Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Heinrich Laube >

Reisenovellen - Band 6

Heinrich Laube: Reisenovellen - Band 6 - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
booktitleReisenovellen - Band 6
authorHeinrich Laube
year1837
publisherVerlag von Heinrich Hoff
addressMannheim
titleReisenovellen - Band 6
pages370
created20120523
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

IV.
Süddeutschland.

Motto:
Farbenfröhlich, mannigfaltig,
Erbe von dem deutschen Reich,
Erbe freilich zwanzigfaltig,
Aber Erbe doch und reich.

Bis Frankfurt.

Wo ist Süddeutschland, wo fängt es an, wo hört es auf? Die Naturforscher sollten's doch wissen, wozu forschen sie sonst! und sie wissen's auch nicht. Ein Jahr soll'n ihre Versammlungen in Nord- das andre Jahr in Süddeutschland sein, und das macht ihnen alljährlich große Schwierigkeit. So kam man auf die feine Frage: wohin gehört Bonn? der Rhein klingt doch so süddeutsch, und Nassau ist so nahe, und doch liegt's fast mit Weimar, Dresden und Breslau unter einem Breitengrade. 's ist ein schlimmer neutraler Punkt – der Niederrhein sei Norddeutschland; ja, aber an welchem Baume beginnt 196 der Niederrhein? Die Nüancirung als abweichende vom eigentlich südlichen Deutschland ist gar nicht zu verkennen; die alten Sachsenlager, der Hauptstock alles Norddeutschen, ziehen sich am Niederrhein hinauf; jetzt sondert sich ein Dichterkreis, ein Niederrheinischer in scharfer Färbung ab, der nur etwas von dem weicheren süddeutschen Elemente, und sehr viel von der weitgreifenden norddeutschen Entschlossenheit in sich trägt. Gedenken wir der Jugendzeit Heine's in Düsseldorf, welche das Lied in seine Brust gepflanzt hat, so kann er für einen Fürsten dieses Kreises gelten; Freiligrath, der kühn schweifende, ist ein aktueller Heerführer desselben, Reinick, Hub, Schnezler, Landfehrmann, Simrock, Geib &c. fechten rüstig singend, der wilde Grabbe, Freiligrath's Freund, grenzt hieran, und die aus dem Norden eingewanderten und in Düsseldorf eingebürgerten Immermann und Uechtritz können dem Kreise beigezählt werden, wenn auch ihre Entfaltung weniger lokal und rheinländisch ist, und sie vielmehr wie Grabbe dem Allgemeinen zugewendet sind. Soll 197 die Düsseldorfer Malerschule mit ihren poetischen Talenten auch diesem Landeskreise vindicirt sein, so wächs't eine stattliche Tafelrunde am Niederrheine auf, welche eine vermittelnde Gemeinschaft zwischen Nord- und Süddeutschland ausmacht, von respektabelster Erscheinung.

Ein meklenburgischer Edelmann, der mit seinen Frölen Töchtern auf Reisen ging, führte selbige bis an's Thor von Nürnberg, dort steckt ein großer Nagel. – Nun seht, sprach er, hier fängt Süddeutschland an, und laßt mich jetzt mit Fragen in Ruhe.

Kurzweg und im engeren Sinne versteht man das alte Franken und Schwaben unter dem Worte Süddeutschland, was man in Schlesien und Sachsen nennt »draußen im Reiche«. Wenn der junge Bäckermeister das Aeußerste einer verwegenen Reise bezeichnen will, so bringt er einen Ulmer Pfeifenkopf hervor, und sagt: den hab ich draußen aus dem Reiche mitgebracht.

Diese Hauptunterscheidungen von Franken und Schwaben, von Süden und Norden sind so viel 198 tiefer gehend und schildernder, daß sie von den kleinen Herrschaftsbenennungen, von Nassau oder Hessen bei Rhein nie unterdrückt werden.

