Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Heinrich Laube >

Reisenovellen - Band 6

Heinrich Laube: Reisenovellen - Band 6 - Kapitel 13
Quellenangabe
typenovelette
booktitleReisenovellen - Band 6
authorHeinrich Laube
year1837
publisherVerlag von Heinrich Hoff
addressMannheim
titleReisenovellen - Band 6
pages370
created20120523
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Nell.

Der Schwarzwald ist wirklich ein schwarzer Wald; langsam und mählig erheben sich die Berge, links und rechts sieht man in dunkle tiefe Thäler, die umsäumt und umschattet sind von schwarzen Tannenwäldern. Es ist kein riesiges Gebirge, aber es fällt in tausend Gruppen ab, dunkler, frischer Friede liegt darüber, tief aus den einzelnen Schluchten lockt hier ein Thal und dort ein Grund mit grüner Matte und blinkendem Bächlein; wo die Bergwüste sich zu verwirren scheint, spaltet plötzlich ein lichter Abhang wie ein Sonnenstrahl die Wirrniß, und eine Hütte, wo hölzerne Uhren gemacht werden, wo zwei 264 Menschen von einer Kuh leben und von einer Ziege das ganze Jahr hindurch, tritt uns vor's Auge wie die lockende Bescheidenheit. Die alte Weltruhe lagert über den schwarzen Bergforsten der Tannenbüsche, der Raubvogel schwebt hoch hinweg nach der Ebene hin, um Nahrung zu suchen, und die Ebene selbst, welch ein reicher Rahmen ist sie dieses dunklen Waldgebirges! Die Pfalz blüht unten im Sonnenscheine, der Rhein blitzt herauf, der Straßburger Münster kündigt den Anfang des immer kreisenden, immer brausenden Frankreich, die blauen Vogesen schließen den Blick, lichte Farbe, Wechsel, Bewegung ist vor uns ausgebreitet, und das schwarze, schweigende Waldgebirg rings um uns her mahnt ernst und wie die Leidenschaftslosigkeit selber: träume von der stürmischen Welt der Abwechselung, des verzehrenden Wunsches, geh' hin, lasse Dich schleudern, gewinne, vergiß mich, oder kehre wieder, suche Trost in der Sammlung, ich ruhe fest Jahrhundert für Jahrhundert, ich bewahre die heilige Stille, nimm sie, verwirf sie, ich warte nicht, ich erschrecke nicht, ich 265 hoffe nicht, ich zweifle nicht. Wer im Schatten meines Tannenwaldes wohnt, hat wenig, aber er hat ein ruhig Herz, er hat keine überraschende Abwechselung, aber er hat den Frieden.

Habt Ihr nie von dem reinen Weine gekostet, welcher Unabhängigkeit benannt wird? Solch ein stilles Waldgebirge ist diese Unabhängigkeit; es ist dürftig, aber es bedarf keines Menschen; des Himmels Sonne und des Himmels Regen, sie mögen sparsam, sie mögen üppig kommen, gewährt so viel, als der schwarze Winterbaum bedarf, als der Grashalm und das Kraut zum Gedeihen erheischt. Und in seiner Dürftigkeit kann er mittheilen dem bescheidenen Wunsche: sein trockener Ast wärmt den Frierenden, sein Gras nährt das Hausthier, ja in der Sommerzeit bietet er den Luxus sogar, nicht blos den kühlen Trunk, auch die frische Waldbeere hat er zum Verschenken.

Es ritt einst ein finster aussehender Mann diese Berge herauf, und blickte rückwärts und seitwärts, rückwärts in die schimmernde Ebene, seitwärts in 266 die schwarzen Gründe. Sein Haar war ergraut, Kummer beugte den stolzen Leib, Gram saß auf der Lippe; aber wenn er mühsam einen tief versteckten Grund entdeckte, da trat ein Ausdruck auf sein Antlitz, welcher noch eine entfernte Aehnlichkeit mit der freudigen Ueberraschung unbefangener Menschen hatte. Er hielt sein Thier an, und wartete auf ein zweites, welches sein Diener ritt. Tom, dieser Diener, hatte ein kleines Mädchen von sechs Jahren vor sich auf dem Sattel, das Mädchen schwatzte, und war guter Dinge, und rief dem Vater zu: Papa, laß uns da hinunter reiten, dort gras't eine schöne scheckige Kuh!

