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Rembrandt als Erzieher

Julius Langbehn: Rembrandt als Erzieher - Kapitel 11
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authorJulius Langbehn
titleRembrandt als Erzieher
publisherC. L. Hirschfeld in Leipzig
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Vom niederdeutschen Mutterboden

In je näherer Verbindung eine Kolonie, bei aller sonstigen Freiheit der Entwickelung, mit ihrem Mutterlande steht, desto besser ist es für beide. Nordamerika hat den etwas zu rasch zerschnittenen Zusammenhang mit England, besonders in seinem geistigen Leben, schmerzlich entbehrt. Auch Preußen sollte einen möglichst nahen, inneren Anschluß an sein Mutterland oder vielmehr an seinen Mutterstamm, den niederdeutschen, anstreben. Pietät und Interesse raten dazu gleichmäßig. Es ist nicht als Zufall zu bewerten, daß Bismarck gerade in demjenigen Teil Niederdeutschlands geboren wurde, der direkt das ostelbische Preußen begrenzt, also an der geistigen Wasserscheide. Hier hat also schon einmal der deutsche Geist den preußischen Geist befruchtet. Befruchtung aber ist nur ein verstärktes Wachstum; und Wachstum nur ein verstärktes Konservieren; auf letztere Tätigkeit also kommt es an. Niederdeutscher Konservativismus ist urdeutscher Konservativismus; und er wird, wohl angewandt, nicht wenig dazu beitragen den deutschen Geist und das deutsche Reich selbst zu konservieren. Zwischen extremen Lebens- und Parteirichtungen hält das Niederdeutschtum in seiner niederen und höheren, staatlichen wie menschlichen Vertretung – die gesunde Mitte.

1. Kraft und Schlichtheit

Der niederdeutsche Stamm ist stark – wie die Wurzel einer Pflanze, welche Felsen sprengt; und er hat sie schon öfters gesprengt; es ist keine lärmende, sondern eine stille, drängende, unwiderstehliche Kraft, die in ihm lebt. Er hat Shakespeare, Rembrandt, Beethoven hervorgebracht. Die Vorzüge des deutschen Volkes sind über seine verschiedenen Stämme verschieden verteilt; aber niemand wird es dem niederdeutschen Stamme abstreiten, daß er unter allen deutschen Stämmen, was natürliche Anlage betrifft, der besonnenste ist. Der niederdeutsche Geist ist ein Geist, der Besonnenheit und Freiheit vereint. Gerade etwas von diesem Geiste, etwas von dem weiten Blick und kräftigen Freiheitsdrang, der den Anwohnern der Nordsee eigen ist, würde den Wählern wie Erwählten der deutschen Nation wohl anstehen.

Grau ist zwar des Niederdeutschen Charakterfarbe; aber es ist nicht das »niederträchtig Grau«, von dem Goethe gelegentlich spricht; es ist ein »vornehm Grau«. Jene eigentümliche Vornehmheit des Niedrigen, welche in der altspanischen Dichtung und Malerei so auffallend hervortritt, ist auch im Norden daheim. Eine gewisse behäbige Blässe, morbidezza, wie sie landschaftlich den Heidegegenden, körperlich den Venetianerinnen, geistig dem Hamlet eignet; eine edle Geradheit und sittliche Reinlichkeitsliebe, wie sie einen Karstens erfüllt; ein heiterer, vornehmer, weltumfassender Geist, wie er einen Shakespeare beseelt: das sind die Hauptzüge und Vorzüge des niederdeutschen Charakters in seiner besten Gestalt. Von allen Vornehmheiten der Welt erscheint die Vornehmheit des Niederdeutschen als die schlichteste; eben das Schlichte an ihm ist das Gewählte! Dem innerlich Vornehmen eignet besonders jene scheinbare Unscheinbarkeit, welche für Rembrandt so charakteristisch ist; jenes ruhige und zurückhaltende äußere Auftreten, welches der Franzose mit einem im Deutschen nicht wiederzugebenden Ausdruck als s'effacer bezeichnet; und welches z. B. der niederdeutsche Politiker Bennigsen ganz besonders besaß. Es ist die Gabe, sich den Dingen, nicht die Dinge sich unterzuordnen. Der Niederdeutsche hat diese Eigenschaft in so hohem Grade, daß man ihn bisher sowohl künstlerisch wie politisch, als eigenen nationalen Typus, eigentlich gar nicht gewahr geworden ist; ja daß er sich selbst in dieser Hinsicht nicht gewahr geworden ist. Aber Unscheinbarkeit ist nicht Farblosigkeit und das Schlichte ist nicht das Schlechte; der Flintstein ist zwar ein sehr gewöhnlicher Stein, trotzdem findet man zuweilen Rubine in ihm. Wie diejenige Frau die beste ist, von der man am wenigsten spricht, so ist auch derjenige Politiker der beste, der seine Persönlichkeit als solche am wenigsten in den Vordergrund dringt; der nicht niedere, sondern höhere persönliche Politik treibt; der ohne Eitelkeit und Eigennutz handelt. Niederdeutsche Staatsmänner sind vorwiegend so verfahren, sie häuften nicht Geld auf wie Richelieu oder Mazarin; sie strebten nicht nach persönlicher Macht wie Napoleon und Gambetta; sie dienten gern dem gemeinen Wohl. Wilhelm I. von Oranien besaß diese glückliche Unscheinbarkeit der Person, wie des äußeren Auftretens: und er verdankt ihr einen nicht geringen Tell seiner Erfolge.

