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Reisenovellen - Band 2

Heinrich Laube: Reisenovellen - Band 2 - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
booktitleReisenovellen - Band 2
authorHeinrich Laube
year1834
publisherVerlag von Otto Wigand
addressLeipzig
titleReisenovellen - Band 2
pages550
created20120503
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Stadt Salzburg.

Wie einer Schauspielerin, deren Verdienst durch gute Freunde übertrieben wird, so schadet es einer Stadt und Gegend, fortwährend enthusiastisch gepriesen zu werden. Es ist in Teutschland Stil, ein Wenig außer sich zu gerathen, wenn der Name Salzburg genannt wird. Ich fand immer mehr, daß dies gar nicht nöthig sei, ich blieb sehr nüchtern, und fand nur Schönheitsanlagen, aber nirgends jene klare, siegreiche Schönheit, welche sich die Bewunderung und das Entzücken zu Füßen wirft. Es ist ein buntes Durcheinander mit vielen einzelnen Reizen; man rennt, und rennt, und sucht eine Vereinigung dieser Reize, und findet sie nirgends, und bleibt fortwährend durstig, und ist fortwährend durch das stumpfe Oesterreicherthum, durch die Salzburgische Pfaffenwirthschaft, was Beides auf allen Straßen lagert, gestört – der ganze 101 Winkel ist mir fortwährend wie ein unordentliches Bergasyl aller Art von Despotismus erschienen; es ist mir nicht wohl geworden darin. Dazu sind die Leute meist garstig, auch nicht eine weiche Linie der Kultur ist auf den abergläubischen Gesichtern zu finden, und die brutalen Kröpfe, eine gewisse blödsinnige Raffinerie und Unehrlichkeit macht sie ganz widerwärtig. Diese letztere bleibt aber nicht aus, wenn die plötzlich überschwellende Fluth von Reisenden, die sich seit einigen Jahren hierher gewandt hat, den schnellen Verdienst so lockend steigert. Dazu kommt, daß dieses Ländchen in den letzten Zeiten aus einer Herrenhand in die andre geschleudert worden ist. Wenn es je Charakter und Kopf besessen, so hat es ihn dabei eingebüßt; jedes Land ist eine Person, ein solches aber wird eine Sache, eine Waare. Salzburg hat offenbar schmerzhaft gelitten, daß es wieder an Oesterreich gekommen ist, und seine Bewohner sehen traurig nach den gesperrten Märkten Baierns hin, wo man nicht mit Papiergeld zahlt. Aber sie bringen es nicht einmal zu einer entschlossenen Trauer, es ist gar nichts Dramatisches in ihnen. sie wimmern ein Wenig, wenn sie der Hunger quält, das ist Alles. Das thut auch das Hausthier, und das Thier des Feldes geht mit Gefahr des Lebens aus, und sucht sich Nahrung. –

102 – Aber als ich den nächsten Morgen wieder auf der Brücke stand, und die alte Sonne mir eben so warm und lachend in die Augen fiel, wie sie mich in der Heimath oft beschienen hatte, als die Salza morgenvergnügt mit ihren Wellen sprang, und von oben herunter die Festung und der Mönchsberg blitzend im Morgenstrahle wie junge Ritter schauten, da gefiel es mir wohl, und wir stiegen voll fröhlicher Hoffnung hinauf zu den Bergen, welche der Stadt über die Schultern sehen.

Der Weg nach dem Kapuzinerkloster geht mitten aus der Stadt steil hinauf. Es stand ein Mönch am Wege, und betete, ein verwahrlos'tes Geschöpf der Gesellschaft. Die braune Kutte stach widrig beschmutzt von der blanken Morgensonne ab, wie das stupide Thier, besaß er keinen Blick, das wüste, menschenleere Auge lag blöde auf dem Rosenkranze, das Gesicht war mager und unkultivirt, die Lippen bewegten sich unheimlich, der rothe, wirre Bart sah garstig aus wie sein fanatischer Glaube. Für ihn war kein junger Sonnenschein da – dieser von der Bildung vergessene Mensch that mir in der Seele weh; und er war nun sicher noch des festen Glaubens, Gott sehe mit Wohlgefallen auf seinen Schmutz und seine blödsinnigen Augen herab.