Das wollen wir, Nell, sprach der Vater, dort unten ist Ruhe.

Der Mann glaubte, viel Unglück gehabt zu haben und wollte der Welt entfliehn. Er war reich und vornehm von Hause aus, und hatte seit seiner Mannesjugend ein schönes Mädchen geliebt; das Mädchen war aber niedrigen Standes und die Eltern des jungen Mannes willigten nicht in diese Verbindung. 267 Er war ein guter Sohn, und gehorchte, und da die Eltern lange lebten, so war er beinahe vierzig Jahr alt geworden, eh' er seine Geliebte heurathen konnte. Bis dahin hatte er auf das Glück gewartet, und nichts in der Welt schön gefunden als seine verweigerte Braut; jetzt war das Glück da, aber es fand ihn nicht. Seine Frau war eigensinnig und verdrießlich, und sagte, er sorge nicht genug für Abwechselung und Vergnügen, das Leben sei langweilig. Darunter litt Edward dergestalt, daß er glaubte, es würde eine ganze, steinerne Welt auf seinem Herzen zerschlagen; als seine Frau eines Abends auf den Ball fuhr, nahm er Nell, sein einziges Töchterlein, und Tom seinen treuen Diener, und ging mit diesen in die weite Welt, um einen stillen Platz zu suchen, wo man nicht von Menschen gestört würde.

In einem verborgenen Thale des Schwarzwaldes glaubte er ihn zu finden. Er kaufte von den armen Leuten die Hütte, die Kühe, die Ziegen, nahm ihnen das heilige Versprechen ab, niemals von ihrer alten 268 Heimath zu reden, niemals sie wieder aufzusuchen, und begann sein stilles verborgenes Leben. Tom murrte Anfangs gegen das Kühemelken, aber er fand sich. Nell wuchs auf.

Edward war nicht so radikal feindlich gegen die Welt, als es für den ersten Anblick scheinen mag; die schwarzen Wasser der Trübsal gingen ihm tief über die Seele, aber er meinte, das Unglück rühre nur von den Verboten der Welt her. Weil Dies und Jenes verboten ist, darum richten wir um so stärker unsere Kraft, unsern Wunsch darauf, solcherweise sind unsre meisten Wünsche nicht mehr ächt, sondern sie sind Kaprice, wir lieben und hassen die Dinge, die Menschen nicht, weil sie schön oder häßlich sind, sondern weil sie in diesem oder jenem Verhältnisse zu uns stehn, weil sie uns erlaubt oder verboten sind. Damit vernichten wir unsre wirkliche Freude; das Erlaubte, weil es uns mit offnen Armen entgegen kommt, wird wenig beachtet, das Verbotene wird überschätzt.

269 Nells Erziehung ward also darauf begründet, daß ihr Alles erlaubt sei – so wird sie, meinte Edward, ein wirklich unbefangenes Wesen, und sie wird rein und lauter erfahren, was ihr wirklich gefällt. Was uns aber wirklich gefällt, das ist auch wirkliches Glück, darin besteht die Harmonie der Weltgesetze. –

Es waren zehn Jahre vergangen, Nell war schön und lustig wie ein Waldvogel. Sie fragte jetzt öfter Edward oder Tom, ob die Männer alle weiße Haare hätten und Runzeln, ob man nicht auch deren finden könnte, die schwarze hätten wie sie und eine glatte Haut. Um diese Zeit verirrte sich ein Wanderer in Edwards Thal, und klopfte eines Abends an die Hütte. Man erschrack sehr; es war ein kräftiger Mann, der eine Fußreise durch die Gebirge machte, um eine Hypochondrie zu heilen, die ihn plagte. Er war in den Jahren, welche man die besten nennt, weil man nichts besseres von ihnen zu sagen weiß, übrigens von ganz leidlichem Aussehn und von genügend lebendiger Art, da die 270 Reise gut angeschlagen hatte. Nell sagte, er gefiele ihr, und sie möchte, daß er da bliebe.