Große Dinge wachsen zwar oft mit Lärm, aber sie werden nie mit Lärm geboren. Vergleicht man die Mannesgestalt eines Oranien mit der schönen Pose eines Marquis Posa, so wird man inne, wie sehr der letztere von der geschichtlichen wie psychologischen Wahrheit abweicht; und daß Schiller hier in den gleichen Fehler verfallen ist, den er an Goethes Egmont so sehr tadelte. Die Natürlichkeit Bismarcks und die Zurückhaltung Moltkes, die Bescheidenheit Washingtons wie die Anspruchslosigkeit Franklins sind Züge von der gleichen Art. Eine gewisse Hausbackenheit scheint von echtem Heroismus, ja von echtem Adel unzertrennlich: sie ist im ältesten griechischen Geistesleben zu finden und verkündet dort die künftige Größe; Shakespeare hat sie durch seine Brautwerbungsszene Heinrich IV., dieses Juwel einer niederdeutschen Charakteristik trefflich beleuchtet. Es ist dies derselbe Fürst, den Shakespeare in seinem Heinrich IV. als einen liederlichen Geistesaristokraten geschildert hat und der sonach die beiden Seiten des niederdeutschen Charakters: Adel und Volkstümlichkeit in sich vereinte. In griechisch-archaischen, venetianischen wie holländischen Geschichtsporträts tritt jener Charakterzug gleichmäßig hervor. Ja er ist noch heute anzutreffen. Krüger, der mutige Präsident des Transvaallandes, wurde von einem Reisenden, der ihn besuchen und besichtigen wollte, in Holzschuhen vor seiner Farm stehend angetroffen; der Präsident einer Republik, das Staatsoberhaupt selbst in Holzschuhen; man bedenke! Aber ein »Diplomat in Holzschuhen« wurde auch Bismarck einst von seinen intimen Feinden genannt; der niederdeutsche Politiker bleibt im Salon wie in der Wildnis derselbe: und der niederdeutsche Volksmann, sei er Bauer, Schiffer oder Künstler, steht ihm darin gleich. Auch Rembrandt könnte man einen »Maler in Holzschuhen« nennen. Der niederdeutsche Künstler bewährt diesen Zug zum Schlichten, Unscheinbaren womöglich noch stärker als der niederdeutsche Staatsmann. Shakespeare hat in seinen Sonetten seinen künftigen hohen Ruhm mit bewußter Sicherheit und ganz wörtlich vorausgesagt; dennoch hat fast kein Dichter so wenig wie er sein Selbst nach außen hervorgekehrt.

2. Kolonisationsgeist

Als vor mehreren Jahrzehnten zwei Männer in einem offenen Segelboot namens Homeward bound – das sie selbst gebaut und für das sie jedes Brett selbst gesägt und jeden Nagel selbst geschmiedet hatten – vom Kap der guten Hoffnung nach Norwegen fuhren, da konnte man sehen, was niederdeutsche Umsicht und Zähigkeit vermag; dem Volksstamm, der solche Männer hervorbringt, kann alles gelingen. Einem Wikinger, der in seinem Boot ausfährt, mag wohl auch eine Krone zufallen. Es ist die Eigentümlichkeit des Niederdeutschen, von einem festen und gegebenen Zentrum gleichsam in die Unendlichkeit hinauszustrahlen; dieses Lebensprinzip betätigt er gerade so gut in der täglichen Praxis wie auf politischem und geistigem Gebiet und nicht am wenigsten in der Kunst. Er erreicht so das Edelste. Zuweilen scheint es bei Rembrandt, daß der Geist Gottes aus dem Kot aufsteige; aber es ist nicht Kot, sondern niederdeutsche Erde, aus der er aufsteigt.

Je natürlicher und simpler ein Volk in seinen Gesinnungen wie seinem Auftreten ist, eine desto weitere geschichtliche Arena eröffnet sich ihm. Kleine Züge bedeuten hier oft viel. Ein unbekannter niederdeutscher Ansiedler in Nordamerika, vor mehreren Generationen, zog dreißig Jahre lang als Pionier europäischer Kultur langsam westwärts; da es dort damals noch an Obstbäumen fehlte, so führte er stets einen Sack mit Apfelkernen bei sich, dessen Inhalt er überall aussäte; man nannte ihn John Appleseed. Seine stille, selbstlose und dabei doch so nützliche und sinnvolle Tätigkeit war eine urniederdeutsche: denn es ist die Art dieses gesegneten Stammes, überall, wohin er kommt, unmerklich die Saaten eines reichen organischen Lebens auszustreuen.

