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Reisenovellen - Band 2

Heinrich Laube: Reisenovellen - Band 2 - Kapitel 9
Quellenangabe
typenovelette
booktitleReisenovellen - Band 2
authorHeinrich Laube
year1834
publisherVerlag von Otto Wigand
addressLeipzig
titleReisenovellen - Band 2
pages550
created20120503
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Tyrol.

Es war eine recht kindische Freude, die ich empfand, als der Postwagen in's Tyroler Thal hineinfuhr: ich glaubte, noch einmal in ein Stück meiner Kindheit selbst hinein zu rollen, und ich sang wie ich als Bube gesungen hatte: Io, io, Tyroler machen's so! Die Tyroler hatten mich nämlich in früher Jugend beispiellos amüsirt, sie gingen immer in Sonntagskleidern, sie waren immer lustig, sie sagten zu allen Leuten »Du,« sie trugen grüne Hüte und wunderschöne Hosenträger, sie hatten sammtne Jacken, und Blumen und Bänder flatterten an ihnen, und mein Vater sagte mir, daß sie alle mit ihrem kurzen Stutz vortrefflich schießen könnten. Ich dachte, das Land, wo solche Leute wohnen, muß gar zu charmant sein, da ist gewiß alle Tage Sonntag, und die Leute haben gar nichts zu thun, sie verkaufen bloß einander ihre bunten Decken, denn Müßiggang schien mir 110 eine Hauptsache für's Wohlbefinden zu sein. Und in Tyrol dacht' ich, da ist's immer grün und warm, und Jeder kann wunderschön singen, und Jedermann lacht und klug sind sie alle, denn sie haben alle so große, klare, frische Augen. Aber entsetzlich weit dacht' ich mir das Land, weit drunten hinter Spanien, und das war eben so schön, daß es weit entfernt lag.

Ich habe viel Jugendirrthümer berichtigen müssen im Lande Tyrol, aber meine Freude ist mir nicht genommen worden, dies merkwürdige Ländchen hat mir gefallen vom Anfang bis zu Ende. Es hat ein klares, zweifelloses Gesicht, nicht so viel Klugheit, als ich erwartet hatte, aber einen Charakter ganz und gar. Das ganze Land ist ein Mensch, das ist ein wenig langweilig, aber sicher und behaglich.

Wenn man das Wort Tyrol hört, so muß man an lange schmale Thäler denken, die sich kaum auf einige Stunden Breite erweitern, sehr oft aber zur Schmale eines Gebirgspasses verengen. Ganz Tyrol besteht aus drei Hauptthälern, und ist nicht viel größer als die Hälfte der Schweiz. Das Hauptthal läuft von Norden nach Süden in die Lombardei hinein, und ist der letzte Träger des teutschen Dialekts, der dort dem südlichsten Tyroler, dem teutschen Welschen ausgeliefert wird, welcher ein schlechtes Italienisch spricht. Botzen ist sein Mittelpunkt.

111 Dies Hauptthal senkt sich jenseits des Brenners bis Roveredo und den Garda hinab. Die andern beiden laufen von Westen nach Osten, das Etschthal jenseits der Berge, das Innthal diesseits. Außer diesen giebt es freilich noch mehrere kleinere Thäler, wie das Ziller-, das Puster-Thal und andere, sie münden aber alle als Nebenflüsse in diese Hauptströme. Das ganze übrige Land ist steinernes Urgebirge, ein hoher Alpenrücken, nur für Gemsen, Adler und Jäger zugänglich.

Wir fuhren in's Innthal hinein, das sich von Ost nach West über Innsbruck hinaufschlängelt bis Graubündten. Entschlossenheit, Entschiedenheit der Natur trat uns auf beiden Seiten des Weges in stolzen Felsen entgegen, die ihre nackten magern Arme zum Himmel emporstreckten, als forderten sie ihn fragend heraus, warum hast du die Welt nicht weicher und schöner gemacht, da du doch sonst so viel Talent an den Tag gelegt hast, warum Krankheiten und Unfruchtbarkeit und Tugenden aus Unterlassung, warum der am glücklichsten, der am wenigsten thut.

Und da sah ich sie wieder, die bunten Tyroler meiner Jugend mit der melancholischen Heiterkeit, dem Abglanz ihres Landes. Kühn sind die Felsen, aber arm, golden und weich ist der Sonnenschein, aber das Land ist hoch, er wärmt wenig, der Boden ist hart, er zeitigt wenig. Es ist ein armes Land 112 dies Nordtyrol, kärglich sproßt ein wenig Getraide, aus dem Süden haben sie sich eine demokratische Frucht, den Mais, holen müssen, um sich zu sättigen. Nicht einmal die Schweizer Triften und Matten sind ihnen gewährt, die Berge sind steinig und harter, unersprießlicher Laune, auch die Viehzucht findet keine Nahrung. Das Alles steht von den Urältervätern her auf den Tyroler Gesichtern, sie sind von Haus ein Volk mit gesunder Leber und Milz, sie lächeln aus der Armuth heraus, aber die Armuth lächelt mit, sie sind ein saubres Volk. Es ist unbegreiflich, woher sie ihre hübschen Hüte, ihre glatten Jacken, ihre zierlichen Hosenträger nehmen. Sie sind ordentlich und doch keine Philister, sind munter und doch nicht leichtsinnig, sind beschränkt und doch nicht dumm, listig und doch nicht falsch, stolz und doch nicht übermüthig, ernst und doch nicht traurig, vorsichtig und doch voll Muth – sie sind unverfälschte Kinder ihrer klaren, scharf abgegrenzten Berge, sie haben ihr Land getroffen ganz und gar.