Nächst dem südlichen Niederrheine ist Schlesien stets in Verlegenheit, ob es zu Ober- oder Niederdeutschland zu zählen sei; sein sogenanntes Oberitalien reicht südlich bis über den Grad hinaus, unter welchem Mainz liegt, seine frühere, alte Vereinigung mit Oesterreich, die ihren Antheil dabei gehabt, daß die Sprache noch eine Schattirung von österreich'scher und oberdeutscher Farbe hat, und die vollen niederdeutschen Vokale und Doppelvokale ihr ganz fremd sind, die oberdeutsche bewegliche Rührigkeit und schnelle Rede unterstützen die Ansprüche auf oberdeutsche Verwandtschaft allerdings. So muß ich hierbei eines wunderlichen Kartenspiels einmal gedenken, was in Schlesien ganz zu Hause, und vielleicht vom Gefolge der spanischen Habsburger eingeführt worden ist, das einzig Spanische dieser Gegend, was in der schlesischen Mundart sich komisch genug ausnimmt. Die Karten nämlich sind noch 199 einmal so groß als die kouranten französischen oder deutschen, und heißen Bastankarten, vielleicht von ihrer Heimath aus dem Bastanthale, oder weil Bastan eine zierliche Knüttelgattung bedeutet, welche das Sinnbild einer der vier Farben ist, und gut oberdeutsch von den Schlesiern Baschtan ausgesprochen wird. Die andere Farbe zeigt blaue Schwerter und heißt Spade, Schpade genannt, die dritte hat das Abbild gelber Pfennige und heißt Denar, die vierte, Kuppe geheißen, spottet all meiner etymologischen Kombinationen. Das Aß wird Eß ausgesprochen, den König – Rey im Spanischen Re klingend, hat man dem nächsten natürlichen Begriffe angeschlossen, da das Jo el Rey unsern Bastanspielern unbekannt ist, und nennt ihn »das Reh«, die Mitte zwischen König und Bube ist ein Reiter, il cavallo, und heißt das Kavall, der Bube selbst, der Infant, heißt »das Fantel«.

Diese südlich-spanischen Spielereien, welche noch kein Historiker erklärt hat, bei Seite, wird wohl Schlesien wie der südliche Niederrhein sich dahin 200 bescheiden müssen, ein Uebergangspunkt zu sein, welcher in aller wesentlichen Entwickelung moderner Geschichte dem norddeutschen Verbande eingeordnet ist. Einzelne Ausdrücke und Formen kleiner Völkerschaften erinnern freilich mitunter an kluge Vögel, die eine Redensart im Schnabel weiter tragen über Berg und See wie ein Gerstenkorn: wie anders soll die Erscheinung gedeutet werden, daß sich an dem entferntesten Ostpunkte von Deutschland, in Schlesien, das französische il-y-a als deutsches »es hat« wiederfindet. Der Schlesier sagt nicht: »es gibt dies Jahr viel Aepfel«, sondern »es hat viel Aepfel«. In einer Schrift des bekannten Theologen aus dem Breisgau, des Prälaten Hug, ist mir dasselbe einmal aufgestoßen, und es wäre doch ein wunderlich Spiel, wenn dieser westliche Punkt, dicht an der französischen Grenze, und der östlichste, an der polnischen, das il-y-a aufgenommen hätten.

Für denjenigen, der sich um sonstige Unterscheidungen nicht kümmert, sei das ein Merkmal: Süddeutschland fängt da an, wo das Essen und 201 Trinken reichlich wird und die Kreuzer und Gulden wachsen.

An dem einen Ende Thüringens, hinter Eisenach, wendet der Postillion den Wagen direkt nach Süden, und zwischen den Hügelzweigen des Rhön- und Vogelgebirges steigt und fällt die Straße nach Fulda hinab. An den wohlgenährten Resten des alten Bisthums, das sonnenfreundlich in der Tiefe liegt, erkennt man, daß es dem Herzen des deutschen Reiches entgegen geht. Hier ist Heinrich König, der bescheidene Romanschreiber, der Verfasser der »hohen Braut« und der »Waldenser« geboren. Dieser letzte Roman, anspruchslos und laubgrün wie das Frankenland, spielt auch hier in »Fuld«, wie's der bequemer werdende, verschluckende südlichere Accent ausspricht. Auf einer kleinen, weichen Höhe vor der Stadt liegt das Kloster, von wo Mergardis entführt wird.