Die niederdeutsche Kolonisation reicht geistig und politisch über das gesamte Deutschland, wie sie ökonomisch und materiell schon seit langem von der Wolga bis zur Bai von Alaska reicht. In der nordwestdeutschen Tiefebene liegt das Zentrum dieser großartigen Bestrebungen. Von hier aus verbreitet sich niederdeutsche Gesinnung und Gesittung, in einem Halbkreise ausstrahlend, über die gemäßigte Zone unserer Erde; der Bezirk ihrer Tätigkeit gleicht einem ausgebreiteten Fächer oder, wenn man will, dem kunstvollen Gewebe einer Spinne. Der engste konzentrische Ring desselben zieht sich von der russischen bis zur holländischen Grenze Deutschlands; und er ist in mancher Hinsicht von entscheidender Bedeutung. Die »Getreuen von Jever« hielten ganz besonders zum ersten deutschen Reichskanzler; es gibt vielleicht ein geheimes tieferes Band, welches die Bewohner der deutschen und außerdeutschen Nordseeküste mit jenem Träger der deutschen Nationalitätsidee verbindet; das Zentrum eines Kreises steht zu seiner Peripherie stets in engerer Beziehung als zu dem dazwischen liegenden Raume. Die deutsche Politik wird immer teilweise eine Seepolitik sein müssen; die niederdeutsche Politik, die einstige Hansapolitik ist dieser Notwendigkeit gefolgt; und das Volk selbst hat sie seinerzeit empfunden. Man hat gesagt: daß Hamburg und Lübeck die beiden Augen Niederdeutschlands seien; im weiteren Sinne können Amsterdam und Venedig dafür gelten; und im weitesten Sinne London und New-York. Immer aber ist es ein Augenpaar, das sich vom Lande auf die See richtet; und zwar nicht nur in kaufmännischer und politischer Beziehung; ebenso sehr und vielleicht noch mehr in geistiger Beziehung.

3. Holländertum

Das merkwürdige und vielfach zu beobachtende Gesetz, daß der Strom der Kultur dem Laufe der großen Flüsse parallel, aber in umgekehrter Richtung sich bewegt, bewährt sich auch bei uns. Der Rhein führt sein Gold stromabwärts und seine Kultur stromaufwärts. Die speziell modernen unter den bildenden Künsten, Musik und Malerei, erwachten in der neueren Zeit zuerst in den Niederlanden wieder zu einem freieren und reicheren Leben; und von dort hat auch die speziell moderne unter den handelnden Künsten, die heutige europäische innere Politik, ihren ersten Ausgang genommen. Diese hat sich nachträglich den Norden, wie die Ölmalerei den Süden Europas erobert. Den so gegebenen Spuren hat man zu folgen. Holland liegt außerhalb des heutigen politischen Deutschlands; aber eben darum ist es der archimedische Punkt, von dem aus letzteres geistig in Bewegung gesetzt werden kann. Der deutsche Politiker soll mit derselben Frische Feinheit und Selbständigkeit, mit demselben tiefen Gefühl für angeborene Eigenart seinem hohen Beruf nachgehen, wie es seinerzeit der holländische Künstler getan hat. Das ist die Bedeutung Rembrandts für die deutsche Politik von heute. Der lebendige und selbstverantwortliche Mensch ist es. welcher allein in beiden Fällen zur echten und höchsten Leistung gelangt.

*

Rembrandt ist nicht nur Niederdeutscher im allgemeinen, sondern auch Holländer im besonderen; er ist Holländer in jedem Pinselstrich seiner Arbeiten; ja zuweilen ist er es bis zum Übermaß. Seine wirkliche wie geistige Heimat liegt zwischen Land und See. Hier, wo das Weltmeer die deutsche Erde küßt, haben beide einen Bund für die Ewigkeit geschlossen. Holland ist durchweg ein Bauernland; ein Erd- oder Schlammgeruch durchzieht sein ganzes Volksleben wie einst so jetzt. Es ist bezeichnend, daß die Hauptstadt des Landes, der Haag, noch bis zum Anfang des neunzehnten Jahrhunderts ein Dorf war. Was Franz Hals malte, ist höheres Bauerntum und ebendieses gibt Rembrandt, nur in noch geläuterterer Form – mit einem Schutz Mystik durchsetzt. Auch technisch genommen, zeigt Rembrandts Malerei den gleichen Charakter: es ist eine holländische Schlammalerei; aber im edelsten Sinne. Die Holländer sind Bauern von besonderem Schlage: sie sind Seebauern, wie es einst die Griechen waren; somit stehen sie den festländischen Niederdeutschen verwandt und zugleich fremd gegenüber. Dies Verhältnis hat in einer besonders nahen Beziehung des holländischen Stammes zum preußischen Staate seinen historischen Ausdruck gefunden. Ist diese Verwandtschaft auch in neuerer Zeit mehr zurückgetreten, so ist sie doch eine starke und so fest mit den innersten Daseinsbedingungen des preußischen Staates verknüpfte, daß sie nie aufhören und jederzeit wieder stärker nach außen sich betätigen kann. Das eigentliche Königreich Preußen, die frühere Ordensprovinz, ist zum guten Teil von Holländern besiedelt worden, deren Nachkommen noch jetzt dort leben; in dem nationalsten Schauspiel des nationalsten holländischen Dichters, Vondels Gysbrecht van Amstel, erklärt der Held zum Schlusse des Stücks »ich geh' ins fette Preußenland«; eine Äußerung, die zu dem »hungrigen Preußentum«, von dem man früher in einigen Gegenden Deutschlands sprach, in erfreulichem Gegensatz steht. Der Große Kurfürst selbst war zum Teil in den Niederlanden erzogen und persönlich wie politisch den Holländern äußerst geneigt; er bewies es wiederholt durch entscheidende Kriegstaten; Berlin wurde von ihm auf holländische Art befestigt. »London« hieß die vorletzte und »Amsterdam« die letzte Tagesparole, welche er unmittelbar vor seinem Tode an seine Haustruppen ausgab; wichtige Verhandlungen mit den nordwestlichen Mächten lenkten seine Aufmerksamkeit damals vorzugsweise nach jener Richtung hin: aber man könnte in diesen zwei Worten auch noch eine andere Art von »Testament des Großen Kurfürsten« erblicken: eine Mahnung zum dauernden Anschluß an die stammverwandten niederdeutschen Staaten. Diese Vorliebe für das Holländertum vererbte sich auf seinen Enkel Friedrich Wilhelm I. Man sieht dies zwar meistens nur als eine Marotte des Letzteren an, aber es lag ihr ein tiefer politischer Instinkt zu Grunde: das Gefühl innerlichster Verwandtschaft zwischen Preußen und Holland. Potsdam, die Lieblingsstadt dieses Königs und die preußischeste aller preußischen Städte, war überwiegend in holländischem Stile erbaut. Der Name dieser Stadt selbst ist nach Analogie von Eidam, Schiedam, Amsterdam usw. wahrscheinlich holländischen und nicht, wie man gelegentlich vermutet hat, slawischen Ursprungs. Die Mark Brandenburg wurde, nach ausdrücklichem Bericht des Chronisten Helmold, durch Albrecht den Bären mit »zahlreichen Holländern, Seeländern und Flandern« besiedelt. Jedenfalls ist Potsdam, seinem inneren Charakter nach, eine halb holländische Stadt. Wie in Amsterdam so gab es auch in Berlin bis vor kurzem noch »Grachten«; das gleichfalls ursprünglich holländische Kanalwesen, dem sich Preußen neuerdings wieder zuwendet, verspricht ihm handelspolitisch eine große Zukunft. An die überwiegend holländische Physiognomie der älteren Teile aller großen norddeutschen Städte wie Danzig, Hamburg, ja teilweise selbst Magdeburg und Dresden, braucht nur erinnert zu werden. Ganz Norddeutschland ist von einem den Niederlanden entweder direkt entstammenden oder doch nahe verwandten Geiste erfüllt; und naturgemäß hat sich dieser in dem rechteigentlich norddeutschen Staat, Preußen, am stärksten geltend gemacht.

