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Rembrandt als Erzieher

Julius Langbehn: Rembrandt als Erzieher - Kapitel 10
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authorJulius Langbehn
titleRembrandt als Erzieher
publisherC. L. Hirschfeld in Leipzig
printrun72. ? 76. Auflage
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III. Deutsche Politik.

Staaten- und Kunstentwickelung.

Der Mensch ist heute noch so sehr und vielleicht mehr wie je ein »politisches Tier« – ein animal politicum, nach Aristoteles –; von dieser Eigenschaft werden alle seine geistigen Bestrebungen beeinflußt; und beeinflussen sie wieder. Die heutigen deutschen Verhältnisse bedürfen also vor allem einer Vertiefung und Erweiterung nach dieser Richtung hin. Der geistigen Neugeburt unseres Vaterlandes, wenn es zu einer solchen kommen soll, muß dessen politische Neugeburt vorausgehen. Äußerlich hat diese zwar um 1870 stattgefunden; innerlich bleibt sie noch zu fordern. Die deutsche Reichsverfassung unter dem neuen Kaisertum trug den tieferen Bedürfnissen des deutschen Volkstumes nicht in allen Stücken Rechnung; und die Art, wie sie von gewissen Parteien ausgenutzt ward, noch weniger; hier tut eine innere Wandlung not.

Wie der Künstler ein Sohn seines Volkes, so ist die Kunst eine Tochter der jeweiligen geschichtlichen Konstellation. Es ist durchaus kein Zufall, daß Michelangelo und Tizian, Shakespeare und Bacon, Goethe und Beethoven gleichzeitig lebten und schufen; daß oft eine ganze Saat von großen Männern periodenweise in der Geschichte miteinander aufwächst: Keime zu großen Leistungen sind in der geistigen gerade wie in der physischen Natur stets und überall vorhanden. Es bedarf der günstigen Umstände und der helfenden Menschenhand, um beide zu wecken; gewisse Zeitverhältnisse lassen Genies aufsprießen, wie der Regen die Steppe ergrünen läßt. Es mag, außer dem einen, noch Shakespeares genug gegeben haben; aber nur in England, wo die Bedingungen günstig lagen, kam jener zur Entfaltung. Man lasse ihn, ganz so wie er war, in Frankreich geboren werden und er würde nie seine Tragödien noch Schauspiele geschrieben haben. Das Kunstwerk ist ein Erzeugnis verschiedener zusammenwirkender Kräfte: des Menschen, des Volkstums, der Zeitverhältnisse; sind diese drei Faktoren gleichzeitig und gemeinsam tätig, so entsteht das Große. Die politischen und sozialen Verbindungen sind alle für die eigentliche künstlerische Arbeit ebenso wichtig, als die letztere selbst; das galt zu allen Zeiten; und es gilt nicht zum wenigsten für das jetzige Deutschland. Die Persönlichkeit Rembrandts, wie sie uns geschichtlich überliefert ist, bestätigt dies nach vorwärts wie nach rückwärts, für die Vergangenheit wie für die Zukunft.

»Eine holländische Kunst im eigentlichen Sinne tritt erst auf nach der Begründung des holländischen Staatenbundes«, sagt der augenblicklich beste deutsche Kenner der ersteren, Bode, und belegt dadurch wieder einmal, wie abhängig die geistige Entwickelung von der staatlichen Entwickelung ist. Die besonnene Naturforschung hat längst eingesehen, daß unter heutigen kosmischen Verhältnissen eine generatio aequivoca unmöglich ist; auch in einem anscheinend luft- und stoffleeren Raume unserer gegenwärtigen Welt befinden sich stets Keime des Lebens, welche ihrer Entfaltung harren; ebenso finden sich in demjenigen leer erscheinenden Raume der Geschichte, welchen Holland vor der Zeit seiner Befreiungskriege darstellt, alle Bedingungen zu einer höchsten geistigen Zeugung vereint vor. Sie sind nur latent. Es erhellt hieraus, wie außerordentlich wichtig es ist, sie zu kennen, zu benutzen und möglichst zu steigern. Ehe Karl August in Weimar regierte, war dieses nicht viel mehr als ein Schöppenstedt; man kann aus jedem Schöppenstedt ein Weimar machen, sei es in literarischer, künstlerischer oder sonstiger Beziehung: es kommt nur auf die Menschen an, von und mit denen es gemacht wird. Die holländische Kunst wurde, wie vor ihr das englische Schauspiel, scheinbar aber nichts weniger als wirklich aus dem Nichts geboren; und beide verdanken gerade dieser ihrer dunklen Herkunft den hellen Glanz, welcher sie umschimmert; sie sind den Leistungen früherer höchster Kulturepochen ebenbürtig nicht trotzdem, sondern gerade weil sie sich von jenen in der Art des Schaffens kaum beeinflussen ließen. In Rembrandt gipfelt diese Art von Entwickelung; er besitzt im höchsten Grade das, was man Rasse nennt; sein individueller Charakter ist so stark entwickelt, daß er zum gattungsmäßigen Charakter wird. Eine solche Kunst und ein solcher Künstler können nur da gedeihen, wo politische und menschliche Selbständigkeit zu ihrer vollen und freien Entfaltung gelangt sind. »Hier wurde die Schlacht von Waterloo geschlagen«, sagte Wellington, als er den Spielplatz von Eton besuchte; und in diesem Sinne möchte man sagen, daß Wilhelm von Oranien die Bilder Rembrandts gemalt habe. Letzterer ist eben ein Holländer vom Scheitel bis zur Sohle; Beharren beim Gegebenen, verbunden mit mächtigem Freiheitsdrang, charakterisieren ihn in erster Linie. Was er war, wurde er durch seine niederdeutsche und holländische Persönlichkeit. In ihm treffen sich die verschiedenen Richtungen des Volkscharakters, dem er seinem Stamme nach angehörte; von ihm können sie demgemäß auch wieder ausgehen; jeder große Mann stellt den Endpunkt einer alten und den Anfangspunkt einer neuen Zeit dar. Und hierin liegt die Lehre – die volkserziehliche Lehre – welche ein Rembrandt, von der besonderen Art seiner künstlerischen und geistigen Leistungen ganz abgesehen, den heutigen Deutschen auf nationalem wie politischem Gebiet geben kann. Wer die deutsche Kunst heben will, muß deshalb zuerst das deutsche Volkstum heben. Die Hebung des deutschen Volkscharakters kann aber nur in dessen Vertiefung bestehen; und diese muß zunächst eine politische sein. Keine Frucht ohne Blüte.

Da Rembrandt nicht nur Holländer, sondern als solcher zugleich Niederdeutscher und Deutscher ist, so kehrt auch hier der Deutsche nur zu sich selbst zurück, wenn er zu Rembrandt zurückkehrt; er vollzieht eine Reform, zu deutsch Rückbildung. Die beiden Pole des niederdeutschen Charakters, Festigkeit und Freiheit, haben hiebei als Richtpunkte zu dienen. Das deutsche Volk muß seine inneren politischen und nationalen Verhältnisse erweitern, indem es sie teils festigt, teils lockert; denn nur in dem gleichzeitigen Zusammenwirken dieser beiden Tätigkeiten besteht alles Wachstum. Und nur dasjenige Volk lebt, welches wächst.

Kämpfen und Schaffen.

Der eiförmige Schädel Shakespeares gebar einst eine Welt; das Adlerprofil Moltkes muß darauf gerichtet sein, sie zu schützen. Denn Individualität will gegen die Welt verteidigt sein, eben weil sie selbst eine Welt in sich ist; dadurch gesellt sich zu der ursprünglich künstlerischen eine ursprünglich kriegerische Anlage des Deutschen; sie hat sich von der Völkerwanderung bis zur Landsknechtszeit und von dieser bis zur Gegenwart bewährt. »Die Deutschen sind ein freisam rachgierig, in den Kriegen gleich ein unüberwindlich und sieghaft Volk, das allen Völkern ein Schrecken ist, dem auch kein Abenteuer und Mutwill zuviel ist, das alle Spiele wagt«, sagt der erwähnte Sebastian Frank in seiner Weltchronik. Je individueller ein Volksgeist, desto tapferer und ehrliebender ist er; je abstrakter er sich entwickelt, desto weniger ist er geneigt und befähigt, seinen Platz auf dieser Erde zu behaupten oder zu erweitern. Einst ging der Dichter mit dem Denker Hand in Hand; jetzt steht dem Krieger der Künstler gegenüber, wiewohl nicht entgegen. Scheinbar feindselige Pole durchdringen sich hier, wie sonst, zu gegenseitiger Stärkung. Was Schiller von dem Soldaten gesagt hat: »Auf sich selber steht er da ganz allein«, das gilt auch vom Künstler; das volle Einsetzen der eigenen Persönlichkeit erfordert in beiden Fällen einen hohen sittlichen Mut; und sittliche Unterordnung muß zu diesen in beiden Fällen hinzukommen: dort unter die Gebote des Kriegsherrn, hier unter die der Volksseele. Auch die Griechen waren, gleich den Deutschen, als Krieger und Landsknechte berühmt, ehe sie als Künstler berühmt wurden; auch bei ihnen ging der künstlerischen die politische Befreiungstat voraus. »Selbst ist der Mann«, lautet die Losung des Kriegers wie des Künstlers; jener betätigt den Spruch nach außen, dieser nach innen; sie gehen im Grunde den gleichen Weg.

Man kann den jetzigen Deutschen mit dem tempelbauenden Juden vergleichen, der in der einen Hand die Kelle, in der andern die Lanze zu führen genötigt war. Was der Künstler schafft, ist wohl wert, daß es der Krieger verteidigt; und was der Krieger vollführt, ist wohl wert, daß es der Künstler darstelle. Die Erziehung des deutschen Volkes durch Rembrandt, welche hauptsächlich eine künstlerische ist, steht keineswegs in Widerspruch mit seiner kriegerischen Entwickelungsperiode; vielmehr ergänzen sich beide notwendig. Nach und neben Griechenland gibt es kein Land der Welt, das auf verhältnismäßig kleinem Bezirk eine solche Menge von zugleich kriegs- und kunstberühmtem Ortsnamen aufzuweisen hätte, wie Holland; der mit Blut gedüngte Boden trug hier wahrhaft goldene Früchte. Zweitausend Bürger Haarlems wurden einst auf einmal von den Spaniern hingerichtet: aber ein Ruisdael erwuchs dort später; sechstausend Bürger von Leyden kamen bei seiner Belagerung um: aber aus den Übriggebliebenen entsprang ein Rembrandt. Die harten holländischen Bauernköpfe fielen in Masse vor den Streichen ihrer kriegserfahrenen Gegner; doch blieben deren genug übrig, um auch innerhalb des Kunstgebietes ihren eigenen Weg zu gehen und es dort zur höchsten Blüte zu bringen. Die Deutschen scheinen bestimmt, sich gleichartig zu entwickeln. Das mit Myrthen umwundene Schwert könnte, wie einst bei den Athenern, so auch ihnen jetzt das nationale Symbol werden. Harmodios und Aristogeiton, welche jenes Schwert führten, waren innerlich wie äußerlich die Vertreter eines freien und derben Bauerntums; die erhaltene lebensgroße Porträtgruppe, welche ihre dankbaren Landsleute ihnen setzten, zeigt sie noch heute ihrer äußeren Erscheinung nach als solche. Die griechische Idealität war nie »ästhetisch«, sondern stets von volkstümlicher Art; so sollte auch die deutsche Idealität von heute sich zeigen. Das erwähnte kriegerische Doppelstandbild von Athen ist daher dem bekannten künstlerischen von Weimar nach seiner sittlichen, menschlichen, geistigen Bedeutung ebenbürtig oder gar vorzuziehen.

