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Reisenovellen - Band 6

Heinrich Laube: Reisenovellen - Band 6 - Kapitel 15
Quellenangabe
typenovelette
booktitleReisenovellen - Band 6
authorHeinrich Laube
year1837
publisherVerlag von Heinrich Hoff
addressMannheim
titleReisenovellen - Band 6
pages370
created20120523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Schiller in Stuttgart.

Bei allen Ausstellungen, die man diesem Volksstamme macht, bei alle dem, daß man den Schwaben harthörig, starr, kleinstaatlich, kleinstädtlich, hausschüchtern, haustrotzig, hausbornirt, philisterhaft nennt, bei alle dem ist er der kernigste, innerlichste, schöpferischste Stamm des ganzen Oberdeutschland ein Stamm, der alle Rinde, allen Reif und alles Mark eines Urstammes besitzt, und nach langem unscheinbaren Hinbrüten immer plötzlich wieder eine volle geharnischte Potenz aus seinen düstern Winkeln wirft. Solche stahlbedeckte Potenzen, für deren Ahnherrn die Hohenstauffen leicht erkannt worden sind, 307 zeigt uns die Geschichte mannigfalt, wie sie aus diesen braunen Hügeln und schwarzen Waldbergen aufsteigen und titanenartig über unser Vaterland hinschreiten.

Der Schwabe wird nicht vor vierzig Jahren klug, sagt das Sprichwort, und damit wird allerdings das harte Gestein dieses Menschenschlages hart bezeichnet; aber mit vierzig Jahren wird er klug, dessen kann sich nicht jeder Andere rühmen, und wenn ein Schwabe vor vierzig Jahren klug wird, so ist er sehr klug.

Die Bezeichnung ist genauer aus dem speciellen Sinne des Wortes klug zu erklären: ein gewandter Weltverstand, ein geschmeidiges, wendungsreiches Element des Geistes, das ist in Schwaben nicht zu Hause, aber wenn seine Potenz sich offenbart, so geschieht es gewaltiger als in der Klugheit; zur kleinen Schlacht, zum raschen Schleudern der Wurfgeschosse, zu Wendungen und Manövern ist der Schwabe nicht geschickt, aber er schleudert ganze Felsen und Gebirge, wenn sein Geist aufbricht.

308 Darum ist es allerdings ergiebiger und amüsanter, von den Schwaben zu hören, zu lesen und zu lernen, als in ihrer Mitte zu sein, wo der schwere Geist dumpf und für den Augenblick unergiebig kreiset; der Schwabe ist am liebenswürdigsten und größten, wenn man ihn nicht sieht; vielleicht auch, wenn man ihn in nächster Nähe sieht. Das Letztere weiß ich nicht aus eigner Erfahrung, das Erste hab' ich erfahren.

Schiller war ein Schwabe; hier in Stuttgart ist seine Poesie zur Welt gekommen, und ein Herr von Scharffenstein hat auf die liebenswürdigste Weise diese Zeit der Wehen und der Geburt erzählt, wie sie nach außen hin sich gezeigt haben. Er war ein Vertrauter Schillers aus der hiesigen Karlsschule, und es ist aus dieser Mittheilung rührend anzusehn, mit welcher schweren Gewalt sich der große Genius losringt und die harte Schwabenschale zu sprengen trachtet.

Die Länge des Bergkessels hinauf, in welchem Stuttgart liegt, zieht sich die Hauptstraße der Stadt, 309 die Königsstraße, wo ein Paar Haupthäuser des Ortes liegen, das Haus Cotta, das Haus Seydelmann. Nach der Absenkung zu breitet sich rechts hinein, wenn man von oben kommt, ein breiter flacher Platz, an dessen Enden liegt das Schloß, das Theater und alles Nebengebäude, was in diesen Bereich gehört, darunter auch das, was früher Karlsschule war, und wo Schiller ein Dichter ward. Dahinter breitet sich der Park nach der Thalöffnung hin, wo man, etwa eine halbe Stunde entfernt, dem Neckar bei Kannstadt begegnet. Dieser Weg durch den Park nach Kannstadt ist die bequemste und gesuchteste Spazierfahrt. Die Wagen rollen dabei unbehindert zwischen den Flügeln des Schlosses hindurch, dicht unter den Fenstern des Königs vorüber, der parterre wohnt, und hier ist auch ein stiller, schattiger Platz, der für das Standbild Schiller's vorgeschlagen ist. Das Schloß mit seiner Umgebung sieht von der Königsstraße aus behaglich vornehm aus, ohne weitere Ansprüche zu machen; vorn auf der Façade steht eine Krone, deshalb nennen die 310 mediatisirten Herrn, welche hier zu Hause sind, und denen die moderne Souverainetät sehr kostspielig und darum nicht so ganz liebenswürdig geworden ist, sie nennen diesen Schloßherrn, welcher ihr Souverain, den Kronenwirth. Diese wohlfeile Entschädigung für verlorene Herrschaft wird ihnen Niemand mißgönnen.

