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Reisenovellen - Band 2

Heinrich Laube: Reisenovellen - Band 2 - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
booktitleReisenovellen - Band 2
authorHeinrich Laube
year1834
publisherVerlag von Otto Wigand
addressLeipzig
titleReisenovellen - Band 2
pages550
created20120503
sendergerd.bouillon@t-online.de
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München.

Diese Residenz ist gegen alles Fremde in fortwährendem Vertheidigungszustande: schon ein weites Stück vor den Thoren harren mit Soldaten gefüllte Wachthäuser der Ankommenden, und beginnen das erste Examen, sobald man aber die Stadt betritt, da wehen Einem mit frischer Kühle die klarsten architektonischen Gedanken entgegen, es empfängt Einen die breite Ludwigstraße, und wie stumme Götteraugen ruhen links und rechts alle die neuen sauberen Gebäude von klarster Schönheit. Es ist von Augsburg her ein Entrée, was die alten Gedanken an Athen und Florenz aufweckt in der staunenden Brust. Und selbst die Gebäude, welche nicht fertig sind, erfrischen und stärken das Auge durch die Sauberkeit ihres Negligées. Die Ziegel ordnen sich wie gemalt, die Gerüste und Apparate sind mit Delikatesse eingerichtet, es hat Alles ein so appetitliches Ansehn, als wären es lauter 53 Meisterstücke, wo wirkliche Künstler die Steine auf einander gelegt hätten, an welche keines faulen, kalkschmierigen Maurers unreine Hand gekommen wäre.

Es ist nicht zu läugnen: reifer, geläuterter Geschmack baut in München. Nicht jene plumpe antiquarische Kenntniß, welche die Schönheit der Dinge auf Auktorität annimmt, nicht jene plumpe historische Pietät ist's, welche in Baiern eine Residenz Griechenlands baut, es ist ein feiner, gebildeter Schönheitssinn.

Wir fuhren Schritt für Schritt durch diese kühl und vornehm stolze Ludwigsstraße, als würden die indifferenten Postgäule eingeschüchtert durch die still harrenden Palläste und ihre marmornen Augen. Das sauber Thatsächliche lächelt dem raffinirtesten Ideologen in's Gesicht.

Der Maxpallast, die Ludwigskirche und noch neuere Bauten stehen da in ungeschminkter Grazie wie Statuen mit tadellosem Mantelwurf, und doch so fein, daß man süße Taillen in ihnen zu erblicken meint. Wie eine räthselhafte Sphynx ruht das Theater auf schweren, gewichtigen Säulen, keine seiner schweigsamen, klassischen Mienen verräth, ob Ernst oder Scherz hinter den stolzen Brauen wohne.

Ich mußte sogleich von der Post zurücklaufen, um all' das noch einmal zu sehen; ich glaubte, in einer griechischen Kirche gewesen zu sein, wo ringsum 54 Schönheit war, und doch nichts den Himmel und die sonnige Hoffnung verbarg. Still waren die Straßen, ich glaubte, in Pompeji oder Herkulanum, oder sonst einer unterirdischen Stadt zu sein. Die still an den Häusern hinschleichenden Bewohner glichen Fremden, die alle verschiedene Sprachen redeten, und darum keinen Versuch machten, sich miteinander zu verständigen. Oder sie waren aus Irrthum oder Neugier hergerathen, und sie wagten es noch nicht, in der tiefen, todten Stadt laut zu sprechen. Wahrlich, mir war's, als befände ich mich in dem prächtigen Pallaste Belsatzars, und es sei eine Sonnennacht, und Alles schlüge die Augen nieder, weil man in jedem Augenblicke die gespenstische Hand erwartete, welche ein unglücklich Wort an die dunkle Decke schreiben werde. Es ängstigte mich unter all' der Schönheit das unheimliche Gefühl, als sei nicht nur ein großes Unglück geschehen, sondern, als erwartete man mit Bangen jeden Augenblick ein noch größeres.