Es würde also kein Sprung ins Ungewisse und überhaupt keinerlei Sprung sein, wenn Preußen sich auch innerlich wieder mehr dem Holländertum zuwenden würde; es würde damit nur seine ältesten und besten Traditionen wieder aufnehmen. Der preußische Staat befindet sich gewissermaßen noch im Junggesellenstand; er sollte sich zur Ehe mit dem Holländertum, seiner einstigen Jugendgeliebten, entschließen. Eine solche Ehe würde dauernde und schöne Früchte tragen.

Das alte und halb holländische Berlin war schlichter, aber auch echter als das heutige; es würde wohl daran tun, bei seiner erweiterten und vertieften Weltstellung jener früheren Verhältnisse nicht zu vergessen. Es sollte zwar nicht wieder holländisch bauen; aber es sollte wieder etwas altpreußisch und damit holländisch gesinnt werden; dann würde es auch ganz deutsch gesinnt sein. In die Trockenheit des deutschen Lebens wiederum etwas niederländische Feuchtigkeit einzuführen, kann nur nützen; man denkt jetzt daran, Seefische auf billigere und raschere Weise als bisher ins innere Deutschland zu schaffen oder Berlin gar zu einem Seehafen zu machen; aber eine Einfuhr von politischer, geistiger, künstlerischer Seeluft dorthin würde noch nützlicher sein. »Die Lüftung der Nation kommt mir zu deren Aufklärung unumgänglich nötig vor«, sagte schon Lichtenberg. Wie eine geistige Ökonomie, gibt es auch eine geistige Hygiene; man darf weder diese noch jene vernachlässigen.

Der Verbauerung Preußens muß demnach eine Verholländerung Preußens entsprechen und sich anschließen. Wie sie materiell und von oben herab, durch die Herrscher, schon einmal stattgefunden hat; so sollte sie jetzt geistig und von unten herauf, durch das Volk, wiederholt werden. Die großen geschichtlichen Strömungen bleiben sich räumlich wie zeitlich gleich; die staatsordnende und volksbildende Tätigkeit, welche einst der aufgeklärte Despotismus ausübte, fällt jetzt dem abgeklärten Liberalismus zu; er ist vorzugsweise ein holländisches Erzeugnis. Je mehr er sich an die von Holland, im inneren wie äußeren Staatsleben, stets bewiesene gesunde Mäßigung hält, desto besser wird es sein. Rembrandt, der freie Staatsbürger, ist daher für die Deutschen nicht minder wichtig als Rembrandt, der freie Künstler. Ob sein und Hollands Einfluß auf die deutsche Politik sich noch einmal darin zeigen wird, daß auch äußerlich ein näherer Anschluß des stammverwandten Landes an das Deutsche Reich erfolgt, bleibt der Zukunft überlassen; bis dahin kann es nicht schaden, wenn man in Deutschland wenigstens das Wesen der Holländer, wie sie einst waren und wie sie jetzt sind, richtig zu verstehen sich bemüht. Man ist deutscherseits oft geneigt, sie humoristisch zu beurteilen; aber sicherlich mit Unrecht; ernste Leute wollen ernst genommen sein. Sprache und Wesen der Holländer sind so wenig humoristisch, wie gewisse Bilder von Rembrandt, z. B. der Raub des Ganymed, es sind; sie in dieser Weise beurteilen, heißt ihren Charakter völlig verkennen. Es sind beiderseits volle, breite, zwanglose, aber dabei auch warme und geistvolle Naturlaute: daß dergleichen auf den modernen Menschen anscheinend komisch wirkt, zeigt, wie weit er selbst sich von Einfachheit und Natur entfernt hat. Ähnlich verhält es sich mit Shakespeares Troilus und Cressida; es ist kein burleskes Stück, sondern schildert eine griechische Begebenheit einfach im nordischen Volkston. Dichter wie Maler haben hier fremde Stoffe verheimatlicht. Jene obigen Vorurteile würden schwinden, wenn die Deutschen physisch wie geistig mehr zu »Hollandgängern« werden wollten; das Wort »der Rhein Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze« gilt auch für dessen unteren Lauf. Deutschland könnte der Annexionsfurcht der Holländer am besten dadurch ein Ende machen, daß es sich von ihnen annektieren ließe.

