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Rembrandt als Erzieher

Julius Langbehn: Rembrandt als Erzieher - Kapitel 13
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authorJulius Langbehn
titleRembrandt als Erzieher
publisherC. L. Hirschfeld in Leipzig
printrun72. ? 76. Auflage
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Schwarz-Weiß-Rot – Schwarz-Rot-Gold

»Denn es ist kein Bund zu machen zwischen den Söhnen des Lichts und der Finsternis.« Diese uralte Losung gilt noch für die neueste Gegenwart; und zwar auf allen Gebieten des wirklichen und geistigen Lebens. Eine klare Scheidung von hell und dunkel, schwarz und weiß ist jedenfalls besser als das fade Grau des Großstadtnebels und Großstadtstaubes, in welches sich die Bildung und Gesinnung des modernen Menschen allmählich aufzulösen droht. Will er wiedergeboren werden, so muß er sich neu schaffen; und jede Schöpfung beginnt mit einer Scheidung von Licht und Finsternis. Das schwarzweiße Banner, unter dessen Wehen der Deutsche politisch neugeboren worden ist, erscheint mithin als ein gutes Vorzeichen. Gesellt sich das Rot: die Blutfarbe, die Farbe der Individualität, dazu, so ist die neue deutsche Reichsfahne gewonnen. Es erübrigt den Deutschen noch, sie durch kommende Geistestaten zu rechtfertigen. Man hat Rot auch die Farbe der Liebe genannt; man könnte noch sagen, es sei die Farbe der Tapferkeit, welche fürs Vaterland ihr Blut vergießt; ja, man könnte es die Farbe des Lebens selbst nennen. In jeder dieser Beziehungen erscheint der Zusatz von Rot, welcher im neuen Deutschen Reich den preußischen Farben angefügt wurde, höchst passend. Schwarz und Weiß geben die schlichte Symmetrie, das Rot fügt den Rhythmus hinzu; ρεω ερυδρδσ ρυδγδσgehören der gleichen Sprachwurzel an, welche das Fließende und Lebendige bezeichnet. Und alle drei Farben zusammen können somit recht wohl den lebendigen, künstlerischen Organismus des Volkslebens symbolisieren, den Staat. Rot bezeichnet die Persönlichkeit, Schwarz und Weiß deren Schranken – die Mächte von Licht und Finsternis; zwischen diesen drei Faktoren spielt sich die Weltgeschichte ab. Auch Farben können beredt sein; und sieht man recht zu, so steckt in den deutschen Farben die deutsche Geschichte. Die innerste Natur eines Volkes verschmilzt sich mit den Bedürfnissen und Bildern seines täglichen Lebens; und Geistiges wie Sinnliches gehen unmerklich ineinander über. Der dunkle Rembrandt liebte die blonde Saskia, und der helle Shakespeare besang seine »schwarze Schöne«. Die Wege des Verstandes sind hell und die des Herzens dunkel; auch innerhalb der menschlichen Einzelnatur kehrt demnach jener allbeherrschende Gegensatz wieder. Im menschlichen Körper kreist ein Helles und ein dunkles Blut; und in der Menschheit, als einem politischen Körper, sollte es ebenso sein. Gemäßigter Aristokratismus ist beispielsweise für Deutschland wie Demokratismus für Amerika, wenigstens für das jetzige Amerika, natürlich und berechtigt; aber beide Systeme sind räumlich wie zeitlich zu sondern; es gibt eine rechte und eine linke Herzkammer, die getrennt funktionieren – und doch vereint.