Es war Krankheit, werden die Objektiven sagen – ja, ja Krankheit, schwere Krankheit, Münchner Krankheit. Ich wollte sie von der Stirn und von den Augen streichen, ich nahm die Mütze ab, und fuhr mit der Hand über die Haare, um die bösen Dämonen in die Luft zu scheuchen, aber es kamen immer nur die Worte der unglücklichen Königin Elisabeth auf meine Lippen: »Man ist sehr ruhig in Madrid.«

55 Mit Mühe erfuhr ich von den gleich Schattenbildern Vorübereilenden, daß im englischen Garten Concert sei. Obwohl hie und da ein Häuflein Menschen hinging, so hörte man doch kaum ein Geräusch, kein Bursche sang, kein Gassenbube pfiff, kein Mädchen lachte, der Hofgarten, welcher an die alte Residenz anstößt, war höchst anständig ruhig, obwohl es ein schöner Sommerabend, und noch dazu ein Sonnabend war, wo die Handwerker am Feierabende die Sorgen der sechs Wochentage abschütteln. Nicht einmal ein Vogel sang, und man hat mir später erzählt, daß nach München keine Nachtigallen kämen, weil es zu kalt sei. Arme Stadt, wo keine Nachtigallen singen! Was helfen dir deine schönen kalten Häuser, was hilft die Schönheit ohne die Liebe, und die Stimme der Nachtigall, das ist die Liebe, sie ist das Herz der Luft und der Bäume. Armer Hofgarten ohne Herz!

An zwei Seiten desselben ziehen sich die sogenannten Arkaden hin, Säulengänge, an deren Wänden Freskogemälde angebracht sind, meist italienische Landschaften. Aber die kalte Münchner Luft grollt den heißen Farben, und Italien wird unter den Arkaden täglich ärmer. Gegen diese arkadische Idee läßt sich nichts einwenden, es kommen Einem so hübsche hesperische Träume, wenn man daneben hinwandelt, auf fremde Bäume sieht, und eine 56 Münchnerin mit ihrem goldnen Riegelhäubchen vorüberhuscht.

Wir gingen tiefer in den Park, wir suchten das Concert, die Isar braus'te und tobte, und drohte in einer finstern Nacht die ganze Einsamkeit mit Todesvergessen zu überziehn. Schweigsam kam die vornehme schöne Welt von dem Concerte gefahren; man sagt mit Recht die schöne: die Weiber in München sind eben so schön wie die neuen marmornen Häuser. Ja, sie sahen an jenem Abende auch eben so klassisch aus: die Züge stumm und steinern, ich habe keinen Affekt wahrgenommen, und nach vielen Stunden waren die Kleider noch eben so unverändert wohl gefaltet, als ob sie eben aus dem Garderobenzimmer kämen.

Später versicherte man mir indeß, hinter den steinernen Mauern brenne mitunter die heißeste Liebesfreude, und auch die vornehmsten schönen Münchnerinnen hätten heiße Herzen, und es kämen späte Stunden, wo die glatten Gewänder ihre Gewissenhaftigkeit verlören zum Aerger der Kammerzofen, wo der Marmor des Busens und Leibes heiß werde unter Pygmalions Munde. –

– Das hat mich innig getröstet. Und es ist ein sehr schöner Irrthum, den solcher Trost berichtiget.

Ich ging hin, um den »Archivarius des Königs« zu suchen, nicht des Königs Ludwig, sondern sonst 57 eines Königs. Dieser Archivarius, ein Doktor der Philosophie, hatte ein Buch über die Narrheit unsrer Tage geschrieben, obwohl er selbst aus Berlin war; er las übrigens alle Zeitungen, und war somit das beste Intelligenzblatt; er wollte mich auf meiner weiteren Reise begleiten, und hier in München wollten wir einander zum ersten Male sehen. Ich wußte nichts weiter von ihm, als daß er noch nicht 24 Jahr, mäßig blond, kurzsichtig und ein leidenschaftlicher Verehrer Wolfgang Menzels und der griechischen Partikeln sei, ja für letztere einst ernsthaft und häuslich geschwärmt habe. Vor jedem halbblonden jungen Manne blieb ich stehen, und sah ihn an, und fragte mit den Augen, ob er der Archivarius sei, und mich gefälligst erkennen und umarmen wolle. Es machte aber keiner dazu Anstalt, der Instinkt schwieg, und ich kam wirklich auf dem gewöhnlichen Wege, den gewöhnlichen Treppen zur Wohnung und Bekanntschaft des brieflichen Archivarius.

Wir besprachen mit einander, was wir für berühmte Leute werden würden, wenn das so fortginge mit unsern sich entfaltenden Geistern, und dann gingen wir in's Theater. Hier bewaffnete er seine Augen bis an die Brauen, und wies mir in einer kleinen Loge ein schönes Mädchen mit glänzend schwarzem Haar und einem Freudenauge, was kein Geheimniß machte aus dem Glücke, dem es 58 entgegensah. Denn es war alles Uebrige tadellos schön an dem Mädchen.

