Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Heinrich Laube >

Reisenovellen - Band 6

Heinrich Laube: Reisenovellen - Band 6 - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
booktitleReisenovellen - Band 6
authorHeinrich Laube
year1837
publisherVerlag von Heinrich Hoff
addressMannheim
titleReisenovellen - Band 6
pages370
created20120523
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Goethes Hauswesen.

Unweit des Theaters bückt sich ein kleines Häuschen, zusammengeknickt und von grünen, ausgeblichnen Jalousieen versperrt wie ein abgegriffenes Taschenkalenderchen – das war Schillers Haus. Fast überall, wo ich Schillers häuslicher Wirksamkeit nachgespürt habe, sind mir kleine, niedrige Räume begegnet; man sollte denken, die hoch auffliegenden Gestalten seiner Poesie hätten sich die Köpfe einstoßen müssen an der niedrigen Decke. Es war aber in seinen Gewohnheiten etwas Bürgerliches, Cynisches, was keine besonderen Ansprüche machte, oder richtiger: der Idealismus, in welchem er webte, nahm 129 keine weitere Rücksicht auf solche Nebendinge. Schiller erkaufte sich mühsam sein kleines Haus mit Gedichten und Tragödien; Goethe, der Glückliche, erhielt es zum Geschenk, er war der näher gerückte, wirkliche Jugendfreund des Großherzogs, der den aus Italien heimkehrenden Goethe mit einem Hausbau überraschte; Schiller war der geschätzte und hochgeachtete Freund in Apollo; Apollo baut aber kleinere Häuser als der Jugendfreund.

Stattlicher ist allerdings das Goethesche, aber man muß sich keine Pallastvorstellung machen, wie manche Beschreibung veranlassen könnte: ein artiger Flur, ein Paar Figuren abgerechnet, welche mit kühler Stille empfangen, ist's eben nur ein hübsches Wohnhaus, wie es der Berliner Banquier schöner hat, und nach außen ist es ganz ohne besonderes Antlitz. Trotz der Künste, Studien und Vorbilder, hat die Baukunst in Weimar noch keine besonders glückliche Stunde gehabt; selbst die Privatunternehmungen Berlin's, welche nur auf beschränkte Aeußerungen ausgehn, sind von einem viel schöneren 130 Geschmacke, und die Bilder Schinkels und Klenze's, wenn man sie in verjüngtem Maaßstabe der kleinen Stadt noch so gefällig anpassen wollte, sind gar nicht in Vergleichung zu ziehen.

Goethes eigentliche literarische Häuslichkeit nun hat nicht einmal etwas mit diesem artigen Hause zu thun, sie ist in einem kleinen Hinterstübchen zu suchen, was gar nicht in die volle Figur des neuen Hauses zu gehören scheint. Dies Arbeitszimmer ist klein, einfach und schmucklos, und nur diese größte Einfachheit, der Mangel alles modernen Komforts, der Mangel der Gardinen, eines Sophas erinnert an antike Schmucklosigkeit, eine antike Mahnung, die manches andere Dachstübchen mit ihm gemein hat.

Dies ist der kleine Raum, in welchem man Engländern, Franzosen, Amerikanern begegnet, die ihre Namen in's Gedenkbuch einschreiben, wie man's auf alten todten Schlössern zu thun pflegt. Die Aussicht des Zimmerchens, das einen kleinen Stock hoch liegt, geht auf das Gärtchen, in welchem er so oft umherschritt; auch dies ist sehr einfach, klein 131 und unscheinbar. Die Meubles und Geräthschaften sind noch auf der Stelle, wie er sie an seinem Todestage verlassen hat: ein großer, einfacher Tisch von länglich viereckiger Form steht in der Mitte; das kleine Kissen liegt noch darauf, wo er seine Arme auflegte, wenn er diktirte; die zerpflückten Läppchen liegen noch im Winkel, die er seinem kleinen, unruhigen Enkelkinde zur Beschäftigung gab, wenn es darauf drang, bei ihm zu bleiben, und ihn doch nicht stören sollte. Briefe stecken noch reichlich in kleinen Fächern am Fensterwinkel, und man darf ruhig einsehn, wie Herr von Varnhagen und dieser und jener an ihn geschrieben hat; wo ich auch immer hineingeblickt habe, überall wurde er wie der gesegnete Padischah angeredet, und man erkennt, welch ein Ruhm, welch eine Ehre, welch eine Achtung aus allen Weltgegenden immer bescheiden in dies Zimmerlein getreten ist zu dem ruhigen, großen Manne, der hier, die Hände auf dem Rücken, umher geschritten ist. In der kleinen Handbibliothek, die ebenfalls unverrückt dageblieben war, fand ich mehrere 132 Encyklopädieen, die letzten Hefte der Minerva, und Mancherlei aus fremden Sprachen.

