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Reisenovellen - Band 6

Heinrich Laube: Reisenovellen - Band 6 - Kapitel 12
Quellenangabe
typenovelette
booktitleReisenovellen - Band 6
authorHeinrich Laube
year1837
publisherVerlag von Heinrich Hoff
addressMannheim
titleReisenovellen - Band 6
pages370
created20120523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Nibelungen.

Wie oft hört Ihr flüchtigen Leute, die Ihr Reisenovellen les't, von den Nibelungen reden, und Ihr wißt nicht recht, was das bedeute. Ich will's Euch erzählen; ich kenne sie, am Rhein sind sie zu Hause, auf der Ebene bei Worms haben Siegfried und Hagen ihre Rosse getummelt, der Rhein ist für alle deutsche Dichtung der Lebensstrom, hier hat sich auch das größte Epos geschürzt; das Nibelungenlied, das größte Lied nach der Iliade, die germanische Iliade, die mir theuer und werth ist trotz aller altdeutschen Grammatiker.

250 Ich stand im Rösselwalde oberhalb Rüdesheim, Streifregen flogen wie Pfeile über das Land, aber plötzlich barsten die Wolken, und der goldne Sonnenball fiel wie ein Schatz in den Rhein hinab, in's wirbelnde Binger Loch hinein. Dort hat auch der grimme Hagen – nicht Herr von Hagen, der altdeutsche Grammatiker, welcher nicht grimm ist, sondern gelehrt – dort hat er auch den Nibelungenschatz versenkt, und die Wirbel und Strudel des Stroms, die wilden Geister haben ihn bis heute beschützt. Wohl ein Jahrtausend lang heben die deutschen Poeten daran, und heben, aber der Nibelungenhort ist nicht mehr an's Tageslicht gekommen.

Der Blick springt gierig über das prächtige Land; da tauchte mir das alte Leben vor der Seele auf, wie die Burgunder hier geherrscht, wie Siegfried herangezogen, wie Alles gekommen sei.

Siegfried, der hörnerne oder gehörnte Siegfried, von welchem die Mähr auf allen Jahrmärkten zu haben ist, er reitet und ruht als Mittelpunkt des Nibelungenliedes: der Tag dieses Liedes ist 251 Siegfrieds frisches Heldenleben, sein Tod an der kühlen Quelle; die Nacht des Liedes ist seines Weibes Rache für den herben Tod.

Zwischen Cleve und Wesel, nicht weit vom Rheine, was man Niederland nennt, soll eine Stadt gelegen haben, die hieß Xanten. Von da zog Siegfried auf Abenteuer aus, kroch durch die Schluchten und das Dickicht des Rheinwaldes, und kam in's Hardtgebirge, dort bestand er sein Abiturientenexamen und erlegte den Drachen Fafner. Mit dessen Blute und Fette bestrich er seinen Leib, davon bekam er eine Hornhaut, die ihn unverwundbar machte. Ein Fehler wurde damals jedoch übersehn: zwischen den Schultern blieb ein unbestrichener Fleck übrig. Dafür kamen ein Paar Tropfen auf die Zunge, welche in der Geschwindigkeit eine Sprache lehrten, nach welcher die Dichter alle Frühjahre seufzen, und die keine Bonne lehrt, die Sprache der Vögel.

Fafner hatte wie jeder ordentliche Drache seinen Schatz, damit rüstete sich Siegfried stattlich aus, ritt hinab nach Worms an's Hoflager des Königs 252 Günther, richtete sich dort ein, erschlug nebenher allerlei Feinde des Burgunderkönigs mit seinem guten Schwerte Balmung und verkehrte in Frieden mit den Burgundischen Recken, mit Hagen, mit Volker, mit Dankwart und wie sie weiter heißen. König Günther hatte eine sehr schöne Schwester, Namens Chriemhilde, die gefiel Siegfried sehr, und Siegfried gefiel ihr ebenfalls; Günther versprach sie ihm zum Weibe, wenn Siegfried ihm erst die schöne gefährliche Brunhild zur Gattin verschafft hätte.