Der Archivarius beklagte sich bitter, daß er mit dem Mädchen nicht zusammenkommen könne, eine kurzsichtige Tante beaufsichtige sie; aber das Mädchen sei gewiß nicht kalt. Gewiß nicht. – Er ging im zweiten Akte von dannen, um die neu angekommenen Journale eiligst zu lesen; vor dem Schlusse versprach er, wieder einzutreffen. Das Mädchen sah lustig wie ein glänzender See herunter, und ich hatte also Recht, daß der Doktor nicht bloß ein Doktor, sondern »der Archivarius des Königs« sei, dem das Lesen noch wichtiger ist, als das Lieben. Ich bat ihn um sein selbst willen, bei dieser Gelegenheit einen rasenden, liebes- und todesentschlossenen Brief an das Mädchen aufzusetzen, er werde sie heute sprechen, aber vielleicht nicht lang genug sprechen, um des Briefs zu entbehren. Er ging kopfschüttelnd.

Das Innre des Münchner Theaters ist weit, hoch, reich, golden, prächtig, überprächtig, überladen. Die rastlos aufsteigenden Logenreihen überfallen und überfüllen das Auge, die massiven Farben schüchtern es ein. Aber es ist ein Vorhang im Münchner Hause, wo von einem grünen, überaus grünen Hügel ein schönes Frauenzimmer hinabfliegt in's Land mit den Klängen und der Schönheit und sonstigen 59 Dingen, dieser Vorhang ist voll wohlthuender poetischer Verheißung.

Das Theater ging zu Ende, der Archivarius kam wieder, der Starost ward in's Komplott gezogen, wir warteten an den Thüren. In den weichen Sommermantel gehüllt, kam das schöne Kind mit der kurzsichtigen Tante. Der Bediente hob beide in den Wagen, schlug den Schlag zu. In diesem Momente flog auch sein Hut vom Kopfe, er war von mir und dem Starost vom Wagen fort und in's Gedräng gedrückt, dem Archivarius saß der Tressenhut auf dem Kopfe, er sprang hintenauf, ich rief: »fort«, und der Wagen donnerte von dannen.

Der Bediente suchte seinen Hut; ich sagte ihm, ein Polizeidiener habe ihn aufgehoben, hierhin, dorthin sei er gegangen. Ich beneidete übrigens den Archivarius, wenn er das schöne Mädchen aus dem Wagen heben werde.

Wir gingen in den »Hirsch«, und sprachen mit Baiern und Fremden, und aßen Fleisch, und tranken Bier. Es giebt ein altes Lied vom bairischen Himmel, das murmelte mir ohne Aufhören zwischen den Zähnen. Es verspricht lauter reelles Vergnügen im Himmel und wohl ausgekochte Klöße und trefflich aufgewärmtes Sauerkraut und Bier von der ersten Sorte, dies Lied ist von ergreifender Wahrheit. Der Moslem erwartet die schönsten Huris und die 60 schnellsten, gelenksten Pferde und den kühlsten Schatten, und der Baier erwartet trefflich aufgewärmtes Sauerkraut und Bier und noch einmal Bier, und wenn er von Allahs eigner Seligkeit träumt, Bocksbier im Himmel.

Was kann ein Volk für solchen bockledernen Himmel thun, was kann man von solchem Volke erwarten, was so bocklederne Wünsche hat. Oh, sie sehen so wohlgenährt aus, und tragen alle Bärte, wenigstens einen Henri quatre, und sehen höchst energisch hinter dem Glase aus, und sprechen, wenn sie erst anfingen, da schmissen sie die Erde in den Mond und noch weiter, aber sie fangen nicht an. Wie bei den Römern »Brot und circensische Spiele«, so heißt's bei den Baiern »Bier und Schnurrbärte«. Da ruht ihr Leben; so lange das unangetastet bleibt, so lange hat's gute Wege in Altbaiern. Dies dumpfe theilnahmlose Volk ist allerdings auch in neuerer Zeit reger, frischer geworden, und hat sich um dies und jenes bekümmert; aber man muß ja nicht an die wirbelnden, lang aufgeschossenen romantesken Rheinbaiern mit dem Blute voll Wein und dem Herzen voll moderner Menschenrechte und poetischen, mauthfeindlichen Theorieen dabei denken. Diese Völker sind jetzt so verschieden als Wein und Bier. Der Wein regt die überirdischen verborgnen Kräfte des Menschen auf, das Bier die unterirdischen, der Wein 61 die rosenrothen Feen und die himmelblauen Zauberer, das Bier die speichelbleichen Gnomen. Nach dem Weine tanzen die Gedanken, nach dem Biere prügeln sie einander so lange, bis der bleierne Schlaf sie bewältigt. Der Bierrausch ist ein Alpdruck, ein Volk, das leidenschaftlich Bier trinkt, hat keinen energischen Willen. Die Renommisten auf der Universität sind auch immer die besten Biersäufer.