Wenn die Sonne scheint, sieht der Schattenplatz, wo man Schiller aufstellen will, tröstlich über den Platz herüber, und es sollte mir leid thun, wenn die Statue nicht dahin käme, wie eine dagegen erhobene Opposition möglich zeigt – der Dichter wäre so nahe an der geplagten Wehenzeit, aller Lohn ist doppelt groß, wenn er Angesichts des Ueberstandenen oder Geleisteten genossen wird. Ein Lob in Amerika für die That in Deutschland ist ein verwelktes Blümchen, was fern von mir in mein Stammbuch gelegt wird; ein Lob von Aug' zu Auge, das ist ein frischer Strauß, eine lebendige Liebeserklärung, wo Augen und Lippen wirklich winken, ein Genuß aus erster Hand. Ein Denkmal ist ein Sinnbild des Genius, der Schillersche soll hier den Raum der trocknen 311 Karlsschule neben sich sehen, wo er geschmachtet und gerungen hat, dieser Anblick ist die Grundlage aller Gelingensfreude, hier neben dem Schooße, neben der Wurzel sieht man ganz, und der Genius genießt's in einem Zuge, wie hoch aus kümmerlichem Boden der stolze Baum geschossen sei.

Herr von Scharffenstein kann gar nicht genug beschreiben, wie das kein Mensch von Schiller erwartet habe. Der Genius hat so wenig von sich merken lassen, daß der Aufseher just auf den armen Friedrich ein besonders ärgerliches Auge geworfen, ja wegen mangelnder Waschbeflissenheit sich zum Oefteren des auffallenden Wortes »Schweinpelz« bedient hat, was billigerweise jede für Schiller schwärmende Dame sehr irritiren muß und zu den »Göttern Griechenlands« nicht passen will. Außerdem wird die dichterische Jünglingsgestalt durchaus einem Storche ähnlich beschrieben, mit langen magern Armen und ditto Beinen, welche letztere mit weiß angestrichenen, äußerst schmalen Hosen und mit Kamaschen bekleidet gewesen. Selbige Kamaschen hätten 312 das Unglück gehabt, durch untergelegten Filz ein Unterbein zu erzeugen, welches den Schenkel an Umfang und Dicke übertroffen habe; auch der Hals sei lang und mager präsentirt worden; setze man nun die Fäustchentoupees über die Ohren, und den starren, hartnäckigen Zopf an das Hinterhaupt, so erkenne man wohl, was der Genius für Arbeit gefunden habe, stolze Grazie durchzudrängen.

Eine weiße Papagaiennase, rothe Augenbrauen, zusammengehend über tiefe, dunkelgraue Augen, haben das Gesicht beherrscht, aber just in dieser Partie habe von früh auf pathetischer Ausdruck gelegen. Die Lippen waren dünn, die untere stand, wie in der habsburgischen Familie, etwas vor, und darin sei beim Sprechen viel Energie ausgedrückt worden. Das Kinn war stark, die Wangen blaß und eingefallen, von Sommerflecken betupft, die Augenlieder waren meist entzündlich geröthet, das Haupthaar sah buschig und roth aus, aber von der dunklen Art. Der ganze Kopf, mehr geistermäßig als männlich, hatte Energie; die Stimme war kreischend und 313 unangenehm, und er beherrschte sie so wenig wie sein Gesicht.

Rechnet man hierzu den bedenklichen, schwäbischen Accent, dem er sehr hingegeben war, so erklärt sich wohl, wie die Vorlesung seines Fiesko in Mannheim unglücklich ausfallen konnte. All seine Hoffnung war zunächst auf Annahme und Darstellung dieses Stückes gesetzt, als er von Stuttgart dahin geflohen war; die bedeutendsten Schauspieler hörten zu, und immer einer nach dem andern schlich sich fort, jeder erklärte, an dem Stücke sei gar nichts, und es sehe dem Verfasser der Räuber ganz unähnlich.

