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Rembrandt als Erzieher

Julius Langbehn: Rembrandt als Erzieher - Kapitel 15
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authorJulius Langbehn
titleRembrandt als Erzieher
publisherC. L. Hirschfeld in Leipzig
printrun72. ? 76. Auflage
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IV. Deutsche Bildung

Es ist ein geschichtliches Gesetz, daß manche Bildungsrichtungen gerade dann in ihr Gegenteil umschlagen, wenn sie bei der letzten Spitze ihrer Entwickelung angelangt sind. Auch das heutige Deutschland, gerade weil sein Denken durchweg so spezialistisch und sein Fühlen durchweg so materiell ist, wird sich einer derartigen Metamorphose nicht entziehen können. Schon mehrfach hat der deutsche Charakter überraschende Wandelungen durchgemacht: auf die Roheit und Barbarei des alten England folgte das Zeitalter des reichsten Dichters, Shakespeares, und des tiefsten Forschers, Bacons; die dürftig und derb dahinlebenden ältesten Holländer wurden zu Lebensgenossen gerade des delikatesten aller Künstler, Rembrandts. Das Deutschland Goethes und Hegels endlich hat sich, für die übrige und zum Teil auch für die deutsche Welt ganz unerwartet, in das Land Bismarcks und Moltkes verwandelt. Der schroffe und zugleich zarte, vor allem aber die Gegensätze liebende germanische Charakter scheint für solche Umwandlungen besonders angelegt zu sein. Große und entscheidende Geistesumwälzungen künden sich aber keineswegs immer zuerst auf dem literarischen Markte an; wird doch das Christentum in der gleichzeitigen und so überaus reichen Literatur des Altertums kaum erwähnt.

Charakter tut not

Das neue Deutschland ist äußerlich durch eine Reihe von Reformen entstanden; Heeres-, Rechts-, Münz-, Verfassungs-, Zoll- und Sozialreform sind aufeinander gefolgt; die Bildungsreform fügt diesem ganzen System von Neuerungen nunmehr den notwendigen Schlußstein hinzu. Die Sozial- und die Bildungsreform insbesondere hängen nahe miteinander zusammen; beide sind Charakterfragen. Ein Volk, das Charakter hat, hat auch Brot; ein Volk, das Charakter hat, erlangt auch Bildung. Denn jeder Charakter, welcher sich mit der Welt auseinandersetzt, ist schöpferisch. Alle echte Kunst wird aus den verschwiegenen Tiefen des Charakters geboren.

Die Sozialreform soll den Körper, die Bildungsreform den Geist unseres Volkes stärken. Jene ist bereits begonnen; diese gilt es nunmehr vorzubereiten; dann mag im rechten Augenblick der Kern die Schale sprengen. Unsere zerstückelte moderne Bildung muß sich wieder zum Ganzen abrunden; Rembrandt ist ein Stein zu solchem Bau; und dieser Bau ist vor allem »eine feste Burg« gegen sich selbst überhebendes Gelehrtentum. Der Standpunkt der biblischen Schriftgelehrten: das Wissen höher zu schätzen als den Charakter, ist häufig auch der der heutigen Weltgelehrten. Eine überwiegend kritische Bildung wie unsere jetzige verliert leicht das Ganze der Menschennatur aus dem Auge; und mit dieser geht der Charakter in die Brüche. Charakter ohne Bildung ist aber weit besser, als Bildung ohne Charakter.

»An meinen Bildern müßt ihr nicht schnüffeln, die Farben sind ungesund,« hat Rembrandt gewarnt; und Goethe hat diesen Spruch für würdig befunden, ihn unter seine »Sprüche in Prosa« aufzunehmen. Dieser Geist des Schnüffelns ist in der heutigen Wissenschaft bekanntlich stark vertreten; auf geschichts- wie auf naturwissenschaftlichem Gebiet, und nicht am wenigsten den echten Helden deutscher Bildung selbst gegenüber, zeigt sich sein Walten. Die heutige Waschzettelliteratur über Goethe ist kaum mehr wert als – die Weste Schillers, welche in Gohlis bei Leipzig unter Glas und Rahmen gezeigt wird. Schiller wäre der erste gewesen, sich über solche Geschmacklosigkeiten lustig zu machen; und Goethe hat sich selbst schon bei seinen Lebzeiten gegen die alles durchspürende biographische Kleinkrämerei verwahrt. Dem Gelehrten mag Goethe dadurch äußerlich vielleicht bekannter werden; dem deutschen Publikum nicht; es vermag sich unter diesem Wust von Notizen nicht mehr zurechtzufinden. Man soll die Schriften deutscher Heroen an ihrer Gesinnung – nicht diese an jenen – messen.

Wissen ist keine Weisheit; und Einzelwissen ohne Gesamtempfindung ist tot. Ein solches wirkt auf den Inhaber, menschlich wie sittlich genommen, nur nachteilig. So kam man dazu, selbst einem Goethe vorzuwerfen, daß er ganze Abende hindurch »in Gesellschaft der unterrichtetsten Männer« geschwiegen oder nur hm! hm! gesagt habe, als ob das Wissen an sich für den menschlichen Verkehr oder den Wert des Menschen irgend etwas bedeutete; als ob es nicht ganz allein darauf ankäme, welche Persönlichkeit hinter ihm steckt. Aber die Blinden vergessen leicht der Farbe. »Diese Zeiten sind schlechter als man denkt,« hat eben der gleiche Goethe gesagt; und niemand kann behaupten, daß in Geistes- und Bildungsangelegenheiten, welche hiermit vorzüglich gemeint waren, die Zeiten seitdem besser geworden sind. »Die Charaktere vieler Professoren fingen an, sich zu entblättern, gleich den Bäumen des Herbstes bei einem Nachtfrost,« hat ein echter deutscher Mann, in dem Mensch und Gelehrter noch nicht getrennt waren, Jakob Grimm, von seinen damaligen Kollegen gesagt. Sein kluges und ehrliches Bauerngesicht scheint aus diesen Worten gleichsam hervorzuleuchten; sollten die heutigen Nachfolger jener Kollegen wirklich besser geworden sein? Legt man heutzutage mehr Wert auf Charakterbildung wie damals? Ist man sittlicher geworden? Man möchte diese Frage verneinen. » What are we to expect? Wohin geraten wir?« lauteten die ruhigen und inhaltsschweren Worte, welche einst ein Cromwell der politischen Mißwirtschaft seines Landes bei seinem ersten öffentlichen Auftreten entgegenschleuderte; gegenüber der geistigen Mißwirtschaft im heutigen Deutschland scheinen sie wieder angebracht. Kann es so weitergehen, wie bisher? Nein. Woher soll dem Volke Hilfe kommen? Aus sich selbst. Das sind Fragen und Antworten, die sich jetzt unweigerlich aufdrängen. Die Gegenwart hält sich in ihrer Bildung für ungemein fertig; gerade das ist ein Zeichen, daß es mit letzterer bald fertig ist.

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