Seine kleine Stube in Frankfurt, wo er den Götz und Werther geschrieben hat, mag ähnlich ausgesehn haben. Eine kleine Kammer mit einem Fenster stößt an das Zimmerchen, da steht noch das simple Bett mit leichter Decke, wie er sie aus Süddeutschland gewohnt war, und immer beibehalten hat, der alte Lehnstuhl, in dem er eingeschlafen ist, zum letzten Schlummer auf dieser Erde, ist auch noch im Zimmer. Die Dame, welche mit mir die Stätte besuchte, fand sich besonders durch die kleine Schlafkammer lebhaft an Ferney erinnert, an Voltaires Schlafgemach.

Seine Nachkommen spielten auf dem Saale Klavier, und waren lustig und guter Dinge. Der alte Herr war schon über vier Jahre todt, und wie lange wird's dauern, so wundern sich die Leute, daß wir noch neben ihm gelebt haben, da ist er hoch zurückgetreten in ein dämmerndes Pantheon.

133 Der letzte Sekretair, welcher seine Worte geschrieben hatte, war so freundlich, ausnahmsweise unser Cicerone zu sein, und weil er von den aufgeweckten Erinnerungen lebhaft und schmerzlich berührt wurde, so gewann uns dieser Gedächtnißvormittag etwas tragisch Lebendiges. Aus Goethe's kurzem Krankenlager, was seinem Tode voraus ging, ist eine Scene nicht bekannt, welche mir in der Schilderung einen charakteristischen Eindruck machte: in der Fieberphantasie ist er von seinem Lager aufgestanden, und über die Stubenschwelle schreitend, hat er vor sich hingeredet: Was betastet Ihr meinen Schiller, meinen Geliebten! Lasset ab von ihm, er ist groß und herrlich! Warum liegen seine Briefblätter da zerstreut am Boden umher!

Wie Viele mögen oft geglaubt haben, es sei Goethe innerlichst doch wohl niemals so recht Ernst gewesen mit seiner Achtung vor dem Schiller'schen Genius, weil dieser ein so ganz verschiedener von dem seinigen war – ich gestehe von mir selbst, daß ich nicht alle leisen Zweifel besiegen konnte, obwohl 134 die Aeußerungen, welche Eckermann mittheilt, siegreicher als Alles für Goethe's Liebe zu Schiller sprachen. Hier nun ward mir, nach dieser Seite hin ganz unbefangen, referirt, daß seine verborgenste Seele liebevoll mit dem literarischen Siegesgenossen beschäftigt war, und wie gern bat ich das Herz eines Dichters um Verzeihung, was so viel Mißdeutungen ausgesetzt bleibt, Mißdeutungen, weil er den einzelnen Ausdruck und Ausbruch des Gefühls einer ganzen, stets in ihm thätigen, stets in ihm beherrscht sein wollenden Welt unterordnete.

Die Franzosen sind mit ihrer bekannten pikanten Manier rasch bei der Hand, wenn sie dies schmucklose Zimmer Goethe's sehen, sie schreiben darüber »Goethe wollte der bemerkenswertheste Gegenstand seiner Wohnung sein.« Wenn es noch so gut bei ihnen gemeint ist, aus ihrer Eitelkeitssphäre können sie nicht heraus, die zuerst und zuletzt auf Repräsentation sieht, und die Repräsentation andichten muß. In dieser Art ist sie Goethe's Sache niemals gewesen.