Die Farbe des Eisens, welche alle Völker befriedet und das deutsche Volk befreite, ist – schwarz; schwarz ist auch die Farbe der Erde, welche der Bauer pflügt und welcher der vaterländische Künstler seine Eigenart verdankt. Fügt man dies dunkelste aller Elemente zu jenen beiden andern, zu Blut und Gold: so hat man die Farben des einstigen idealen Deutschlands – Schwarz-Rot-Gold. Wenn es irgendeine Farbenzusammenstellung gibt, die vornehmer ist als Schwarz und Gold, so ist es Rot und Gold; und wenn es irgendeine Farbenzusammenstellung gibt, die vornehmer ist als beide, so ist's: Schwarz-Rot-Gold. Rubens hat die letztere zuweilen mit bewunderungswürdigem Effekt angebracht; so in dem Bilde des bethlehemitischen Kindermords zu München und in seinem bekannten »Liebesgarten«. Die Farbengebung Rembrandtscher Bilder bewegt sich sogar Vorzugsweise in diesem Dreiklang; wiewohl in gedämpfterer und darum auch vornehmerer Weise, als es bei dem großen vlämischen Virtuosen der Fall ist. Zu den schwarzen und goldigen Tönen, welche im wesentlichen die Rembrandtsche Palette beherrschen, gesellt sich häufig als ein dritter entscheidender Faktor das dunkle Blutrot. Rembrandt malte schwarzrotgold. Und es ist vom malerisch-technischen Gesichtspunkte aus bezeichnend, daß zwischen dem dunklen und dem hellen Element, zwischen der tiefschwarzen Finsternis und dem goldigen Lichtreflex, aus welchen sich fast jedes seiner Gemälde zusammensetzt, jenem blutroten Farbenton oft die Vermittlerrolle zufällt. Blut bindet. Dieser Maler ist ein Dichter; seine Bilder sind Volkslieder; sie sind im Volkston gehalten; und sogar in den Farben des Volks.

Man kehrt stets zu seiner alten Liebe zurück. Deutschlands äußere politische Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen; es könnte recht wohl sein und muß sogar in gewisser Hinsicht sein, daß irgendwie ein abermaliger Wechsel seiner Nationalfarben folgt. Sie haben sich von Schwarz-Weiß zu Schwarz-Weiß-Rot verwandelt; möglicherweise verwandeln sie sich noch wieder zu Schwarz-Rot-Gold. Was wächst, verändert sich. Wenn man die geistige und die Rassengemeinschaft in Betracht zieht, welche das jetzige Deutschland mit Österreich verbindet und dieser irgendeinen nationalen Farbenausdruck geben wollte, so dürfte sich eine Herübernahme des österreichischen Gelb in die deutsche Flagge am ersten empfehlen. Auch auf diesem Wege würde man wieder zu Schwarz-Rot-Gold gelangen. Noch jetzt flaggt man gelegentlich in Österreich schwarz-rot-gold. Die deutschen Idealfarben sind noch nicht ganz erloschen. Ja, es gibt sogar einen Ort, wo sie noch jetzt vollkommen lebendig sind. Ein moderner Staat, der seinem Inhalt nach wesentlich niederdeutsch ist: das Land der Vlamen weist die gleichen Farben auf. Blau, Weiß und Rot ist holländisch; Schwarz, Rot und Gelb ist belgisch; es ist bekannt, welche Rolle diese beiden Farbengruppen beim ersten politischen Erwachen des neuen Deutschland 1848 gespielt haben. Es könnte sein und ist zu wünschen, daß wie der Ausgangs-, so auch der Endpunkt der Entwickelung des neuen Deutschland in diesen Farben gipfele; daß niederdeutsche Kunst und niederdeutsches Staatsleben, welche in Holland und Belgien einst ihre höchste Blüte gehabt, in erweitertem Maße sich auf das gegenwärtige Deutsche Reich übertragen. Die Politik schafft zuweilen neue Farbenzusammenstellungen; es könnte aber sein, daß sie auch einmal durch alte Farben-Zusammenstellungen bestimmt würde. Wollte man diese den Bildern Rembrandts entnehmen, so würde es eine echt deutsche Politik sein. Wenn die deutsche Erde im vaterländischen Kampfe von deutschem Blute feucht wird; und wenn ein deutscher Sonnenstrahl das Haupt des sterbenden Kriegers verklärt: dann glänzt es – schwarz-rot-gold!

