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Reisenovellen - Band 6

Heinrich Laube: Reisenovellen - Band 6 - Kapitel 14
Quellenangabe
typenovelette
booktitleReisenovellen - Band 6
authorHeinrich Laube
year1837
publisherVerlag von Heinrich Hoff
addressMannheim
titleReisenovellen - Band 6
pages370
created20120523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Stuttgart und die Schwaben.

Offen gestanden, ich weiß eigentlich nicht recht, wie ich zu den Schwaben gekommen bin. Schon jenseits des Schwarzwaldes auf der Pfälzer Seite sind Schwaben – wir kamen Mittags in ein kleines Städtchen am Fuße des Gebirges, es hatte geregnet und die Sonne schien weiß, kirchlich still war's in der schlecht gepflasterten Straße, selten kam ein Handwerker von seiner Arbeit an's Fenster, um nach dem fremden Wagengeräusch zu kucken, eine Post gab's hier gar nicht, in einem alten Wirthshause sollten wir nach Pferden fragen. Das Wirthshaus war todtenstill, mit Mühe fand ich die dicke, etwas 288 schmutzige Wirthin aus den wüsten Winkeln des Gebäudes heraus. Das war eine Schwäbin: gutmüthig, verwundert, unerfahren, vor preußischem Papiergelde erschrack sie ernstlich, dergleichen habe sie niemals g'sehn, und daß ich diese Papierzettel für Geld ausgeben wollte, erschütterte ihren Glauben an meine Solidität völlig. Ich flüchtete mich zum Golde; ja, in der Franzosenzeit hatte sie ein Paar Napoleonsd'or von Weitem erblickt, aber zum Friedrichsd'or schüttelte sie ungläubig das Haupt. Die Lage war schlimm; es ward zum Krämer des Oertchens gesendet, er ließ zurücksagen, das sei wohl Geld, aber hier zu Lande könne man's nit brauche.

Der hohe Berg, welchen wir passiren mußten, hieß der Kniebis, und weil dort schon viel Schnee liege, mußten vier Pferde vorgespannt werden. Der Schnee fand sich auch wirklich, wir fielen bis an die Achsen hinein, und es gewährte einen eigenen Kontrast, daß die Sonne noch warm schien, daß grün und lachend tief unten das Land hinüberlief nach Frankreich, und daß nur einzelne melancholische, 289 mit weißen Schneespitzen behängte Fichten uns begrüßten. In diesem Winter wurde es Nacht, es ging bergab und immer bergab, und stundenlang, und der Winter hörte nicht auf, obwohl die Welt noch nichts vom Winter wußte, tiefe Todtenstille lag starr umher, auch Pferde und Wagen glitten geräuschlos, gespenstisch dicht an den Abhängen hin. Plötzlich ging es gar wieder bergan, und das verschneite Städtchen Freudenstadt nahm uns auf. Wieder gutherzige Schwaben, denen preußisch Papiergeld ein Schrecken war.

Nach dem Süden hinunter hebt und senkt sich weithin das Gebirge; in diesem Oberlande, dessen »rauhe Alp« Gustav Schwab gepachtet hat zu allerlei Beschreibung, da wohnt der arme Schwabe, welcher hölzerne Uhren macht oder Quirl und Kochlöffel, der pietistisch wird, weil er nicht viel Anderes zu thun und sehr wenig zu essen hat, weil er den Himmel nie anders gesehn als streng und versagend. Im Vordergrunde dieses Oberlandes, an den Hängen der Alp bis zu den Blicken nach der Schweiz 290 hinauf hängt über Schwaben ein regenschwerer, trüber Protestantismus, den nur hie und da die frische Urkraft des Lebens unter diesem kernigen Volke durchbricht wie ein Sonnenblitz. Erst am See, wie man ohne Weiteres den Bodensee nennt, wo das Land weich und ergiebig wird, da hat sich auch ein heitrer Katholizismus erhalten. Der Gegensatz zwischen Schlesien und Schwaben, diesen Grenzlagen Deutschlands ist hierin frappant: in Schlesien ist der düstere, zurückgebliebene Theil katholisch, in Schwaben ist die Düsterheit, der magre, dogmatische Ernst, die Armuth und Strenge beim Protestantismus.

