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Reisenovellen - Band 6

Heinrich Laube: Reisenovellen - Band 6 - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
booktitleReisenovellen - Band 6
authorHeinrich Laube
year1837
publisherVerlag von Heinrich Hoff
addressMannheim
titleReisenovellen - Band 6
pages370
created20120523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ein Jagd bei Weißenfels.

Müllner war die Hauptperson dabei, aber glücklicherweise der todte, nicht der lebendige. Wir waren von Naumburg ausgezogen über die rothen Sandwege, welche nach der Schönburg führen, dort hatten wir hinter dem Naumburger Kessel, in welchen man von hier hineinsieht, den Sonnenuntergang genossen, welcher sich roth an dem Steinberge abspiegelte; dann waren wir Hügel auf, Hügel ab, mit der Flinte im Arm durch die Waldwege gekrochen, die öfters Blößen und Lichtungen in dies und jenes kleine Thal bieten, und die Ermüdung stellte sich ein. Wenn ich wir sage, so heißt das: ein alter 23 Justizbeamter und ich. Der Mann war von ächt thüringischer lateinischer Bildung, er wird bis an seinen Tod die Pennalgeschichten von Schulpforta erzählen, und mit citirtem Cicero oder Horaz über Napoleon und den Liberalismus sprechen. Wenn er von der Gegenwart sprach, so sprach er von der Vergangenheit, zuckte die Achseln bis an's Ohr, und sagte: »Ach Du lieber Gott, das waren andere Zeiten!« Er that durchgehends, als ob die Welt seit seiner Jugend ganz erbärmlich geworden wäre. Gewöhnlich deutet dies auf eine Art Mittelmäßigkeit; bedeutende Menschen erheben nicht immer das Vergangene auf Kosten der Gegenwart, sondern bekunden sich auch darin, daß sie mit geschärftem, geistigem Organe die stumpf gewordenen Sinne überbieten, daß sie die Interessen und Genüsse Anderer dem allgemeinen Zustande in Anrechnung bringen – Entäußerung des Egoismus spielt auch hier wie bei aller Bildung die Hauptrolle. Dies Urtheil ist nur zu mildern, wenn der Alte von niederdrückender Krankheit oder von Verlusten betroffen 24 worden ist, die sich nicht mehr ersetzen lassen, z. B. vom Verluste eines Weibes oder Freundes, welche die Ergänzung seiner Lebensgeschichte ausmachten. So etwas ist allerdings unersetzlich, und hierbei ist just die vergangene Zeit das baare Gold, was man verloren hat. Mein alter Jurist aber hatte nichts Bedeutendes verloren, als höchstens Prozesse, und da jeder Mensch zur Ausfüllung seiner Würdigkeit solch eines großen Verlustes zu bedürfen glaubt, damit er eine Folie habe für den unproduktiven Augenblick der Existenz, so bildete sich mein Begleiter ein, die Hauptsache und der Mittelpunkt seines Lebens sei mit Adolph Müllner zu Grabe gegangen.

Wir kamen, ohne daß ein Hase unser Gewissen belästigt hätte, an dem Bergeshang auf eine offene Waldblöße, von wo aus man bei klarem Mondscheine das Städtchen Weißenfels im Thale liegen sah. Das breite, stattliche Schloß, welches sich mit dunklem Dache über die Stadt erhebt, und ihr ein gewisses nobles Ansehn verleiht, schimmerte mit seinen langen Fensterreihen im Mondlichte; ich vertiefte 25 mich in den Anblick und die Gedanken, welche eine weiß dämmernde Mondnacht so weich und milde anregt; mein Jurist aber gestattete dieß nicht, er machte ein Feuer an, und rief fortwährend: »Ach die schöne Zeit, wo Müllner noch da drüben lebte!«

Aergerlich über diese leere Emphase fragte ich ihn, worin denn eigentlich die Schönheit jener Zeit bestanden habe? denn die Literatur von damals wecke durchaus keine angenehme Erinnerung, und ich müsse ihm offen gestehn, daß mich die Müllnersche Epoche immer wie der Abschnitt eines wüsten Interregnums gemahne, wo die Freibeuter, Wilddiebe, Raubgrafen herrschend umhergestrichen auf der Landstraße unserer Literatur.

Es war Unrecht, daß ich mich unter solchen Worten an das gastliche Feuer niederstreckte, was er bereitet, denn man soll der Armuth nicht die dürftige Illusion zerstören, wenn man ihr nicht Ersatz bieten kann. Alles Neue ist grausam; für geschichtliches Interesse gibt es im Alter keinen 26 Ersatz, weil die Schöpfung fehlt, die Schöpfung des Schaffens und des Empfangens.

Er bedauerte mich indessen, denn jenes Interesse war absolut fest und nothwendig geworden in seiner Existenz: wie ein Gespenst erhob sich der Alte mir dem ordinair gesunden, rothen Antlitze; seine weißen, zurückgestrichenen Haare flatterten im Winde, aus den leeren, lichtblauen Augen starrte jener lederne Eifer, welcher mit seiner Beschränktheit einen unangenehmen Eindruck macht, und doch eben damit unsre Nachsicht in Anspruch nimmt.