4. Nordgermanische Seestämme

Wer die See hat, hat die Welt; und die Niederdeutschen, insgesamt genommen, haben die See; der Zug auch der übrigen heutigen Deutschen zur See zeigte sich in der großen Vorliebe, welche sie für ihre Marine hegten. Die See befreit, – oft auch von Sklaverei wie von Barbarei. Mit der politischen und geistigen Freiheit kommt den Völkern der Purpurschein echter Vornehmheit; jene wie diese, die innere wie äußere Hoheit des Lebens war vorzugsweise den Seevölkern beschieden: Griechen, Venetianer, Engländer, Niederländer beweisen es. Mögen es auch die Deutschen beweisen.

Es bedarf eines vermittelnden Organs, eines Bindeglieds, einer Brücke – zwischen Deutschland und der übrigen Welt: In der See ist sie gegeben. Und als ein Brückenkopf dient ihr jener Kranz von dominierenden germanischen Staaten, welcher das heutige Deutsche Reich nach Nordwesten hin halbkreisförmig umschließt. Die jetzige deutsche Politik ist eine Politik der Blutsverwandtschaft; sie erstreckt sich vorwiegend auf die inneren Stämme Deutschlands; sie sollte sich aber auch, zunächst geistig und später vielleicht wirklich, auf seine äußeren Stämme erstrecken. Hier liegt die Reserve seiner Kraft! Der amphibische Teil Deutschlands, die Seestämme, müssen möglichst in seine künftige Interessensphäre mit einbezogen werden. Richtet sich künftighin die Achse der deutschen Bildung auf die Nordsee, so wird dieser geistige gerade wie der physische Nordpol einen Strahlenkranz magnetischer Strömungen wie Gegenströmungen um sich herum fordern und erzeugen. Holland, auf das schon hingewiesen worden ist, umfaßt einen Teil von ihnen. In diesem Lande begegnen sich indirekt Frankreich, England, Deutschland; es wendet seine drei Seiten gleichmäßig diesen drei besonders so zu nennenden modernen Staaten zu; es ist eine Art von Triangulationsdreieck für die europäische Kultur. Dadurch war es stets starken äußeren Einflüssen ausgesetzt; aber es mußte ihnen gegenüber seine besondere Eigenart zu wahren; und das ist ihm nützlich geworden. Holland selbst ist wie eine fette Scholle, die am Meere liegt; von ihm aus kann sich der weltumfassende Geist eines gesunden Individualismus über Deutschland, und von Deutschland weitaus in befruchtender Strömung ergießen. Holland endlich ist während der sogenannten Aufklärungsperiode die hohe Schule für die deutschen wie nordischen Fürsten gewesen. Wilhelm III. von Oranien und der Große Kurfürst, Peter der Große und Friedrich II. von Preußen haben sich durch einen längeren oder kürzeren dortigen Aufenthalt für ihre spätere große geschichtliche Rolle vorbereitet. Sie haben dort, zunächst für sich und dann für ihre Völker, Freiheit und Selbständigkeit gelernt; es ist zu wünschen, daß sich für das künftige geistige Leben Deutschlands ein ähnlicher Einfluß wieder geltend macht. Ein Volk bedarf einer größeren Arena, um zu lernen, als ein Fürst; da das deutsche Volk nun mündig geworden ist, wird es seine Kräfte auch geistig auf einem weiten Schauplatz üben und anstrengen müssen. Jene nordwestgermanischen Stämme und Staaten, die wie ein Groß-Holland zwischen Ozean und Festland liegen, sind dazu geeignet, bestimmt, unerläßlich. Sie können geistige Befreier ihres Mutterlandes werden; ihre verwandte und doch fremde Bildung ist ein passendes Gegengewicht gegen jene drückende Last des Alexandrinismus, unter welcher die jetzigen Deutschen seufzen.

Nord- und Ostsee sind die beiden mächtigen Ausfallstore, welche das deutsche Land und der deutsche Geist sich vorbehalten hat. In den gebildeten Klassen der Ostseeprovinzen ist noch Individualität, in den ungebildeten Klassen Norwegens noch Natur vorhanden; in Dänemark ist der Sinn für feineres, geselliges und soziales Leben zu Hause. In Kopenhagen hat ein Bierbrauer mehr für dänische Kunst getan als irgendein deutscher Edelmann für die deutsche; er heißt Jacobsen. Die Dänen wollen nicht gern Deutsche sein; dennoch aber sind sie, im weitem Sinne, Niederdeutsche; Dänemark heißt sogar wörtlich »die niedere Mark«. Vielleicht wird es den Dänen einmal leichter werden, sich an Niederdeutschland als an Deutschland anzuschließen; ihr berühmtester König, Christian IV., war Kreishauptmann des niedersächsischen Kreises; das »Kong Chriftiern stod ved hoie Mast« hat eine viel schönere Melodie als der »tappre Landsoldat«. Dänemarks eigentlicher Beruf, Dänemarks Blüte und Ruhm wird immer »am hohen Mast«, nicht unter den »Landsoldaten« zu suchen sein. Es könnte in einem geistigen Groß-Deutschland recht gut ein Seitenstück zu Holland darstellen; neben den Generalstaaten der Admiralstaat. Der erlösende Hauch der See wird alsdann von beiden ausgehen: wie von Holland Freiheit, könnte von Dänemark Feinheit nach Deutschland eingeführt werden. Hamlet, der bisher feinste Germane, war ein Däne. England und Schottland bekämpften sich fünfhundert Jahre lang, ehe sie sich für immer einigten; Deutschland und Dänemark waren sich zwei Menschenalter feind; weshalb sollten nicht auch sie sich für immer einigen können?