Bergauf, bergab ging es in der Nacht weiter das Hügelland entlang, von kleinem Städtchen zu kleinem Städtchen, die hier überall zu finden sind, als ob man einen Sack voll Kreuzer ausgeschüttet hätte. Jeder Posthalter nöthigte uns ein überflüssiges drittes Pferd auf, weil die »Steig« zu hoch sei; Steig nennen sie den Berg; und als der Morgen kam, und die grüne Erde längst wieder gewonnen war, fuhren wir die letzte Steig hinunter. 291 Stuttgart dampfte unten im engen, ringsum geschlossenen Bergkessel, wie das Endsiegel des Oberlandes, die Vermittelung zwischen Ober- und Niederschwaben. Aus dieser Vermittelung, welche einige schwäbische Striche an Baiern und Baden gelassen hat, ist das feste, markige Würtemberg entstanden, das eigentliche Stammland Süddeutschlands.

Wenn in Norddeutschland das Wort Schwaben genannt wird, so haben die Leute gar keine feste Vorstellung, was damit gemeint sei; an den schwäbischen Kreis erinnern sich nur noch Wenige, welche vor 1806 in die Schule gegangen sind, und der schwäbische Kreis im deutschen Reiche war selbst noch etwas ganz Anderes als Schwaben.

Reis't vom Fichtelgebirge hinüber bis Frankfurt, bis an den Rhein, und Ihr habt das alte Franken durchschritten; was wir auf der Landkarte unterhalb davon nennen, was aber eigentlich nach den Alpen hinauf sich hebt und oberhalb zu nennen wäre, das ist Schwaben bis nach der Schweiz und Tirol hinein. Davon mögt Ihr östlich ein kleines 292 Gebiet der wilden Baiern abziehn, und westlich den Rheinstrom entlang die schöne Rheinpfalz ausnehmen. Mit dieser letzteren Ausnahme ist aber schon große Vorsicht nöthig, der Schwarzwald und Odenwald, welche hier die Grenze bilden, sind keine strenge Trennung gewesen, der schwäbische Sprachton ist oft noch weit darüber hinaus gestiegen.

Der Name Schwaben und der Stamm dieses Volkes wird von den Sueven, den schweifenden, abgeleitet. Wenn man nicht in besondere Anrechnung bringt, daß heute noch aus diesen Gegenden Viel nach Amerika auswandert, so ist nicht viel Schweifendes von den Ahnherrn übrig geblieben, das Volk hat sich im Gegentheile sehr festgeklammert an alten Boden und alte Sitte. Man rühmt den Sueven aber auch nach, daß sie großen Respekt vor dem weiblichen Geschlechte im Herzen und Betragen gehegt hätten, und die Freunde der Analogie behaupten, der Schwabe sei deßhalb heute noch sehr blöde, und die Keuschheit würde nicht nur gelehrt, sondern geerbt. Es giebt nichts Keuscheres als die 293 schwäbischen Dichter, sie leben und dichten von der Ahnung eines Kusses, es ist möglich, daß ihr Hauptdichter Uhland niemals geküßt hat, und eben darum ein so guter Dichter geworden ist; denn der Genuß ist bekanntlich für den Menschen sehr angenehm, aber der Dichter gedeiht in der Entbehrung, man besingt viel besser was man wünscht, als was man besitzt. Gustav Schwab wäre viel größer geworden, wenn er nicht dick geworden wäre.

Ueber diesen suevischen Grundstamm ergossen sich später die Allemannen; sie sind der eigentliche Lebensstamm Süddeutschlands; der alte Suevenrest, noch heute der Kern von Schwaben, drückte sich fest zwischen dem Schwarzwalde und der rauhen Alp.

Das Land im Großen hieß Allemannien und gehörte zum mächtigen Frankenreich. Dann zerspaltete es sich in einzelne Herrschaften, die als Lehen zum deutschen Reiche gehörten, und mit dem Anfange des zwölften Jahrhunderts erst in eine vorzügliche Bedeutung heraustraten. Da nämlich war auf jener Burg, welche am nordöstlichen Winkel der rauhen 294 Alp liegt, ein großes Fest, der Herr von Hohenstaufen war von Kaiser Heinrich zum erblichen Herzoge von Schwaben ernannt, weil er ihm treulich beigestanden hatte gegen den Gegenkönig Rudolph von Schwaben. Es gab harte Kämpfe, Allemannien zerfiel, die Zähringer, welche noch heute in Baden regieren, nahmen für sich die Distrikte nach der Schweiz und nach Burgund hin, Welf sonderte sich Baiern ab, und die Hohenstaufen wurden Herzoge von Schwaben.