Oben hinter dem Kloster kommt ein fröhlicher grüner Wald, in dem man immer höher und höher 103 steigt. In seinem Grün erholte sich mein Herz von der Mönchsfratze. Es ist keine der geringsten Schönheiten Salzburgs, mitten aus der Stadt so schnell in einen flüsternden Bergwald steigen zu können. Auf seiner Höhe steht ein Haus, dort aß der Starost Butter, Brot und Käse, und lobte es sehr; aus den Fenstern aber sah man in abgeschlossene Thäler. In dem zur Rechten sah es still und wüst aus, links unten manövrirten die österreichischen Reiter aus Salzburg. Sie sahen aus wie kleine Puppen, an unsichtbaren Fäden gezogen.

Wir stiegen langsam wieder hinunter, und kletterten dann auf die steile Festung. Soldaten in leinenen Kitteln mit gelben, trostlos öden, stumpfen Gesichtern strichen an uns vorüber; die österreichischen Soldaten sehen so lebensmüd, geistlos, apathisch, larvenartig aus, daß ich immer an die Chinesen denke, wenn ich sie sehe. Europäische Sklaven, die meist vierzehn Jahre dem Korporalstocke verfallen sind. Und wer vierzehn Jahre gefesselt war, hat die Freiheit vergessen. –

Hier in diesen Theilen der österreichischen Monarchie sind lauter Polen und Böhmen, eine alte Maxime der Soldatenregierungen, die Länder von ihren bewehrten Söhnen zu entblößen. Die Polen in Italien haben nichts davon gewußt, daß ihr Vaterland 104 auf Tod und Leben kämpfte, sie kennen heute die Namen Chlopicki und Skrzynecki noch nicht. Es wird Einem unheimlich zu Muthe unter diesen wildfremden, slavischen Völkern: sie verstehn nicht die Sprache dieses Landes, und die Bewohner des Landes verstehen kein Wort von der ihrigen, solche arme Slaven sind nur da, um ein wenig Brot und Fleisch zu essen, sich in Branntwein zu betrinken, nach dem Kommandowort die Gliedmaßen zu bewegen, und todt zu schießen, oder sich todt schießen zu lassen. Ein schauerliches Schattenspiel! Es überlief mich kalt der Gedanke, daß diese Leute plötzlich zur Vernunft kommen und einsehen könnten, daß der Indianer am Missisippi ein Gott ist gegen den Soldaten auf der Salzburger Feste. Das müßte ein schwarzer, fürchterlicher Tag werden.

Sie sehen von hier oben in die sonnenhelle Stadt, in die grün blitzenden Berge hinein, putzen ihr Riemzeug, und denken dabei an nichts weiter, als an das Riemzeug und ob sie auch Prügel bekommen werden, wenn es nicht gut geräth. Sie singen nicht einmal, und laufen wie die Schatten an einander vorüber. Es ist eine stumme Gefangenschaft in Waffen.

Der Weg zu der Festung ist sehr steil, und unter Schweiß und Aechzen wird Brot und Fleisch herauf getragen. Es ist ächt österreichisch, daß man nicht 105 lange schon durch Winden oder sonstige Maschinen das erleichtert hat. Oesterreich liebt nur die menschlichen Maschinen, damit die Leute nicht auf andre Gedanken kommen.

Der Führer sagte uns, nur der Gouverneur dürfte den steilen Weg heraufreiten, hinunterreiten könne er nicht. Der Gouverneur ritte aber auch nie herauf. –

Als Merkwürdigkeit wurden uns unten in der Stadt zwei große Reitbahnen gewiesen. Die eine war von Tribünen umgeben, und bildete einen vollständigen Turnierplatz. Ich fingirte mir ein modernes Turnier, der Archivarius vertheilte die Rollen, der Starost war Kampfrichter, der Professor Jarke und Armand Carrel brachen die erste Lanze. Man bedeutete uns aber, wir dürften nicht so viel Spektakel machen, und wies uns hinaus.