Zwischen Holland und Dänemark endlich liegt, geistig wie geographisch, England. »Jeder Engländer ist eine Insel«, hat Novalis gesagt und damit die individuelle Abgeschlossenheit des englischen Charakters treffend gekennzeichnet. In diesem Sinne soll auch Deutschland sich geistig insulieren und isolieren. Es wird dadurch einerseits seine angeborene Eigenart vertiefen, also das Ziel der echten Bildung erreichen und andererseits sein früheres Schweifen in die Fremde aufgeben, also die Fehler seiner Vergangenheit gutmachen. Die Engländer gelten sich und anderen heutzutage für das vornehmste aller Völker; sie sind es in gewissem Sinne, weil sie das individuellste aller Völker sind: unter den verschiedenen niederdeutschen Sonderstämmen stehen sie hierin am weitesten nach vorn.

Amsterdam, London, Hamburg, Kopenhagen, Stockholm sind die gewaltigen Elemente einer elektrischen Batterie, deren Strom sich auch hier durch den Kontakt von Feuchtem und Trockenem, von Land und See erzeugt und durch den niederdeutscher Geist, wenn er ernstlich wollte, die Welt in Bewegung setzen könnte. EZ kommt nun freilich darauf an, daß diese große Aufgabe in wie außerhalb Deutschlands richtig verstanden wird. »Ich gebe Ihnen nur eine einzige Instruktion mit, ein gutes Einvernehmen mit England,« sagte Fürst Bismarck zu dem Hauptmann Wißmann, als dieser nach Ostafrika abreiste; sie gilt auch im weiteren Sinne und für gewisse weitere Aufgaben des Deutschen. Es gibt für ihn, wenn er eine geistige und künstlerische Weltpolitik betreiben will, nur eine einzige Instruktion: ein gutes Einvernehmen mit seinen Verwandten an der See. Andererseits bedürfen mindestens die kleineren unter jenen Staaten, wie Dänemark und das heutige Holland, des inneren Anschlusses an ein großes nationales Ganze, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, in der Enge zu verdumpfen. Wie die Einheit Deutschlands seinerzeit durch gemeinsame Handelsinteressen, wird die Einheit Germaniens jetzt durch gemeinsame Geistes Interessen gefordert und gefördert. Diese liegen sogar noch tiefer und führen daher, in gewisser Hinsicht, weiter als jene. Teilweise scheint man sich dieser Tatsache, diesseits wie jenseits der See, schon bewußt zu sein. In England ist deutsche Sprache, Kunst und Literatur zeitweilig Mode geworden; Carlyle hat sie dort früher schon ernstlich empfohlen; Holbein, Händel, Beethoven sind zuerst jenseits, Shakespeare ist zuerst diesseits der Nordsee voll gewürdigt worden. Diese fruchtbare Wechselwirkung zeigt sich in großen wie kleinen Dingen. Der Schotte Burns und der Schwede Bellmann haben ganz im Geiste Rembrandts gedichtet; das Volkstümliche, Humoristische, Seelenvolle und dabei zuweilen Visionäre ist ihnen allen dreien in auffallender Weise gemeinsam. Die Anglomanie, welche in gewissen politischen wie sozialen Kreisen des heutigen Deutschlands herrscht, sowie die neuerliche Schwärmerei der Deutschen für norwegische Literatur erscheinen gleichfalls als unbestimmte, wiewohl etwas ungesunde Fühler nach der obengenannten Richtung hin. Diese flüchtigen Kräuselungen an der Oberfläche des Meeres deuten auf bleibende Strömungen in seiner Tiefe. Nie die Schwärmereien und Eitelkeiten des Jünglings dem Ernst des Mannes, so gehen die hier genannten Neigungen einem sicher zu erwartenden späteren innerlichen Anschluß der Deutschen an ihre auswärtigen Vettern voraus. Sie wohnen von Riga bis Amsterdam; und wo das Auge eines einheimischen Deutschen dem eines ausheimischen Deutschen begegnet, da erkennen sie sich; da verstehen sie sich. Stimme des Bluts!