Hier treten nun nordische Sagenkreise ein, denn die Mährschaften zogen wie Sommerfäden von einem Lande in's andere und verwirrten sich; wenn die Völker ihren Frühling und Sommer hinter sich haben, dann spinnen sie aus ihrem Kern heraus die langen Liebesfäden. Die Einheit und Aechtheit war damals im Rösselwalde nicht eben mein Kummer. Ich fuhr mit den Burgundern den Rhein hinab, die Reise geht naiverweise gleich bis Island hinauf, was damals noch grün war, und wo die stolze Brunhild herrschte. Sie war ein glänzendes Mannweib, man 253 mußte sie erst im Kampfe besiegen, wenn man sie heurathen wollte. König Günther, der nicht der stärkste war, hielt sich an Siegfried, und Siegfried versprach ihm den besten Beistand. Er hatte beiläufig einen gewaltigen Zwerg zerwürgt, und von diesem ein Zaubermäntelchen errungen, welches die Tarnkappe heißt und die Eigenschaft besaß, unsichtbar zu machen. In dieser Tarnkappe ungesehen stand Siegfried neben Günther und rang für ihn, und rang auf's Beste, Brunhild ward besiegt, und alle Welt meinte, Günther habe das zu Stande gebracht.

Nun kommen wir zu den Nibelungen: ihr Stammland ist Norwegen; dorthin schiffte Siegfried, knebelte den Riesen der Nibelungenburg, und eben so den gefährlichen Zwerg Alberich. Dieser letztere war eine sehr wichtige Person; unter seiner direkten Obhut befand sich der Nibelungenschatz, welcher Nibelungenhort genannt wird. Alberich schwor einen entsetzlichen Eid, Land und Schatz dem Siegfried zuzuerkennen, dieser nahm viel Gold mit und tausend 254 wohlgewaffnete Nibelungenritter, damit holte er König Günther und Brunhilden ab, und es ging zur Hochzeit nach Worms. Die seinige mit der schönen Chriemhilde gelang denn auch auf's Beste, und sie waren am andern Morgen sehr vergnügt. Nicht so König Günther: Brunhild trug einen Zaubergürtel und Ring, ließ sich im Ehebett nicht überwältigen, und hing vielmehr ihren schwächeren Gatten einstweilen des Nachts über an einen Nagel. Dies schien Günther denn doch für die Folge nicht wünschenswerth und er vertraute sich Siegfried – es ist durchaus nicht gut, sich in fremden Ehezwist zu mischen; Siegfried aber war ein guter Narr, und sagte: lieber König, ich werde Dir in allen Ehren helfen. Er nahm also seine Tarnkappe, ging neben Günther in's Schlafzimmer, überwältigte Brunhild, nahm ihr Gürtel und Ring, und Günther, welcher bei seiner Gattin für den Sieger galt, konnte sich nun der schönen Brunhild freuen nach Herzenslust.

Aber diese Nacht hatte schwere Folgen, wie das Jeder gern glaubt, welcher eheliche Verhältnisse kennt: 255 Siegfried erzählte den Vorfall in der ersten Freude seiner jungen Frau Chriemhild, gab ihr den Gürtel, empfahl ihr natürlich Stillschweigen, wie das überflüssiger Weise jeder Mann thut, und die Sache war gut und schön. Er reis'te mit Chriemhild heim nach den Niederlanden, und lebte da an die zehen Jahre ganz heiter.

Brunhild hatte eigentlich doch zweierlei Verdruß gegen ihn auf dem Herzen: zuerst hatte sie ihn eigentlich geliebt, und wenn auch nicht leicht Jemand davon wußte, so vergiebt das eine Frau nicht leicht, umsonst etwas empfunden zu haben. Der abgebrochene Anfang einer Liebe ist der Anfang eines Hasses. Zweitens war sie sehr fürnehm, und sie verlangte, Siegfried und Chriemhilde sollten Dienstleute des burgundischen Hofes sein. Dies schien aber diesen überflüssig, es gab einiges böse Blut. Indessen, Brunhild war klug, und lud sie noch vor der Sonnenwende zum Besuche nach Worms. Sie versprachen zu kommen, und beschenkten die Boten reichlich, so daß diese viel Rühmens machten bei 256 der Heimkehr. Hagen sagte dazu: Wer den Hort der Nibelungen besitzt, der hat gut schenken! –