Wie sauer hat's ihm die Welt gemacht, dem Trefflichen, mit dem, was ihn äußerlich ausrüstete, mit dem, was ihn von außen empfing; wahrlich, er mußte eine eigens erfundene Welt heraufbeschwören, um eines Glückes, einer Begeisterung theilhaftig zu sein.

Betrachtet dies äußere Wiegenerbtheil Göthes und Schillers, das glückliche Aeußere, die 314 nachgiebige leise spornende Umgebung des Frankfurter Patriziersohn's, das ungünstige Außenzeug des Karlsschülers, der im unlockenden Getriebe einer Militairschule aufwuchs, und ihr seht mit eigenen Augen, wie die eine Bahn eben und glücklich, die andere stürmisch, nach Aeußerstem, oft nach Unmöglichem greifend werden, wie sie an den Idealismus gewiesen sein mußte.

Wenn der Mensch nichts hat, dann schafft er das Kühnste, der Idealismus ist das natürliche Erbtheil irdischer Armuth; darum ist auch das Unglaubliche immer unter den niedrigen Ständen erfunden worden, die höheren bilden mehr, der Plebs zeugt die meisten Kinder.

Der Genius pochte, wie zumeist, oppositionell in Schiller; die Welt war ihm erschwert, der Bestand der Gesellschaft, die ihn nicht schaukelnd aufnehmen konnte, war also das Nächste, was er bekämpfte, und aus dem innern Kampfe wuchs die erste That. Schiller begann revolutionär, wie beinahe jedes Genie, seine Bekanntschaft mit der Welt, 315 mit welcher seine Bildung wuchs, hat immer eine Concession nach der andern gemacht, bis sie mit einem Schauspiele schloß, mit dem Wilhelm Tell, was auch den äußeren Schauplatz einer Revolution brachte, und in der Revolution die loyalsten Unterthanen, die bescheidensten Ansprüche verherrlichte, so daß die Urheber des Aufstandes konservativer erscheinen, als die Herren, gegen welche der Aufstand gerichtet ist. Ein sanfter Roman, dem als Titelkupfer eine Schlacht vorgebunden ist, welche ein Durchreisender des Buches nebenher erzählt. So war Schiller am Ende von der Welt besiegt, daß die wirklich historische Revolution unter seinen Händen ein Kuhreigen wurde!

Und wie begann er? Wir wollen ein Buch machen, sagte er zu seinem Kameraden, aber ein Buch, das absolut vom Schinder verbrannt werden muß!

Ja, die Welt ist tief gefügt, und hat eine überwältigende Kraft.

316 Er verkehrte auf der Karlsschule allerdings intim mit einigen Genossen, aber sein Herz war von frühauf so zart besaitet, daß er durch Unscheinbares tödtlich verletzt wurde, und sich zuweilen ganz und gar zurückzog. Wegen äußerlicher Dinge gescholten, verspottet, von den Freunden falsch angefaßt, kroch er stolz in den Winkel seiner geheimsten Welt, seiner geheimsten Wünsche; diese ideelle Isolirung nährt seine Schwärmerei, leitet sie immer mehr in's Außerordentliche, giebt von vornherein die Richtung, und die Blödigkeit, die Unkenntniß der Gesellschaft setzt sie fort.

Zu seiner frühen Lieblingslektüre gehörten Plutarch, Shakespeare und – Göthe. Aber Werther that ihm weniger; dem Leiden sich hinzugeben paßte nicht in seine Natur und sein Verhältniß, ihm mit dem Degen entgegenzutreten, das lag in ihm. Beaumarchais im Clavigo, das war seine Freude, Schubart's Fürstengruft erquickte ihn, und er pilgerte mehrmals auf den Asperg hinauf, wo der unglückliche Dichter gefangen saß, um dessen 317 Bekanntschaft zu suchen. War es das genirte Verhältniß, was einen Herzenserguß nicht leicht zuließ, oder fand er im Dichter nicht, was er im Gedichte fand, es kam zu keiner eigentlichen Annäherung.

Merkwürdigerweise war ihm von den übrigen damals wogenden Dichtern Uz, dem die Literaturgeschichte nicht so günstig gewesen ist, lieber als Klopstock.