Langsam ist heute eine gesunde, tatkräftige Prosa an die Stelle einer erdabgewandten und zielunbewußten Weltanschauung gerückt; und diese gehört nur noch der Geschichte an. Besonders bemerkenswert erscheint die Rolle, welche zwei während der letztvergangenen hundert Jahre ausschlaggebende Faktoren des deutschen geistigen Lebens bei jenem Übergang spielen: Musik und Wissenschaft, die Musenkunst im eigentlichen und übertragenen Sinne. Die Zeit des deutschen Dichtens klingt in der großen Musikperiode des achtzehnten, die Zeit des deutschen Denkens in der großen, wenn auch schließlich einseitig gewordenen Wissenschaftsperiode des neunzehnten Jahrhunderts aus. Wie jene, mit ihrer sinnlichen Wirkung, dem Triumph der bildenden Kunst vorarbeitet; so liefert diese, mit ihrer exakten Forschung, das Material für den heutigen politischen und sozialen Kampf. Es braucht nur an die materiellen Erfolge der Naturwissenschaft einerseits, an die Bestrebungen Richard Wagners andererseits erinnert zu werden; jene leiden an völligem Mangel, diese an einigem Überfluß von idealem Schwung; beide charakterisieren sich dadurch als Zersetzungsprodukte. Aber freilich jene nach der negativen, diese nach der positiven Seite hin; jene wirkt mehr zerstörend, diese mehr aufbauend. So reiht sich ein Glied der Kette ans andere; gerade deshalb ist zu vermuten und diese Vermutung wird durch die heutige Sachlage bestätigt: daß jene zwei Bindeglieder an ihrer bisherigen Bedeutung verlieren werden, sowie der neue Geist der Zeit seine Herrschaft angetreten hat. Die Musik, welche dem fühlenden Herzen entspringt, und die Wissenschaft, welche das scharfe Auge der Kritik walten läßt, sind nur Vermittelungsstufen für das Zeitalter der kämpfenden und schaffenden Hand, welches dem Deutschen bevorsteht ... nachdem er das Zeitalter des Dichtens und Denkens, welches bisher seinen erfindungsreichen Kopf beschäftigte, mehr hinter sich gelassen hat. Die Dichtung des Worts macht der Dichtung der Tatsachen Platz, welche oft ergreifender und erfinderischer ist als jene.

Die Entwickelungen und Notwendigkeiten der Geschichte reflektieren sich auf den Spiegel der Volksphantasie; aber in dem dieser eigenen gedämpften Lichte. Ein tiefer Sinn liegt oft im kind'schen Spiele – der Mythologie und zugleich im männlichen Ernste – der Geschichte eines Volkes. Hier wie im Lebenslauf des einzelnen Menschen, macht sich oft eine schöne Wechselseitigkeit der Beziehungen geltend; die Poesie ist oft genug prophetisch; mit den Taten seines Alters löst ein rechter Mensch sowie ein rechtes Volk die Träume seiner Jugend ein. Ares und Hephaistos, der Gott des Krieges und der der Kunst, waren bei den Griechen bezeichnenderweise die Söhne des höchsten Götterpaares; und beide jene Geistesrichtungen finden sich, veredelt und gesteigert, in der eingeborenen Lieblingstochter des Zeus, in Athene vereinigt. Nachdem Athen die Freiheit Griechenlands erstritten, gab es ihm die höchste Geistesblüte; seine zwei hauptsächlichsten Charaktereigenschaften hatte es selbst in und zu der Gestalt seiner genannten Stadtgöttin verdichtet: Tapferkeit und Schöpfungskraft. Athen hält, was Athene verspricht. Möchten auch die Deutschen stets gleichmäßig diese beiden führenden Eigenschaften bewähren; möchten auch sie die Träume ihrer Kindheit durch die Taten ihres Mannesalters betätigen; möchten auch sie halten, was Brunhild verspricht! Brunhild, die kriegerische Maid, ist in der deutschen Sage halb Walküre, halb Holländerin; sie trägt nicht nur den Goldhelm, sondern auch den Eisenpanzer; ihr Name selbst – ahd. brünne, Panzer – spricht es aus. In ihrer äußeren Erscheinung gleicht sie der griechischen Kriegs- und Kunstgöttin Athene; sie erscheint dadurch Rembrandt wie dem Griechengeist gleich sehr verwandt; und man könnte sie wohl als Bannerträgerin der streitbaren deutschen Kunst ansehen. ›Krieg und Kunst‹ ist eine griechische, eine deutsche, eine arische Losung; sie findet ihre schönste Verkörperung in dem Epos, der spezifisch arischen Dichtweise; und Homers Ilias ist ihr frühester Ausdruck. Auch in späteren Zeiten taucht sie gerade an entscheidenden Punkten wieder auf. Luther hat seiner besten Natur einen auch im engeren Sinne des Worts künstlerischen Ausdruck verliehen durch das Streitlied »Ein' feste Burg ist unser Gott«. In jedem deutschen Hause, das an Luthers Gläubigkeit teil hat, ist diese Doppelrichtung seines wie des deutschen Geistes noch heute ganz wirklich und handgreiflich anzutreffen: der Kampf mit der Welt und die Erhebung zu Gott, Bibel und Gesangbuch. Ähnlich verhält es sich in der darstellenden Kunst. Die holländische Bezeichnung für Theater – Schauburg – faßt jene beiden Geistestätigkeiten in zwei Silben und ein Wort zusammen. Das Globetheater, in welchem Shakespeare spielte, war in Form einer Festungsbastion erbaut; es weicht ebenso sehr von aller herkömmlichen Architektur, wie Shakespeare von aller herkömmlichen Dichtung ab; es stellt, freilich unbewußterweise, eine ganz augenfällige Verkörperung des »Ein' feste Burg ist unser Gott« dar. Eben derselbe Eindruck kehrt zwar nicht in Wirklichkeit, aber doch im Bilde bei Goethe wieder; er spricht gelegentlich davon: »in welcher unzugänglichen Burg der Mensch wohnt, dem es nur immer Ernst um sich und die Sachen ist«; und verkündet damit »den Gott in seiner Brust«. Die »feste Burg« hat Luther poetisch, Goethe prosaisch und Shakespeare sogar sinnlich formuliert. W. von Eschenbach hat sie schon in seiner »Burg des Graal« geschildert; Wagner, in seinem letzten und abschließenden Kunstwerk, hat diesen Gedanken wieder aufgenommen: Beweis genug, daß hier der eigentliche Kernpunkt des deutschen Wesens liegt. Der Deutsche streitet und singt. Und am schönsten ist es, wenn diese Doppeltätigkeit des deutschen Geistes sich ganz wörtlich offenbart, wie einst in Theodor Körner, welcher den Bund von Leier und Schwert mit seinem Blute besiegelte. Das ist ein herzerfreuendes Beispiel deutscher Kriegs- und Kunsttüchtigkeit. Von dem Barditus der alten Germanen und den Minneliedern der Ritterzeit bis zu Luthers Hochgesang und der Wacht am Rhein ist die deutsche Volksseele stets auf den gleichen Ton gestimmt gewesen. Es ist derjenige Ton, auf den Goethe wiederum ebenso kurz wie treffend und schön hingewiesen hat:

Nicht die Leier nur hat Saiten,
Saiten hat der Bogen auch.

Nach der Ansicht eines ältesten griechischen Philosophen ist Liebe und Streit, φιλια χαι νειχοσdas eigentlich beherrschende Weltprinzip; es gilt noch heute und für den Deutschen: er nennt es jetzt Kunst und Krieg. An beiden hat die deutsche Wiedergeburt gleichmäßig Anteil. Um Krieg und Kunst handelt es sich in allem Völkerleben; der Gang der Weltgeschichte bewegt sich nach einer kriegerischen Marschmusik. Und dem Gesamtleben soll wiederum das Einzelleben parallel gehen; das ist der Weg des Helden durch die Welt: Parademarsch, im Kugelregen, bei klingendem Spiel!

Monarchie, Republik und Volk.

Es gibt ein Band und zwar ein sehr starkes Band, welches Kunst und Politik miteinander verbindet: es ist das Element des Persönlichen. Wie ein Schiff, so kann auch eine Armee und wie ein Kunstwerk, so kann auch eine Ministerkoalition nur von einem Mann geleitet werden. Der künstlerische Gehalt des Feldherrn sowie des Staatsmannes, welche beide im »König« zusammentreffen, beruht auf eben diesem Zusammenhange; sie alle schaffen individuell. Der monarchische Beruf des deutschen Volkes wird durch das Wort Volk – folk – selbst ausgedrückt; denn dieses bedeutet ursprünglich Gefolge; zu einem Gefolge aber gehört notwendig ein Führer. In dem konservativsten Teile Deutschlands, in Niederdeutschland, hat sich dieser ursprüngliche Sinn teilweise noch erhalten; »die Völker, zum Essen!« läßt Grabbe nach eigenen westfälischen Erinnerungen seine Thusnelda ihrem Hausgesinde zurufen. Fürst bedeutet wörtlich der Vorderste; und zwar unter einer Reihe von Genossen im Kampfe; richtig hat man daher gesagt: die preußischen Offiziere sind die Kameraden des Königs. Das monarchische Prinzip ist im Grunde ein adeliges Prinzip. Das Wesentliche der Monarchie wie jedes Adels ist die Erblichkeit, d. h. die Kontinuität der lebendigen Blut- und Charakterströmungen, welche sich durch Generationen hinzieht; und in solchem Sinne erscheint der Purpur als das rechte Symbol der Herrschaft. Er bezeichnet nicht das vergossene und tote, sondern das lebendige und wallende und waltende Blut. In der Person des Monarchen finden Blut und Gold, Volk und Vornehme ihre höchste Vereinigung; in ihm verdichtet sich das Leben einer Nation zur einheitlichen lebendigen Gestalt. Ist er geistig ebenso vornehm wie er politisch vornehm ist, so kommt er dem Ideal seines Berufs nahe: nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich ein Aristokrat, also ganz wörtlich ein »bester Herrscher« zu sein! Wie jeder rechte König von volkstümlicher, so ist auch jedes rechte Volk von königlicher Art und Gesinnung; es hüllt sich in den Purpur seiner Individualität und schmückt sich mit dem Kranze seiner Helden wie mit einer Krone. Diese Krone verleiht ihm den Adel, macht es aristokratisch. Zwischen Volk und Stamm schlägt die Brücke – das Fürstentum. Der erbliche König ist ein lebendiger Mensch, nicht eine bloße mehr oder minder wertvolle Nummer aus der Masse. Und sieht man als das beherrschende Weltprinzip und darum die Ursache aller Kraft wie Kraftsummierung: Gott an, so ist damit das Gottesgnadentum der Könige gegeben. »Die große Kraft kommt von Gott, die kleine vom Teufel«, sagte Hebbel; ein rechter König ist also, wie jeder rechte Mensch immer von Gottes Gnaden; und er ist es in desto höherem Grade, je mehr er selbst und sein Geschlecht geleistet hat, je mehr er ein Herrscher im guten Sinne ist.