Sie kamen; man küßte sich, man gab Feste, die beiden Frauen standen auf dem Balkone und sahen zu, Chriemhild sagte, Siegfried sei doch der herrlichste, Brunhild erwiderte, eigentlich sei er doch ihr Dienstmann. Man weiß, daß die Frauen nichts auf dem Herzen behalten, sei's noch so süß, oder noch so bitter, sie lieben oder hassen, während die Männer gleichgültig sind, das heißt Keins von Beidem thun, und es kommt am meisten zum Ausbruch, wenn die Frauen zur Kirche, zum Tanze oder zu Bette gehn. Diesmal geschah's vor der Kirche: Jede wollte den Vortritt haben, und es ereignete sich eine Scene, welche Chriemhild damit schloß, daß sie Ring und Gürtel hervorzog, und der Andern bewies, Siegfried, nicht Günther habe sie bezwungen. Brunhild weinte bitterlich und blieb zurück, es kam böse Zeit. Hagen, der Siegfried nicht leiden konnte, weil er ihm überlegen war, sagte zu Brunhild, er wolle ihr helfen. Er verschaffte sich von Chriemhilden, 257 die ihn für den Freund ihres Gemahls hielt, das Geheimniß von Siegfriedens Leibe, und die Offenherzige erzählte ihm ausführlich, wie sie auf sein Gewand zwischen den Schultern, wo die Salbe fehle, ein heilig Zeichen von Seide genäht habe.

So kam es denn nun wie folgt: Man hielt eine Jagd im Odenwalde, Siegfried hatte sich einen lebendigen Bären gefangen und sich durstig erhitzt, Hagen aber hatte den Wein fälschlicherweise nach dem Spessart beschieden, so fehlte es am Trunke. Ich weiß eine Quelle in der Näh', sprach Hagen, legen wir unsre Rüstungen ab, und machen wir einen Wettlauf dahin.

Es war ein schöner, vom Wald umkränzter Anger, wo sie über den Klee dahin liefen zu einem Lindenbusche, in welchem der Brunnen quoll. Siegfried, der zuerst da war, wartete, bis der König getrunken, dann bückte er sich nach dem Wasser, und Hagen stach ihm den Speer tief zwischen die Schultern hinein. Er sank, hob sich zornig noch einmal und schlug mit der Faust den Uebelthäter zu 258 Boden, dann fiel er sterbend in die tiefen Waldblumen, über welche sein Blut hinrieselte. Siegfried war todt!

Solches ist geschehen, wo jetzt das Dorf Edigheim in der Nähe von Frankenthal liegt, und der Rhein selbst war so erschrocken darüber, daß er dem Flecke auswich, und einen neuen Weg einschlug; der Lindenbusch, wo Siegfried fiel, war damals auf der rechten Rheinseite, jetzt kam er auf die linke.

Hagen legte den todten Siegfried vor Chriemhildens Thür; am andern Morgen gab es ein schweres Weinen; der gehörnte Leib ward im Münster zu Worms bestattet; Chriemhilde aber weinte nicht blos Zorn, sondern auch Rache. Sie blieb indessen zu Worms, und vergab den Burgundern, nur Hagen nicht, auch den Nibelungenschatz ließ sie holen. Hagen stahl ihr den Schlüssel und raubte den Schatz, aber die Burgunder wollten ihn nicht, und er mußte ihn versenken, da wo der Rhein um die scharfe Ecke wirbelt, welche jetzt der Rösselberg heißt, und dem gegenüber Bingen liegt; er getraute sich zu, ihn 259 allein wiederzufinden. Denn Hagen war ein nüchterner, gewaltiger Mann, welcher mit dem griechischen Odysseus einige Aehnlichkeit hatte, und das Gold zu schätzen wußte, er hielt alle Träume und Mährchen für Fabeln, und war sehr vernünftig.