Das Land fällt thalwärts ab nach Hanau und Frankfurt hin, in das Gebiet des Frankenflusses, des Mains, der breit und bequem in die Fläche 202 herabzieht. Bis man ihn erreicht, wo die Salmünster und ähnliche Flecken liegen, die vom französischen Worte sale ihre Geburt ableiten, und für welche noch keine rechte Fleckseife erfunden ist, schlottert das Land unsauber wie eine Eckensteherjacke, man reis't des Nachts allda am genußreichsten.

Vor Hanau irrt ein dünner, niedriger Wald umher, in welchem Wrede dem Napoleonischen Rückzuge von Leipzig entgegentreten wollte und auf die Seite geworfen wurde. Hanau selbst, in dessen Nähe dies geschah, ist ein kleines Kassel oder Berlin mit geraden hübschen Straßen, still und reinlich wie ein Schachbrett, und es kann alles Mögliche darin wohnen von Geist und Vortrefflichkeit, ich habe blos in die friedliche, zierliche Wohnung Heinrich Königs gesehen, der sich hier niedergelassen hat, und den ich in der beschaulichen Sonntagsstille überraschte. Ein sanfter, bescheidener, lieber Mann saß er am Fenster, die schweigende Straße betrachtend, einem neuen Romane nachsinnend. Frappante Störungen sind in Hanau wohl nicht häufig, und der 203 anmuthige Roman entwickelt sich gefällig, anspruchslos und ungestört. Carlos oder Posa sagen's schon einmal auf dem Theater, daß Philipp an denjenigen Unterthanen die besten verlöre, welche der Religion halber auswanderten. Solche Leute haben einen festen Kern, sei er süß oder sauer, denn sie haben ein starkes Interesse und sind das Opfer fähig – wo sie sich niederlassen, wird es durchgehends Ernst mit einer starken Existenz. Durch solche ist auch Hanau entstanden, der Emigrationstrieb ist in Fabriken übergegangen, welche hier ein einträgliches Dogma schnurren. Hanau versorgt halb Deutschland mit Ringen und Uhrketten, der Glaubensdrang ist in weltliche Bijouterie ausgeschlagen, man wird reich, man speis't von schwer beladenen Tischen, die Dame des Hauses hat Zeit und Lust ästhetisch zu sein und von Emancipation zu sprechen. Auch wachsen große gelbe Rüben in der Nähe.

Eine Stadt der Landhäuser erhebt sich von hier aus Frankfurt links und rechts, grüne, gesättigte Wohlhabenheit überall verkündend, Frankfurt, eine 204 geborne Hauptstadt des südwestlichen Deutschlands. Und das ist es nie geworden, ist immer ein Dilettant geblieben, dieser breite, fleischige Punkt des heiteren Frankenlandes, was vom Fichtelgebirge bis über die Ardennen und den Argonnerwald hinaus einst vom großen Frankenstamme bedeckt war, und seinen Namen und seine ursprüngliche Macht an die Franzosen verschenkt hat.

Ich glaube, ein reisiger Frankenkönig hat hier einst am Maine eine willkommene Furth für seine Schaaren entdeckt, und davon datirt die alte Frankenfurth, welche später das Krönungshaus der deutschen Kaiser wurde. Jetzt ist sie die wunderlichst gemischte Speise von alten, verdrießlichen, überbauten Gassen und neuweißen Straßen, von bürgerlicher Freiheit und Fürstenmacht, von Kaufmannschaft und Diplomatie. Wie eine silberne Fassung garniren und durchschneiden die »schöne Aussicht«, »die Millionairstraße« und »die Zeil« das aufeinander gehäufte Kupfer der übrigen Stadt, grün und lockend beschattet die mannigfaltige Promenade, das 205 Buschwerk der Landhäuser, der fern winkende blaue Taunuswald, das dürre, rechnende Kaufmannsherz, den prosaischen Spießbürger der Reichsstadt.