Nur in einem Theile Frankens, von wo aus man den alten, würdigen Bürgermeister Behr auf die Frohnveste nach München holte, von wo Schönlein, der geistreiche Mediziner, abzog, um nach Zürich zu pilgern, und den Staub Baierns von seinen Füßen zu schütteln, nur um Würzburg &c., wo wiederum Wein wächs't, muß man strebende Baiern suchen.

»Hurrah, es lebe das bairische Bier«, rief eine Gesellschaft tüchtiger Baiern unten im »Hirsch« bei Herrn Havard in der Schwabinger Gasse. Ich ging eiligst schlafen. 62

 


 

Als ich in München erwachte, lag schon ein heißer, zudringlicher Sommertag über dem Baierlande. Ich ging mit dem Vicomte durch die Straßen, welche sich neu hinausstrecken in die harte Ebene. Er war voll Neid und lachte höhnisch, daß der König von Frankreich nicht so viel Herrlichkeit habe verwenden können, und den vielen Betteljungen, die uns begegneten, gab er reichlich, und »Baiern liegt doch noch ziemlich weit von Frankreich,« murmelte er, und der Czaar von München hat doch keine Bergwerke.

Wir waren auf's Freie gekommen, aber die Sonnenstrahlen trieben uns zurück. Mit Sehnsucht flogen zwei eilige Blicke nach dem blauen Höhenrauch am südlichen Horizonte, wo die Alpen standen und lockten. Dahinten, hinter jenen Bergen, da wird 63 die Erde dunkelgrün und der Himmel dunkelblau, und da kommt das eben so dunkle mittelländische Meer und das fabelhafte Afrika mit den weißen Maurinnen und den glänzenden Negermädchen, dahinten, hinter den Bergen leuchten lauter glühende Liebesblicke, und stockfremd aussehende Häuser und Städte, da ist Alles neu und wunderlich, ach, da wird man die alten, quälenden einförmigen Gedanken los über Aristokratie und Jakobiner, und Bocksbier und Stallfütterung, und da braucht man keinen Paß.

Heiß von Sehnsucht und Sonne kamen wir vor der Glyptothek an. Sie ist das Gebäude, in welchem die Denkmäler der alten und neuen plastischen Kunst aufgestellt sind. Leo Klenze, der Hauptbaumeister in München, hat es gebaut.

Augenlos, stumm, aber großartig ruhig wie eine Statue liegt das Gebäude von außen da, man sieht keine Fenster, denn diese gehen alle nach dem innern Hofe, nur aus Nischen, den Augenhöhlen sehen die Statuen des Phidias, Perikles und Andrer. Die spätere Geschwätzigkeit des Tages und der Geschichte verstummt vor dieser steinernen Ruhe. Es ist in Form eines Quadrats gebaut, und enthält zehn Säle, in welchen die plastischen Kunstwerke von ihrem ägyptischen Anfange auf, die schöne griechische 64 Zeit, die verhallende römische vorüber, bis zu der neuen, wieder schön gewordenen Aera Canova's und Thorwaldsen's aufgestellt sind. Nur der Eingang ist ein gleichgültiges, unbewohntes Herz zwischen der altägyptischen und der feinen, schönen, modernen Zeit. Die Bauart der Säle ist bestmöglichst den Statuen und ihrer Entstehungszeit angepaßt. Die Glyptothek ist ein plastischer Auszug der plastischen Kunstgeschichte.

Es war uns beiden, die wir aus den trocken-heißen Sonnenstrahlen Münchens kamen, wie ein Trunk aus frischer Quelle, als wir in die kühlen Säle traten. Es ist ein wollüstiges Kunst-Heiligthum, dieser steinerne Tempel. Die Ruhe der Weltgeschichte, in welcher sie Steine gemeißelt hat, flog mir wie ein erquickender weicher Wind, der aus einem Palmenwalde kommt, um die Schläfe, ich sah die schattige Werkstatt aller Nationen. Alles ist marmorglatt, marmorkühl, frisch, heiter, antik; denn alles ist Marmor.