Als er nun aus den vorbereitenden Klassen zu einer Facultät gehen sollte, wäre Schiller am liebsten Theologe geworden, da es nun aber einmal Medizin sein mußte, griff er es mit seinem ganzen Feuer an, und war Anfangs ein ganz ernstlicher Mediziner, der Kraftkuren unternehmen wollte. Diese mißlangen aber, und die Sache wurde ihm leidig. In Ludwigsburg hatte er das erstemal ein Theater gesehen, das war nicht mehr aus seinem Sinn geschwunden, der erste Wurf, die Räuber, geschah darnach, und das Theater blieb immerwährend seine lockend grüne Insel, ein angestellter Theaterdichter Herr eines Zauberreichs.

318 Mit Mühe und Noth hatte er die Räuber auf eigene Kosten zum Druck gebracht; es ward eine Vignette auserwählt, ein aufsteigender zorniger Löwe mit dem Motto: in tyrannos, und so erschien die erste Ausgabe auf förmlichem Fließpapier, wie eine leibhaftige Mordgeschichte aussehend. Das Geschäft wurde sehr schlecht betrieben, es verkaufte sich sehr wenig, und das leere unordentliche Stübchen Schillers war in den Winkeln mit Stößen von Räubern belastet.

In diesem unbequemen Gemächlein saß sorgenvoll der Dichter, bis Scharffenstein oder Streicher kam, und man den Entschluß faßte, sich eine Güte zu thun: da wurde Kartoffelsalat bereitet und Knackwurst geholt. Hier ereignete sich's eines Tages, zwar zu großer Satisfaktion, aber auch großer Verlegenheit Schillers, daß ein fremder Herr in großem Wagen vorfährt, und dem Dichter der Räuber seine Aufwartung machen will. Es war Leuchsenring, den Varnhagen beschrieben hat; er tritt in die Parterreboutike, wo der Tabaksgestank schwebt, wo die 319 angestrichnen Hosen hängen, wo die Kartoffelreste und die Räuber im Winkel liegen.

Es ist wenig bekannt, daß Schiller nach den Räubern noch eine Anthologie und ein Schwäbisches Repertorium herausgegeben hat, und über die entzückende Laura sind wir immer im Dunklen geblieben. Dies ist jetzt gelüftet – Hinrichs sagt bei der »Entzückung an Laura« »So lange die Liebe bloße Sehnsucht ist, wird sie von der Hoffnung und Furcht erfüllt; denn sie kann Gegenliebe werden und auch nicht.« Ei! »Wenn die Hoffnung in Erfüllung geht, wird die Freude darüber zum Entzücken.«

Das ist sehr schön und gewöhnlich, auch hilft es der Laura nichts – sie war eine gutmüthige Hauptmannswitwe, nicht mehr ganz jung, mit der keine Hoffnung in Erfüllung ging, und die nur in Ermangelung einer Anderen besungen wurde. Es war damals Alles Idealismus.

Als Schiller nach Mannheim durchgegangen war, galt er selbst für eine Art Räuber, für einen 320 überspannten Menschen, einen Thunichtsguts. Aber bei allem sonstigen Mißlingen wäre er dort beinahe gar zu einer Frau gekommen, er sollte in der Geschwindigkeit eine Tochter des Buchhändlers Herrn Schwan heurathen; der liebte ihn entweder sehr, oder er sah die Cottaschen Ausgaben voraus, was seiner buchhändlerischen Kenntniß alle Ehre machte.

Von hier aus fand er das stille Asyl bei Frau von Wolzogen in Bauerbach. Dort am thüringer Walde überkam ihn endlich die lange vergebens ersehnte Stille und Ruhe, und war auch das Leben der Natur nicht das, was rasch, unmittelbar und immer zu seinem Geiste sprach – als er mit Streicher reis'te, ward er von diesem meist aufgeweckt aus seinen Träumereien, um eine schöne Aussicht zu betrachten – war auch der Mensch zunächst das Bewegende und Herrschende seines Wesens, doch gab ihm Bauerbach die ersten glücklichen Stunden ja er hat sie oft später noch die schönsten und glücklichsten seines Lebens genannt.

321 Professor Hinrichs hat zu dem uninteressanten Buche, worin er Schillers Gedichte wie ein Botaniker die Pflanze erklärt, eine interessante Vorrede gegeben, aus welcher hier manches Einzelne aus dem Leben des Dichters, und besonders aus seiner Beziehung zu Göthe entnommen wird. Er erzählt zum Beispiele, daß Göthe auch einmal mit dem Herzoge von Würtemberg durch die Karlsschule geschritten sei, und daß Schiller damals den Dichter zum ersten Male gesehn habe, freilich gefesselt an die obskure Schulbank.