135 Auf dem Vorsaale vor diesem kleinen Zimmer steht eine alte Wanduhr, sie ist ein fürstliches Geschenk, was Goethe eines Morgens mit ahnungsreicher Ueberraschung aus dem Schlafe geweckt hat. Diese Uhr hatte ihm die Stunden seiner Jugend geschlagen, war später aus dem väterlichen Hause verkauft oder verschenkt, und jetzt hatte sie ein Fürst, ich glaube ein Mecklenburgischer, aufsuchen, kaufen und in der Stille hierher postiren lassen, zu seinem Jubelfeste 1825.

Ich bin sonst nicht so pietätssensible; das lederne Kollet Karl's XII. hat mir ein Interesse, aber es beschäftigt mich nicht lange – der alte Großvaterstuhl hier hatte es mir indessen angethan: hier war er leichtem Schlummer hingegeben, der alte Herr, jenem Schlummer, wo die Dichtungsgestalten in den Wolken des Himmels vor uns wandeln, und den Reiz und Glanz doppelt und prächtig anziehn, welcher dem Dichter bei langer Beschäftigung mit demselben Gegenstande so leicht verwischt wird. Die fernen Bilder des zweiten Faust, Bilder aus der 136 Mythenwelt Griechenlands, aus dem Himmel der Christen hatten hier rosenroth um seine Schläfe geschaukelt; auf diesem Stuhle war zum letzten Male die Farbe der Welt zu ihm gekommen, um dann in dunkles Gemisch, in's ewige Schwarz zu versinken, von wannen, Gott weiß wie! neuer Farbenstrahl anhebt; auf diesem Stuhle hatte ihn der Tod ereilt. Als der Todesdrang des Scheidens an sein Herz trat, da rief er just so, wie er einst als Jüngling den sterbenden Götz hatte rufen lassen: »Licht! mehr Licht!« man schob die Gardinen aus einander, er trank noch einmal die Farbe unsrer Welt, und schloß das Auge. Seine Schwiegertochter, die er so überaus lieb hatte, und an welche zu denken ich bei den Wahlverwandschaften stets geneigt bin, glaubte damals, der Tagesschein blende sein Auge, und setzte ihm den grünen Schirm auf, aber er bedurfte keines Schirms mehr gegen unsere Welt, er war todt.

Wunderbarer Weise werd' ich jetzt während des Schreibens erst inne, daß der kalte, rauhe Tag, welcher mit verletzendem Winde durch die Straßen 137 Berlin's fegt, just der 22. März ist, just der Todestag Goethe's – das Wunderbare eines Dichterlebens geht über den Tod hinaus weiter; Alles, was großen Beziehungen an's Herz greift, ist mit Wundern umgeben.

Dies kleine Lebens- und Sterbezimmer war übrigens nur den vertrauteren Freunden geöffnet, Fremde wurden vorn in den großen Gemächern empfangen, und dieser Empfang bestand meistens darin, daß er sie zu Tische lud. Wenn ihn nicht schönes Wetter zum Spazierenfahren oder Gehn lockte, so war er bis zu der für kleine deutsche Städte etwas späten Tischzeit in diesem Arbeitskämmerchen. Die größeren Poesieen schrieb er gewöhnlich selber, und zwar meist stehend an einem kleinen, unscheinbaren Stehpulte, welches noch jetzt beim Fenster steht, und zwar schrieb er sie selten in der Reihenfolge, wie sie das vollendete Werk bietet, sondern meist partieenweise, wie eben die Stimmung bot, bald vorn, bald hinten, bald in der Mitte. Das darf um so weniger bei ihm verwundern, da der Plan des 138 Ganzen gewöhnlich schon von vornherein detaillirt fertig war, und er mit einem Anfluge von Reichsstädtischer Ordentlichkeit, die ihm stets verblieben ist, und vielen Leuten zur Vorstellung von einem Genie nicht recht passen will, da er mit dieser Gewohnheit seines Vaters, auch den Plan einer Poesie sorgfältig zu Papiere brachte. Beim Diktiren ging er meist umher, oder saß mit aufgelegten Armen am Tische; es ging sehr fließend, rasch und oft viele Stunden lang, so daß der Sekretair ein anstrengendes Geschäft hatte, und seiner Versicherung nach oft die Finger nicht mehr fühlte.