Hier auf dem Staufenberge begann, wogte, sang und turnirte von nun an das eigentlich blühende deutsche Mittelalter, was jetzt im Kloster Lorch, der Hohenstaufengruft, begraben liegt, die Zeit der Minnesänger, die Zeit der Ghibellinen. Der Mittelpunkt war Schwaben, und die Folgen davon sind noch heute der Mittelpunkt Süddeutschlands. Die Ghibellinen nämlich waren die Blüthe und der Tod des Mittelalters, sie kämpften auf den Tod gegen Adel und Kirche, die Souverainetät war ihr Ziel, deßhalb hoben sie den Bürger, schufen die Schaaren von 295 Reichsstädten, von kleinen Bürgermächten, und an dieser Schaar ist Süddeutschland als große öffentliche Macht zerknickt worden.

Hier von der schwäbischen Alp aus wurden die Herrscher versendet, welche heut noch regieren: Welf von Baiern war besiegt, und die Hohenstaufen setzten das Haus Wittelsbach ein, die Grafen von Würtemberg hatten treu zu den Ghibellinen gehalten, sie wurden vergrößert, der Graf von Zollern ward zum Burggrafen von Nürnberg gemacht, Rudolph von Habsburg zum Ritter geschlagen, kurz, die Herrschaften Baiern, Würtemberg, Preußen, Oesterreich wurden vorbereitet; jetzt sind sie mächtig, aber die Stauffenburg liegt in Trümmern, das Geschlecht der Ghibellinen ist vom Erdboden verschwunden, die großartigen schwäbischen Kaiser haben dem Schwabenlande nur ihre großen Anfänge und ihre Gebeine zurückgelassen. Daran hat sich das Land geklammert, statt selbst zu erfinden und zu schaffen, und so ist's gekommen, daß man heute das, was Schwaben heißt, antiquarisch zusammen suchen muß.

296 Ausführlich und gründlich ist dies historisch-politische Moment Süddeutschlands in dem bedeutenden Buche Gustav Schlesiers »deutsche Studien, I.« nachzulesen.

Eins bleibt ewig für uns zu beklagen, daß die sangesweiche allemannische Zeit so wenig Spuren in unsrer Sprache zurückgelassen hat. Unverbunden mit uns steht jener Minnekodex in der Bibliothek, Leute, welche selbst nicht singen können, plagen uns mit dem Generalbasse alter, deutscher Poesie, aber von den sammt- und seidnen Liedern des alten Schwabens, das heißt des alten Süddeutschlands, ist leider nur zu wenig in unsre Redeweise gerettet worden. Norddeutschland bemächtigte sich mit der Reformation unseres Ausdrucks, Luther erfand und siegelte das Deutsch, was wir noch heute reden, und solchergestalt ward das sächsische Idiom von den Harzabhängen souverain. Allerdings war der Schwabe Melanchthon neben ihm, aber er war doch fast nur in Bretten geboren, und übrigens in den klassischen Orten der Römer, Griechen und Hebräer erzogen, 297 und er war übrigens zu sanft. Wenn es an's Erobern geht, da bleiben die weichen Hände zurück.

Viele Leute wissen es gar nicht, wie wir zum täglichen Brote allemannische Endvokale und Wechselungen brauchen. Das Schicksal hat sie nicht für uns gewollt, Schwaben ist keine überwältigende Macht mehr geworden, die Eberhard, der Erlauchte und der im Barte, Friedrich, der selbst Napoleon trotzte, haben ein Würtemberg, ein Kompendium Schwabens gerettet, aber Süddeutschland war als herrschendes Reich nicht mehr zu retten. All unsere Vorzüge sind dort herrschend geblieben wie unsre Fehler, es ist heute noch eine Taschenausgabe des deutschen Reichs: man ist muthig, gesund, wohl versehen, man ist idealistisch im Großen, materiell im Kleinen, aber man hat keine Brücke zwischen Beidem, jeder Einzelne will herrschen, jeder kleine Stamm was Besseres sein, das Wort deutsches Vaterland ist sehr beliebt für Mittagessen und Trinkgelage, man hat große Worte und gute Herzen, aber die Sympathie, die Existenz, das wirklich lebende 298 Bewußtsein einer Provinz. Weil wir stets Provinzen waren, sind wir das Deutschland einer Landkarte geworden. Süddeutschland, weit reicher, ausgebildeter im Einzelnen, mannigfaltiger, hat uns diese Bestimmung als Siegel aufgedrückt; unsere politische Partikularität, unsere Klique stammt von dort; der Norden ist oberflächlicher aber umfassender, nach dem Weiten hin energischer. Wenn Deutschland nicht eben darin seine Bestimmung hat, die große Gedankenwerkstatt für Europa zu sein, und eben keine handelnde politische Bestimmung zu haben, so geht die eigentliche Macht und Herrschaft sicherlich einmal vom Norden aus. Er mag nicht so saftige, ausgearbeitete, genußfähige, gemüthsreiche Menschen haben als Süddeutschland, das sei zugegeben; dafür hat er schnellere, entschlossenere, und es kann sich einmal zutragen, daß der Süden mit einer Bürgermeisterwahl nicht fertig wird, wenn der Norden die Schlacht bereits schlägt.