Wie der echte Dichter, so steht auch der echte Staatsmann auf einer höheren Warte als auf der Zinne der Partei. Er verteidigt nicht ein Programm; er verteidigt die Hausaltäre seines Volkes; und jedes ehrliche Mittel ist ihm dafür recht. Der Spruch von Thiers »die Republik wird konservativ sein oder sie wird nicht sein«, gilt von jedem Staat, der freiheitlichen Bestrebungen folgt; eine Monarchie dagegen sollte immer möglichst liberal regiert werden; gerade weil beide von Haus aus umgekehrt angelegt sind. Hier sammelt sich die Volkskraft in einen Punkt; dort geht sie aus von einem Punkt: in beiden Fällen aber ist ihre Wirkung eine zentrale. Die gegebenen geschichtlichen Verhältnisse werden darüber entscheiden müssen, ob das eine oder das andere der Fall sein soll; und ein Volk, das sich selbst kennt, wird bei einer solchen Wahl nicht zweifelhaft sein; es wird sich der eigenen einheitlichen Persönlichkeit erinnern und ihr gemäß handeln. Eine Besserung in den deutschen Verhältnissen, seien sie nun politischer oder anderer Natur, ist nur dadurch zu erreichen, daß man auf das Volk in seiner besten Gestalt einerseits, auf die Einzelpersönlichkeit in ihrer besten Gestalt andererseits zurückgreift. Jenes findet in dem Bauer, sei er nun von wirklicher oder geistiger Art, und diese in dem König, sei er nun von politischer oder künstlerischer Art, den berechtigtsten Vertreter. Der Ausspruch eines badischen Bauern im Jahre 1848 – »mer wend« – wir wollen – »d' Republik mit em Großherzog a der Spitz«, ist durchaus nicht so unverständig wie er im ersten Augenblick scheinen könnte; er ist vielmehr sehr verständig gedacht, wenn auch nicht gerade gesagt. Er formuliert, wenn auch in etwas naiver Weise, das eigentliche Urbild des deutschen Staates; und dieses war schon längst vorher in England wie in den Niederlanden praktisch verwirklicht worden. In letzteren gab es eine »Republik mit dem Großherzog an der Spitze«, nämlich die Generalstaaten mit dem Hause Oranien an der Spitze; und England, das einen Monarchen an der Spitze hat, ist noch 1887 von einem so gewiegten Staatskenner wie Bismarck, freilich unter dem Gelächter der ihn nicht verstehenden Fortschrittspartei, für eine Republik erklärt worden. Die Doktrinäre, welche über jene beiden Aussprüche von 1848 und 1887 lachten, waren weit schlechtere Politiker als die beiden Volksmänner, von welchen sie herrühren. Der süddeutsche und der norddeutsche, der wirkliche und der geistige Bauer, stimmen hier überein. Vox populi, vox dei. Eben diese sollte, vom Schwarzwälder Bauer bis zum Reichskanzler hinauf, für alle Deutschen gelten; sind die letzteren jetzt auch noch nicht reif für jene bezeichnete Regierungsform, so werden sie es doch einmal werden. »Republik« und »Großherzog«, Volk und Fürst, Bauer und Kaiser als gleichberechtigte Faktoren mit und nebeneinander herrschend – das ist das deutsche Staatsideal.

Halt faß am Rich, do kölschen Boor,
Mag et och falle söhß oo soor

sagt ein weiteres niederdeutsches Sprichwort, das die Meinung jenes oberdeutschen Bauern bestätigt. Bezeichnenderweise hat Richard Wagner, in seiner künstlerischen Naivität, im Jahre 1848 ebenfalls die »Republik mit dem König« verlangt; auch hier begegnen sich wieder Bauer, Künstler und Staatsmann – letzterer als stellvertretender König – in ihren Anschauungen. Die Bäume, welche sich mit der Wurzel berühren, berühren sich auch mit der Krone.

Wilhelm dem Ersten von Oranien warf man schon bei seinen Lebzeiten vor, daß er sich mit jedem Bauer wie mit seinesgleichen unterhielte; aber eben dies war außerordentlich staatsklug von ihm; der Bund zwischen dem Fürsten und der breiten Masse des Volkes verhütete hier etwaige dauernde Ausschreitungen der von Haus aus aristokratisch angelegten Mittelklassen. Eine solche Politik hat den Oraniern gute Früchte getragen; und so hat auch Friedrich der Große, als ihr rechter Nachfolger, sich einen roi des gueux genannt. Geusen hier wie dort! Man hat von gegnerischer Seite gemeint, daß Sozialismus und Monarchie so wenig zusammengehören, wie Feuer und Wasser; aber man vergißt dabei, daß die mächtigste materielle Kraft der Neuzeit, der Dampf, eben durch das Zusammenwirken jener beiden Gewalten entsteht; das gleiche gilt auf politischem Gebiet und man darf daher jenem Einwände gegenüber sagen: accipio omen.

Bauer, Künstler, König

Am leichtesten kann der König da volkstümlich sein, wo das Volk königlich ist. Der Niederdeutsche insbesondere, Bauer wie er ist, hat in seinem Wesen etwas Königliches; so auch Rembrandt; und es wäre gut, wenn gerade die Deutschen etwas von jenem bäuerlich-königlichen Wesen in sich übergehen ließen. Das Schachspiel, wörtlich Königsspiel, ähnelt dem Weltspiel wie sonst auch darin, daß es diese beiden Typen nahe miteinander verbindet. Der rechte Bauer sitzt wie ein König auf seinem Hof; und der rechte König soll, im besten Sinne, wie ein Bauer unter seinem Hofe leben, d. h. als ein erdgeborener Aristokrat, als der erste unter vielen, als der patriarchalisch und selbständig waltende Herrscher der Seinen. Beide gehören ganz zusammen; jeder von ihnen hat seinen Hof: der eine einen immobilen und auf die Erde projizierten, der andere einen mobilen und aus Menschen konstruierten; beide stellen ein Zentrum dar, mit einem umgebenden Kreise.

Das alles Organische beherrschende Prinzip der Zelle, mit ihrem Zellenkern, ist hier aufs soziale Gebiet übertragen. Und dieses berührt sich wieder mit kosmischen Verhältnissen; der Bauer, der auf Grundbesitz begründet ist und ein Stück der Erdoberfläche sein eigen nennt, tritt dadurch in ein ganz direktes Verhältnis zum Erdzentrum; und durch dieses wieder zum Weltzentrum wie zum Herrn der Welt. Er steht Gott und der Natur nahe. Ein Bauer muß fromm sein; ein gottloser Bauer ist etwa Abscheuliches. Andererseits haben wieder Sonne und Mond so gut einen Hof um sich, wie jeder Bauer und jeder König den seinigen. Im organischen Bau der Welt berührt sich auch das Entfernteste; und eben darauf beruht seine Harmonie. »Wie der Sternenchor um die Sonne sich stellt«, und wie diese ihrerseits sich um ein uns bis jetzt unbekanntes räumliches Weltzentrum, eine Sonne der Sonnen bewegt, so soll sich von Rechts wegen das Volk dem Könige und dieser »dem König der Könige« unterordnen. Das aristokratische und individualistische Prinzip der Abstufung durchdringt alles Seiende. Die nackte Gegenüberstellung von Adel und Bürgertum ist die roheste und primitivste Vorstellung, welche man sich vom Aristokratismus machen kann. Bauern, gesetzte Bürger, Edelleute vertreten insgesamt das aristokratische Prinzip, wenn sie in abgestufter Gliederung als staatsbestimmende Faktoren nebeneinander stehen: Adel ist Abstufung. Im Grunde zeigt das Leben keine Quantitäts-, sondern nur Qualitätsunterschiede; und sie reichen vom Ysop an der Wand bis zur Zeder des Libanon, vom Bauer bis zum König, von diesem bis zu Gott: die Welt wird von einem Geiste regiert! Das politische Leben kann sich mithin nur dann richtig entwickeln, wenn es dem Menschenleben einerseits und dem Weltleben andererseits parallel geht. Es weist dem Menschen in der Welt seinen Platz an und steht darum zwischen beiden Mächten in der Mitte; diesen Standpunkt soll und darf es behaupten. Derselbe ist vor allem ein, im deutschen Sinne, nationaler Standpunkt. Die Neigung des Deutschen, zu gliedern und abzutönen, ist im Grunde eine urmusikalische; und seiner sonstigen, im engeren Sinne, musikalischen Begabung sehr verwandt; so berührt sich denn auch hier das scheinbar Innerlichste mit dem scheinbar Äußerlichsten: die Musik mit der Politik. Eine höhere Weltanschauung kennt weder innen noch außen, sondern nur die Mitte – das Leben.

Im Bauer begegnet sich das irdische mit dem himmlischen, das äußere mit dem inneren Leben des Menschen, der König mit dem Künstler. Der Bauer, als Hausherr, ist ein ökonomischer König im kleinen; der König, als Landesherr, ist ein ökonomischer Künstler im großen. Der bildende und anschauende Künstler steht in der Mitte zwischen beiden: die unwillkürlichen Empfindungen der Volksseele hat er mit dem Bauern, das selbstherrliche Recht ihrer Ausgestaltung mit dem Könige gemein. Der König von Gottesgnaden, der Künstler von Geistesgnaden, der Bauer von Volkesgnaden stehen gewissermaßen gleichberechtigt nebeneinander; und wenn sie zusammenhalten, so sind sie unbesiegbar. »Vielherrschaft ist nicht gut, einer soll Herr sein«, verkündete schon der Sänger der altgriechischen bäuerlichen Könige, dem seinerseits ein stark bäuerlicher Zug innewohnt und der deshalb von dem niederdeutschen Bauern Voß so kongenial übersetzt worden ist. Homer, der große Künstler, war ein Bauernfreund und ein Königsfreund; das ist viel und vielleicht genug, was wir von seinem Leben wissen; er ist darin den Deutschen verwandt. Der Dichter soll mit dem Könige gehen nicht nur, weil beide »auf der Menschheit Höhen« wandeln, sondern auch und noch mehr, weil beide in den Tiefen des Volkstums wurzeln. Beider Beruf reicht, wie in seiner Art der des Bauern, vom Zentrum der Erde bis zur Peripherie des Himmels, vom echten Menschentum bis zum echten Gottesgnadentum: und ihren vorherbestimmten bleibenden Stand haben sie dort, wo diese Linie die Peripherie der Erde schneidet: nämlich in dem Stück Erde, aus dem sie und für das sie geboren sind. Künstler, Bauer, König stehen und fallen miteinander; sie stehen und fallen mit dem, was der Mensch Heimat nennt; und was ihm das Teuerste auf der Welt ist. Die Heimat ist das nächste Ideal; in diesem Sinne ist der Deutsche eine vorzugsweise ideale Natur.