5. Schleswig-Holstein

Jene Seestämme sind, allgemein gefaßt, sämtlich Niederdeutsche; und das Zentrum des geographischen Halbkreises, den sie darstellen, bildet ein verhältnismäßig kleines Gebiet, welches aber in die europäische Geschichte schon oft bestimmenderweise eingriff. Schleswig-Holstein ist das einzige deutsche Land, welches von zwei Seiten durch die See bespült wird; schon dadurch erscheint es zu einer gewissen Vermittlerrolle zwischen den Nordwest-Germanen und den Reichsdeutschen berufen. Schleswig wie Holstein ist in seiner östlichen Hälfte von Sachsen, in seiner westlichen von Friesen bewohnt: friesische Festigkeit und sächsische Zähigkeit begegnen sich hier. Und indem sich diese Gebiete außerdem noch in südnördlicher Richtung Zusammenschlössen, formierten sie an dem politischen wie geistigen Himmel Deutschlands eine Art von nördlichem Kreuz, das dem »südlichen Kreuz« des wirklichen Himmels an Schönheit wie Bedeutsamkeit kaum nachsteht. Mannigfache Einflüsse und Strömungen des deutschen Volkslebens trafen von jeher in diesem Erdenwinkel zusammen; große Entscheidungen gingen von ihm aus. Das früheste Auftreten der Deutschen in der Geschichte, der Zug der Zimbern und Teutonen, nahm von hier seinen Ausgang geradeso wie die heute noch bestehende Weltseeherrschaft der Angelsachsen. Hier wohnten die Vorfahren Shakespeares, welcher auf dem britanischen Boden nur ein – Kolonist ist; hier legten Lornsen und Dahlmann den frühesten Grund zum gegenwärtigen Reich; hier suchte und fand der deutsche Volksgeist von 1848 seine erste und einzig gesunde Betätigung nach außen hin; hier waren Moltkes Eltern zu Hause und verlebte er selbst seine Jugend; hier befand sich, wie Lord Palmerston einst richtig urteilte, »das Zündholz, welches Europa in Brand stecken sollte«. Das »up ewig ungedeelt« prophezeite die künftige Einigung Deutschlands. Schleswig-Holstein, obwohl als solches jetzt vergessen, war einmal das Schoßkind der Deutschen; es galt als sehr wichtig; Volksinstinkt wie diplomatische Weisheit kamen darin überein. Seine Bedeutung entsprang seiner bevorzugten und in gewissem Sinne ganz einzigen geographischen Lage; und da diese Lage bleibt, so dürfte auch jene Bedeutung neueren Geschichtsverhältnissen entsprechend, sich künftighin wieder geltend machen.

Es wäre nicht das erstemal, daß in der Geschichte der genius loci an gewisse Stätten sein erbliches Recht geltend machte. Niebuhr hat es auf wissenschaftlichem und staatsmännischem, Moltke auf militärischem Gebiete, beide aber – im Staate Preußen glänzend bewährt. Eine geschichtliche Fügung hat sogar den Wohnsitz des Schöpfers der deutschen Einheit zwar nicht in, aber doch bis dicht an die Grenzen Schleswig-Holsteins gerückt: Bismarck wohnte in Friedrichsruhe. Das frühere erbliche Fürstenhaus des Landes selbst stammt ebendaher, wo die »Getreuen von Jever« wohnen; also aus der Gegend, wo die Hauptmasse des sächsischen mit derjenigen des friesischen Stammes sich trifft; also wo abermals niederdeutsche Entschiedenheit und Elastizität sich einen. Dieses ursprünglich oldenburgische Herrschergeschlecht saß in seinen teils männlichen teils weiblichen Sprossen auf den Thronen der halben Welt: das russische und griechische Fürstenpaar gehörte ihm von beiden, das dänische und oldenburgische von männlicher, das englische sowie das deutsche und sächsische, württembergische, braunschweigische von weiblicher Seite an. Es steckt aber auch etwas von Hamletnatur in diesem Geschlecht; Gustav III. und Gustav IV. von Schweden, Peter III. und Paul I. von Rußland haben ein Ende genommen, wie es vielleicht Hamlet als regierendem König beschieden gewesen wäre; Idealität ist für Throninhaber gefährlich. Schloß Gottorp bei Schleswig, dem alle diese Fürsten entstammen, ist nicht nur das geographische, sondern auch fast das mathematische Zentrum aller jener Länder, welche den von ihm besetzten Thronen unterworfen sind. Es bildet darin einen bemerkenswerten Gegensatz zu dem antiken – Rom, das gleichfalls fast im mathematischen Mittelpunkt des Bezirkes seiner Weltherrschaft gelegen war. Es gibt auch eine geschichtliche Mathematik; und sie ist vielleicht bisher zu wenig beachtet worden. Freilich ist der Unterschied zwischen der südlichen Weltstadt und dem nordischen Herrensitz groß; dort Republikaner, welche auf die Unterdrückung, und hier Monarchen, welche auf die Pflege fremden Volkstums ausgingen. Dort Zentralisation, hier Individualisierung. Das besondere Schicksal gerade dieses Volksstammes erinnert an das so manches seiner Angehörigen, der vom Strohdach auszieht und jenseits des Ozeans eine Million findet. Es ist deutscher Märchenglaube, ins praktische Leben übersetzt; Hans im Glücke, der verliert und gewinnt.