Das Licht kommt wie bei den römischen Bädern durch hochliegende, halbrunde Fenster, alle einfache Pracht der Bildnerei ist auch bei diesen hohen Decken aufgeboten, und die nach der nordöstlichen Fronte zu liegenden Gesellschaftssäle, welche Cornelius gemalt hat, vollenden den freien, griechischen Eindruck, 65 den das Ganze macht. Im großartigsten Stile schreitet dort das Geschick der Götter und Helden Griechenlands vorüber. Die großen Leiber, die ehernen Glieder, die ewigen Augen, der unsterbliche Zorn – Alles tritt wie ein nackter, klassischer Gedanke aus dem Pinsel des griechischen Teutschen mit dem römischen Namen Cornelius.

Es sind große Fibelbilder zu den Büchern des Homer und der griechischen Tragiker.

Ein Paar Baiern sahen sich das Alles mit an, und als sie von Gesellschaftssälen hörten, da stieß einer den andern, und flüsterte ihm zu, daß der nächste »Bock« hier gefeiert werden solle. Der andere aber schwieg, und sein Auge sah fragend zum alten Priamus hin, auf dessen Gesicht der ganze trojanische Schmerz sich geflüchtet hatte. Starr und steif sah er ohne Aufhören hin, und schüttelte endlich das Haupt: es ward ihm nicht deutlich, was für eine Sorte Bier der alte Mann getrunken haben müsse, um solches Uebelbefinden zu erleiden. Aus den Taschen der beiden reisenden Baiern sahen zwei naive Tabakspfeifen, je eine aus der Tasche eines Jeden.

Das ist die Lehre von der Ironie. Ein bairischer Pfeifenstummel erhält erst seine Bedeutung in der Glyptothek.

66 Ein enthusiastischer Fremder rief: Man ist in Hellas! und die hellenischen Pfeifenstummel stießen sich wieder an, und lächelten und strichen sich die Bärte.

Sonst haben sich die Münchner selbst im Allgemeinen schon glatt und fein gesehen: man hört sehr gebildete Urtheile über Kunst und Schönheit. Der Glyptothek machen sie den Vorwurf, daß sie keinen einzigen vollkommenen Saal enthalte. Ich bin aber nicht der Meinung, daß man diesen Vorwurf bei dem einmal klar ausgeprägten historischen Zwecke machen dürfe.

Ich möchte alle Wochen einmal in diesen marmornen Sälen, unter diesen steinernen Gestalten erwachen. Das würde mein Schönheitsherz erfrischen wie ein blitzend frischer Trunk im Morgenlande. Es bedarf einer Anstrengung, alle die knickrigen Sorgengesichter zu verarbeiten, welche man auf den teutschen Promenaden sieht, man muß das Schönheitsgefühl sogar gegen die täglichen Eindrücke vertheidigen, und ich gehe nur auf Bälle, um geputzte, sorglose Leute zu sehn, und den täglichen ästhetischen Befehdungen einmal einen Ruhetag zu gewähren. Hier aber hat es nicht zu kämpfen, sondern zu empfangen, zu genießen. Die Schönheit fällt wie Tageslicht auf die glücklichen Augenlieder.

67 Die teutschen schöngeistigen Schriftsteller, welche mit zwei oder drei Ausnahmen alle lyrisch-rhetorisch, formanfänglich sind, sollten die Glyptothek wie einen Gesundbrunnen besuchen, und Gestalten trinken.

Unweit davon ragt höher und mannigfacher das Gemäldehaus, die Pinkothek, dem Auge entgegen. Die bunten Farben künden sich schon durch diese Mannigfaltigkeit, durch die zahlreichen, hohen Fenster an. Noch ist das Innere nicht fertig, und ich habe es nicht gesehen. Eben so habe ich nur wenig schauen können von Schnorr's großen Bildern in der »neuen Residenz,« die nach dem Pitti'schen Palaste in Florenz erbaut ist. Dort weben die langen romantischen Gestalten aus den Nibelungen mit ihren langen Leidenschaften und langen Reden. Wenn in Baiern für Alles so gesorgt würde, wie für diese Theile der Kunst: man fände kein Ende des Lobes. Wenn man aber diese Sachen gesehen hat, muß man abreisen, einen längern Aufenthalt gestattet die Censur nicht.