Ach, sagte er endlich, alles Uebrige höflich hinunterschluckend, Sie haben Müllner nicht gekannt, den Großen! seinen scharfen Geist, seinen Witz nicht genügend beachtet, er war ein außerordentlicher Mensch.

Nachdem er dies gesprochen, sank der alte Jurist wieder auf seine alte Stelle am Feuer.

Was führte denn Müllner für eine Lebensordnung?

27 »Ja wohl, Ordnung, Alles war bei ihm Ordnung –«

Man erzählt, daß er sich aus der Natur, der schönen Gegend, dem Liede der Vögel, dem glitzernden Sonnenstrahl im Walde nichts gemacht habe, und ich finde das sehr bezeichnend für ihn, der Mann war ein dürres Abstraktum.

»O, unterbrach mich mein Nachbar, dies Girren und Flöten der Romantiker war allerdings nicht für ihn, seine Poesie wußte nichts von dem Schwebeln und Faseln, von den empfindsamen Spazirgängen, sie war rein geistig«

So?

»Was habe ich davon, hinunter in den Mondschein zu blicken? Aber von Gedanken habe ich etwas, der Gedanke ist, nun ja, der Gedanke –«

Ist das Absolute, Sie verehren wohl Hegel neben Müllner?

»Ach, was Herr, Hegel und Absolutes! Das ist auch solch 'ne neue Mode, ich will absolut nichts davon wissen, das ist mein Absolutes, das bin ich 28 Müllnern schuldig. Ja, dessen Gedanken! Darum arbeitete er auch nur des Nachts, wo ihn kein Eindruck störte, bei verschlossenen Fenstern, im einsamen Zimmer, wirklich nach Mitternacht schrieb er seine Mitternachtzeitung. Erst wenn der Morgen kam, legte er sich schlafen, und stand am späten Nachmittage auf. O, er wußte dabei die Realität der Dinge zu schätzen, man aß und trank vortrefflich bei ihm, er rauchte eine süperbe Pfeife Tabak; wenn er Abends in die Resource kam mit seinem strengen, gebieterischen Angesichte, da war's, als ob ein König aufträte, wehe dem Unglücklichen, der ihm widersprechen wollte, er wurde zermalmt. Müllner war ein praktischer Poet, der seine juristischen Kenntnisse den Buchhändlern gegenüber geltend zu machen wußte; wie verstand er sein Handwerk, die Juristerei! wer ihm seine Gedanken nicht voll bezahlen wollte, der hatte einen Prozeß am Halse, eh' er sich dessen versah.« –

Herr Hofrath Müllner verdiente viel Geld?

29 »O ja, die Schriftstellerei brachte ihm doch ab und zu des Jahrs ihre 2–3000 Thaler. Das verdient man nicht mit Mondscheingedichten; davon rieth er auch allen jungen Schriftstellern ab.«

Ich habe das selbst erlebt: als ich im Jahre 1826 nach Halle auf die Universität kam, wohnte ich in einem Weingarten an der Saale, dicht in Grün und Laub gehüllt, die Vögel hüpften mir auf die Fenster, und da übereilte mich wohl mitunter ein Sonett, wenn ich aus dem Studententumult wüst heim kam, und an Schlesien dachte; ich schickte ihm zwei davon für sein Journal, und erhielt sie mir dem Bemerken und einem lehrreichen Briefe zurück, daß lyrische Sachen nicht gedruckt würden; er hatte sie sorgfältig mit Randglossen versehen, die einzelnen Metaphern lobend angemerkt, und sie sorgfältig wie ein gutes Schulexercitium behandelt.

»Sehen Sie, wie genau und sorgfältig er war! Wegen meiner Jagdliebhaberei, die ich des Unterleibs wegen betreibe« –

Ihres Unterleibs wegen?

30 »Ja, deswegen hat er mich oft aufgezogen.«

Er ging von Weißenfels aus nie auf die Jagd?

»Ein einziges Mal war er mitgewesen, und hatte ein wunderliches Abenteuer dabei bestanden, was er auf die scharmanteste Weise zu erzählen wußte. Zur damaligen Zeit waren die großen Fuchsmützen Mode, von denen ein großer Fuchsschwanz den Rücken hinunter hing; bei Kutschern und Förstern findet man sie zuweilen heute noch. Müllner trug an jenem Tage eine solche, und war unterhalb der kleinen Anhöhe postirt worden, welche Sie hier im Mondlichte sehen können – dort, wo der kleine Baum steht – die Vertiefung des Bodens verbarg ihn von der einen Seite so weit, daß man nur den Fuchsschwanz auf der Mütze wackeln sah. Ein Jäger, der von jener Seite kommt, ist des Glaubens, der Schwanz gehöre einem lebendigen Fuchse, und giebt eine solide Schrotladung darauf – das hat die Mütze ruinirt, und dem Herrn Hofrath alle andern Jagdpartieen abgeschnitten.«

31 Wir lachten. In dem Augenblicke fiel ein Schuß, und die Schroten zischten dicht über uns hin in die Bäume; der Jurist sprang erzürnt auf, um den frevelhaften Schützen zu suchen. Ich stieg beim Monddämmer nach Weißenfels hinab, und die Gedanken über Müllner, die Literatur und Sachsen schaukelten sich mit mir die Hügel hinab.