Schleswig-Holstein ist, politisch wie geistig, von jeher ein Land des Vorstoßes gewesen. Es lagert sich äußerlich wie innerlich als ein Sturmbock vor die gewaltige Heeressäule Deutschland; man darf daher vermuten, daß dies auch ferner so bleiben wird – im Rahmen der neueren deutschen Entwicklung. Ein solcher Vorstoß bedeutet, der Gesamtheit des deutschen Volkes gegenüber, einen erzieherischen Akt; in einzelnen Fällen, wie z. B. bei Lornsen, bedeutet er eine Winkelriedstat; aber er braucht nicht immer eine solche zu sein. Auch hierin hat sich die Zeit gewandelt; sie ist synthetischer geworden. Klaus Groth wird von den Vlamen geschätzt; im heutigen Dänemark gibt es eine deutschfreundliche Partei; friesische Seeleute wurden von den Engländern den eigenen vorgezogen. Das nordalbingische Gebiet wirkt über, nach allen Seiten hin. Es ist mit Deutschland durch politische Ein- und Unterordnung, mit Holland durch gemeinsame friesische Stammeszugehörigkeit, mit England als einer uralten Tochterkolonie, mit Dänemark durch gewisse Teile seiner Bevölkerung und mit Schweden durch wichtige geschichtliche Erinnerungen verbunden. Schleswig-Holstein ist das Hinterland Hamburgs; und diese Stadt ist das bedeutendste Mittelglied zwischen Deutschland und der See; ihre zuverlässigsten Schiffsführer bezieht sie aus jenem Hinterlande. Kiel, seine Hauptstadt, war auch deutsche Marinehauptstadt und der foot-step der Hohenzollern in die See. Ein kräftiger Schlag von Leuten wohnt in diesem Lande; sie besitzen physische wie moralische Gesundheit; vier Herzöge von Holstein sind auf den Schlachtfeldern Preußens gefallen; und »die Schleswig-Holsteiner haben sich geschlagen wie die Löwen«, sagte Bismarck 1870. Trotzdem oder ebendarum sind die »framen Holsten« von alters her berühmt; sie gelten als gottesfürchtig. Sie sind ein echt und rein deutscher Stamm und bleiben es hoffentlich; ihr Wohnort, ihr konservativer Charakter und die ihnen eigentümliche Begabung sprechen dafür. Man wird abzuwarten haben, ob und wie diese tapferen Grenzbewohner, die Ahnen Shakespeares und die Vettern Moltkes, ihre Vergangenheit durch ihre Zukunft rechtfertigen. Im achtzehnten Jahrhundert gab es ein preußisches Infanterieregiment »Jung-Holstein«; im neunzehnten gab es eine Berliner Literaturschule »Jung-Deutschland«; wie sonst, so dürfte auch in diesem Fall der individuelle Faktor dem allgemeinen, die provinzielle Gesundheit der hauptstädtischen Ungesundheit, das klare Preußentum dem unklaren Deutschtum vorzuziehen sein. Was Holland in der Vergangenheit und als selbständiger Staat, das wird möglicherweise Schleswig-Holstein für die Zukunft und als eingegliederter Bestandteil des Deutschen Reiches sein: der point de vue für eine freie und weitere Entwicklung des deutschen Geisteslebens.

Schleswig-Holstein ist der einzige Teil Deutschlands, welcher zu Rembrandt in einer direkten künstlerischen Beziehung gestanden hat; welcher ihm Schüler sandte und seine Schüler beschäftigte; es braucht nur an Fabritius und Owens erinnert zu werden. Wie stets hat hier die See nicht getrennt, sondern verbunden. Der größte holländische Gelehrte und der größte holländische Künstler: Gerrits und Harmensz – sonst Erasmus und Rembrandt genannt – tragen beide die in Schleswig-Holstein sehr gewöhnlichen und dort nur ein wenig anders lautenden Namen: Gehrts und Harms. In späterer Zeit sind Schlüter, Karstens, Semper, deren bahnbrechende Wirksamkeit bis in die Gegenwart reicht, von hier ausgegangen. Einem Herzoge von Holstein-Augustenburg verdankte Schiller, teils direkt teils indirekt, die Muße der letzten zehn Jahre seines Lebens und die Möglichkeit, seine reifsten Werke hervorzubringen. Das war eine volkserzieherische Tat.

Jeder der deutschen Stämme hat seine besondere Aufgabe innerhalb des allgemeinen nationalen Lebens zu erfüllen. Nicht an äußerer, sondern an innerer Geltung sollen sie miteinander wetteifern; dann wird sich zeigen, wer Sieger bleibt. Aber es läßt sich nicht leugnen, daß, geschichtlich genommen, Schleswig-Holstein hier einen bedeutenden Vorsprung hat. Aus der kleinen Halbinsel Angeln, welche in die Ostsee wie aus der kleinen Halbinsel Attika, welche in das Mittelmeer hineinragt, haben sich zwei gleich mächtige, segenbringende Kulturströmungen über die Welt ergossen. Fein und plastisch wie das geographische Profil der einen, war auch der Geist, der von ihr ausging; breit und wuchtig wie das geographische Profil der andern, ist auch der Geist, der von ihr ausging. Es ist ein angelsächsischer, ein niederdeutscher, ein deutscher Geist; es ist ein Geist blühenden Lebens, gleich demjenigen Shakespeares und der letzten deutschen Kaiserin; es ist ein Geist der Gesundheit. Und diesem gehört die Zukunft.

Wie das Wappen Hollands und Venedigs, so ist auch dasjenige Schleswigs ein – Löwe; kriegerischer und künstlerischer »Löwengeist« lebt in diesen genialen Stämmen; er soll dem »Insektengeist« der heutigen deutschen falschen Bildung entgegentreten. Großer Geist soll den kleinen Geist, eine Menschenbildung die Renommistenbildung besiegen. Geigentöne, dem Herzen entquollen, und nicht Trompetenstöße, dem Markte dienend, müssen hier gelten. Man soll streben, aber nicht Streber sein.

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