Bauerngeist ist Heimatgeist. Das deutsche Bauerntum gleicht dem tief im Boden wurzelnden Fels; das deutsche Künstlertum gleicht dem scharf und schön geformten Erz; deutsches Königtum sollte beide Eigentümlichkeiten in sich vereinigen. Rembrandt, der bäuerliche und königliche Künstler, ist in seiner Art ein eherner Fels, ein fester unverrückbarer Punkt, an den sich die deutsche Volksseele zu neuen und schöneren Gestaltungen ihrer selbst ankristallisieren kann.

Man hat so lange gefragt, was das deutsche Vaterland ist, bis die Geschichte darauf eine Antwort gab; man sollte nun einmal fragen, was und wo der deutsche Geist ist, um zu sehen, ob es nicht auch darauf eine Antwort gibt? Narren und Kinder sagen die Wahrheit; vielleicht weiß sie in diesem Fall der Bauer zu offenbaren, der ein Stück von beiden ist; und ein Stück vom deutschen Helden dazu. Diese drei Wesenheiten, oft seltsam gemischt, machen auch den Künstler; sicherlich würde der deutsche Bauer sich zu Rembrandt hingezogen fühlen, wenn er ihn kennte; wie sicherlich Rembrandt für den, der ihn kennt, auf den deutschen Bauern verweist. Das Oben und das Unten in der Welt kreuzt sich zuweilen an Punkten, wo man diese Begegnung nicht sucht. Gerade jene drei Wesenheiten sind es, welche in zahlreichen Selbstporträts Rembrandts hervortreten. Bald überwiegt die eine, bald die andere, immer aber ist es der lebendige, kraftvolle, urwüchsige Mensch – der künstlerische Bauer – welcher uns aus ihnen ansieht. In seinem Dresdner Selbstbildnis, wo er sich gemeinsam mit seiner Frau dargestellt hat, vereinigen sich diese so verschiedenen und doch zusammengehörigen Töne zum herrlichsten Dreiklang. Es zeigt Wein, Weib, Gesang; es zeigt das Kind, den Narren, den Helden; es zeigt den Bauer, den Künstler, den König. Es zeigt Rembrandt.

Zu Preußens Germanisierung

Eine Verschiebung und Vertiefung des Preußentums nach der deutschen wie niederdeutschen Seite hin würde erst den unentbehrlichen Unterbau für eine Weiterentwickelung der heutigen Zustände überhaupt liefern, denn je breiter die Basis ist, auf welche eine solche Entwicklung gestellt wird, desto besser ist es. »Preußen muß germanisiert werden«, hat Bismarck mit Recht und vom deutschen Standpunkt aus verlangt; und damit zugleich deutlich ausgesprochen, daß dies Ziel bis jetzt noch nicht erreicht ist. Die altpreußischen Konservativen stehen im politischen Leben ein wenig auf dem nüchternen und beschränkten Standpunkt, welchen Nicolai im geistigen Leben vertritt. Wie die Berliner Bildung wieder zu deutscher Bildung werden, so sollte sich auch auf politischem Gebiete eine gleiche Wandlung vollziehen. Das deutsche Element in Preußen muß möglichst gestärkt, das undeutsche möglichst geschwächt werden; und man braucht zu diesem Zwecke nur an die bestehenden und durch die Geschichte selbst entwickelten Verhältnisse anzuknüpfen.

1. Innerer Verfall nach 1870

Zu der politischen und geistigen Entwicklung des künftigen Deutschlands, mag sie verlaufen wie sie will, wird Preußen den Rahmen abgeben müssen; und man ist infolgedessen berechtigt, auch ganz besondere Anforderungen an diesen Staat zu stellen. Nach dem Jahre 1870 ist bei den Deutschen der gewünschte und erwartete geistige Aufschwung nicht eingetreten. Es trat vielmehr in dieser Hinsicht ein Verfall ein; und dieser erklärt sich teilweise aus dem belastenden Druck, den eine lediglich nach außen gerichtete Tätigkeit stets auf das Innere eines Menschen oder Volkes ausüben muß. Das perikleische Zeitalter beginnt erst 50 Jahre nach der Schlacht bei Marathon; und so wird auch Deutschland wohl die ihm von Moltke prophezeiten 50 Jahre der Waffenbereitschaft abwarten müssen, ehe es einer neuen Hochblüte seines Geisteslebens entgegensehen kann. Jetzt gilt es aber doch, den Boden für eine solche frei zu machen. Es ist jetzt die Zeit der Pflugschar; die Ernte kommt später.

Mirabeau ist der genialste, aber auch der scharfblickendste Feind, den Deutschland je gehabt hat. Er hat in seinem Werk über den preußischen Staat auf manche prinzipielle Grundschäden dieses sonst so vortrefflichen Organismus, so auf die übertriebene Anwendung des preußischen Reglementier- und Kommandogeistes im bürgerlichen Leben mit besonderer Schärfe hingewiesen. Andere in seiner »Geheimgeschichte des Berliner Hofes« niedergelegte Beobachtungen könnten fast im Jahre 1888 geschrieben sein. Die jetzigen Politiker, auf wie unterhalb der Ministertribüne, sollten diese Warnungen beherzigen. Die Staaten bestehen, aber vergehen auch durch das, wodurch sie groß geworden sind – wenn sie ihre organischen Eigentümlichkeiten nicht neuen Daseinsbedingungen anpassen. Auf geistigem Gebiet ist in dieser Hinsicht in dem neuen Deutschland wenig geschehen; der Kulturkampf hat der Kultur nicht gedient. Nüchternheit hat den preußischen Staat groß gemacht; sehe man zu, daß sie ihn nicht wieder klein mache. Das verurteilende Wort Mirabeaus »Fäulnis vor der Reife«, welches er über das Preußen Friedrich Wilhelms II. aussprach, und welches bald darauf bei Jena bestätigt wurde, paßt auf das heutige Preußen nicht mehr; aber es paßt auf die heutige preußische und deutsche Bildung. »Jede Zucht und Kunst beginnt zu früh, wo die Natur des Menschen noch nicht reif geworden ist«, bemerkt ein dem deutschen Volk bisher durchweg unbekannt gebliebener Erzieher desselben, Hölderlin. Es ist der Augenblick gekommen, eine Schwenkung zu machen – auf geistigem Gebiet. Bis jetzt hat Jena die Deutschen sittlich mehr gefördert, als Sedan. Vom Unglück lernt, wer überhaupt lernen kann, mehr als vom Glück; möge auch in diesem Fall ein, geistiger und sittlicher, Befreiungskrieg die baldige Besserung bringen! Preußen wird sich für einen solchen am besten vorbereiten, wenn es sich mehr und mehr in deutsche Empfindung und deutschen Geist hineinlebt; wenn es den Korporalstock mit dem Lorbeer des Friedens und der Kunst schmückt. Es wäre nicht das erstemal, daß ein dürrer Stab ergrünt; die deutsche Sage liebt es, große und bedeutsame innere Wandlungen durch dies Symbol zu veranschaulichen. An den geschichtlichen Vorbedingungen zu solchen fehlt es nicht.

2. Preußische Blutmischung

Rein politisch genommen, ist der echte Niederdeutsche immer konservativ; aber er ist es nicht in jenem engherzigen Sinne, den dies Wort zuweilen östlich von der Elbe angenommen hat; er ist konservativ auf einer breiteren, volkstümlicheren, natürlicheren Basis. Mit den Vorteilen hat Preußen auch die Nachteile einer deutschen Kolonie auf teilweise fremdem Boden in seiner inneren Geschichte erfahren. Es ist keine Frage, daß in Preußen teils als slawische, teils als jüdische und französische Blutbeimischung, ein undeutsches Element vorhanden ist. Ja, der das ganze innerpolitische Leben seiner ostelbischen Provinzen erfüllende Gegensatz zwischen Junkern und Fortschrittlern ist vielleicht noch mehr ein solcher des Bluts als der Überzeugung. Die Macht des Blutes erstreckt sich weit; sie überwindet die Jahrhunderte, die Staaten, die Parteien und sogar die Sprache. Der früher oder später eingewanderte preußische Kleinadel von überwiegend deutscher Abstammung steht dem mehr oder minder eingesessenen preußischen Kleinbürgertum von überwiegend fremder, slawischer oder sonstiger Abstammung feindlich, ja in manchen Punkten unversöhnlich gegenüber. »Bis zu meinem letzten Atemzuge werde ich die Fortschrittspartei bekämpfen«, erklärte Bismarck noch 1887. So spricht nur die Stimme des Bluts. Derselbe Mann hatte auch einmal von dem »Nihilismus« der Fortschrittspartei geredet und man hat darüber gelächelt; aber nicht eben verständigerweise. Jene slawische oder orientalische Erbkrankheit ist innerhalb Preußens zwar durch den deutschen Einfluß abgeschwächt und zum Negativismus gemildert worden; aber zu verkennen ist sie im übrigen nicht. Die betreffenden beiden preußischen Volksströmungen unterscheiden sich schon rein äußerlich aufs deutlichste: es läßt sich kaum ein größerer Kontrast denken, als die hohe, hagere, blonde Gestalt des typischen preußischen Gardeoffiziers und Moltkes – gegenüber der untersetzten, beweglichen, dunkelhaarigen Erscheinung der Berliner Durchschnittsbevölkerung und so mancher einflußreicher Fortschrittler. Wie sehr das Gefühl für diesen Gegensatz des Bluts einst im deutschen Volke selbst lebendig war, dafür gibt es geschichtliche Beweise: noch bis zu Anfang dieses Jahrhunderts wurde in Lüneburg, das slawische Bevölkerungsenklaven in seiner Nähe hat, niemand zum Bürgerrecht zugelassen, der nicht eidlich erhärtete, daß er weder Wende sei noch von solchen abstamme. Die gleiche Forderung galt im 16. Jahrhundert in Lessings Geburtsstadt, in Kamenz, sowie in anderen deutschen Städten mit slawischer Umgebung. Und läßt sich eine solche Trennung unter jetzigen Verhältnissen auch äußerlich nicht mehr durchführen, so kann doch eine entschiedenere Betonung der deutschen Individualität auf sittlichem, geistigem, politischem Gebiet nur günstig wirken. Eine Ahnenprobe zwar nicht auf rein deutsches Blut, aber auf rein deutsche Gesinnung hin angestellt, wäre so übel nicht. Die Fortschrittspartei dürfte sie, bezüglich der letzten Generationen, nur schlecht bestehen; sie hat zuviel fremdes politisches Blut in sich. Sie hat sich häufig mehr als recht ist, vom Haß der Bedrückten leiten lassen, während ihre Gegner allerdings auch etwas vom Abermut der Bedrücker zeigten. In Kolonien mit ursprünglich fremdbewohntem Boden ist beides nur natürlich; Öl und Essig mischen sich wohl, aber verbinden sich nicht.