Siegend über Alles hinaus blühen die Gasthöfe in modernster Lockung; das Wirthshaus zu Frankfurt ist ein entschied'ner, reiner Charakter, Frankfurt ist die Universität der Kellner und der table d'hôte. Sein »Schwan«, sein »Hôtel d'Angleterre, Hôtel de Russie«, sein »Weidenbusch«, seine »Stadt Paris« sind Perlen von reinstem Wasser, man »logirt« hier ganz und gar, und alles Uebrige ist Nebensache.

Auch vom Alterthume dahier, vom »Römer«, wo die Kaiser gekrönt wurden, mache man sich keine imponirende, moosgrüne Vorstellung: wie sich im Durchschnitte das Reichsberühmte in den Städten unscheinbar beweis't, wie man, mit Ausnahme des Kirchlichen, all die Reichstagsplätze, welche mitunter einen stolzen Namen in der Geschichte tragen, klein und verschrumpft, namentlich in enge Straßen und Plätze versteckt findet, so geht's auch hier. Man 206 hat von der prächtigen Kaiserkrönung, von leibhaftig ganzem Ochsen gehört, den man auf dem Platze gebraten habe, und von ähnlicher Außerordentlichkeit – für einen ganzen Ochsen und alles Aehnliche ist Platz und Haus und Stil viel zu unbedeutend, und dies alte Rathhaus, der Römer, hat insofern keine Schuld an dem Aufwande seiner Berühmtheit.

Es ist mir hier wie in Regensburg und an manchem altdeutschen Orte ergangen: ich weiß immer nicht, wie die langen und breiten Recken zu Platze gekommen sind. Auch mögen wir wohl nicht genügend in Rechnung bringen, daß alle die mittelalterlichen Verhältnisse nirgends zu einer nur entfernt ähnlichen Massenkoncentrirung, wie sie in moderner Zeit herrscht, gekommen sind, daß Alles dünner gerieth, und durch die hundert selbstständigen Einzelnheiten, welche sich geltend machten, alle äußere Erscheinung sehr vereinzelt und geschwächt wurde.

Wenn man über die Mainbrücke, drüben durch Sachsenhausen nach einer von den kleinen Höhen geht, welche den Blick über Stadt und Fläche ein 207 wenig erleichtern, wenn auch nirgends ganz gewähren, so sieht man nach dieser und jener Richtung fern an den einschließenden Bergen die alten Thürme, welche einst Wartthürme Frankfurt's gewesen sind, und durch Feuer und sonstige Zeichen den nahenden Freund oder Feind für die Patrizier angekündigt haben. Das erinnert an die politische Stellung, und erinnert daran, daß dieser Raum mit seiner vortrefflichen Situation nie eine solche gefunden hat, wie sie berufen zu sein scheint; es ist ein Bürgerhaus geblieben für und für. Daß die Landstraßen von England und Holland nach Italien und Oesterreich, vom ganzen Norden nach Süddeutschland, der Schweiz, Italien und Frankreich hier sich kreuzen, daß dies Land dahier willkommene Arme nach den verschiedensten und reichsten Gebieten unsers Vaterlandes streckt, wozu ist diese unübertreffliche Situation ausgebeutet worden? Um mit ein Bischen Band, einem Fetzen Zeug vortheilhafter Handel zu treiben, als ein anderer Ort, das ist Alles.

208 Das Erbtheil der Franken, du glückliches Frankenfurth, jener leichtblutigen, spekulativen Franken, deren Hand reichte von der Maas bis an die Tiber, vom Rhonefluß bis an die Saale, nichts als die Elle und ein Stückchen Name hast Du davon behalten! Neid und Aerger und unfruchtbare Krittelei über alles mächtig Heraustretende in staatlichem Wesen unsers Vaterlandes ist genug von jeher in Dir erfunden worden, aber niemals die kleinste, eigene Schöpfung. Dergleichen Vorwürfe sind allerdings an die unbestimmte, blaue Atmosphäre eines Orts, eines Landes gemacht, die jedesmaligen Bewohner können rufen: Was tragen wir für Schuld? Sollen wir jetzt auf die Dächer springen und Spektakel machen, sollen wir vor Rothschild's Hause schreien »Holla, Frankfurt will spekulativ ein groß Interesse verfolgen?«