Das System Edward's schien dieser Verlegenheit nicht zu erliegen, da der Fremde, Herr Walther, auch Edwards Beifall gewann und um die Hand der schönen Nell anhielt.

Ich kann nichts dawider haben, sprach Edward, und will noch eine Kuh anschaffen, wenn Sie bei uns bleiben.

Er blieb; Edward war religiös, und die Hochzeit mußte vom Priester gesegnet sein. Zu dem Ende begab man sich nach der Ebene, wo die nächste Kirche zu finden war. Nell sah hier lauter Neues, Menschen, Häuser, Wagen, sie fand das hübscher als die Einsamkeit, man mußte bleiben. Walther erzählte seiner jungen Frau von Paris, sie fand die Beschreibung lockend, und sagte: Laß uns nach Paris reisen. Der alte Edward wurde inkonsequent und wollte Nein sagen, Nell begriff nicht, wie er Nein sagen könne, und er mußte sich fügen.

271 In Paris sagte sie Walther gleich in den ersten Tagen, daß ihr Dieser und Jener besser gefalle als er, und da Walther mißmuthig wurde, erklärte sie, daß er ihr gar nicht mehr gefiele, und sie durchaus einen andern Mann haben wolle.

Edward war in Verzweiflung; er sah mit Schrecken ein, daß sich das Leben nicht lehren lasse, daß die Welt eine unergründliche Macht sei, vor der man auf Flügeln der Morgenröthe, in's fernste Thal nicht entfliehen könne, er sah mit Schrecken ein, daß nichts den Kampf so gefährlich mache, als wenn man vor ihm fliehe, daß Liebe, Glück und Schicksal eben die ewigen Gedanken der Welt seien, deren kein Mensch sich bemächtigen könne.

Ferner: ich habe das Uebel viel ärger gemacht, sagte er, jede Zeit, jede Welt hat gerade da ihren sichersten Schutz, wo sie am meisten braus't und siedet, da sind all ihre schärfsten Gesetze am klarsten ausgedrückt, da rüstet man sich am besten. Das Gedräng von Paris, nicht die Einsamkeit des 272 Schwarzwaldes waffnet gegen die Welt; verkriechen mag sich das schwache furchtsame Alter, das für immer zerbrochne Herz hinter Berge und Felsen; aber was leben will, muß seine Weisheit im Leben suchen, es wird keine Erfahrung gelehrt, sie wird nur gemacht.

O Tom, was haben wir angerichtet! Wußtest Du nicht von der Jagd her, daß man dicht an der Büchsenmündung viel sichrer ist, als entfernt davon? da sind nur wenig Punkte, wo sie treffen kann, ein ganz kleiner Kreis, aber je weiter Du gehst, desto größer wird der Umkreis, wo dich die Kugel findet.

Unabsehbar schienen in der ersten Zeit die Unschicklichkeiten, deren Nell mit ihrer Erziehung und dem Grundprinzipe ihres Vaters ausgesetzr war, mit dem Prinzipe, zu thun, was ihr gefiele. Die baare Revolution liegt eben darin, die allgemein angenommene Form dem eigenen Geschmack unterzuordnen, die Begriffe, Bildung und Sitte werden dadurch vernichtet, das stets überraschende Geheimniß 273 liegt darin, daß alles Neue zuerst unsittlich erscheinen muß. Wenn sich das aber an einem Mädchen offenbaren will, so nennt man das Skandal.