3. Offizier und Unteroffizier

Es gibt einen Gegensatz zwischen Preußentum und Berlinertum: im allgemeinen ist jenes mehr nüchtern, dieses mehr aufgeblasen; jenes enthält mehr den gesunden und unzerstörbaren Kern, dieses mehr die zerbrechliche und ziemlich dürftige Schale des preußischen Wesens. Die Tatsache, daß die »Fortschrittspartei« in Berlin ihre Hochburg besah, beleuchtet diesen Gegensatz aufs schärfste. Schon mehrfach hat man darauf aufmerksam gemacht, daß es für die deutsche innerpolitische Entwicklung nicht günstig sei, wenn in den Parlamenten allzu viel Berliner sitzen; trotz gelegentlich affichierter Königstreue vertraten sie nicht die echten Gefühle des deutschen Volkes; sie sind trivial und negativ. »Auch Berlin macht ein bedeutendes Geschäft in Brillanten, leider sind es nur imitierte«, bemerkte einmal in seinem geschäftlichen Teil das Berliner Tageblatt. Eine vornehme politische Gesinnung wird man überall eher finden, als in den speziell Berliner Kreisen. Berlin ist die Stadt der Drehorgeln und häufig genug auch der Drehorgelpolitik; das deutsche Volkslied enthält aber bessere Musik, als ein Metallzylinder; und in dem deutschen Herzen schlummern andere Melodien als »freisinnige«. An das Preußentum, nicht an das Berlinertum, hat eine etwaige Besserung und ein eventueller Fortschritt des preußischen Staates anzuschließen. Der Offiziersgeist in Preußen ist mehr altpreußisch, der Unteroffiziersgeist in Preußen mehr berlinisch; jener rekrutiert sich, wie seine Träger, aus den Provinzen und vom Lande; dieser findet seine lauteste Vertretung da, wo seine geistigen und politischen Führer zu Hause sind, in den Städten und in der Hauptstadt. Man muß demnach politisch wie geistig die Provinzen gegen die Hauptstadt aufbieten, ausspielen, marschieren lassen. Dann wird das eintreten, was die Ärzte in bezug auf den menschlichen Körper Entlastung des Zentrums nennen: also ein wirksamer Ausgleich der inneren Kräfte, zum Behufe der Gesundheit und der höheren Leistungsfähigkeit des Gesamtindividuums. Tellheim bedeutet mehr als Just und der Prinz von Homburg mehr als Eckensteher Rante; was aber mehr ist, das muß auch mehr gelten; dann werden höhere Interessen nicht zu kurz kommen. Je mehr das eigentliche Altpreußentum gegenüber dem Berlinertum, desto mehr wird auch der Offiziersgeist gegenüber jenem subalternen Geist in Preußen zur Geltung kommen, über den schon Freiherr vom Stein klagte; und desto günstiger werden sich die politischen, sittlichen, geistigen Interessen Preußens wie Deutschlands entwickeln. Der preußische Leutnant, welcher zwischen Ober- und Unteroffizieren in der Mitte steht, ist gewiß ein guter Typus; aber um unser politisches oder gar geistiges Leben zu beherrschen, dazu reicht er nicht aus; er steht, nach äußerem Rang wie innerer Einsicht, doch durchschnittlich auf einem subalternen Standpunkt. Es würde ihm nicht schaden, ohne Einbuße seiner bisherigen Eigenschaften, vom deutschen Bürger etwas zu lernen; man hat ihm seit 1870 gerne den Lorbeer aufgesetzt: aber der Lorbeer hat bekanntlich auch eine betäubende Eigenschaft. Das darf niemand vergessen. Wie der Künstler, so ist auch der Offizier, trotz des hohen Standplatzes beider, immer einem noch höheren Faktor untergeordnet: dem Menschen; und in diesem besonderen Fall dem deutschen Menschen.

4. Linkselbische Kräfte.

Eine wahrhaft konservative Partei ist nur diejenige, welche die Hauptzüge des Volkscharakters, in diesem Falle des deutschen Volkscharakters, konservieren will und kann. Den preußischen Altkonservativen hat diese Fähigkeit gelegentlich versagt; als versprengten Kolonisten unter einer im übrigen mannigfach gemischten Volksmasse ist ihnen in etwa der Kontakt mit dem innersten Fühlen der deutschen Volksseele verloren gegangen. Dieser ist eher bei denjenigen politischen Parteien zu finden, welche sich vorwiegend aus dem »Reiche« rekrutieren; soweit anderweitige Einflüsse diesen Kontakt nicht wiederum aufheben oder schwächen. Ein Windthorst z.B. hatte jedenfalls einen stark niederdeutschen Zug in sich und hat ihn öfters sachlich geltend gemacht. Auch wenn man den italienischen sogenannten Regionalismus nicht in die deutsche Politik einführen will, scheint es doch empfehlenswert zu sein, die kompakte Masse der rein deutschen Bevölkerung Deutschlands, welche zwischen Elbe und Rhein liegt, für seine innere Politik vorzugsweise als ausschlaggebend zu betrachten. Der Schwerpunkt der deutschen inneren Politik muß dahin zu liegen kommen, wo der Schwerpunkt des deutschen Volkscharakters liegt; und dieser liegt unzweifelhaft zwischen Rhein und Elbe: »zwischen Frankreich und dem Böhmerwald, da wachsen unsre Reben.« Der geographische Parallelismus jener beiden Flüsse ist auch auf die Gestaltung der inneren deutschen Parteiverhältnisse nicht ohne Einfluß geblieben. Nach Namen, Wohnsitz, politischem Charakter und persönlichem Temperament vertrat ein Bennigsen das linkselbische wie ein Miquel das rechtsrheinische Flußgebiet; in dem ersteren trat mehr die passive Seite: die Zähigkeit, in dem letzteren mehr die aktive Seite: die Tätigkeit, des nordischen Charakters hervor; und das bessere deutsche Bürgertum sah lange in ihnen die Träger seiner politischen Interessen wie Anschauungen. Freilich muß es der deutschen Zukunft vorbehalten bleiben, die politische Richtung dieser beiden Männer zu verdichten und entschiedener als bisher auszugestalten; denn sie hat sich nicht stets ihrer Aufgabe gewachsen gezeigt; auch sie muß individueller, persönlicher, deutscher werden. Die Erdgeister behaupten immer ihr Recht; in der Politik nicht weniger wie im Geistesleben; in beiderlei Hinsicht bildet die Elbe die entscheidende Grenze oder, wenn man will, den Rubikon für das Deutschtum. So war es schon vor Jahrhunderten; das alte deutsche Bauernrecht erlischt an diesem geographischen Scheidestrich; » östlich der Elbe gibt es keine Weistümer«, bemerkt Jakob Grimm. Sie scheidet den kühlen von dem warmen Politiker, den Preußen von dem Deutschen; den kühlen von dem warmen Dichter, Lessing von Goethe; den kühlen von dem warmen Geschichtschreiber, Ranke von Schlosser; ja den kühlen von dem warmen Maler, Menzel von Böcklin. In Berlin selbst stehen sich beide Geistesrichtungen nahe genug gegenüber; Rauch ist ebensoweit westlich wie A. von Werner östlich der Elbe geboren. Dort ist der Enthusiasmus, hier der Rationalismus zu Hause. Indes ist weder die kalte noch die warme Kulturströmung für eine Konsolidierung des deutschen Geistes zu entbehren; sie sollen gemeinsam oder, wenn das nicht sein kann, wenigstens abwechselnd die geistige Führung haben. Die Tätigkeit Menzels hat mit der Tätigkeit Lessings die kühle und luftreinigende Wirkung gemein; beide führen den gleichen preußischen, norddeutschen, scharfen Stift. Und auch anderswo noch wiederholen sich neuerdings sogar lokal die entsprechenden Bestrebungen unserer klassischen Literaturperiode. Je ein Schweizer und ein Sachse, Böcklin und Uhde, bedeuten im neunzehnten Jahrhundert dasselbe für die bildende Kunst, was die den gleichen Stämmen ungehörigen Geßner und Klopstock im achtzehnten Jahrhundert für die dichtende Kunst bedeuteten: weniger eine Rückkehr zu, als ein Suchen nach Natur und Innerlichkeit. Aber daß solche Frühlingsvögel sich zeigten, kündet eben den Beginn einer neuen Zeit und wärmerer Geistesströmungen an; sie entstehen, wenn der politische Schmerpunkt sich irgendwo verschiebt; und es scheint, daß er sich jetzt wieder langsam von rechts der Elbe nach links der Elbe ziehen will. Das würde nur naturgemäß sein.

In der Fremde friert das Herz und zuweilen auch der Geist; behaglich fühlen sich beide nur in der Heimat. Staatsgefühl haben die Preußen immer gehabt, aber das süße Heimatgefühl hat ihnen oft gefehlt; Heimatgefühl haben die Deutschen immer gehabt, aber das große Staatsgefühl hat ihnen lange gefehlt: im neuen Preußen und im neuen Deutschen Reiche sollen sich beide Geistesrichtungen durchdringen.

5. Bismarck

Den Fortschrittlern wie den sogenannten Junkern ist etwas mehr von gesunder deutscher Gesinnung zu wünschen, als sie oft zeigen. Bismarck besaß eine solche; er ist, wie er selbst öfters betont hat, von linkselbischer Abstammung, diese scheidet ihn, ethnographisch und politisch, von Junkern wie von Fortschrittlern. Noch jetzt findet man zwischen Etendal und Tangermünde im niederen Volke einen Schlag von kernfesten Männern, mit blitzenden blauen Augen und halb kühnem, halb bedächtigem Gesichtsausdruck; der alte Sachsengeist lebt in ihnen; und als eine adelige Übersetzung dieser Männer muß Bismarck gelten.

»Der soll König sein, der der Beste ist«, singen schon die Knaben bei Horaz. Das ist von jeher die Stimme des Volkes gewesen; und sollte einmal »der Beste« nicht von Geburt König sein, so kann der geborene König nichts klügeres tun, als ihn möglichst frei walten zu lassen. Die Deutschen kennen ein solches Beispiel. Bismarck, obwohl ein geborener Edelmann, hat doch viel vom Bauer an sich; gerade wie Cromwell, der ein Bauer und dennoch den Stuarts blutsverwandt war; »eine Wruke« – Feldrübe – »ist ihm lieber als eure ganze Politik«, sagte einer seiner besten Kenner, seine Gemahlin, gelegentlich von dem großen deutschen Reichskanzler. Niemand war im persönlichen Verkehr einfacher und ungesuchter als Bismarck; wie seine Politik, so ging auch er nicht auf Stelzen; beide wurzelten nach gesunder Bauernart in der Erde. Der Bauer darf sich nie über den König erheben; aber der König darf sich auch trotz seiner äußeren Stellung nie besser dünken als der Bauer, wenn er es nicht wirklich ist; nur so wird das nahe Verhältnis beider zueinander alle Stürme überdauern. Selbstbewußtsein und Selbstbeschränkung, in ihrer notwendigen Zusammengehörigkeit, sind wohl nie schöner und deutlicher zum Ausdruck gekommen als in den Worten des Fürsten Bismarck: »Meine Familie ist ebenso alt wie die Hohenzollern und es fiele mir gar nicht ein, ihnen zu dienen, wenn es von Gott nicht so bestimmt wäre.« Hier bewährt Bismarck seinen echt deutschen und darum echt aristokratischen Charakter; er stellt sich seinem Könige als ein Adliger dem Adligen gegenüber; aber er ordnet sich ihm zugleich unter gemäß der von Gott, d.h. der Natur der Dinge, den gegebenen Verhältnissen, dem erhaltenden Prinzip fest bestimmten Ordnung. Gerade das Verhältnis Bismarcks und Cromwells zu ihrem jeweiligen König ist überaus belehrend: der preußische König gewann eine Krone, weil er klug und ehrlich, der englische König verlor seinen Kopf, weil er unklug und unehrlich handelte – gegenüber dem echten Vertreter der derzeitigen Volksinteressen und Volksgefühle. Auch die staatlich angestellten Vertreter und Hüter geistiger Interessen sollten in einem ähnlichen Fall, wenn ihnen einmal ein nicht gerade staatlich autorisierter »Bester« entgegentritt, ebenso verfahren,– das ist deutscherseits öfter versäumt worden; möge man es bei der diesmaligen geistigen Wiedergeburt Deutschlands nicht versäumen. Den rechten Mann für eine solche herauszufinden und ihn, wenn es sein muß, gegen eine Welt von Angriffen zu halten, darauf kommt es jetzt wiederum an. So machte es Wilhelm I. mit Bismarck.