Nein, es soll Euch jetzt zu keiner Thorheit veranlassen: wer vom Vermögen und der Aussicht seiner Ahnen nur noch einige Kreuzer und einen kleinen Kram geerbt hat, der kann seine Karrière nicht mit 209 Extrapostpferden beginnen; aber er soll ein Verhältniß großer Ansprüche suchen, sein Verhältniß. Nirgends ist die Nörgelei gegen die größern Staaten Deutschlands mehr zu Hause als in Frankfurt, nicht aus Prinzipien, nicht aus eigner Spekulation nach Neuem und Großem, nein, aus Nörgelei. Wenn man aber die eigene Aussicht, sei's durch was es wolle, verloren hat, im Vaterlande einen weit greifenden Herrscherplatz einzunehmen, dann suche man die patriotische Bildung eben darin, Allem entgegenzukommen, was mit Kraft und Geschick großen Erfolgen im Vaterlande nachstrebt. Jener Geist der Stadtkliquen, der Ländchenkoterieen, er ist die gefährliche Philisterei unsers Vaterlandes, er hat von früh auf die Macht Deutschland's gebrochen, sie in die Schaar von Ohnmachten zersplittert, er ist, dieser Kleinpatriotismus ist das, um deßwillen mit gutem Rechte bei uns so viel gegen den Patriotismus gesagt worden, gegen den Patriotismus, wie er bei uns kursirt.

210 Dieser patriziale Patriotismus hat Frankfurt zur kleinen freien Reichsstadt eingesperrt, die thun muß, was Andere wollen; dies Frankfurt, was Goethe geboren, Bethmann besessen und so viel andere schöne Bildungsfiguren umschlossen hat und noch umschließt.

Es ist, als ob der Scherz mehr wäre als Scherz, daß die schön und üppig gelegenen Städte niemals mächtige Hauptstädte würden, oder daß das Reich verfiele, wenn sie es würden, eben so wie die schönsten Gegenden der Erde niemals die großen Dichter und Helden hervorbrächten. Nicht Neapel, das prächtige, sondern das weniger begünstigte Rom sei Herrscherin Italiens; das kahl gelegene Madrid Spaniens; nicht Lyon, nicht Bordeaux, die einfache Fläche von Paris habe Frankreich verbunden und beherrscht; Berlin, in der unergiebigsten Gegend, sei eine schaffende Hauptstadt; von dem Momente, wo der schönste Punkt Europens, Constantinopel, Hauptstadt geworden, sei das Reich abwärts gegangen, und in den verschiedensten Formen immer wieder gestürzt; die schöne Schweiz habe nie erobert, und 211 weder in Staat noch Literatur ein großes Reich gegründet; aus dem gegen Griechenland unscheinbaren Macedonien, aus den asiatischen Steppen, aus dem sterilen Korsika seien die Eroberer und großen Herrscher gekommen; in dem wenig verführerischen Landstriche von Mecca bis an's todte Meer seien die drei Religionen entstanden, die man in Europa für die besten hält: in der Wüste die jüdische, in der arabischen Einsamkeit der Islam, am Jordan das Christenthum, und man muß leider einräumen, daß das Christenthum noch die beste Gegend gehabt hat.

Ich erwähne München auf seiner dürren Hochfläche gar nicht, weil es noch jung ist; verschweige San Marino, was sehr besonders liegt und dennoch eine mächtige Republik geworden ist, und übergehe Treuenbrietzen, Gräfenhaynchen und Schkeuditz, welche in ihrer Lage alle ersinnliche Berechtigung haben, große Hauptstädte zu werden.

Die frühen, mächtigen Frankenherrscher scheinen es bestens mit diesem Frankfurt im Sinn gehabt zu haben: aus ihren Sitzen vom jetzt belgischen 212 Gebiete her errichteten sie zahlreiche Domainen um Frankfurt, gleichsam andeutend, wie wichtig ihnen die Position dieser Stadt erscheine, welche Zukunft sie hineinlegten. Sal hieß diesen salischen Franken die Domaine, und von jener grauen Zeit stammt der Salhof dieser Stadt, welcher bei den kaiserlichen Besuchen späterer Zeit so oft seine Rolle spielte. Man hat über dieses Beiwort »salisch« viele Untersuchungen angestellt: die eine Deutung ging dahin, das Wort Sal bedeute Erde, festes Binnenland, und, im Gegensatz zu dem am Meere wohnenden Frankenvolke, habe sich der andere Stamm den salischen genannt. Die neuere Erklärung aber sagt, der Fluß Yssel, an welchem dieser Volksstamm gewohnt, sei damals Sal benannt worden, und der Name rühre daher.