Betrachtet das Terrain, wo doch durchschnittlich noch von der Leber herunter gesprochen und agirt 299 werden kann, die Dichtkunst in Versen, das, was Gustav Schwab Dichtkunst nennen würde: die Schwaben, gesegnet mit manchem glücklichen Talente, worüber wir uns mit ihnen freun, haben eine Bannmeile um sich gezogen, und Gustav Schwab, weil er blos eine Sylbe weniger ist als ganz Schwaben, hat sich zum Schwabenvogt gemacht gegen Alles, was im Norden den Frühling besingen will. Dieser wohlgenährte Gymnasialprofessor, welcher Uhland, den körnigen, quellfrischen Uhland so geläufig kopirt mit einem hübschen Provinztalente, dieser Herr Schwab ist der pruhstende Repräsentant alles dessen, was schwäbelt. Er verwaltet ganz im Stillen die deutsche Literatur in Stuttgart, und schützt sie vor zudringlichen Geistern; dabei befindet er sich sehr wohl, und trägt seinen Stern unter der Weste; auch die deutsche Literatur befindet sich sehr wohl, sie hat nichts zu thun als den Sonnenuntergang zu beschreiben und wie die Veilchen blühn, und wie Herr Eberhard im Barte über Land geritten sei Es ist die deutsche Literatur im schwäbischen Ausgedingstübchen.

300 Dieser schwäbische Ton ist uns, allen Ernstes gesprochen, lieb und werth, aber es ist ein Ton, eine Melodie; man will doch nicht das ganze Jahr den schönen, grünen Jungfernkranz hören, und die Bescheidenheit, welche durch die schwäbischen Verse in unsrer Dichtkunst dargestellt wird; die Bescheidenheit ist recht gut, aber man ist doch noch nicht besonders viel, wenn man bescheiden ist.

Herr Schwab hat vorigen Jahres mit dieser Bescheidenheit dem alten Chamisso erklärt, daß die Schwaben kein einziges Lied zum Musenalmanache geben würden, wenn Heine's Bildniß dahinein käme, und die Bescheidenheit hat Wort gehalten. Wenn der Herr Professor Schwab je erfahren sollten, daß der Dichter Heine außer einigen Maiblümlein an der rauhen Alp noch eine ganze, neue Welt für den kleinen Vers gewonnen und nicht blos mit ein wenig anders taktirten Noten eben so gesungen habe, wie von jeher gesungen worden ist, wenn sie das je erfahren sollten, dann wird die Bescheidenheit seines Liedes noch deutlicher zu sehen sein.

301 Indessen, man muß billig sein, die Armee der schwäbischen Verse, deren Profoß und Quartiermeister Gustav Schwab ist, ward am 4. Oktober 1831 von einem Wetterstrahle betroffen, welcher dem Profoß so unerwartet auf's Haupt gefallen ist, daß man nicht mehr sagen kann, die Aeußerungen desselben seien vom Jahre 1833 an ungestört. 1833 nämlich ward die Goethesche Kabinetsordre an Zelter bekannt, worin er sagte, es werde ihm beim Lesen der schwäbischen Schule armselig zu Muthe, und er enthalte sich solcher Büchlein, um sich vor deprimirenden Unpotenzen streng zu hüten. »Aus jener Region«, sagt er, »möchte wohl nichts Aufregendes, Tüchtiges, das Menschengeschick Bezwingendes hervorgehn. So will ich auch diese Produktion nicht schelten, aber nicht wieder hineinsehn. Wundersam ist es, wie sich die Herrlein einen gewissen sittig-religiös-poetischen Bettlermantel so geschickt umzuschlagen wissen, daß, wenn auch der Ellenbogen heraus guckt, man diesen Mangel für eine poetische Intention halten muß. Ich leg' es 302 bei der nächsten Sendung bei, damit ich es nur aus dem Hause schaffe.«