An Gleichgültigkeit gegen die Tradition, an »Keckheit des Wurfs« gleicht Bismarcks Staatskunst einem Bilde Rembrandts; aber auch an »sorgfältiger Durchführung«, an selbstloser Berücksichtigung alles Tatsächlichen; sie ist rücksichtslos bis zur Gewalt und dennoch pietätvoll bis zur Delikatesse. Dadurch hat Bismarck etwas von der Breite, Kraft und Ungezwungenheit Rembrandtscher Kunst in die neuere deutsche Politik übertragen. Diese hat ihren dauernden Wert darin, daß sie nicht von irgend einer Theorie, sondern von einer gewaltigen Persönlichkeit ausging und daß eben diese Persönlichkeit in der Hauptsache ein Ausdruck des deutschen Volkstums war. Auch etwaige Fehler der erwähnten Politik sind, von menschlicher Unvollkommenheit an sich abgesehen, großenteils darauf zurückzuführen, daß dem Manne, welcher das Deutsche Reich von heute geschaffen hat, Gegner von einer ihm ebenbürtigen Bedeutung nicht gegenüberstanden. Ein politisches Holländertum kann diesem Mangel vielleicht teilweise abhelfen; es kann zu einer stärkeren Entwicklung des persönlichen Elements im inneren deutschen Staatsleben dienen; es kann die politische Schablone beeinträchtigen. Gerade sie lebte neuerdings wieder auf. Das deutsche Spießbürgertum zeigte sich dem abtretenden Bismarck gegenüber genau so wie es sich seinerzeit dem auftretenden gegenüber zeigte: borniert und unbescheiden. Diese Fraktionsmenschen, d.h. Bruchstückmenschen, d.h. Nichtmenschen, freuten sich über den Abgang des großen Kanzlers wie sich etwa Schüler über den ihres strengen Lehrers freuen; und doch brauchten sie jenen Lehrer noch so notwendig. Es machte einen wenig erbaulichen Eindruck, zu sehen, wie solche Leute durch papierene Adressen und einen Denkmalsgroschen ihrer Pflicht gegen den Schöpfer des neuen Deutschen Reichs zu genügen glaubten; wie sie dadurch ihr Gewissen beruhigen wollten; wie sie der Phrase dienten. Von ihnen gilt, was auch ein Goethe seinen Verehrern zurief, als sie ihm bei seinen Lebzeiten ein Denkmal setzten:

Ja, wer eure Verehrung nicht kennte;
Euch, nicht ihm setzt ihr Monumente.

Die politische Unreife der Deutschen zeigte sich besonders darin, daß sie nach Bismarcks Abdankung zwischen diesem und einem Durchschnittsminister nicht unterschieden. Letzterer, der nur ein Rad in der Staatsmaschine ist, ist tot und hat zu schweigen, wenn er aus ihr herausgenommen wird; anders, wenn es sich um ein organisches Wesen, um einen Menschen, um einen Bismarck handelt. Eines Bismarck Wort gilt mit und ohne Amt. Diese Auffassung ist eine deutsche; die entgegengesetzte aber eine preußische; hier zeigte sich das Preußentum einmal wieder von seiner ungünstigen Seite: es will nicht parieren, wenn es die Unteroffiziersborte nicht sieht. Und der landläufige deutsche Philister, von seinem heimlichen Widerwillen gegen das Genie geleitet, macht es ebenso; diese Erfahrung ist sehr alt; »es ärgert mich, daß sie den Aristides stets den Gerechten nennen«, sagte der athenische Bürger. Bei dem Amtsabgang des Fürsten Bismarck wünschte ihm ein deutsches Blatt, durch einen freiwilligen oder unfreiwilligen Druckfehler, ein odium cum dignitate; es ist ungefähr so gekommen. Es sollte die Deutschen heiß überlaufen, wenn das Bild eines ihrer größten Helden sie jetzt wiederum fragend und vorwurfsvoll anblickt. Bismarck hat einst »nur« das ausgeführt, was der Nationalverein forderte; Goethe hat oft »nur« das ausgesprochen, was das deutsche Herz in seinen Tiefen bewegt; es wäre zu wünschen, daß noch mehr Männer erschienen, die »nur« so etwas täten. Die Genannten waren »nur« das Tipfelchen auf dem i; sie haben durch ihre aristokratische Erscheinung dem Massendasein der Deutschen einen zeitweiligen Halt gegeben. Wie der Lichtreflex die körperliche Form stellenweise aufhebt, um sie dennoch im ganzen zu stärken; so hebt der große Mann die nationale Freiheit teilweise auf, um sie dennoch im ganzen zu steigern. Das gilt insbesondere von den führenden deutschen Helden. Sie stehen als leuchtende, ruhige Gestalten den trüben, leidenschaftlichen Massenbewegungen der neueren Zeit gegenüber, wie sich diese z. B. im Mormonismus, in der Heilsarmee, der Temperenzbewegung, der Sozialdemokratie usw. gerade vorzugsweise auf niederdeutschem Gebiet äußern.

6. Bauerntum

Der Niederdeutsche ist vor allem Bauer, und auch Preußen ist im Grunde ein Bauernstaat. Es ist eine deutsche Kolonie auf slawischem Boden; staatlich ist diese Kolonisation schon nahezu vollendet; geistig ist sie es noch lange nicht. Preußen wird nur seiner ursprunglichen Mission treu bleiben, wenn es die früher begonnene Arbeit nunmehr auf einem anderen Gebiet fortsetzt. Nach alter Schwabensitte haben die Hohenzollern, schon lange ehe man es mußte oder beachtete, die Sturmfahne des Reichs geführt. Sie haben diese dann auf niederdeutschem Boden aufgepflanzt, zunächst in der Altmark; und schon das ist eine kolonisatorische Tat, wenn auch noch innerhalb des deutschen Volkes und Bodens selbst. Später rückten sie langsam auf slawisches, litauisches usw. Gebiet; sie verteidigten die Mark und das Mark des Reiches; und wurden so zu Hütern seiner Ehre. Seine schöpferischen Kräfte in Staat und Krieg sowie seine lehrenden Kräfte in Kunst und Wissenschaft bezieht Preußen schon lange aus Deutschland und fast ausschließlich aus dem nordwestlichen oder niederen Deutschland: der alte Dessauer, Ferdinand von Braunschweig, Bernstorff, Scharnhorst, Stein, Hardenberg, Niebuhr, Bülow, Moltke und so viele andere sind nicht auf preußischem Boden gewachsen, sondern dorthin erst eingeführt worden; wie sie gewirkt haben, weiß die Geschichte. Kant ist von schottischem und Herder, seinem Namen nach zu urteilen, von holländischem Ursprung; Schopenhauers in Danzig eingewanderter Großvater war ein Holländer; diese drei Männer gehören also der direkten überseeischen niederdeutschen Einwanderung in Preußen an. Sie alle sind Kolonialgeister. Sie haben dem Beruf Preußens, als der deutschen Kernkolonie, gedient; sie waren konstruktiv tätig im Krieg wie im Frieden; sie waren schlagfertige Bauernnaturen im großen.

Colonus heißt Bauer; nur Bauerngeist kann kolonisieren; das zeigt sich im Altertum wie in der Neuzeit. Die alten Deutschen, inmitten wie im Norden Europas, waren politisch, sozial und sittlich ein reines Bauernvolk. Es gibt solche alte Deutsche noch jetzt – in Südafrika. Als Bismarck mit dem Präsidenten der dortigen Burenrepublik sich in der beiderseitigen heimischen Mundart, dem Plattdeutsch verständigte, begegneten und erkannten sie sich nicht nur als Geistes-, sondern auch als Blutsverwandte; trotz des so verschiedenen Maßstabes der beiderseitigen äußeren Verhältnisse stehen sich diese beiden Zweige eines und desselben Stammes, Buren und Preußen, politisch verwandt und sittlich ebenbürtig gegenüber. Nur mit Ebenbürtigen kann man dauernde Allianzen schließen; Preußen sollte mit solchem Bauern- und Burengeist noch inniger vertraut werden; es sollte, wie es könnte, ihm geistig schöpferische Kräfte entlehnen. Sie sind in Rembrandt, als einem lebenden und redenden Symbol, verkörpert. Er ist vor allem Holländer, vor allem Niederdeutscher; und deshalb hier ein Volkserzieher nicht in seiner Eigenschaft als Künstler, sondern in derjenigen als Stammestypus. Wie nach außen die Welt, spiegelt er nach innen sein Heimatland wider; und das letztere Bild ist von nicht geringerem Wert als das erstere. Gegen ihn erhoben die Ästhetiker des vorigen Jahrhunderts den oft wiederholten und nach damaliger Meinung sehr schwerwiegenden Vorwurf, daß er »bäuerisch« sei; sie verurteilten damit, wie es Theoretikern zu gehen pflegt, das Beste an ihm. Er ist bäuerlich, aber nicht bäuerisch; diese Begriffe darf man nicht verwechseln; so wenig wie kindlich und kindisch. Rembrandt ist ein erdbefreundeter Künstler; und eben diese Eigenschaft befähigt ihn, auf geistigem Gebiet als Kolonisator zu wirken: weil er Bauer ist, kann er Erbauer sein. Hierin ist sein Beruf zum Erzieher des deutschen Volkes am volkstümlichsten begründet.