So kam mancher gelbe Sommer, Chriemhilde lebte in traurigem, schwarzem Wittwenstande, konnte Siegfried nicht verwinden und weinte viel. Es verlor aber im Hunnenlande an der Donau, was auf den Landkarten jetzt Ungarn heißt, der König seine Frau, wollte wieder freien und warb um Chriemhild. Dieser König hieß Etzel, und deshalb sagen die Leute, es sei der verschriene, gottlose Attila gewesen, obwohl er sich in dieser Geschichte immer sehr sanftmüthig aufführt. Vielleicht hat man die Könige der Hunnen alle Etzel genannt, wie die im Lande Aegypten alle Pharao hießen. Das mochten die Burgunder wohl besser wissen, und sie riethen Chriemhild zu der Heurath; diese entschloß sich auch, weil König Etzel sehr mächtig war, und weil sie immer noch Gedanken der Rache hatte. Sie ward also an der 260 Donau Königin, und lud die Burgunder ein, sie zu besuchen, ausdrücklich auch Herrn Hagen. Als sie denn auch abreiten wollten, sprach König Günthers Mutter, sie habe einen schlimmen Traum gehabt, daß alle Vögel im Burgunderlande todt von den Bäumen gestürzt wären. Hagen sprach dazu, dies sei dummes Zeug, und man ritt nach der Donau. Chriemhilde gab ihnen dort ein stattliches Gastmahl in zwei großen Sälen, und hatte viele tausend Spielleute bestellt, welche plötzlich eintraten, und mit Spießen und Schwertern grausam aufspielten, es begann eine große Noth. Die Burgunder sprangen von der Tafel auf, und wehrten sich, sie waren eiserne Recken. Der grimme Hagen erschlug sogleich Etzels Söhnlein, die Burgunder machten reine Bahn in ihrem Saale, und blieben Sieger. Aber König Etzel war nun auch unmuthig geworden, er schickte immer neue Tausende zum Kampfe hinauf; hei, sagt das Lied, wie da die blanken Schwerter flogen; Herr Volker, der Spielmann, mit seinem schweren Fiedelbogen fegte gefährlich an der 261 Thür; dieser Burgunde, der auch schön zu singen wußte, hat große Aehnlichkeit mit einem jetzigen Recken, der auch aus jenen Gegenden stammt und Uhland heißt; Herr Dankwart schrie und schlug hinter ihm; Herr Hagen mähte mitten im Saale; viele, viele Mütter hatten Leid von diesem Tage. Nun ließ Chriemhild den Saal anzünden, das war ein schwerer Kummer, sie litten sehr von der Hitze und tranken aus der Blutlache, welche den Boden bedeckte, zu diesem Unglück kam grau und weiß der Morgen herauf. Endlich entbot König Etzel den langen Dietrich von Bern, dieser schickte seinen alten Meister Hildebrand, mit Wolfhart und acht schweren Helden, die machten ein Ende bis auf Günther und Hagen, aber sie fielen auch alle bis auf Hildebrand, der entrann. Nun schnallte Dietrich selbst seine Rüstung um, nahm Hildebrand wieder mit, und begann zuerst den Kampf mit Hagen, wovon die Grundfesten des Hauses bebten, denn Hagen focht mit Balmung, dem Schwerte Siegfrieds. Endlich fiel Hagen, und ward gefesselt, darnach unterlag 262 auch Günther, und Dietrich übergab die Beiden der zornigen Chriemhild, verlangte aber, daß ihnen kein Leid mehr geschähe. Chriemhild hatte noch großen Zorn, sie forderte von Hagen den Nibelungenhort zurück, und da er sich dessen weigerte, wohl wissend, daß es ihm nichts helfen würde, ließ sie ihrem Bruder Günther den Kopf abschlagen, und hielt ihn vor Hagen's Augen, dann dachte sie stark ihres erschlagenen Siegfried, erraffte mit beiden Händen Balmung, sein gutes Schwert, und schlug Hagen zu Tode. Als dies der alte Hildebrand, Dietrichs Waffenmeister sah, sprang er hinzu, und hieb das wilde Weib in Stücke. Etzel und Dietrich, und alle Frauen und Völker weinten; dies war der Nibelungen Noth.

Starker Rhein, so starke Leidenschaften, so starke Menschen, so starke Mährschaften sind neben Dir aufgewachsen und gestürzt, und heut' wie zur Nibelungenzeit gehst Du rasch und grün und stolz vorüber, von Neuem weckend, von Neuem stürzend, ein ewiger Strom wie der Ganges. 263

 


 

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