Dicht dabei ist das große Felsenthor. Es ist ganz in Stein gehauen, immer kühl und feucht und von respektabler Länge.

Langsam und ermattet vom Schauen und Laufen stiegen wir nach dem Markte hin, an welchen die Domkirche stößt. Die Straßen sind still und andächtig, auf dem Markte plätschert ein Springbrunnen, es ist spanisch langweilig, und wenn ein armer Reisender durch schlechtes Wetter im »Schiff« am 106 Markte festgehalten wird, so kann er Gott den Herrn erkennen lernen, denn in einer gut österreichischen Stadt, sei sie auch so groß wie Salzburg, ist nichts zu haben, als das Bischen Natur.

Die Domkirche war das erste Gebäude dieser Art, das nicht in gothischem Stil erbaut ist, das erste Zeichen des nahenden Südens, von wo der üppige, breitere byzantinische Stil gekommen. Alle Formen daran sind breiter, fleischiger, die Säulen feister, man wird an den üppigen Leo erinnert, an Palladio den Behaglichen. Die ascetischen, langen, schmalbackigen gothischen Kirchenfiguren hören auf, an denen sich der nordische Wind zischend zerschellt, die Gebäude breiten sich aus, um die weichere Luft in größerer Ausdehnung aufzunehmen, die Dächer werden platter und runder, damit die Schatten breiter fallen.

Man hatte uns gesagt, in Salzburg sei eine sehr schöne unbefleckte Maria zu finden; der Starost hat sich angelegentlichst nach ihr erkundigt, es war aber keine zu sehen.

Nun machten wir noch einen Gang durch die tiefer liegenden bischöflichen Gärten, alt französische schattenlose Gänge mit kolossalen Statuen. All' diese groben Bildsäulen deuten auf die Sinnlichkeit des Krummstabs in Salzburg, auf ein lüsternes Pfaffenthum. Lauter plumpe Nacktheit mit halb 107 bestialischer Aeußerung. Die Geschichte von Marc Sittich, dem Bischofe, ist noch der kultivirteste Ausdruck vom Pfaffenthum in Salzburg. –

– Wenig erbaut setzten wir uns in den Wagen, um hinwegzufahren aus dem Salzburger Grabe, denn die garstigen Menschen kamen uns wie Todte vor, und die Schaar runder Berge, welche ringsumher liegt, wie Grabhügel. Die Natur gleicht einer unaufgeräumten Stube, worin schöne, sehr schöne Sachen herumliegen. Man findet um Salzburg manch' hübsches Genrebild, aber nichts Zusammengedrängtes, nichts Ergreifendes. Es that mir ernstlich leid, daß Mozart hier geboren ist, aber ich weiß auch bestimmt, daß er nie einen Don Juan komponirt hätte, wäre er immer hier geblieben. Poetisch denkt man sich den Teufel hier nicht, aber dumm.

Ich darf jedoch nicht zu bemerken vergessen, daß man unter dem gepriesenen Salzburg meist auch das Salzkammergut und Ischel und die in der Umgegend ruhenden Seen versteht, und daß ich wenig von den letzteren, gar nichts von den ersteren gesehen. Mein Mißbehagen erstreckt sich nur auf Salzburg im engeren Sinne.

Wir freuten uns, als der Wagen hinausrollte aus den Berggefängnissen, aus den Pfaffenhinterhalten, in denen ein unangenehmer Katholizismus kauert.

108 Wir jauchzten: es ging nach Tyrol, wo die bunten Tyroler wohnen mit den grünen Bändern auf den Hüten, mit den Schnurrbärten und den Stutzen; wo die Berge ein Ganzes werden, wo die Leute jodeln. –

Wir jauchzten: Io Tyrol! 109

 


 

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