Bis zum Mittagessen genoß der alte Herr sehr wenig, bei diesem aber war er rüstig und thätig, wie es der gesunde Leib eines starken Mannes nur fordern mochte. Dazu trank er seine volle Flasche Würzburger, und wohl auch noch eine halbe Flasche Champagner oder anderen Weines; Scherz und Heiterkeit waren ihm dabei sehr genehm, und eine solche muntere Bewegung war vorzugsweise in der Familie herrschend. Von Holtei erzählt, daß er viel mehr 139 mit dieser Anknüpfung der fröhlichen Unterhaltung als mit literarischen Interessen die lange Zeit seines Weimar'schen Aufenthaltes den täglichen Verkehr im Goethe'schen Kreise gepflegt und gewonnen habe. Von den kräftigen Aeußerungen Goethe's, die er im Familienleben oft von sich gab, erzählt Holtei gern Folgendes:

Man sprach von dem düstern Hange zur Frömmigkeit, von den Pietisten, die so viel Sünde und Gefährliches in der Welt sehen, und die Freude mit bedenklichem Kopfschütteln aufnehmen, man sprach hin und her, und konnte sich nicht darein finden, da setzte der alte Herr das Glas fest auf den Tisch und sprach in seiner nachdrücklichen Art: »Diese Frommen sind alle verschnitten, wenn sie fromm werden; der Werner und wie sie weiter heißen, dachten nicht daran, so lange sie aus dem Zeuge waren. Da kroch zum Beispiele der Brentano bei'm Hause der Sophie Mereau am Spalier in die Höhe, damit es fein hitzig aussähe mit der Liebe – 's war eitel Komödie, und sah schlimm genug dahinter aus. 140 Die Welt ist ja nicht gemacht, damit sie zugeschlossen werde. Folgt, Kinder, Eurer gesunden Neigung, und sprecht mit dem persischen Dichter: »»Kaiser, Du mußt die Welt mit meinen, nicht mit Deinen Augen ansehen, wenn sie Dir so gefallen soll, wie mir.«« Danken wir Gott, daß wir so glückliche Augen haben, und lassen wir uns nichts vormachen.«

Wenn Göthe darauf in der Abendzeit sich wieder in's kleine Gemach zurückzog, dann sah er ganz gern einige specielle Freunde bei sich, mit denen er über dies und jenes sprechen konnte. Sein Geist war wie sein Körper von großer Dauer, und er vermochte sehr lange Zeit hinter einander Gedankliches zu zeugen und zu verbrauchen. Indessen ließ er auch sehr viel reden, und hörte, und schenkte den Freunden die Gläser voll, wenn sie lässig darin waren. Er selbst trank fast nur bei Tische, und genoß bis zum Schlafengehen nichts mehr.

Diese Tagesordnung wurde nur etwas anders, wenn er sehr lebhaft bei einer Beschäftigung war, 141 dann ließ er sich nur etwas Essen auf seinen Arbeitstisch serviren, und blieb den ganzen Tag im Kämmerchen, und ging dann zuweilen des Abends zur Familie hinüber. Um elf suchte er gewöhnlich das Bett, und etwa um die sechste Stunde verließ er es wieder.

Drüben im Park besaß er noch ein Gartenhaus, und in der schönen Jahreszeit ging er oft schon des Morgens dahin, den Sekretair wie den stets nöthigen, stets Dienst thuenden Kammerherrn neben sich. Dies Opfer bringt der Schriftsteller allein, und Göthe hat es späterer Zeit im reichlichsten Maaße gebracht, daß er seine besten Stunden im Bewußtsein und Drange genießt, wie sie auch den Lesern von ergiebiger Ausbeute sein könnten – wie der Vater Alles in Bezug auf sein Kind leidet und genießt, so der Autor in Bezug auf die Lesenden. Der feinste Egoismus, der stille, einsame Reiz für unser geheimstes innerstes Ich, ihm entsagt der Autor, und der Lohn dafür ist jener süßer Drang, welcher zur andern Natur wird und mit viel 142 feineren Nerven ausgesponnen ist, als selbst das Entzücken des Ruhmes.