Nell hatte in Gesellschaft nicht Lust, auf dem Stuhle zu sitzen, sie setzte sich an die Erde, sie riß einer Dame die falschen Locken aus, und wischte ihr die Schminke ab; sie sagte dem einen Herrn, er habe ein unausstehlich garstiges Gesicht, dem anderen, er sei sehr schön; sie fing im Theater, wo Alles todtenstill einer Tragödie zuhörte, plötzlich an, mit schmetternder Stimme ein Alpenlied zu singen, weil ihr das besser gefiel, als die Tragödie.

Der Vater sagte ihr, sie solle wieder mit nach dem Schwarzwalde zurückkehren, sie erwiederte aber: in meinem Leben nicht, es gefällt mir hier in Paris viel besser.

Wenn er sie zwingen wollte, so mußte er selbst auf das grausamste gegen sein eignes Erziehungsprinzip sündigen.

Unter all diesen hin und her springenden Neigungen bildete sich diejenige zu einem stattlichen 274 Franzosen, Namens Alfred, bis zur entschlossensten Leidenschaft auf. Alfred nahm auch großes Interesse an Nell, aber er war an die Liaison mit einer älteren Dame gefesselt, und diese Dame verstand es, ihn immer wieder festzuhalten, wenn er im Begriff war, Nell ausschließlich zu wählen. Sie wußte geschickt, Nell's Originalität, welche für den blasirten Pariser so viel Reizendes hatte, in's Lächerliche, Grelle, Unpassende zu kehren; der Franzose war Convenienzmann, er erschrack vor dem Fratzenbilde, was ihm die ältere Freundin ausmalte, sobald sie von der jüngeren sprach, er verließ Nell immer wieder, ward von Neuem durch ihre Schönheit und durch ihr mächtig zudringliches Naturell angezogen, und verließ sie von Neuem.

Nell war unter dem Namen Miß Walther bekannt; Walther selbst, durch ihr Betragen abgeschreckt, hatte sich völlig von ihr zurückgezogen, und war sehr bereit, Partei gegen sie zu nehmen, weil seine Rolle nicht ganz ohne Lächerlichkeit war, und weil man in unsrer Gesellschaft lieber Veranlassung 275 giebt, gehaßt, als verspottet zu werden. Er hörte von Alfreds älterer Geliebten, von diesem feindlichen Verhältnisse zu Nell, und machte dieser Dame seinen Besuch. Sie führte den Namen Miß Claren, und nahm ihn sehr freundlich auf. Man kam darin überein, die wilde Nell für verrückt zu erklären, besprach sich, das Gerücht auf die schnellste und geschickteste Weise auszustreun, und hielt es zunächst für angemessen, daß Walther sich achselzuckend dazu verhalte.

In der modernen Gesellschaft sind die Gerüchte das geworden, was einst in der italienischen Gesellschaft die Gifte waren, sie wirken oft eben so gut, und man hat den Vortheil, deshalb mit keiner Obrigkeit in Mißverhältnisse zu kommen. Wäre man nicht über die sogenannten Gewissensbisse hinaus, so haben die Gerüchte, welche man zum Nachtheil Anderer erfindet, auch dafür ihr Gegenmittel in sich: sie bekommen nämlich in der Umwälzung durch tausend Zungen und Hände eine so veränderte Gestalt, sie betheiligen die verleumdete Person immer 276 selbst so weit mit der Verleumdung, daß ein Theil des Gerüchtes wirklich wahr wird, kurz, der erste Lügner sieht am Ende Person und Sache so verändert und verwechselt, daß er selbst an seine Lüge glaubt, daß er meint, besser und schärfer gesehen zu haben als andere Leute, nicht gelogen, sondern nur geweckt und erkannt zu haben.

Es war eine große Gesellschaft, Nell war da, Miß Claren, Alfred und Walther. Das Gerücht von Nell's gestörtem Geiste war wie Staub schon längst in alle Ritze gedrungen; alle Welt wich ihr aus, ihre bizarren Manieren, die man noch vor acht Tagen interessant, originell, liebenswürdig gefunden hatte, galten jetzt allgemein für eine schreiende Bestätigung; man flüsterte, man zeigte, man ging aus dem Wege, man sprach von der Nothwendigkeit sichrer Vorkehrungen.

