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Rembrandt als Erzieher

Julius Langbehn: Rembrandt als Erzieher - Kapitel 12
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authorJulius Langbehn
titleRembrandt als Erzieher
publisherC. L. Hirschfeld in Leipzig
printrun72. ? 76. Auflage
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Konservativ und frei

Rembrandt ist als Person genommen der freieste und als Vertreter seines Volkstums genommen der gebundenste aller Künstler. In diesem Wechselspiel der beiden höchsten Fähigkeiten, die ein Künstler wie ein Politiker haben können, bewährt er sich als der Ausdruck desjenigen, was der Deutsche überhaupt und im besonderen in der Politik sein soll. Der Niederdeutsche erscheint vermöge seines geistig, sittlich und zum großen Teil auch staatlich durch und durch konservativen Charakters ganz vorzugsweise zur Vertretung und Entwicklung und Vertiefung des liberalen Prinzips berufen. Konservativ angelegte Völker sollten liberal regiert werden und liberal angelegte Völker sollten konservativ regiert werden. Die Bewohner von Attika und von Latium waren Bauern; diese in rein festländischer Art, jene schon vom befruchtenden und vergeistigenden Hauche der See berührt; der Niederdeutsche und mit ihm der Neudeutsche, welch letzterer in einiger Beziehung dem Römer, in anderer dem Griechen verwandt erscheint, soll gleichfalls jene beiden Arten von Bauerntum in sich vereinigen: er soll zugleich Märker und Holländer sein, wie es der Große Kurfürst und sein Enkel waren. Aus Bauern sollten die Deutschen mehr als bisher zu Seebauern werden. Der Niederdeutsche ist konservativ, insofern er Bauer und liberal, insofern er Kolonisator ist; Holland selbst ist eine dem Meere abgewonnene Kolonie; dieses Land, England, das ostelbische Preußen, Nordamerika sind nacheinander von dem zähen und kraftvollen Stamme besiedelt worden. Je früher sie besiedelt wurden, desto eher sind sie, nachdem sie durch das Kolonisieren liberal geworden, wieder zu ihrem ursprünglich konservativen Charakter zurückgekehrt; und konnten sich dann eben darum wieder den Luxus einer liberalen Gesinnung wie Staateneinrichtung erlauben. Nordamerika, die jüngste dieser Kolonien, ist noch am wenigsten konsolidiert; und daher in seinem Volkscharakter am wenigsten konservativ; und in seiner Gesinnung am wenigsten liberal. Die Masse gilt dort alles, die Individualität nichts; es ist scheinliberal. Preußen, die zweitjüngste in der Reihe, beginnt sich zu konsolidieren; und je konservativer es sich im Charakter seiner Bewohner entwickelt, desto echtliberaler darf es gesinnt sein und regiert werden. Das große Gesetz des Ausgleichs entgegengesetzter Kräfte, welches die gesamte Welt beherrscht, muß auch hier gelten. Eine innere und womöglich äußere Anlehnung an die älteren Schwesterkolonien, Holland und England, wird hier heilsam wirken. Sie wird Härten der Entwickelung mildern; sie wird dem preußischen Staate, in vielen Fällen, politisches Lehrgeld ersparen. Konservativ in der Politik zu sein in dem Sinne, wie es Rembrandt in seiner Kunst und jeder Bauer noch heute auf seinem Gute ist, das ist die Aufgabe der gegenwärtigen Deutschen: nämlich als ein freier Mann auf der ererbten Scholle zu sitzen, d. h. an den geschichtlichen Überlieferungen und Tatsachen im allgemeinen festzuhalten, sich aber die freie politische Entschließung in jedem einzelnen Falle vorzubehalten. Die Saiten der Leier müssen straff gespannt sein; aber die Hand soll sich in freiem Spiel auf ihnen regen.

