Irrtum, die Schule über die Persönlichkeit setzen zu wollen, zieht sich durch Jahrtausende. Die Farbe bleibt, nur die Nuancen wechseln; Zola predigt theoretisch und aktiv viel von milieu; praktisch und passiv bestätigt er selbst seine Lehre. Die Geschichte ist freilich nicht sein Fach; und so weiß er von dem genannten Tatbestand nichts; dieser Lynkos ist blind. Die scheinbare Inkonsequenz Zolas, einen Sitz in der Akademie anzustreben, entpuppt sich mithin als reine Konsequenz; aus einem rohen wird er ein geleckter Schulmeister; aus einem Proletarier ein Pharisäer. Es ist dies der natürliche Gang aller geistigen Krapüle; und dem natürlichen Gang – des Genies – nach Golgatha gerade entgegengesetzt; es ist der Gang zum Synedrion! Die Genialität triumphiert, indem sie unterliegt und die Trivialität unterliegt, indem sie triumphiert. Auch hier überkreuzen sich die hellen und dunklen Bestrebungen wie Schicksale der Menschheit; sie runden sich stets ab; sie begleiten einander. Deutsches, französisches, mittelalterliches, griechisches, jüdisches Schulmeistertum ist identisch: es ist, dem freien, vergeistigten Menschentum gegenüber, immer zweiten Ranges und oft ordinär. Der »Schulmeister« opfert seine Seele – einer Theorie, einem Amt, einer Eitelkeit; und gar zu gern möchte er auch andere Seelen opfern.

Zola und Dubois-Reymond sind Schulmeister. Sie verkörpern das, was einer echt deutschen Gesinnung am meisten zuwider ist: Brutalität des Fühlens und Hochmut des Wissens. Zola kokettiert mit der Gemeinheit wie Dubois-Reymond mit der Vornehmheit; es ist daher schwer zu entscheiden, welcher von ihnen der Bessere oder Schlechtere ist. Daß aber diese beiden unvornehmen Gestalten, diese zwei typischen Plebejer das gerade Gegenteil von dem erreichen, was sie sich vorgesetzt hatten: ausschlaggebend im geistigen Leben der Gegenwart mitzureden, stempelt sie schließlich zu einer Art von komischen Figuren. Sie betrügen sich selbst; sie sind eitel wie ihr Bemühen; sie sind durch und durch untragisch und erweisen sich somit auch hierin als die wahren Antipoden jener großen Künstlergestalten, welche sie direkt und indirekt bekämpfen. Sie erregen weder »Furcht« noch »Mitleid«; sie sind Spukgestalten, welche vor dem Licht des kommenden Tages verschwinden werden; und solche waren in der deutschen Geistesgeschichte schon öfters da. Zola und Dubois-Reymond finden sich zusammen in – Nicolai; wie dieser auf seinen angeblichen Naturverstand, pochen jene auf ihre angebliche Naturwahrheit und Naturwissenschaft; sie spotten damit ihrer selbst wie der Natur. Es erscheint bemerkenswert, daß Nicolai seinerzeit ein Mitglied der Münchener sowohl wie Berliner und Petersburger Akademie war; hierin schließt er sich dem wirklichen Akademiker Dubois-Reymond wie dem seinwollenden Akademiker Zola durchaus an. Deutlich genug zeigt sich also, daß auch die »Akademien« zu den Dingen gehören, welche sich mit der Zeit in ihr Gegenteil verkehrt haben. Jene drei Akademiker gehören zu den »dummen Teufeln«, von welchen die deutsche Sage so witzig zu melden weiß.

Das Schwert des Geistes wird solche Bildungstyrannen zu treffen wissen. »Unser Zeitalter bedarf kräftiger Geister, die diese kleinsüchtigen, heimtückischen, elenden Schufte von Menschenseelen geißeln,« lautet ein holländisch oder deutsch derbes Wort von Beethoven. Zur Erziehung gehört die Rute! Die künstlerischen und wissenschaftlichen Vivisektoren von heute mögen sich also nicht beklagen, wenn man auch sie einmal viviseziert. Sie erfahren auf diese Weise selbst, was es heißt, »objektiv« behandelt zu werden: da sie doch so besonders für Objektivität schwärmen. Es ergibt sich dann freilich, daß bei ihnen der Kopf etwas flach und »Herz und Nieren« etwas schwach angelegt sind. Ihr Geist reicht nicht in die Höhe und ihr Charakter nicht in die Tiefe; es fehlt ihnen an Dimension. Sie sind Minimalgrößen und halten sich für Maximalgrößen; an diesem Rechenfehler werden sie sterben.

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