Sozialaristokratie

Die Geige ist das spezifisch deutsche Musikinstrument; der Deutsche hat sie erfunden, kultiviert und führt sie noch immer meisterhaft. Die Geige ist ein Friedensinstrument; sie besänftigt, sie reizt nicht auf wie die Kriegstrompete. Auch die deutsche Politik muß sich vorzugsweise darauf richten, politische Friedens-Instrumente zu handhaben. Sie soll führen, aber zur Harmonie. Suum cuique. Die Geige ist ein aristokratisches Instrument; sie wirkt nicht durch lärmende, sondern durch gehaltene Töne; ihr Wesen ist feinste Nuancierung, edelste Abstufung. Wie für die äußere soll sie auch für die innere Politik des Deutschen Reiches vorbildlich sein; Macht und Recht haben beide, von oben nach unten, in sanften Übergängen und gerecht zu verteilen. Decrescendo.

Ein großes Problem, welches wie ein Damoklesschwert über dem politischen Leben der Gegenwart hängt, die Auseinandersetzung zwischen hoch und niedrig, war einst in den Niederlanden zu glücklichster Harmonie gelöst; und zwar nicht vom Boden der Theorie: der normierenden Gesetzgebung, sondern von dem der Praxis: der eingeborenen Volksnatur aus. Gerade wie Athen, Rom, und Florenz zur Zeit ihres Aufsteigens, waren das alte Venedig und die einstigen Niederlande völlig aristokratisch organisiert; auch die heutigen Engländer sind ausgesprochene Sozialaristokraten; alle diese Staaten kennen politische Erfolge des vierten Standes nicht. Denn er bildet dort nicht eine besondere Stufe, sondern den bindenden Kitt innerhalb der gesamten Volksmasse. Neuerdings ist die Sozialdemokratie zwar auch nach Holland gedrungen; aber es ist charakteristisch, daß die dortige ordnungliebende Bevölkerung schon wiederholt durch zwar polizeiwidrige, aber immerhin der Absicht nach löbliche tätliche Demonstrationen gegen jene Umstürzler Partei ergriffen hat. Der alte gesunde Aristokratismus ist in diesen Volksmassen noch nicht ausgestorben; und er erwartet nicht alles von oben herab; er handelt selbst. Vielleicht ergibt sich mit der Zeit auch für Deutschland das einzige dauernd wirksame Mittel gegen die Sozialdemokratie: nämlich eine auf überlieferten geschichtlichen Zuständen beruhende und darum mit den gesunden Elementen der niederen Volksklasse einige Sozialaristokratie. Die Deutschen sind aristokratischer, als sie meinen. Heer, Kirche, Beamtentum sind bei ihnen, wie notwendig, aristokratisch gegliedert. Die Bauern sind, als solche, immer aristokratisch gesinnt; und ihre Zahl ist, was sehr in Betracht kommt, größer als die der Sozialdemokraten in Deutschland. Jedes Dorf gliedert sich nach Honoratioren, Bauern, Taglöhnern; diese Ordnung wird streng innegehalten; wehe dem, der sie antasten wollte. Das Prinzip der korporativen Gliederung endlich, welches jetzt allmählich wieder in Deutschland zur Herrschaft gelangt, ist ein – es ist das aristokratische Prinzip. Selbst der den Deutschen von jeher eigentümliche und gesellschaftlich noch heute von ihnen aufrechterhaltene Kastengeist gehört hierher; er macht, soweit ihn Menschlichkeit beseelt, das deutsche Bürgertum zu einer innerlich aristokratisierten Masse.