Dem gesunden Konservativismus des Niederdeutschen überhaupt entspricht somit ganz der gesunde Liberalismus des Holländers insbesondere. Dieser hat jahrhundertelang und mit siegreichem Erfolg die Freiheit verteidigt. Es ist bekannt, welch außerordentlich hohe, doch kaum zu hohe Schätzung so durchaus verschiedene Geschichtschreiber wie Schiller, Macaulay, Ranke, Motley dem Befreiungskampf der Niederlande beigelegt haben. Tatsächlich haben die Holländer bisher in Staat, Kunst und Handel mehr geleistet als irgendein anderer besonderer deutscher Stamm; und ebendarum, weil sie den Begriff der Freiheit in richtiger Weise verstanden: als eine Aufrechterhaltung der gesonderten Volkstümlichkeit, der volkstümlichen Persönlichkeit, der persönlichen Überzeugung. Es ist jene echt deutsche Art von Liberalismus, wie sie unter anderen Verhältnissen auch UhIand, Lornsen, Dahlmann vertraten: der Kampf ums alte Recht! Ein aristokratischer Zug fehlt dieser Gesinnung nicht; die von Dahlmann verfochtene Streitsache der holsteinischen Ritterschaft war es, welche zur Schleswig-Holsteinischen Frage und damit zur Einigung Deutschlands den ersten Anstoß gab; Aristokratismus und Liberalismus, in der rechten Form, heben gegenseitig ihre Fehler auf. Die holsteinischen und die athenischen »Ritter«, auf welch letztere einst Aristophanes seine Mitbürger verwies, vertraten das gleiche Prinzip: das gute, alte, eingeborene Wesen des Volkes. Auch damals gab es einen Eugen Richter, er hieß Kleon. Echte und falsche Volkstümlichkeit stehen sich gegenüber, wie die höhere und die gemeine Natur des Menschen; auch der heutige Deutsche sieht sich zwischen diese beiden Gegensätze gestellt: individuelle und nicht doktrinäre, nationale und nicht Parteipolitik hat er zu treiben: In dieser Hinsicht kann das einstmalige Holland, das Holland Rembrandts, dem künftigen Deutschland als nützlicher Wegweiser dienen. Es zeigt den Punkt an, wo und wie sich je nach den Umständen der Konservativismus in Liberalismus oder auch dieser in jenen verwandeln kann und soll. Es lehrt den Politiker von heute, diese beiden Gewichte in der Wagschale des Staates zweckmäßig zu handhaben; es führt zur wahren Freiheit – in der Politik und anderswo. Das Schwanken zwischen politischen Extremen, welches Preußen im Innern so lange beherrscht hat, würde so vermieden oder doch vermindert. Man hat oft nach England als Musterstaat geblickt; aber Holland liegt den Deutschen, innerlich wie äußerlich, noch näher. Man sollte sich diese beiden großen Reservoirs politischer Freiheit gleichmäßig zunutze machen. In den französischen Menschenrechten ist die Doktrin, in den englischen Staatsrechten die Tradition, in den holländischen Volksrechten die geschichtliche Tat der ausschlaggebende Faktor; und wenn der obenerwähnte Satz Lagardes richtig ist – wie er es ohne Zweifel ist –, daß eine Sache desto vollkommener wird, je individueller sie sich gestaltet: so muß auch unter jenen drei Stufen politischer Entwicklung die letztgenannte, die holländische, als die beste gelten. Sie ist zugleich die geschichtlich früheste unter ihnen: von Holland aus wurde 1688 England, zum Teil mit Hilfe von Brandenburgern, befreit und von England aus bezogen die geistigen Urheber der französischen Revolution von 1789, Voltaire, Diderot, Rousseau, ihre politischen Ideen. Statt an die einfach oder doppelt abgeleitete wird man also besser tun, sich an die ursprüngliche Quelle aller heutigen politischen Freiheit zu halten: an Holland selbst. Der landläufige Fehler, deutsche Ware nach Paris einzuführen und sie von dort als französische Ware wieder zu beziehen, ist von den Deutschen auch in bezug auf politische Grundlehren und Grundrechte gemacht worden; er sollte jetzt vermieden werden. Diejenigen Leute, welche einen sittlichen Fortschritt über Kants kategorischen Imperativ hinaus für unmöglich erklären, verfallen in einen ähnlichen Fehler, wie jene modernen Maler, denen Naturtreue als die höchste aller Kunstforderungen erscheint; was die Voraussetzung ihrer Tätigkeit sein sollte, das machen sie zu deren Ziel; sie verwechseln den Anfang der Kunst mit deren Ende. In der Kunst wie in der Sittlichkeit soll das höhere das niedere Prinzip nicht aufheben, sondern einschließen. Dieser Unterschied ist ein außerordentlich wichtiger: und von seiner richtigen Erkenntnis hängt vielleicht die Zukunft, jedenfalls aber die Freiheit Deutschlands ab. Die Geschichte entwickelt sich in Proportionen und Progressionen. Preußen verhält sich zu Deutschland wie Friedrich Wilhelm I. zu Friedrich II. und wie dieser wiederum zu Bismarck. Deutschland darf endgültig auch nicht bei dem letztgenannten Staatsmanns stehenbleiben; es wird weiter fortzuschreiten haben! Bismarcks staatsgründende und volkseinigende Tätigkeit mußte notwendig in dem konservativ angelegten Bauerntum ihren Schwerpunkt suchen; der innere Ausbau und die fernere Gliederung des Deutschen Reiches wird diesen Standpunkt beizubehalten haben; aber sie wird ihn mit einem weiteren Ringe der Entwickelung, mit dem liberal angelegten Holländertum umschließen müssen.

Gerade Preußen sollte als freiheitlich-politische Vormacht der Erbe Hollands sein. Freiheit ist künstlerisch in Rembrandt und politisch in den Niederländern verkörpert; sie sollte künstlerisch-politisch in dem Deutschen sich verkörpern. So begegnen sich geistige und künstlerische, staatliche wie sittliche Forderungen; daß sie alle sich in diesem einen Punkte begegnen, ist ein weiterer Beweis für ihre Berechtigung. Denn wo sich viele Wahrheiten treffen, da liegt die Wahrheit. Wer sein köstlichstes Gut, die rechtverstandene geistige Freiheit, hinweggegeben hat, dem wird nichts recht glücken, er mag versuchen, was er will; darum halte man es fest oder strebe doch danach. Holländische Freiheit ist dem heutigen preußischen »Freisinn« gerade entgegengesetzt. Nicht in pomphaften Tiraden, sondern in männlichem Handeln äußert sich die Freiheit eines Volkes; nicht »Freiheit wie in Österreich«, sondern »Freiheit wie in den Niederlanden« muß heute die Losung sein. Deutschland ist mehr als Preußen und Österreich. Möge jeder Deutsche bedenken, was die Anführerin ditmarsischer Frauen vor einer der Befreiungsschlachten ihrer Landsleute diesen einst zurief: »Welk grote Herlichkeit und edel Kleinot de leve Friheid is!«

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