Nichts macht so leicht verrückt, als wenn man für verrückt gilt – die allgemeine Geltung ist ursprünglich das, was wir Vernunft nennen. Niemand wagt eigentlich den Glauben, oder Niemand 277 erträgt ihn doch, etwas allein zu wissen, etwas allein zu sein. Just eben das gilt uns für Verrücktheit, denn Alles in unsrer Anlage und in unserer Welt ist auf Gemeinschaftlichkeit berechnet.

Nell fühlte ihr Herz, ihr Gehirn von einem Schlage bedroht, als sie ihre völlig isolirte Stellung in dieser Gesellschaft inne ward, zitternd stand sie inmitten des Kreises – der Instinkt führte sie nach dem Sitze der Miß Claren hin. Diese aber, als sie dies sah, sprang vom Stuhle auf, und rief Alfred zu: schützen Sie mich, Graf, vor dieser verrückten Person.

Mit einem gellenden Schrei stürzte Nell zu Boden, das gefürchtete Wort war wirklich ausgesprochen. Man sollte glauben, die Bedeutung desselben könne für eine Schwarzwälderin, die außer der Gesellschaft und außer den geläufigen Begriffen der Gesellschaft aufgewachsen war, nicht so schlagend gewesen sein, aber man irrt sich darin. Die gegenseitige Anerkennung des gemeinsam menschlichen Verstandes ist unsre Lust des Verkehres, jeder 278 Zweifel, der dahin gerichtet ist, trifft bis in den abgelegensten Winkel, wo Menschen sind.

Miß Claren hatte auch wirklich, wie oben bereits angedeutet ist, nicht so viel Schuld, sie hatte Nell nach einiger Zeit zum ersten Male wieder gesehn, und es war doch nicht zu verkennen, daß sie sich wie eine verrückte Person aufführte, und von aller Welt wie eine verrückte Person behandelt wurde. Auch hatte Miß Claren nichts weiter gesagt, als eine gewöhnliche Redensart, die man ja öfters braucht, ohne geradezu eine wirkliche Verrücktheit bezeichnen zu wollen. Die größte Rechtfertigung lag ja aber offenbar darin, daß Nell von diesem flüchtigen Ausdrucke sogleich zu Boden geworfen wurde, der ganze Zunder der Verrücktheit mußte ja also offenbar aufgehäuft sein, Miß Claren hatte wirklich nicht so viel Schuld, es war offenbar in der Wahrheit nicht ganz richtig mit diesem Mädchen.

Fürchtet Ihr Euch nicht?

Edward lebte auch in Paris, so weit es irgend anging, einsam; man brachte ihm jetzt die 279 bewußtlose Tochter nach Hause, und sagte ihm, sie sei plötzlich wahnsinnig geworden. Wenn er sich näher unterrichten wolle, möge er bei Miß Claren anfragen, diese scharfsichtige Dame habe das Unglück heute in der Gesellschaft am ersten und deutlichsten entdeckt. Edward sah schweigend wie ein Grab der Botschaft und der Tochter in's Antlitz.

Als Nell zu sich kam, brach sie in konvulsivisch Weinen aus, streckte bittend die Hände nach Edward aus, und sprach: Bin ich denn wirklich verrückt, Vater? Ach, Vater, fürchte Dich nicht vor mir, ich thu Dir nichts zu Leide, ach Gott, und warum bin ich denn verrückt?

Edward suchte sie zu beruhigen. Du siehst, so böse sind die Menschen, warum sind wir nicht im Schwarzwalde geblieben?

Ach, Vater, wenn Du mich wieder mitnehmen wolltest, ich möchte noch heute wieder dahin zurück, aber Du wirst nicht mehr mit mir verkehren woll'n, ach, warum Vater ist's so geworden?

Mein Kind, welch thörichte Aeußerung!

280 Ja, ja thöricht, siehst Du, Alles ist jetzt bei mir thöricht, ach, warum? Und ist denn thöricht wirklich ganz so viel wie verrückt, Vater, lieber Vater!