Ganz Deutschland ist von latenter Sozialaristokratie erfüllt. Es wäre nur natürlich und vielleicht nur ehrlich, wenn die letztere sich auch dementsprechende äußere politische Lebensformen schaffen würde. Innere Lebensformen eines Volkes in äußere umzusetzen, ist eben der Beruf des Politikers; er kann, wie jeder andere Künstler, des Naturstudiums nicht entbehren; er hat die gegebene Volksindividualität zu studieren. Hier ist seine Operationsbasis. Fürst Bismarck hat die Einführung des allgemeinen Wahlrechts angeblich für den größten politischen Fehler seines Lebens erklärt; tat er es, so kann man ihm nur beistimmen; denn er handelte dadurch gegen den uraristokratischen Charakter des deutschen wie niederdeutschen Volks. Man muß diesen stärken, nicht ihn verneinen. Konstantin Frantz hat in jener Hinsicht einen bemerkenswerten Vorschlag gemacht; er beantragte eine parlamentarische Vertretung der Deutschen, welche ein Gegenstück zu der bestehenden territorialen Verfassung ihres Heerwesens und zu der wünschenswerten ihres Kunstlebens bilden würde; welche von kleineren zu stets größeren landschaftlichen Verbänden ununterbrochen aufsteigt. Jedenfalls kommt es darauf an, den deutschen Menschen nicht – wie gemäß dem bedauernswerten preußischen Dreiklassensystem – nur nach seinem Geldwerte, sondern auch nach seinem sittlichen, geistigen, gesellschaftlichen, geschichtlichen Werte einzuschätzen. Gleichheit ist Tod, Gliederung ist Leben.

Eine auch noch so große Anzahl unter sich ganz gleichberechtigter Individuen ist niemals ein Volk; sie ist nicht einmal ein Heer; sondern eine Herde. Die politische wie jede andere Gleichwertigkeit aller Deutschen steht nur auf dem Papier; jeder praktische Politiker weiß dies; und glücklicherweise ist es so. Man hat die Natur nicht austreiben können. Ein Volk besteht aus Bürgern, Bauern, Künstlern, Edlen, Fürsten; es ist eine buntschattierte und zwar nach bestimmten Gesetzen buntschattierte Menge. Beachtet man diese Gesetze nicht, so wird der Volkskörper krank und gibt man sie gar ganz auf, so stirbt er: er verfällt der Despotie oder Anarchie. Die Sozialdemokratie stellt mithin einen Rückfall in das Herdenprinzip des menschlichen Daseins dar; sie ist ungegliederte, unbefruchtete, unbelebte menschliche Masse; es gilt deshalb sie zu gliedern, zu befruchten, zu beleben. Und zwar gerade an dem Punkt, wo sie am unfruchtbarsten ist: an dem der allgemeinen Gleichheit! Diese muß durchbrochen werden. Und als der einzige ehrliche Weg hierzu erscheint das von Schmoller verteidigte und in größeren französischen Fabriken angewandte System des »aufsteigenden Lohnes und Besitzes«; es kann dem Arbeiter wieder Ehrgeiz geben, der ihm jetzt fehlt; und dessen Mangel ihn eben zu jedem Umsturz geneigt macht. Massenrevolutionen werden stets nur von solchen Leuten beabsichtigt und gemacht, die nichts zu verlieren noch zu hoffen haben. Diesen praktisch-psychologischen Punkt, gerade den entscheidenden in der ganzen sozialen Frage, hat man bisher viel zu wenig berücksichtigt.

Der besitz- und friedlose Pöbel muß wieder in Volk verwandelt weiden! Er muß den nach außen hin eingegliederten und in sich selbst abgegliederten Teil eines aristokratischen Ganzen bilden. Natürlich kann dies nur auf nationaler Basis geschehen; und somit wird eine Aristokratisierung der heutigen Sozialdemokratie zugleich eine Nationalisierung derselben sein. Um beides zu vollbringen, bedarf es einer politischen Künstlerhand; sie wird den sozialdemokratischen Massenehrgeiz in Einzelehrgeiz verwandeln müssen: sie wird aus Nummern Menschen machen müssen. Dadurch werden die Enterbten wieder zu Erbenden werden; denn der Arbeiter, der einen Besitz oder einen Ehrgeiz hat, hinterläßt beides seinen Kindern; und er wie sie werden infolgedessen staatserhaltend gesinnt sein. Mit den fluktuierenden Elementen, die bei einer solchen wie bei jeder Entwickelung der Sache übrigblieben, wird man leicht fertig werden. Hat der Arbeiter eine eigene Heimat, so hat er ein eigenes Ideal; und damit ist ihm geholfen; er ist aristokratisch geworden. Er ist der Erde und ihrem Segen wiedergegeben.