In diesem Gartenhause hat Göthe früher, in den jungen Mannesjahren, manch heitere Stunde genossen, und das Weib umarmt, welche er später zur Frau Geheimderäthin erhob, und die sonst Fräulein Vulpius hieß. Sie war die Schwester des bekannten Romanciers, welcher Rinaldo Rinaldini und ähnliche tugendhafte Räuber in vielen Bänden und in vielgeliebter Prosa besungen hat. Außerdem, daß er so süperbe Räuber schuf, war er Bibliothekar in Weimar, und zu seinen besondern Vorzügen gehörte die schöne Schwester. Sie stand in schönster Blüthe, da Göthe aus Italien heimkehren wollte, und hatte den schönen Dichter wol früher schon von Weitem gesehen. Göthe nun, der in Italien seine bekannten Elegieen nicht wie ein blöder Gymnasiast aus der Luft gedichtet, sondern ganz reell und standhaft erlebt hatte, schrieb vor seiner Abreise von Rom an die Weimarschen Freunde. Es schien ihm nicht wünschenswerth, nach solcher Zeit der Fluth ganz auf den 143 Sand zu gerathen, wie Carlos im Clavigo dies ähnlich bezeichnet, und da er nicht blöde war, so ging er auf näheres Detail ein, künstlerisch die Requisiten und Qualitäten schildernd, wo die allgemeinen Umrisse und Definitionen der weiblichen Schönheit mit seinem persönlichen Geschmacke zusammenträfen, und mit der Frage schließend, ob denn im Lande Weimar solch ein Spiegelbild der Faustschen Helene in keiner Weise, wenn auch nur in annähernder, zu finden und zu schaffen wäre? Die Theorie des Schönen war damals sehr unbefangen und nachdrucksvoll schöpferisch, die Freunde antworteten sinnig und gerecht: Weimar sei zwar nicht Rom, aber deshalb doch auch nicht von der Schönheit verlassen, er werde sich wundern, was ihm auf der letzten Station begegnen könne.

Und auf der letzten Station begegnete ihm Fräulein Vulpius, und sie gefiel ihm sehr.

Ueber das Verhältniß mit dieser Dame ist viel gefabelt worden. So kursirt die wunderlichste Sage, wie sie Frau von Göthe geworden sei, was 144 allerdings erst mehrere Jahre nach gemeinschaftlicher näherer Bekanntschaft eingetreten ist. Als Napoleon nach der Schlacht bei Jena Göthe in sein Quartier beschieden habe, um den ersten Deutschen zu sprechen, habe er auch den Wunsch geäußert, des ersten Deutschen Frau sich vorgestellt zu sehen. Um dies in legitimer Form thun zu können, habe Göthe, in seine Behausung kehrend, den Herrn Pastor zu sich geladen, und so sei Frau von Göthe entstanden.

Die einfachere und anspruchslosere Tradition ist, daß Göthe seinen Sohn legitim habe besitzen wollen, und da das Verhältniß mit der Dame auch übrigens mehr ein dauerndes geworden, als wohl von Hause aus beabsichtigt gewesen sei, so habe er eine herkömmliche Kopulation für gut erachtet.