Von dieser Begegnung weiß man sonst nichts, sie müßte in jene oben erwähnte Reise gefallen sein, wo Göthe den Großherzog Karl August nach der Schweiz führte.

Von Bauerbach ging er wieder nach Mannheim zurück, und wurde Theaterdichter; dies Ziel war also erreicht, aber mit einem so kläglichen Gehalte, daß die Existenz mehr denn kümmerlich war. Da kam die Nachricht, der Herzog von Weimar sei in Darmstadt zum Besuche. Schiller machte sich auf, 322 steckte ein Manuscript in die Tasche, und wollte versuchen, ob er zum Vorlesen, und damit zu sonst was käme.

Erinnert das nicht an die Zeit der Meistersänger, wo die Poeten an ein Hoflager wanderten, damit ihnen ein Lob, ein Imbiß, eine Förderung werde? Hinrichs sagt, dies Manuscript sei der Don Carlos gewesen; das ist nicht wahrscheinlich, da er diesen, meines Wissens, erst später, größtentheils in Dresden geschrieben; dem sei, wie ihm wolle, er kam als Weimarscher Rath zurück, er fühlte sich mehr, nahm die Schauspieler schärfer vor, das gab Reibung, das Theater, was sich nicht über Nacht ändern wollte, ward ihm gleichgültiger, er gab die ganze Herrlichkeit auf, und pilgerte nach dem Norden. Als er von seinem Freunde Streicher Abschied nahm, versprachen sie sich, einander nicht eher zu schreiben, als bis der eine Minister, der andere Kapellmeister geworden wäre; der Weimarsche Rath trieb doch wohl etwas Spuk, wenn 323 auch diese dem Schillerschen Wesen fremden weltlichen Dinge bald wieder versanken.

Er kam nach Leipzig, und wollte geschwind Jura studiren, er kam nach Dresden, er kam nach Weimar, wo Herder und Wieland ihn begrüßten. Auf einer neuen Fahrt nach Bauerbach traf er in Rudolstadt bei der Familie von Lengenfeldt seine künftige Frau und Herrn Göthe. Merkwürdigerweise ging es nicht über eine laue Begrüßung hinaus, Schiller hatte nicht seinen guten warmen Tag, und Göthe soll damals von schmerzlicher Sehnsucht nach Italien befangen gewesen sein.

Hinrichs kommt hier auch darauf, wie verschieden diese beiden Männer aus der Mutter Schooße, aus des Vaters Hause entlassen worden sind, wie Göthe schon als kleiner Junge stolz und behaglich, sein Glück tragend, gravitätisch unter den hüpfenden Spielkammeraden umhergeschritten ist. Die Mutter habe ihm sein steifes Geradgehn vorgehalten, und der siebenjährige kleine Wolf habe erwidert: »Mit diesem mache ich den Anfang, und 324 später werde ich mich noch durch allerlei auszeichnen.« Mit den Sternen habe er sich beschäftigt, und herausgebracht, daß Jupiter und Venus seine Regierer seien. Als nun die Mutter ihn aufgezogen, weil er etwas Appartes wolle, und alle andern Leute ohne Sterne sich behelfen müßten, da habe er gesagt: »Mit dem, was andern Leuten genügt, kann ich nicht fertig werden.« Auf Tisch und Stuhl hätten ihm später drei Toiletten parat sein müssen, eine ordinäre, eine bessere und eine ganz stattliche, die habe er verbraucht, und nach dem Gebrauch durcheinander geworfen.

Wie knapp sah es darin mit Schiller aus! Zum Vater, mit dem er auch nicht die mindeste Aehnlichkeit hatte, gab's gar keine ermunternde Beziehung, nur die Mutter, an welche auch das Gesicht vielfach erinnerte, kam in der Liebe für den Fritz zusammen mit der Frau Rath. Sie sah immer etwas Außerordentliches in ihm, und küßte und streichelte, und wenn er von Stuttgart verhungert zum Besuche kam, da wurde im Stillen für ihn und den Begleiter 325 gebacken und gebraten. Aber sie konnte ihm nicht den starken, abwehrenden Weltgeist vererben, wie die Frau Rath ihrem Wolf; sie war sanft, engelsgut und nach andrer Welt schwärmend, wie manches spätere Gedicht des Sohnes.