Bezeichnend für Müllner ist es mir immer gewesen, daß er seine Hauptverehrer unter den Juristen hat. Die jetzige Generation weiß es gar nicht deutlich, daß er eine zeitlang mit Redaktion des Morgenblattes ein tumultuarisches Aufsehn machte: er spektakelte und würzte mit ein Paar juristisch-ästhetischen Begriffen und einer harten scharfen Feder ebenso wie jetzt Menzel gethan mit ein Paar andern Begriffen. Sie sind eigentlich zusammen Rinaldo Rinaldini in unsrer Literatur, und wie das Handwerk unter sich stets den heftigsten Haß entwickelt, so ward Rinaldo Müllner von Rinaldini Menzel auf das Intimste gehaßt, und wir bekamen noch vor einiger Zeit im Morgenblatte die Grabschrift zu 32 Gesichte, welche einem literarischen Urtheile so angemessen ist, und einem Schriftbrigand so wohl steht, der den anderen überlebt. Menzel schrieb von Müllner: »Als die Bestie in Weißenfels endlich verreckt war« – ich habe mich in Wahrheit scheu nach einem Galgen umgesehen, als mir nächtlicher Weile dieser Ausdruck einfiel. Heitere Dichtkunst, so wenig wie das schöne, zarte Mädchen bist Du sicher vor roher, gemeiner Hand!

Stimmt es wohl auch mit dem Mittelstande der sächsischen Staaten überein, diesem Mittelstande zwischen Nord- und Süddeutschland, zwischen Drang nach selbstständigster Eigenheit und Drang und Nothwendigkeit, sich anzuschließen und zu ergänzen, daß dieser Länderstrich keinen großen Dichter geboren hat? Keinen Kaiser, keinen Dichter! Und doch murmeln die Quellen so lockend herab von den Thüringischen Bergen, doch rauschen die Bäume des hohen Bergwaldes so ahnungsschwanger wie der Schwarzwald und die Alp, welche den Schwaben so freigebig geworden sind mit Kunde und Sage! Seit die 33 Minnesänger bis hier herein gesungen haben in die Thüringischen Thäler, sind große, beherrschende Dichterworte von hier aus nicht mehr ausgegangen. Und doch war just dieses Sachsen lange Zeit der Mittelpunkt deutscher Bildung: die Universitäten Wittenberg, Leipzig, Jena waren das Centrum deutscher Kultur. Gottsched machte in Leipzig einen diktatorischen Versuch mit der schönen Literatur; er mißlang, und die eigentlich schöpferischen Talente erhoben sich im eigentlichen Norddeutschland und im eigentlichen Süddeutschland.

Nur Lessing kommt in Frage: er stammt aus einem Grenzbezirke des sächsischen Landes, aus der Lausitz. Bekanntlich sind die Grenzen oft überaus umflußreich, weil auf ihnen Heimisches und Fremderes in Berührung kommt, Kampf und Anregung weckt. Diese Grenzbewegung schien auch das Lebhafteste in Lessing zu sein; er ging nach Berlin und nach Norddeutschland und blieb dort; das märkische, norddeutsche Element war auch durchweg in seiner ganzen Schärfe vorherrschend in ihm, nichts deutet 34 auf den Sachsen, als die Gleichgültigkeit gegen die Natur, welche er mit Müllner gemein hatte; in der Minna von Barnhelm verläugnete er darin sein Vaterland schon, daß er sich dem preußischen Interesse des Soldatenlebens anschloß, von der sächsischen Höflichkeit, und dem gefälligen Triebe, auszugleichen, hatte er keine Faser; an die sächsische Literarmanier, sich an die Schulerinnerungen mit vermischtem Geschmacke anzuschließen, erinnert seine kühne Eigenthümlichkeit in keiner Weise, die nur für die feinsten Gesetze das Griechenthum in Anspruch nahm, sonst aber mit Shakespeare das neu Geschaffene pries und anrieth.

Auch darin hat dieser Landstrich sein Unglück gehabt, daß seine größten Talente die Heimath verließen – auch Leibnitz war aus Leipzig – und die daraus sprossenden Keime zertraten, daß seine geringeren Talente, wie Müllner, das Unvortheilhaftere ausbildeten, und lebhafter die Entrüstung in Anspruch nahmen als die Anerkennung. 35

 


 

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