Dies ist den Frankfurtern gleichgültig, und auch von der respektirlichen Ansicht über die Weiber, welche den salischen Franken eigen war, ist just nichts Charakteristisches um den Salhof herum übrig geblieben: das salische Gesetz nämlich, welches von den 213 Ahnherrn Frankfurts abstammt, schließt bekannterweise jegliches Weib vom Throne aus; und man schießt und schlägt sich heutiges Tag's in Spanien noch unter dieser Firma todt, in Frankfurt aber ist die Herrschaft der Weiber oder die Weiberherrschaft keineswegs verboten.

Vielleicht ist indessen die salische Antipathie anderswie zum Vorschein gekommen, denn was einmal historische Ader geworden ist, das behält für ewige Zeit eine gewisse Existenz, wenn auch in unkennbarer, anderer Gestalt; nicht die kleinste Erfindung, sei's ein Gedanke oder eine Sitte kann wieder gänzlich verschwinden, dies ist der Baum unsrer Welt. Ein denkender Autor hat sich in diesem Sinne lange damit beschäftigt, wo die Stockprügel hingekommen seien, die noch vor kurzer Zeit so viel kultivirt wurden, und eines Abends, als ich in sein Zimmer trat, überraschte er mich mit der Lösung: die Stockprügel sind in die Examina gefahren, der examinirende Gerichtsrath und Konsistorialrath prügelt modern. So ist die salische Antipathie in 214 Frankfurt vielleicht eine jüdische geworden – wie viel die freien Reichsstädte in solchem Privathaß an Zähigkeit und Ausdauer im Allgemeinen leisten, ist hinlänglich bekannt; der kleine Staat, die kleine Stadt, der kleine, unergründliche Groll sind stets in treuer Kompagnie gewesen, und die »Judengasse« in Frankfurt, wo dies unglückliche Volk abgesperrt wurde als verpestet, ist aller Welt so bekannt wie der Galgen vor dem Thore, den noch kein Mensch für ein Belvedere angesehen hat.

Die Kaufmannsstädte haben sich in christlichem Judenhasse überall sehr hervorgethan; man wird versucht, an einen frühen Handwerksneid zu denken; sogar in dem zugänglichen, heiteren Leipzig ist noch heute keinem Juden der feste Wohnort gestattet. Im Allgemeinen sei übrigens noch bemerkt, daß man in diesen kaufmännischen Reichsstädten, und überall, wo der Handel ein wohlgepolstert Haus aufgeschlagen, auch in Amerika, wo man in den Sklaven noch bequemere Juden liebt und die Emancipation haßt, daß man in Hamburg, Lübeck, Bremen, Elberfeld, 215 Magdeburg noch am meisten darauf hält, was man Religion nennt. In Bremen ist die Berufung eines Predigers, seine Eigenschaft, seine Manier langer, steter Lebensstoff der Unterhaltung, Stoff der Journalkorrespondenz, und wenn auch nicht zur Unterhaltung für das leider verwöhnte Publikum, doch als sonstig gutes Zeichen den Journalredakteuren bekannt, denen so selten statt des Theaters die Kanzel geboten wird. Ich erinnere mich aus der Redaktionspraxis, daß mich die Briefe aus Bremen immer an's sechzehnte Jahrhundert gemahnten, wo man die Bugenhagen, Jonas, Amsdorf verschrieb, berief, und wo die Pfarrstellen das Hauptinteresse der Städte und Länder waren.