Ganz wird die soziale Frage nie gelöst werden: für Deutschland wird sie annähernd nur dann gelöst werden, wenn die sittlich wie materiell besser gestellten Klassen seiner Bewohner sich als die geborenen Anwälte und Vormünder der sittlich wie materiell schlechter gestellten Klassen ernstlich betätigen; und wenn dieses Verhältnis seinen bleibenden verfassungsmäßigen Ausdruck findet. Das letzte Wort des deutschen Verfassungslebens wird, wie gesagt, wahrscheinlich ein aristokratisches sein; und es muß dies sogar sein, wenn die Geschichte wie der innere Charakter eines Volkes über solche Frage entscheiden. Die politischen Scheinwahrheiten des Jahres 1789 sind nachgerade veraltet: es dürften an ihre Stelle politische Realwahrheiten des Jahres x treten. Nach der französischen Revolution kommt die deutsche Reform; nach der Gleichheit die Abstufung.

Das Beste ist für das
Volk gerade gut genug.

Eine Veradelung der deutschen Nation würde deren Veredelung bedeuten. Wenn es der Adel als seine Aufgabe erkennt, für das Volk einzutreten; und wenn das Volk es als seine Aufgabe erkennt, für den Adel einzutreten; dann haben beide ihren Beruf erfaßt. Wo Aristokratie im heimischen Volksgeist wurzelt, da ist sie nicht verhaßt; hierin könnte das alte Holland manchen Politikern von heute eine gute Lehre geben. Die einstigen holländischen Generalstaaten hatten eine durchaus aristokratische Verfassung, mit der aber gerade das niedrige Volk sehr zufrieden war. Adel kommt von edel; und der Edle ist kein Gegner des Niedrigen; er ist nur ein Gegner des Gemeinen. Der echte Aristokrat ist voll von Liebe; seine Seligkeit ist die Leutseligkeit; er fühlt sich eins mit der Masse seines Volks. Sich des Schwachen gegen den Starken, sich des Rechts gegen das Unrecht, sich des Volks gegen seine Bedrücker anzunehmen, ist ritterlich: in diesem tätigen Sinne sollte das Rittertum wiedergeboren werden. Der deutsche Adel von heute füge zur adeligen Gesinnung die adelige Tat. zur sittlichen die geistige Höhe, zur Poesie die Politik! Und der politisch mündige Deutsche sollte endlich die Kinderschuhe ausgetreten haben; er sollte nicht mehr wie der politisch unmündige Franzose vor dem Wort »Adel« erschrecken: er sollte bedenken, wieviel echtes Deutschtum gerade im deutschen Geburtsadel steckt; jedenfalls mehr als in der ruhelosen und buntgemischten Bevölkerung gewisser deutschen Großstädte. Man klammert sich an Namen und übersieht die Sachen; man verwünscht die Sklaverei; und doch befand sich der antike Sklave, physisch wie moralisch, durchschnittlich besser als der moderne Fabrikarbeiter. Die Kraft des Wunsches und Willens, der psychischen Suggestion, welcher die neuere Wissenschaft ihre Aufmerksamkeit zuwendet, gilt auch im Bereich der Völkergeschichte: was ein Volk im tiefsten Innern seiner Seele ersehnt, das drängt zur Erfüllung; sei es früher oder später. Diese still wirkende Kraft kann kein Widerstand brechen; und sie liebt es, gerade das Unwahrscheinliche zu vollbringen; eine, im inneren und weiteren Sinne, aristokratische Verfassung des Deutschen Reiches gehört zu diesen wahrscheinlichen Unwahrscheinlichkeiten. Die angenehmste, die schönste, die beste politische Aussicht, welche sich dem Deutschen eröffnen kann, ist jedenfalls die auf einen liberalen Aristokratismus.

Er erstreckt sich vom Bauer bis zum Fürsten; er umfaßt den echten Bürger wie den echten Edelmann; denn er ist darauf gegründet, daß der einzelne Deutsche erstens Charakter hat und zweitens ihn geltend macht.

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