Eine »Verbauerung« Preußens ist also in mehr als einem Sinne wünschenswert. Besonders aber ist sie zu wünschen gegenüber den fluktuierenden und destruktiven Strebungen der großstädtischen Bevölkerungsmassen; Börsentreiberei und Fabrikarbeit lassen für höhere geistige Interessen wenig Zeit übrig; um so mehr sollte man sie anderswo und anderweitig suchen. Wenn der zusammenfügende bäuerliche Charakter sich mit den noch gesunden Zügen der zersetzenden modernen Bildung verbindet, so könnte sich möglicherweise eine Neubildung, ein gewisses vergeistigtes Bauerntum herausstellen, welches allen Ansprüchen an ein feineres nationales Leben genügt. Gebildete Gutsbesitzer sind immer noch die besten Typen des heutigen deutschen Lebens; Goethe, der sie so oft und so mannigfach in seinen Romanen auftreten läßt, hat dies anscheinend vorausgesehen; in ihnen verbindet sich das Alte, welches von jeher dem grundbesitzenden Stande eigen war, mit dem Neuen, welches fast ausnahmslos die Großstädte beherrscht. Auch der Fabrikant und der Kaufmann, wenn sie zu einigem Besitz gelangt sind, gehen gern in jenem Stand auf. Heimatboden nennt der Mann erst sein, wenn er Grundbesitz und insbesondere Landbesitz hat; und dieser gemeinsame Zug zum heimischen Grund und Boden ist es, welcher die bäuerliche Bevölkerung Deutschlands mit dem Adel und diesen wieder mit dem höheren Bürgertum verbindet: sie alle zieht es zur deutschen Erde. Sie sollten darum in der inneren deutschen Politik den Ton angeben. Wer den Bauernstand stärkt, stärkt das Volk; das deutsche »Heimstättengesetz« kann nicht genug zur Geltung gebracht werden – geistig wie materiell.

7. Ein historisches Vorbild (Venedig)

Der einheitliche Strom der Geschichte reicht von Urzeiten bis in die Gegenwart; und das Staatsschiff fährt gut, das ihn benutzt. Es gibt ein geschichtliches Beispiel, welches heute nach mancher Seite den rechten Weg weisen kann. Wie das heutige Preußen war das einstige Venedig, der politisch am weitesten entwickelte Staat des Mittelalters, eine im wesentlichen germanisch-slawische Schöpfung. Es liegt da, wo ein germanischer Menschenschlag aus der Lombardei, auf keltoromanischem Untergrunde, sich mit einem slawo-illyrischen Menschenschlage aus Dalmatien verbindet; seine herrschende Adelsklasse gehörte vorwiegend der zuerst wie zuletzt genannten dieser drei Rassen an; und sein geistiges wie staatliches Leben hat sich demgemäß gestaltet. Dokumente, nicht nur papierener Art, bestätigen diese Tatsache. Es braucht in dieser Hinsicht nur an die altbekannten und altberühmten Namen der Gradenigo, Mocenigo, Zobenigo usw. erinnert zu werden, welche italienische Übersetzungen der entsprechenden und in ihrer etymologischen Bildung nicht minder bekannten südslawischen Namen auf -ic sind; ebenso ist unter den liegenden marmornen Gestalten der ältesten Dogengrabmäler in der venetianischen Westminsterabtei, der Kirche von S. Giovanni e Paolo, das schmale und hakenförmige Profil des illyrisch-dalmatischen Volksstammes häufig vertreten. Dieses unterscheidet sich aufs Bestimmteste von dem breitstirnigen rein germanischen Typus, mit gedrungenem Profil und schlichtem Haarwuchs, wie er in so vielen von Tizian und Tintoretto gemalten Porträts venetianischer Staatswürdenträger erhalten ist; und es scheint, daß in früherer Zeit der slawische, in späterer der deutsche Gesichtstypus überwiegt. Bis zum heutigen Tage aber noch hat Venedig seinen Fondaco dei Tedeschi, sein Warenhaus der Deutschen so gut wie sein Riva dei Schiavoni, seinen Quai der Dalmatiner. Östliche und westliche, ethnographische und geographische Strömungen begegnen sich hier. Insbesondere ist die Einwanderung vieler Sachsen in das nordöstliche Italien, während und kurz nach der Völkerwanderung, ausdrücklich historisch beglaubigt; sie blieben selbst in Verbindung mit dem Mutterlande; und ihr physisches wie geistiges Fortleben läßt sich gerade in Venedig mit am deutlichsten verfolgen. Die mehrfache Blutströmung im venetianischen Volkscharakter verleiht ihm seinen eigentümlichen Zug von Elastizität – und von politischer Befähigung. So wie England teilweise heute für die innere, war Venedig einst für die äußere Politik Europas die Hochschule; die seinerzeitigen venetianischen Gesandtschaftsberichte stellen selbst Bismarcksche diplomatische Schriftstücke in den Schatten. Eiserne Entschlossenheit und goldene Bedachtsamkeit paaren sich in dieser Menschengattung.

Die einstige venetianische Politik stellt, ganz wie die neupreußische, eine Mischung von niederdeutscher Zähigkeit mit slawischer Gewandtheit dar; aber immerhin blieb das deutsche Element in Venedig doch das vorherrschende; und so sollte es auch in Preußen sein. Es kann gerade hierdurch auch jenen vornehmen Zug gewinnen, der ihm bis jetzt noch fehlt. Der venetianische Senator, in seinem lang nachschleppenden Gewand von Purpursamt, ist die einzige Erscheinung im politischen Leben der Neuzeit, welche sich innerlich wie äußerlich an Hoheit mit derjenigen eines altrömischen Senators messen kann; der englische Lord kommt dagegen erst in zweiter Linie. Ein gewisser poetisch-politischer Zug des Volkslebens, der sich anderswo nicht findet, macht sich hier bemerkbar. Daß solche Sitten, wie die Vermählung des Dogen mit dem Meere, dort überhaupt entstehen konnten, beweist, wie fein und lebendig das Gefühl für das gesellschaftliche Gesamtdasein bei diesen Menschen entwickelt war. Etwas rosiges Fleisch auf den mageren Knochen des politischen Lebens tut dem Auge wohl: es ist nicht schön und nicht einmal gut, wenn der Staatskörper nur Skelett bleibt. Wie in jeder Kunst, so genügt auch in der Staatskunst nicht die nackte Konstruktion; es bedarf dazu noch der Dekoration; in Venedig wußte man danach zu verfahren. Gerade diese Seite seines Wesens hat ihm so manche Herzen gewonnen; die deutsche Politik sollte sich etwas von solcher Gesinnung aneignen: stellt die Sozialreform panem in Aussicht, so darf man auch der circenses nicht vergessen. Die Natur der Volksmassen, und daher auch die Aufgabe der Staatsmänner bleibt stets die gleiche. Venedig war vornehm genug, diese Aufgabe vom, im besten Sinne, künstlerischen Standpunkt aus aufzufassen. Es verleugnet auch hierin nicht den überwiegend niederdeutschen Ursprung seiner Bevölkerung und seines Charakters. Preußen, das unter einer ähnlichen politischen Konstellation geboren ist, scheint dadurch gewissermaßen zum Nachfolger jenes fürstlichen Staatswesens berufen. Es soll sein Deutschtum und seinen Aristokratismus nach innen wie nach außen bereichern; ein »goldenes Buch« kann unter Umständen mehr als das papierene Buch einer Verfassung bedeuten. Denn jenes rechnet mit individuellen, dieses mit doktrinären Größen.

Venedig ist wie innerlich so auch äußerlich mit Niederdeutschland durch gewisse feinere Beziehungen verknüpft. Amsterdam, der Wohnsitz Rembrandts, wird wohl ein nordisches Venedig genannt. Holland und der Lagunenstaat haben auch sonst noch viel Gemeinsames; man war sich dessen schon früh bewußt; ein altholländischer Dichter singt, auf das beiderseitige Wappen anspielend:

Wo ist wohl ein Paar so stark und so klug
Wie der Löw mit dem Schwert und der Löw mit dem Buch?

Und diese venetianischen Anklänge wiederholen sich sogar an ganz moderner Stelle. Berlin, das nach einer neuesten statistischen Zählung mehr Brücken und Brückchen enthält als sowohl Amsterdam wie Venedig, entwickelt sich mehr und mehr zu einer echt niederdeutschen Land- und Wasserstadt, zu einem amphibischen Gemeinwesen. Das Hinterland Berlins, den Spreewald, hat man öfters ein »ländliches Venedig« genannt. Und man könnte das ganze Gebiet der nordwestgermanischen Stämme, welches sich über Marschen, Inseln und Halbinseln erstreckt, nicht nur als ein Groß-Holland, sondern auch als ein »Groß-Venedig« bezeichnen. Denn es ist ein Lagunengebiet im größten Stil. Ostpreußen endlich, der Keim des heutigen Deutschen Reichs, liegt am sinus Venedicus, wo lange vor den neudeutschen und holländischen Kolonisten, die später teilweise Venedig beherrschenden Goten ihre Wohnsitze hatten. Diese standen noch Jahrhunderte lang, von Italien aus, in Verbindung mit ihrer früheren deutschen Heimatstätte. Veneter, Cimbern, Goten, Langobarden sind nacheinander in die oberitalienische Ebene niedergestiegen; Völker wie Volksstämme gehen gern die gleichen Wege, die sie schon einmal gegangen sind, geographisch wie geistig; die Deutschen aber waren stets kriegerisch-aristokratisch und künstlerisch-aristokratisch gesinnt. Wie einst Volker, der Spielmann, zog später Beethoven vom Rhein an die Donau; wie Dietrich von Bern Oberitalien für die deutschen Waffen hat Shakespeare es für die deutsche Dichtung erobert; wie Arminius die kriegerischen hat Rembrandt die künstlerischen Eroberer, welche von jenseits der Alpen kamen, auf niederdeutschem Boden geschlagen. Die Ereignisse wechseln, aber die Geschichte bleibt. Der geistige wie politische, der nördliche wie südliche, der gegenwärtige wie vergangene Aristokratismus gehen hier auf eine gemeinsame Quelle zurück: die deutsche Natur. Dieser hat die deutsche Politik zu dienen.