Die Frankfurter haben das Unglück gehabt, für dieses religiöse Moment den Juden gegenüber ein glücklich literarisches Talent aufzuziehen, was ihnen die Vaterstadt mit viel Kummer bezahlt hat, den Ludwig Börne, welcher die »Judengasse« öfter genannt und berühmter gemacht hat, als die christliche Bescheidenheit solch eines Etablissements verlangen 216 mochte. Man muß sie in Schutz nehmen, Frankfurt hat nie Institute angelegt und Polizeigesetze verordnet, um den Witz in der Literatur zu befördern, Börne ist niemals in ein Frankfurter Amt eingesellt und dessen entsetzt worden, damit er ein Schriftsteller, oder gar ein berühmter werde. Dies Zusammenwerfen der Frankfurter und Börneschen Politik ist eine Ungerechtigkeit; sie zu erklären muß ich zu den Chlodewigen zurückgehn, um kürzesten Weges auf den Nachfolger derselben, Napoleon, zu kommen, der das alte Augenmerk auf Frankfurt wieder aufnahm, und eine politische Stellung dafür einleitete, welche im großen Trubel jener Geschichtsrücke dem nördlichen und westlichen Publikum leicht entgeht, das nicht zum Reiche Frankfurt gehört hat.

Nach dem Lüneviller Frieden, im Anfange von 1801, ward das Rheinthal die Grenze zwischen Frankreich und Deutschland, die geistlichen Fürsten auf dem linken Ufer wurden säkularisirt; der Wichtigste von diesen, der Mainzer, sah sich auf die 217 Fürstenthümer Regensburg, Aschaffenburg und Wetzlar als Primas von Deutschland verpflanzt.

Aber das heilige römisch deutsche Reich erklärte officiell seinen Tod – dies ist derselbe Todesfall, den Görres, Arndt, Jahn, die Burschenschaft und der Oehlmüller Salomon später bezweifelt haben – der Rheinbund ward von Napoleon producirt, und bei dieser Gelegenheit machte er auch einige Jahre später, nämlich 1810, ein Reich Frankfurt, welches ein Großherzogthum genannt, und wozu die Fürstenthümer Hanau und Fulda, Aschaffenburg und Wetzlar geschlagen wurden.

Mit welch reicher Zukunft er diesen Ort und seine Situation bedachte, zeigt die Wahl des Nachfolgers, welchen er dem Großherzoge bestimmte; seinen sanften, so geliebten Stiefsohn Eugen Beauharnais traf diese Wahl. Der Großherzog selbst war ein Dalberg, aus dieser ersten Ritterfamilie Süddeutschlands. Bei allen munteren Zechgelagen wird dieser Name noch heute genannt, man ruft: »Ist kein Dalberg da!« und Viele mögen's nicht wissen, daß 218 sie eine alte Reichssitte unsers Vaterlandes in Erinnerung bringen und fortsetzen.

Die Dalberg nämlich waren von jeher so tadel- und makellose Reichsritter, daß bei jeder Kaiserkrönung der Herold vortreten und laut rufen mußte: »Ist kein Dalberg da?« Dann trat der anwesende Dalberg vor, und der neue Kaiser ertheilte ihm den ersten Ritterschlag als erstem Reichsritter. Die Dalberg waren unsre Connetables. Napoleon, welcher den Zauber solches Adels, solcher Auszeichnung wohl kannte, nahm den Ritterschlag der Dalberg als ein Recht der französischen Kaiserwürde in Beschlag.

Die französische Sitte also aus der letzten Zeit, wo alle Abende beim Zapfenstreiche der erste Grenadier Frankreichs Latour d'Auvergne citirt, und wodurch mancher Soldat zur Tapferkeit begeistert wurde, ist von uns entlehnt. Wie es einst in Frankfurt hieß »Ist kein Dalberg da?« so rief man zwischen die Trommeln des Zapfenstreichs: Latour d'Auvergne, où est il?

Il est mort au champ de l'honneur!

219 Frankfurt! Wo bist Du? Auf der Börse bei den Kursen, auf der Mainlust beim Schoppen, im Schwan zur Tafel, auf dem Museum, eine gemischte Vorlesung zu hören, oder gemischte Journale zu lesen. Dies Museum ist ein vortreffliches Institut der unterhaltenden Bildung.