Und was hatte Schiller zu sagen gehabt, und wie erschrickt man über die Welt, wenn Goethe, der stets Glückliche, im Alter einmal sagt: »Man hat mich als einen vom Glück besonders Begünstigten gepriesen, auch will ich mich nicht beklagen und den Gang meines Lebens nicht schelten, allein im Grunde ist es nichts als Mühe und Arbeit gewesen, und ich kann wohl sagen, daß ich in meinen fünfundsiebzig Jahren keine vier Wochen eigentliches Behagen gehabt. Es war das ewige Wälzen eines Steins, der immer von Neuem gehoben sein wollte. Mein eigentliches Glück war mein poetisches Sinnen und Schaffen. Allein wie sehr war dies durch meine äußere Stellung gestört, beschränkt und gehindert! Hätte ich mich mehr vom öffentlichen und geschäftigen Wirken und Treiben zurückhalten und mehr 326 in der Einsamkeit leben können, ich wäre glücklicher gewesen, und würde als Dichter mehr gemacht haben.«

Ja, Goethe, der im Verhältnisse zu Schiller und zu tausend Menschen eine so glückliche Existenz genoß, versichert nachdrücklich, daß er nur in Rom empfunden habe, was ein Mensch sei, im Vergleich mit jenem römischen Zustande sei er eigentlich sonst nie wieder froh gewesen!

Dieser Drang, in der nirgends hinderlichen Natur, in einer Natur, welche im Gegentheile die Organe weckt, sich auszustrecken, hinzugeben, dieser wollüstige Drang des körperlich kraftvollen Menschen, ach, ich glaube, Schiller hat ihn nie genossen! Die Arbeit und Unruhe des Gedankens hatte früh seinem Körper die Lebenskrone ausgebrochen, und vielleicht darum, weil ihm die Realität nirgends zu Hilfe kam, hat er ihr oft auch das nöthige Recht versagt und verläugnet.

Man sagt, ganz homogen mit jenen Aeußerungen Goethe's, daß er ein ganz anderer Mensch aus Italien heimgekehrt sei: umgänglicher, sanfter, aller 327 freundlichen Regung offener; jetzt fanden sich auch die beiden Dichter, und er verschaffte Schiller bald eine feste Stellung in Jena. Allerdings wurde dieser nicht eben freudig und gern Professor, der den Studenten Geschichte vortragen sollte. Er fürchtete sich vor der Pedanterie, vor dem Zeitraube, die seinen Dichtungen entginge, und obendrein mußte er spaßhaft sagen: am Ende weiß mancher Student schon mehr Geschichte als ich.

Bald gab's denn auch Aerger: auf seinen Vorlesungen war er Professor der Geschichte benannt worden, und der Pedell ward beauftragt, den Titel am Buchladen abzureissen, weil Schiller blos Professor der Philosophie sei, und der Professor der Geschichte, Herr Soundso, dadurch beeinträchtigt werde.

Das lebhafte Verhältniß zu Goethe, der eifrig schrieb und kam, die enthusiastische Freundschaft Wilhelms von Humboldt, der zu ihm zog, waren sein einzig Labsal. Goethe ward nämlich immer inniger von ihm angezogen, das Dämonische, wie 328 er zu sagen pflegte, und was er im milderen Ausdrucke eine Natur nannte, dasselbe, wofür jetzt die Bezeichnung »eine Potenz« gewöhnlich ist, dies zog ihn zu Schiller. Und in Weimar hatte er wenig ähnliche Fessel, Wieland war ihm eine leichtere, herum naschende Natur, welcher die ursprüngliche innere Gewalt abging, und Herder war sein eigentlicher Gegenpunkt, der alles Wirkliche, alles Existirende oder Existirthabende in den Gedanken der Humanität entkleidete. Auch Kunst und Poesie war ihm nur in Bezug auf Sittlichkeit vorhanden, nur insofern lobenswerth, als diese direkt und zunächst dadurch gefördert würde; das Schöne an sich als Selbstständiges, Eigenes, existirte nicht für ihn. Hinrichs sagt sehr richtig, daß Herder das eigentliche Extrem zu Goethe gewesen sei, nicht Schiller. Dies Verhältniß in Weimar gestaltete sich denn auch so unergiebig, daß das humane Paar, Herder und seine Frau, Goethen eine Wolfsnatur nannte. Auffallend zahlreich haben sich in neuerer Zeit die Stimmen erhoben, welche Herder's Persönlichkeit tadelnd 329 schildern. So ward noch ganz vor Kurzem bekannt gemacht: Der berühmte Wolf in Halle hatte bei seiner neuen Ausgabe des Homer eine Hypothese über die Homeriden aufgestellt, die äußerst scharfsinnig und mit einem großen Aufwande von Gelehrsamkeit unterstützt ist. Herder benutzte diese Abhandlung und lieferte einen Aufsatz in die Horen, worin die ganze Hypothese als seine eigene Ansicht, die er von Jugend auf gehabt habe, dargelegt, und Wolfs auch nicht weiter gedacht wird. Wolf spie Feuer und Flamme und beschwerte sich bitterlich bei Schiller. Herder und Schiller kamen darüber in Verdruß, und Herder gab von dieser Zeit an keinen Aufsatz mehr in die Horen.