Daß die Frau Geheimderäthin, welche Göthe immer den »Herrn Geheimderath« zu nennen pflegte, keinen besonders schriftstellerischen Geist besessen, hat den Leuten auch viel zu schaffen gemacht, wie man denn so leicht vergißt, daß eine Dame liebenswürdig und reizend sein kann ohne das Zeug der 145 kouranten Bildung, und wie ein Naturell dem erfahrenen Manne oft von größerem Zauber ist als erworbene Kultur. Wie eine solche Kultur klein und dürftig neben dem großartig schöpferischen Manne, oft sogar für diesen störend und beengend sein kann mit dem stets gleichen unbedeutenderen Maaßstabe, der doch seine Prätensionen macht als Maaßstab, das wird gar zu leicht mit gebräuchlichen Floskeln verschüttet. Aus diesen heraus ist denn auch die beliebte Erzählung eines Vorfalls erwachsen, der übrigens nebenher auch wahr sein kann: Es habe ein berühmter Mann bei Göthe gespeis't, und wie einst die schöne, aber in antiquarischen Studien weniger erfahrene Gefährtin Talleyrands den berühmten Denon mit Robinson Crusoe verwechselt, so habe auch die Frau Geheimderäthin die lebhaftesten Irrthümer an den Tag gelegt. Göthe, mit olympischer Ruhe sich an den Gast wendend, sei in folgenden Worten darüber vernehmlich gewesen: Sollte man nun wohl glauben, daß dies 146 Frauenzimmer bereits einige zwanzig Jahre in meiner Gesellschaft lebte?!

Beizufügen ist, daß das Wort »Frauenzimmer« in seinem Munde niemals den säuerlichen Beigeschmack hat, welchen verzärtelte Schüchternheit unsrer Tage diesem Ausdrucke beilegt; Göthe's »Frauenzimmer« ist nichts mehr und nichts weniger, als was der Dandy jetzt »Dame« nennt.

Wie frei und harmlos übrigens im Allgemeinen zu Ende des vorigen Jahrhunderts und zu Anfang des jetzigen die Umgangsverhältnisse unter Männern und Frauen waren, das klingt jetzt ganz überraschend; wir wissen es gar nicht, wie sorgfältig die geschlossene Form und geregelte Erscheinung darin wieder Terrain gewonnen hat. Es sei der französischen Zeit gar nicht gedacht, wo man es für lächerlich hielt, auf ein Verhältniß ohne Ehe anzuspielen, will sagen, nicht blos für tacktlos, sondern für so unpassend, als wenn wir jetzt eine Dame damit necken oder aufziehn wollten, daß sie in's Theater gehe, daß sie einen Roman lese. Kurz, 147 das sogenannte »Verhältniß« hatte keinen Gegensatz mehr, die Unordnung war in die Ordnung aufgenommen. Dies bei Seite; bei uns, bei unsern ersten Geistern, bei den Autoren, die jetzt als Muster der Tugend und Sittsamkeit passiren, zum Theil glänzen, war solch »Verhältniß« etwas gar nicht in Frage kommendes. Wenn man alle die Geschichten der Schlegel und ihres Gleichen aufführen wollte, lieber Himmel, welchen Bequemlichkeiten begegnet man da, die dem jetzt urgirten Prinzipe sehr unbequem wären, und man begegnet Namen darunter, bei deren Nennung jetzt die Hände über dem Kopfe zusammengeschlagen würden, deren Nennung für Animosität, für Lust am Skandale gälte. Beides ist mir nie fremder gewesen, es ist eine ganz nüchtern historische Vergleichung, die sich leicht aufdrängt, wenn man einmal links und rechts in das Hauswesen der früheren Literatur blickt; und die Sache muß auch nach ihrer Zeitstimmung beurtheilt werden, das Klatschen darüber bleibt den alten Weibern – die Zeitstimmung war wirklich die, daß 148 um die Wetterscheide des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts die Ehe unter den gebildeten Ständen nur noch ein Name war, dessen man sich nach Umständen bediente oder nicht bediente. Schlegels Lucinde und Schleiermachers Briefe über solch freie Liebe würden dem jetzigen Publikum viel weniger Auffallendes haben, machte man sich zuweilen eine ungeschminkte Vorstellung vom damaligen Lebensverkehre.

Viele Aeußerungen jener Leute sind auch nur in solchem Zusammenhange richtig zu verstehn. Als die Freunde Goethe mit der sogenannten Vulpia neckten, und seinen Sieg über sie, als den ersten, welchen sie erlebt, aufhetzend in Zweifel zogen, gab er die merkwürdige Antwort: »Daß sie auch Andern würde gefallen haben, bezweifle ich nicht.«

Wie wichtig, großartig und fein ist die Wendung dieser Antwort, die Wendung dieses Interesses auf einen Standpunkt ganz anderer Art.