8. Preußischer Adel

Der Preuße, in seiner besten Gestalt, ist kühl und kühn; dies ist eine echt niederdeutsche Mischung von Charaktereigenschaften. Der mit zahlreichen Adelselementen »aus dem Reich« durchsetzte preußische Adel zeigt dieselbe Eigentümlichkeit; ebenso zeigte ihn das Geschlecht der Hohenzollern; sie vereinigten das Hochfliegende des schwäbischen Charakters mit niederdeutscher Nüchternheit. Beide Eigenschaften treten auch gesondert bei ihnen auf: Kurfürst Albrecht Achilles und Prinz Louis Ferdinand repräsentieren die eine, König Friedrich Wilhelm I. und Kaiser Wilhelm I. die zweite; in den großen Häuptern des Hauses aber, wie Kurfürst Friedrich Wilhelm und König Friedrich II., durchdringen sie sich gegenseitig und leisten so das fast Unmögliche. Diese Fürsten verstanden zu rechnen und – zu schlagen. Bäume, auch Stammbäume, welche umgepflanzt worden sind, gedeihen am besten; und Kreuzung der Charaktere ist für das innere Volksleben oft sehr wichtig. Man scheint bisher nicht bemerkt oder doch nicht beachtet zu haben, daß die Einwanderung der Hohenzollern in die Mark Brandenburg eigentlich eine Rückwanderung war; denn sie sind ein schwäbisches Geschlecht; und der hauptsächlichste Ursitz der Schwaben, vor ihrer Auswanderung nach dem Süden Deutschlands, war zwischen Elbe und Oder gelegen. Der Zug des echten deutschen Volkscharakters wie der echten deutschen Bildung, ja wie aller echten Bildung überhaupt, aus der Heimat in die Fremde und aus der Fremde wieder zurück in die Heimat, offenbart sich auch in dem Entwickelungsgang des Hohenzollerngeschlechts. Der »fahrende« deutsche Krieger existiert nicht nur als Einzelperson; er existiert auch als Geschlecht, als Stamm, als Volk! Es gehört zu den feinen und tiefen Zügen, welche die Geschichte sich gelegentlich vorbehält, daß das neue Deutsche Reich von einem Kaiser aus oberdeutschem und einem Kanzler aus niederdeutschem Stamme gegründet wurde; zwei Hälften ergänzten sich so zum Kreise; und der Ring der deutschen Einheit war geschlossen. Er war es äußerlich; aber nicht oder noch nicht in jeder Beziehung innerlich. Das eigentliche Programm der preußischen Könige »es ist Preußens Bestimmung nicht, dem Genuß der erworbenen Güter zu leben« erinnert sehr an den vielberufenen Wahlspruch der transozeanischen Niederdeutschen: excelsior; aber dem Staate Preußen hat sein rastloses Vorwärtsstreben auf politischem Gebiet eine gewisse geistige Magerkeit und Dürftigkeit eingetragen, deren er sich nunmehr entledigen sollte. Das Streitroß braucht andere Eigenschaften als das Rennpferd; und auf geistigem Gebiete sollte der erstere, nicht der letztere Typus, der des Strebers maßgebend sein. Nicht nur zum Luxus, sondern auch zur Kraft des Lebens gehört dasjenige, was die Franzosen largesse de vivre nennen; sie ist östlich der Elbe noch recht selten zu finden. Dem preußischen Adel könnte es nicht schaden, wenn er sich etwas von dem weiten Weltblick sowie der echten Kunstgesinnung des heutigen englischen und einstigen venetianischen Adels aneignete. Der Knappheit und Schneidigkeit seines Wesens braucht dies keinen Eintrag zu tun; es ist der natürliche Lauf der Dinge, daß aus dem Junker – dem Jungherrn – ein Edelmann wird. Wie den Künstler eine adelige Gesinnung, so würde den Adel eine im höchsten Sinne künstlerische Gesinnung überaus ehren. Jene frühere Zeit, welche Rembrandt wegen seines Bauerntums verkannte, war die gleiche, in welcher der deutsche Adel vielfach töricht genug war, auf den deutschen Bauer herabzusehen und ihn bei jeder Gelegenheit zu unterdrücken oder gar zu verfolgen; eine klarer blickende und gereiftere Anschauung läßt jetzt schon zum Teil und hoffentlich später noch mehr den deutschen Adel in dem deutschen Bauern seinen geborenen Verbündeten erblicken. Insofern kann auch die deutsche Politik, diese andere Kunst, von ihrer sinnigeren Schwester lernen; politische sowie im engeren Sinne künstlerische Fehler und Fortschritte gehen miteinander Hand m Hand; denn beide entspringen aus menschlichen Fehlern und Fortschritten.

Den Deutschen fehlt bisher eine durchgebildete und feinsinnige Aristokratie, welche im öffentlichen Leben den guten Ton angäbe. Bis jetzt schwankt das letztere immer noch zu sehr zwischen Landjunkertum, bürgerlicher Protzenhaftigkeit und gelehrter Pedanterie. Die Deutschen sind formell, sie sollten formal werden. Die Kleinstaaterei ist überwunden, die Kleinstädterei muß überwunden werden. Dann wird mit dem geistigen auch der materielle Optimismus in Deutschland wieder einziehen. Auch die äußeren politischen Beziehungen eines Volkes werden sich dementsprechend zu gestalten haben. Wie das Sonnenlicht seine eigentliche Pracht erst zeigt, wenn es das klare und kristallinisch geformte Prisma passiert hat; so offenbart das Leben eines Volkes erst seine höchste Schönheit, wenn es durch das Medium einer klaren und entschieden gehandhabten Politik hindurchgegangen ist. Besonders wäre es zu wünschen gewesen, daß der deutsche Kaiser Wilhelm II. die oben erwähnte venetianische Politik befolgt hätte, welche dem staatlichen Leben einen Schimmer von Poesie verleiht. Politik darf sich freilich nicht in Quisquilien der Repräsentation verlieren; sie muß im Dogengeist und nicht im Korporalsgeist geführt werden; sie kann nur auf großen tatsächlichen politischen Leistungen beruhen – die sich in äußeren Glanz umsetzen. Fanfaren müssen etwas verkünden! Andererseits aber muß solche Politik in nächsten Beziehungen zur Volksseele selbst stehen. Die sittenbildende Kraft der letzteren hat sich hier zu betätigen; ein Gebrauch, den man adelt, wird zur Sitte. Ein »soziales Königtum« der Deutschen fordert als Ergänzung ein stilvolles Volkstum derselben; ein stilvolles Volkstum aber entwickelt sich nur aus individuellem Volkstum; und dieses ist in den beiden niederdeutschen Staaten, Venedig und Holland, teils politisch, teils künstlerisch vorgebildet. Die edelsteingeschmückte Kappe des Dogen der Lagunenstadt war ursprünglich – eine Fischermütze; erst nachdem der Staat aus kleinem und dürftigem Anfange sich allmählich zu Glanz und Macht emporgearbeitet hatte, wurde diese einfache Kopfbedeckung zum stilvollen und reichen Abzeichen der Herzogswürde. Die Würde wie ihr Zeichen entstammte dem Volke. Preußen und die Hohenzollern, welche sich gleichfalls aus kleinen Anfängen und aus dem deutschen Volke selbst emporgearbeitet haben, hätten ein solches Beispiel beachten sollen. In vielem hat der Regent dem Volke zu folgen; denn es ist ein urgermanischer Grundsatz, daß zwischen Herr und Diener ein Verhältnis gegenseitiger Treue und Folgsamkeit besteht; und dieser Grundsatz gilt nicht am wenigsten für das geistige Leben beider. Ein Herrscher hat nicht nur auf die Oberfläche, sondern auch in die Tiefen des Volkslebens zu blicken; dort gebiert sich das Neue.

9. Symmetrie und Rhythmus

Architektonik und Seele, Symmetrie und Rhythmus sind diejenigen beiden Eigenschaften, welche vor allem dem griechischen Kunstwerke eignen; welche auch dem modernen Kunstwerke eignen sollen; und welche endlich dem modernsten aller Kunstwerke, dem heutigen Staat eignen sollten. Jede Statue hat ihr Stand- und Spielbein. Die schon erwähnte doppelartige Charakterrichtung der Hohenzollern, auf das Große und auf das Kleine, auf das Enthusiastische und auf das Nüchterne entspricht einer solchen Forderung; vermittelst jener sind sie zu ihrer historischen Bedeutung gelangt. Die Politik, als Kunst, spaltet sich nach zwei Seiten. Was Shakespeare als die höchste Aufgabe jedes Künstlers bezeichnet hat: der Besonnenheit und der Leidenschaft zugleich Rechnung zu tragen, ist auch die Aufgabe eines jeden Politikers, gerade weil und insofern er Künstler ist. Er kämpft mit doppelter Front; zugleich nach der festen und nach der freien, nach der konservativen wie nach der liberalen Seite. Er balanciert. Wenn sich zentripetale und zentrifugale Kräfte gleichmäßig betätigen, wird der Staats- wie der Weltkörper am sichersten seine Bahn wandeln. Rembrandt, in seiner Eigenschaft als Holländer und die Holländer, in ihrer Eigenschaft als Seebauern, verkörpern noch mehr als andere Niederdeutsche die erdentsprungene wie erdumfassende Doppeleigenschaft dieses Stammes: zu beharren und fortzuschreiten. In Preußen und auch im neuen Deutschland hatte bisher die erstere Richtung mehr den Ton angegeben; e« scheint angemessen, nun auch einmal die andere Seite des Volkscharakter politisch wirken zu lassen. Evolution, nicht Revolution ist der Beruf der Deutschen. Ein Ding entwickeln, heißt, es auf eine breitere Basis stellen, welche aus ihm selbst herausgewachsen ist. In diesem Sinne soll sich Preußen entwickeln; und zwar jetzt nicht nach außen, sondern nach innen hin! Über Weichsel und Oder müssen auch Weser und Rhein zu Worte kommen. Das Aufrechterhalten der eigenen Persönlichkeit ist der Grundzug des holländischen, des niederdeutschen, des deutschen Geistes; je maintiendrai lautet der Wahlspruch Oraniens. Aufrecht ist die Haltung des preußischen Soldaten, aufrecht ist die Gesinnung des preußischen Bürgers, aufrecht sollte auch der Mut jedes Deutschen sein. Das Stramme, Stracke, Gerade, wie es sich in der äußeren Haltung eines preußischen Kriegers ausspricht, ist von jeher der gute Grundzug preußischer Politik gewesen. »Die Geradheit hat Gott selbst ans Herz genommen«, bekundet Goethe. Geradheit des Geistes und der Gesinnung ist ein ausgeprägt deutscher Zug; in ihr spricht sich der deutsche Beruf Preußens aus; diese Charaktereigenschaft gilt es nun in einer besonderen Art weiter zu bilden. Eine stählerne Feder, in gestrecktem Zustande, ist stark; aber in gebogenem Zustande ist sie noch stärker. Zu dem Elemente des Geraden – der Symmetrie – welches bis jetzt in Preußen herrschte, muß nunmehr das Element des Schrägen – des Rhythmus – hinzutreten, welches jeglichem organischen Leben erst die Vollendung gibt. »En beeten scheef, het Gott lev«, sagt, jenen Goetheschen Spruch ergänzend und einschränkend, ein ebenso weises wie liebenswürdiges niederdeutsches Sprichwort; es kann und darf jetzt auch für Preußen gelten, nachdem es ganz Niederdeutschland in sich aufgenommen hat; Graecia saevum cepit victorem.

Wie Deutschland zwischen Preußen und Holland liegt, so liegt für den Deutschen in dem preußischen Charakter eine Forderung, welche in dem holländischen Charakter ihre Erfüllung findet. Lessing hat einmal bedauert, daß Tanz und Gestikulation, überhaupt das körperlich rhythmische Element, die Musik des Körpers bei den Deutschen so wenig entwickelt sei; aber die letzteren haben dies Bedauern nicht fruktifiziert: sie sind noch gerade so unrhythmisch oder auch gelegentlich überrhythmisch wie früher. Es fehlt ihrem geistigen wie körperlichem Dasein an ruhigem musikalischem Fluß. Die Schule des Heeresdienstes reichte nicht aus, diesen zu erzielen; es muß eine Verstärkung dieser bildenden Tendenz von anderer Seite her eintreten. Die Härte des preußischen muß durch die Weichheit des niederländischen Wesens gemildert werden; wie jenes gelegentlich steif, so ist dieses gelegentlich formlos; zwischen beiden in der Mitte liegt oder sollte liegen: das elastische Wesen des Deutschen. Der Name wie die Persönlichkeit Rembrandts deuten, richtig verstanden, auf eine solche Entwickelung hin: er, der ganz Rhythmus ist, kann dem preußischen Staat, der ganz Symmetrie ist, als ein Gegenbild und Gegengewicht dienen; er kann den innerlich etwas allzustarren Organismus lockern, nicht um ihn zu schwächen, sondern um ihn zu stärken. Aus der harten und symmetrischen Knospe entwickelt sich die weiche und rhythmische Blume.

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