Kind!

Edward machte Alles reisefertig; aber er mußte wissen, was vorgefallen sei, und ging, Miß Claren aufzusuchen. Er kannte sie nicht, nur ihren Namen hatte er zuweilen gehört. Unterwegs begegnete ihm Walther; auf Edwards Befragen zuckte er blos die Achseln, und lobte sehr den Entschluß, wieder nach dem Schwarzwalde zu reisen. Die Frage, ob er mitreisen wolle, fand er sonderbar, die Farce mit dem verrückten Mädchen habe ihm Aerger und Geld genug gekostet. Edward stieß ihn mit der Faust vor die Brust, daß er rückwärts an die Mauer taumelte, und ging weiter.

Am Hause der Miß Claren begegnete ihm Alfred – was ist mit meiner Tochter vorgefallen? Alfred wurde roth, und erwiderte, der Vater werde wohl den geistigen Zustand seines Kindes am besten selber kennen.

281 Edward stürmte die Treppe hinauf, Alfred, vielleicht unklar für Miß Claren fürchtend, folgte ihm. Ungemeldet schritt der graue Schwarzwälder bis in's Boudoir der Dame – beide schreien auf, Miß Claren und Edward.

Sie ist seine Frau aus England, sie ist die Mutter Nells, sie hat ihre eigene Tochter verrückt gemacht. Alfred weicht bestürzt aus dem Hause, um dessen Schwelle nie wieder zu betreten, Edward bringt sein Kind und seinen Tom eiligst zur Stadt hinaus, und fährt dem Schwarzwalde zu, was die Postpferde laufen können.


Sie saßen wieder im Schwarzwalde – auch Edward sah sein Kind jetzt mit mißtrauischen Augen an; die Anklage des Wahnsinns ist wie eine Verpestung der Luft, jeder Atom wird bedenklich, kein Mensch fühlt sich sicher. Er hatte das Mädchen in einer vorgefaßten, eignen Meinung erzogen, die ganze übrige Welt erzieht anders, konnte nicht der 282 Same des Irrthums schon in ihm selber gelegen sein, konnte er ihn nicht selbst im eignen Kinde genährt und gereift haben? Tom war todtenstill geworden, Edward bemerkte, daß der alte Diener ihm und Nell oft aufmerksam nachblickte, daß er nichts recht zu sagen wußte, wenn ihn Edward mit der Frage anging: sage Tom, ist die Welt nicht rasend?

Die Majorität ist durchweg die eigentliche Macht, wer sich von ihr absondert, ergiebt sich dem Zweifel, und jeder Zweifel rächt sich in gelegener Stunde.

Wer sich feindlich gegen das allgemeine Bewußtsein hinstellt, beginnt einen Kampf mit dem Universum, auch wenn er sich in die tiefste Einsamkeit flüchtet, und wenn auch seine Idee Segen erzeugen kann, er selbst geht rettungslos unter. Dies ist die alte Sage von den Titanen, sie unterlagen den Göttern, denn das allgemeine Bewußtsein einer Zeit ist die Gottheit dieser Zeit.