Goethe ist dreißig Jahre mit einer Frau von Stein liirt gewesen und darunter manches Jahr 149 intim; von dieser Bekanntschaft existirt noch eine Correspondenz, welche uns wohl gelegentlich mitgetheilt wird, und worin vielleicht manches Bedeutungsvolle über das gesellschaftliche, moralische und Herzensmoment jenes Verkehrs zwischen den Geschlechtern mitgetheilt wird.

Goethe selbst war darüber ganz sorglos: als er zum Beispiele seinen kurzen Besuch in Berlin abstattete, und von den Zirkeln, und was ihn sonst fetirte und in Beschlag nahm, nicht ganz hinreichend gefesselt war, machte er, wie er in Italien gethan, seine Abendpromenade; hier gab es keine Poppäa, aber Madame Schuwitz existirte; die Berliner, welche das ausspionirt hatten, nahmen's ihm übel, ich weiß nicht, ob die Wahl im Einzelnen oder im Allgemeinen, er nahm das Spioniren übel, es gefiel ihm nicht in Berlin und er reis'te ab.

Der Tod dieser Madame Schuwitz, und was sich dabei ereignete, ist einer der merkwürdigsten Beiträge zur Erkenntniß des damaligen sittlichen Momentes: an ihrem Grabe hielt ein geistreicher 150 Literat, Friedrich Schulz, eine Rede, die im Archiv der Literatur nicht verloren gehen sollte.

Mitten in dieser Zeit, mitten unter diesen Verhältnissen, wo die gegenseitige Begegnung so heidnisch frei gegeben war, als ob das atheniensische Leben aufgeweckt werden sollte, mitten in diesem leichten Verkehre lebte zu Weimar ein schönes Mädchen, freundlich und lockend gegen Alle, geschmeichelt und gefeiert von Allen, und keusch und streng wie eine Muse, die vielleicht unter der stillen Schönheit alles Weh einer Gesellschaft trug, welche keinen größeren Platz für sie hatte als den einer Schauspielerin, Corona Schröter. Es gibt nicht leicht einen interessanteren und ergiebigeren Stoff für eine Novelle, als die merkwürdige Situation dieser Corona, welche einer Iphigenie gleich, die interessanteste Welt von Barbaren um sich hatte, die ihr kein würdiges nahes Verhältniß bieten konnten, von denen sie vielleicht ein Bild tief, fest verschlossen im Busen trug, ohne jemals das leiseste Wort darüber kund zu geben.

151 Sie war aus Leipzig und stand in prächtigster Blüthe ihrer hohen Schönheit zu der ersten Regierungszeit Karl Augusts. Merkwürdig genug war dieser Regent, der sich in genialer Kräftigkeit so sehr hervorgethan, in seiner damaligen jungen Männlichkeit schüchtern, ohne Drang und Kraft, das Weib als Ergänzung des Mannes gar nicht wünschend und suchend. Der damals siebenundzwanzigjährige Goethe unternahm das Kühne, so vieler Verantwortung Ausgesetzte, dem jungen Fürsten in's unternehmende Leben, in die verlangsame Existenz zu helfen, er unternahm mit ihm eine Fußreise durch die Schweiz. Dies ist jene Reise, welche in der Cotta'schen Ausgabe dem Werther angehängt ist, und wo sich die meisterhafte und diskrete Schilderung eines Mädchens findet, das ihm den Anblick einer unverhüllten Venusstatue gewährt.

Stark und kräftig kam der Fürst mit ihm nach Weimar zurück, und die schöne Corona erschien ihm jetzt erst schön; aber sie war ein Feuer aus Eis, wie später zu wiederholten Malen versichert worden ist.

152 Kein Mann hat sich einer hingebenden Gunst dieser keuschen Muse gerühmt, und sie steht wie eine schimmernde weiße Marmorstatue in dieser bunten, warmen, genießenden Zeit. 153

 


 

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.