Man darf sich unter solchen Natur- und Lebensumständen auch nicht wundern, daß die sanftere Form und Schönheit des Weibes nicht gedeiht – dafür sind Berge und innere Verhältnisse zu rauh. Die Tyrolerinnen sind gar nicht hübsch; das wissen sie wohl am Ende auch, und das hat sie eingeschüchtert, denn auch ihr Geschmack ist mißrathen. Sie 113 kleiden sich völlig unschön, verstopfen den Leib hinter dicke Ladungen wollener Röcke, und tragen Hüte wie die Männer. Wenn man bloß Köpfe sieht, so kann man oft die Geschlechter nicht unterscheiden. Das rauhe unsanfte Bergleben hat auch die weiblichen Züge hart gemacht.

Alle diese Nachtheile kommen aber den Männern zu Gute. Ihre Gesichter sind gestählt und gesättigt mit frischer, scharfer Bergluft, aus den Augen springen die wetterscharfen Berge, von Wange und Lippe strotzt die gesunde, unverfälschte Atmosphäre, der ganze Körper ist geschmeidigt durch die Gefahr der schwindelnden, sich um Abgründe windenden Klippen, durch die Thätigkeit, welche der unebne Boden fortwährend in Anspruch nimmt. Der Tyroler gehört zu den schönsten Männern Europas, und ich habe oft bei seinem Anblick an einen spanischen Brigand gedacht, der aus einer Schlucht der Sierra Morena herabsteigt und mit dem kernhaften schwarzen Auge umherspäht nach der dunkeln Ebne, wo die reichen Klöster und Schlösser aus den schwarzgrünen südlichen Bäumen leuchten.

In der Nähe des Loferpasses, wo die Thalwände sich zusammendrängen wie stolze Feinde, die einander das Weiße im Auge suchen, da trat ein Tyroler Schütz plötzlich um die Ecke, und blieb, die Hand 114 auf seinen Stutz lehnend stehn, um uns vorüberzulassen. Ich meinte, es sei eine fabelhafte Erscheinung, so grünfrisch poetisch sah der Bursche aus, wie ein junger Alpenkönig, der eben aus den fliegenden Wolkenschichten trete; der Reif hing ihm um den bauschigen Knebelbart und die langen Augenwimpern, die Augen blitzten wie menschliche Gemsaugen hervor, an der Seite steckte das Messer, welches jeder Tyroler trägt, wenn er auch nur Brot damit schneidet, im Wetter gebleicht, fahlgrün war sein Hut und sein Wamms, unbefangen und kühl wie ein Giesbach sah er in unsern Wagen.

Am Loferpaß hat es ein fürchterlich Franzosenmetzeln gegeben, nur verwitterte Steintrümmer waren übrig von der frühern Befestigung, der Schütz stand an einem klassischen Punkte, man sah's ihm an, seine Kugeln fehlten selten – er schaute aus wie ein moderner Ritter mit wenig Bildung, aber sichrer Waffe.

In diesen Tyroler Thälern mag die Redensart entstanden sein: die Welt ist mit Bretern vernagelt. Es giebt immer nur einen Weg, auf welchem man vorwärts oder rückwärts muß. Das Volk in diesem Lande muß auch nothwendig todestapfer oder feig werden, es giebt kein juste oder triste milieu, keinen andern Ausweg, unzugänglich wie 115 Kaufmannsherzen stehen links und rechts die himmelhohen kahlen Felsen, und verschließen die übrige Welt.

Solch' eine meilenlange Wand trennt im Innthale Tyrol nach Norden zu von Teutschland. Ganz Nordeuropa ist hier zu Ende, man ist für immer abgeschnitten von der Abendzeitung, vom Hofrath Böttiger und von seinen Recensionen – Teutschlands Stolz ist zu Ende.

Nur nach mehreren Stunden schlüpft einmal ein schmales Thal nach Süden hinein, um eine Flucht nach Italien zu suchen.

Es wurde dunkel, und hie und da kam ein Tyroler, und warnte uns gutmüthig vor den Wassern, welche die Wege sakkerisch zerrissen hätten.

Wenn man dem Tyroler das Wort sakkerisch verbietet, fängt er auch eine Revolution an.

In Kurzem war es undurchdringlich finster. Wir mußten aussteigen und einen Nebenweg suchen, die Straße war zerstört. Nur ein schmaler, für den schweren Wagen gefährlicher Aushilfsweg lief in dem engen Thale an den Felsenlehnen hin. Es wurden Leute mit Kienfackeln herbeigebracht, wir tappten unsicher bei dem flackernden Scheine durch die Nacht und die Berge hin.

Ein todtblasses Tyrolermädchen ging stumm und gespensterhaft mit der Kienfackel neben mir her. 116 Sie hatte ein wirres, unleserliches Auge, was Niemand ansah, und sprang mit unglaublicher Kraft über die höchsten Felsblöcke. Ich war mit ihr immer der übrigen Karavane voran, und die weit hinter uns einzeln schimmernden Fackeln, und das wüste Gesicht des Mädchens neben mir, regten unheimliche Geschichten meines Busens auf. 117

 


 

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