Wird dieser Kampf nur mit halbem Muthe unternommen, so entsteht der Separatismus, die 283 Philisterei, die Pedanterie – ein Beispiel davon ist diejenige Beschränktheit und Abgeschlossenheit, welche man die schwäbische nennt, welche eine kleine Gedankenwelt mit puritanischem Fanatismus versieht, welche das Neue in der Frechheit des Ganzen und Großen nicht anders auffassen kann, denn als eine Störung des mühsam Umzaunten, als eine Feindseligkeit, als eine Immoralität. Der Gesichtskreis ist durch die nahen Hügel eingeengt, das Genie, was stets feindlich auftritt, denn die neue Schöpfung ist ein Feind der alten, wird vom engen Gesichtspunkte aus verketzert; Schiller erschreckte zuerst die Schwaben am meisten, seine Landsleute, mußte fliehn, und ward erst anerkannt von ihnen, als er geläufig worden war; Hegel, der Schwabe, hat in Schwaben keinen Freund und die meisten Feinde; Goethe heißt im Schwäbischen heute noch so viel wie Immoralität; die Ernüchterung der Religion, welche sich vor dreihundert Jahren geltend machte, ist in den schwäbischen Hütten jetzt so weit, daß Bucerus zugestehn müßte, man ist nüchtern genug. Die 284 trocken feindliche Stellung gegen alles fortgreifend Moderne ist bei uns vorzüglich eine schwäbische, das Bischen Politik darf uns darüber nicht täuschen; ein Instinkt hatte Edward in diese Atmosphäre geleitet. Aber sie konnte ihm nichts mehr helfen, im Kampfe gegen Modernes hatte er selbst modern, das heißt mit neuen, eignen Mitteln spekulirt in der Erziehung seines Kindes, und dieser Widerspruch hatte sein Gebäude zertrümmert. Wie bei ihm kann einst in Schwaben eine heftige Katastrophe bevorstehn, um das Gleichgewicht mit der modernen Welt zu gewinnen.

Zunächst wirkte die Einsamkeit des Schwarzwaldes mit ihrer stillen, nachhaltigen Macht: die drei Menschen lebten sich in einige Ruhe hinein, Tom glaubte zwar, sein Herr und seines Herrn Tochter hätten ein Splitterchen im Kopfe, aber er wollte sie in der Krankheit nicht verlassen. Edward ist rasch älter geworden, ein wenig tiefsinnig, aber freundlich und sanft, nahe am Sterben. Er hat es aufgegeben, die Welt allein, aus einem einzelnen 285 Gedanken heraus bekämpfen zu wollen, er sagt zu seiner Tochter: Vergieb mir Kind, ich habe dich unglücklich gemacht, es ist nicht richtig mit uns Beiden, weil wir zur Welt nicht passen, und daran bin ich schuld. Nell weint oft in der Waldesstille heiße Thränen, sie sehnt sich, sie sehnt sich und glaubt sich verworfen, ihr Herz wimmert nach Liebe, die schwarzen Tannen rauschen sie aber stets wieder in ein weinendes Friedensgefühl.

Der Schwarzwald heilt langsam, aber er heilt.

Wenn ein tüchtiger Mann über den Kniebis reis't, und, von Baden heraufkommend, rechts in ein tiefes Thal steigt, den nächsten schwarzen Berg überklettert und wieder hinabsteigt, dann sieht er das weiße Mädchen am kleinen Bache sitzen; er kann ihr die Welt wieder geben. Edward ist gestorben, Tom ist müde, sie wächs't und blüht durch die Einsamkeit immer noch gesund weiter, sie schmachtet nach der großen Weltsonne, aber sie verschmachtet nicht, der Wald läßt sie nicht verschmachten. Er enthülle ihr den Irrthum Edwards, nehme sie an 286 sein Herz, trage sie hinaus in die Ebene, lehre sie die leichtesten Bedingungen, welche die Welt an den Einzelnen macht, sie wird sich finden, sie wird wieder lachen, den Wahnsinn von der flachen Hand blasen, sie wird mit der gesammelten Kraft einer Schwarzwaldseinsamkeit den Retter lieben, sie wird beglücken und beglückt sein. Das eine Wort hat das Unglück gemacht: die Absonderung, die Einsamkeit ist ein Labsal, ist eine Zuflucht, aber die gebärende, treibende Welt hat nicht Unrecht, und diese Welt ist die Macht.

Hat keiner von den Lesern den Muth, die Lust und das Zeug, sich aufzumachen, diese verzauberte Prinzessin des Schwarzwaldes zu lösen? Rechts vom Kniebis durch's Thal und über den Berg hinüber! Macht Euch auf! Wenn Ihr Liebe bringt, wird sie empfinden, daß sie nicht verworfen sei, denn Liebe rechtfertigt Alles. Macht Euch auf! 287

 


 

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.