Jetzt ist auch die Bildsäulenepidemie in Frankfurt eingebrochen, und man spricht von Modell und antikem oder modernem Kostüm, Gott segne den Geschmack! Jahrzehnde lang haben die Schriftsteller, um einen Vorwurf zu haben, über den man sich ungestraft erhitzen darf, gegen die Gleichgültigkeit und Undankbarkeit des Publikums gesprochen; es hieß ein Skandal, wie die großen Autoren und Dichter unbekränzt blieben. Das war bereits ein ewiges Thema, wie man zur Sommerszeit über die Hitze, zur Winterszeit über Kälte klagt, kein Mensch dachte an Erfolg. Nun haben wir eins dieser merkwürdigen Beispiele in der Naturgeschichte: so und so viel Schläge und Stöße sind nöthig gewesen auf einen tauben Fleck Erde, jeder Vorübergehende hat 220 in der Zerstreuung mit geschlagen, kein Mensch hat was erwartet, plötzlich ist ein dicker Quellstrom befreit gewesen, jetzt wissen wir kaum, was mit dem unerschöpflichen Denkmalwasser anzufangen sei, das Konversationslexikon wird steinern auf die Alleen gesetzt, die Chausseen werden mit Denkmal-Alleen bepflanzt: bald werden die Schriftsteller, denen der Stoff fehlt, dagegen schreiben.

Das ist die Welt, renne, wer rennen kann. Die Börse ist jetzt Weltseele, ich hoffe, die Bildsäulen auch mit der Dividende figuriren zu sehn, da es sich ja doch hierbei immer nur um ein imaginaires Kapital handelt.

Wenn mein Freund Gutzkow, welcher Frankfurter geworden ist, auch d'ran kommt, so bitte ich unvorgreiflich in einem Basrelief anzubringen, wie wir einander wiedererkennen an der Fahrgassenecke, wie ein beiderseitiges Gelächter der erste beiderseitige Ausdruck ist. Dieses Basrelief würde somit ein ganzes Stück deutscher Geschichte enthalten: man schwärmt für die Beglückung der Menschen, und 221 trachtet ungeduldig, an welchem Ende es zu fassen, und binnen 24 Stunden millionenfach zu vertheilen sei, man trennt sich, zerdrückt eine Thräne, und sagt »ich werde thun, was möglich ist.« Der nächste Weg führt in's Gefängniß, da hindurch reis't der Eine leider mit der Landkutsche sehr langsam und beschwerlich, der Andere später mit dem Dampfwagen; nun tritt das Schicksal auf, was geraden Wegs von Peter Schlemihl kommt, und bittet sich die Namen Beider aus, um sie tief in die Manteltasche zu vergraben, hier wird gerufen, dort wird gefragt, man kann nicht Antwort geben, man hat keine Namen mehr, man sagt Dies, man sagt Jenes, wer hat's gesagt, wer spricht? tiefes Schweigen, der Name steckt in der Manteltasche. Und dabei geht die Welt im Galopp, Niemand weiß recht wohin, wenigstens sagt es Niemand, man wird fortgerissen, und begegnet sich plötzlich zu Frankfurt in der Fahrgasse. Was thut man zuerst? Man lacht – ist das nicht ein moderner Roman? Noch vor zwanzig Jahren hätte man sich tragisch umarmt 222 und viel Pantomime verschwendet und halbe Ausrufungen.

Frankfurt! hast Du diese Aenderung, überhaupt eine Wandelung in der Welt gefördert? einen Fortschritt gezeigt, unterstützt? Ein Reich, eine Stadt, eine Gemeinde sollte sich oft wie einer Person solche Katechismusfrage vorlegen, sich selbst richten, spornen oder zügeln, vor allen Dingen nach einem Beweise suchen, ob man etwas Eigenes, Tüchtiges gethan oder nur gewollt habe. Dahin geht eben die Klage gegen Handelsstädte, daß sie nicht nach einem Dritten, einem außerhalb Liegenden, einem höher Gewonnenen fragen, daß sie sich mit der Frage begnügen: Was haben wir profitirt? 223

 


 

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.