So gedieh das in der Geschichte so seltne Verhältniß zwischen den zwei größten Dichtern einer Nation, von dem der Briefwechsel ein großartig Zeugniß ist. Der eine, Goethe, dem alles Theoretisiren unbequem war, der sich um die Philosophie nur bekümmerte, wenn er Katarrh hatte, wirkte auf den stets abstrahirenden Schiller, und dieser, 330 der die Natur über dem Gedanken vergaß, und in allen Gestalten das Subjekt Friedrich Schiller reden ließ, wirkte auf den stets objektiven Goethe.

Einst kam dieser nach Jena, und fand den Geschichtsprofessor so krank aussehend, daß er glaubte, Schiller werde keine vier Wochen mehr leben, er drang darauf, daß er nicht mehr des Nachts arbeite, daß er öfter nach Weimar komme, und Luft und Leben suche. Die Gespräche, in denen Goethe die Natur, das Besondere vertheidigte, und Schiller die Idee und das Allgemeine, brachten auch innerliches Leben genug, aus welchem die Abhandlung über »naive und sentimentale Poesie« erwuchs, was eben die Goethische und Schillersche Poesie bedeutete, die Poesie der besondern Realität und die Poesie der allgemeinen Empfindung.

Sollte dem großen Publikum, was sich so gern mit Formeln trägt, mit zwei Worten eine Hilfe gebracht sein, so wäre es für Goethe das Wort Intuition, der unmittelbare Einblick in die Sachen, für Schiller das Wort Reflexion, die mittelbare 331 Verständigung. Jener Einblick sieht leicht und unscheinbar aus, und findet darum langsamer und nur bei Aufmerksameren und Kundigeren die Würdigung, die Reflexion, der weitere Weg, ist allen Menschen und Kräften zugänglicher, und da ihn Schiller mit seinem Genie schmückte, so lohnte ihn zunächst die große Popularität.

Da Schillers Art von einer starken Kraft, einem wirklichen Leben getragen war, wie es seinen Nachahmern abgeht, so machte er auch damit auf Goethe einen starken Eindruck, auf Goethe, der sich übrigens alle Einwirkung des Subjektiven so lange und so kräftig abgehalten hatte, und er konnte sagen: Schiller hat mir eine zweite Jugend gegeben und mich wieder zum Dichter gemacht.

Die schönen Balladen Goethe's, die Braut von Corinth, der Gott und die Bajadere stammen aus jener aufblühenden Freundschaft, und das Naturleben im Wilhelm Tell stammt aus den Beschreibungen Goethe's. Denn Schiller war sein Lebtag nicht in der Schweiz gewesen, hatte aber ein so 332 außerordentlich Genie, auch die Natur aus der Erzählung für seinen Zweck aufzufassen.

Es ist bekannt, daß Goethe Schiller später nach Weimar selbst lockte, und daß der von Geist und Gedanken erschöpfte Körper dort zusammenbrach.

Stuttgart, Stuttgart! Du hast lange warten lassen, den Zopf und den Stock deiner Karlsschule, welche unsern zweiten, einzigen Friedrich den Zweiten und Großen geplagt hat, auszuwetzen mit einer Statue, und daß du hierfür im heil'gen römschen Reiche den Ablaßzettel zur Sammlung des Pfennigs herumgeschickt hast, ist gar verwunderlich. Du kannst zeugen, Schwabenland, aber auch bilden und belohnen? 333

 


 

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