Einzelnes in diesem Worte ist sehr hart, und Goethe würde es wahrscheinlich anders gefaßt haben, wenn er es für die Oeffentlichkeit geschrieben hätte. Der Kampf gilt ja nur der Anmaaßung; dies Dichtungsleben, was eine nicht eben ungewöhnliche Anregung der Natur enthält, eine historisch-romantische Sehnsucht mit glücklichen weichen Worten ausdrückt, hat in diesem kleinen Kreise seinen Werth; Uhland besonders hat in diesem Kreise einzelne Lieder gemacht, so schön wie Goethes Lieder aus guter Zeit; aber haltet auch die Forderung in diesem Kreise. Dies Bergterassenthal Stuttgart, diese kleine Residenz mit ihren einzelnen, reizenden Vorzügen, mit ihren bescheidenen Laubhäusern und Baumgruppen, die mit Euch nach dem spröden, von Euch abgewendeten Neckar dürsten, diese große kleine Stadt, wo sich Alles kennt, wo der Fremde in einer Familie die Neugier und Forschung des ganzen Orts rege macht, diese Berge, welche in Eure Schlafzimmer steigen 303 mit Wald und Käfer, diese Markttage, welche alle Gestalten und Antheile Schwabens zusammenführen – das ist Eure Welt. Sie bringt Ihr uns in Euren Liedern, dies dunkle Schwaben, was aber nicht hinaus will, was allein Schwaben sein will mit der Sphäre des Gedankens, des Empfindens, jeglichen Anspruchs; in diesem Kleide müßt Ihr aber auch nur Geltung verlangen. Die große Welt der Kühnheit, der Entdeckung, sie liegt draußen von Euch, sie liebt Euch, sie achtet Euch, sie hofft auf Euch, auf den tiefen Born Eurer Bestimmung, auf die dichte Kraft Eures Kerns. Aber Ihr wohnt im kleinen Thale, Ihr seht das Nächste fest und schön, aber Ihr seht nicht weit, verlangt nun auch nicht das Unpassende, wollet nicht ein herrschender, tonangebender Leuchtthurm sein! Ihr seid es nicht, Ihr leuchtet romantisch violett-blau im Thale, darin liegt Eure Welt; Gutzkow hat Euch geärgert, aber er hat ganz Recht mit seinem Ausdrucke: es ist Weltschmerz für Euch, vom Spaziergange keine neuen Gleichnisse mitzubringen.

304 Wir wollen indeß nicht übertreiben, der dicke Held der Maikäfer-Klique, Gustav Schwab, hat nicht Alles unter der feisten Hand; Schott, ein sehr würdiger, achtungswerther Repräsentant hält ein Haus von anderen, wichtigeren Formen, und Paul Pfizer, ein feiner, scharfer und thatstarker Geist ragt allein wie König Saul einen Kopf hoch über alles Volk empor. Hier ist eine stolze, allgemeine Bildung, eine große, kühne Spekulation, er ist jetzt der einzige Schwabe, welcher den »Briefwechsel zweier Deutschen« schreiben kann. Es ist sehr zu beklagen, daß sich seine Kultur auf Parteistandpunkten gesammelt hat, und darum bei aller Größe einen sauren Beigeschmack behält, nicht sowohl schaffen als bessern will, und für die freie Goethesche Welt des nach außen geoffenbarten Lebens kein empfangendes, sondern nur ein geistreich mäkelndes Herz besitzt. Der puritanische Dampf schwäbischer Thäler hat auch diese stolze Brust genährt, und den Hauch derselben grau gefärbt; es ist auffallend, daß ganz Schwaben, auch in seinen geistreichsten, frischesten Männern die Freude 305 verfolgt, die Freude, welche rücksichtslos, Athem der Gottheit, rothe Farbe des Lebens ist. Jede wird nach ihrem moralischen Passe gefragt; die Moral in Ehren! aber sie ist die höhere Polizei der Bildung; die Poesie ist uns noch eine Rettung drüber hinaus, wo auch die höchste Polizei aufhört. Wo der Idealismus quält und unpraktisch ist, da habt Ihr ihn, wo er nöthig wäre für unsre kurze Ewigkeit, da verliert Ihr ihn – trauriges Schwabenthum! 306

 


 

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