In der Glyptothek saß ein blasses Mädchen aus England mit unparteiischen großen blauen Augen. Sie trug ein langes, schwarzes Sammtkleid, und nur das Sammtkleid hinderte mich, sie auch für eine Statue zu halten. Man erzählte mir, sie sei sehr reich und sehr unglücklich. Das verwunderte mich sehr, denn wenn man die Schönheit liebt, und viel 68 Geld hat, so kann man eigentlich nicht unglücklich sein. Der Zorn kann uns entflammen bis zum Wahnsinn, wenn wir die Münchner Zeitung lesen, aber der Zorn ist kein Unglück; Achill hat tödtlich gezürnt, aber unglücklich war er nicht. Des Mädchens Geliebter sei auf einem Dampfschiffe nach Oporto gefahren, und eine Kugel habe ihn bei der Einfahrt in den Duero geworfen. Als das Mädchen eines Morgens dies in den Times gelesen, habe sie lange ganz still geschwiegen, und sich nicht geregt; dann aber stumm das Blatt der Times zusammengefaltet, es in ihren Koffer gepackt und sei auf das erste Schiff gestiegen, was aus der Themse gelaufen.

Man wußte nicht, ob ihr Schmerz darum so groß sei, daß ihr Geliebter für die Freiheit gestorben, oder darum, daß er nur gestorben sei und nicht gekämpft habe. Seit dem Tage, wo sie das erfahren, haßt sie die Freiheit, und will sich so lange in München aufhalten, bis Don Miguel in Portugal gesiegt hat. Dann wird sie hingehen und im Anschaun seiner Thaten leben. In München lies't sie zu ihrem Troste nichts als bairische Zeitungen, und in der Glyptothek sitzt sie immer da, wo ich sie gesehen, nämlich im römischen Saale, wo man fast lauter Kaiser und Tyrannenköpfe sieht. Die Tyrannen haben alle kurze, dicke Hälse, und der römische Saal liegt etwas tiefer als die übrigen, und ist der größte.

69 Ich kann nicht an die Glyptothek denken, ohne das blasse Mädchen mit dem schwarzen Sammtkleide und dem großen, starren Statuenauge zu sehn, das unter der Büste Nero's saß.

Dies Auge hat mich eigentlich aus München vertrieben, denn es sah aus wie freiheitsmörderischer Marmordespotismus, wie ein überschwelgtes Kunstauge, was die Menschen nicht mehr kennt. Ich will meine abergläubige Furcht offen gestehen: so lange ich in München war, donnerte mir fortwährend Heinrich Kleist's »Erdbeben von Lissabon« im Kopfe herum, ich setzte unsicher die Füße auf die Erde, und glaubte jeden Augenblick, jetzt würde es losgehen und die groben Thürme der Frauenkirche würden zuerst über uns zusammenstürzen. Der Gedanke verließ mich nicht, ich sei in Lissabon, und noch heute denke ich immer an den Thurm Belem, wenn ich von der Frohnveste in München lese, und noch heute kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, es werde in München einmal ein fürchterliches Erdbeben die guten und bösen Menschen verschlingen, und wenn ich meine düstern Bilder wegscheuchen will mit der kühlen, glatten Glyptothek, da seh' ich das unglückliche reiche Mädchen aus England unter dem Nero sitzen mit dem schwarz sammtnen Grabkleide und den todesliederlichen Augen.

70 Ich athmete tief auf, als der Postwagen aus der Isarvorstadt in's Freie rollte, denn ich meinte, einem Gefängniß entronnen zu sein, und die frische Morgenluft und die Triller der Lerchen, ach ich sog sie so wollüstig ein, als sei ich aus einer großen Gefahr gerettet. Licht und Luft hatte ich wieder; Licht und Luft sind aber die Hauptsache. – 71

 


 

Erst in dieser Freiheit des Postwagens wagte ich nachzuholen, was ich wohl sonst noch gesehen in München. Da gedachte ich dein, unglücklicher sogenannter Intendanzrath, der du berufen bist, von schlechten und guten Witzen zu leben, und an ihnen zu sterben, dein gedacht' ich, o Berliner Saphir, der du jetzt wie Ovid in Tomi zu München Tristia fabricirest!

Es war um die zwölfte Stunde des Mittags, als er in den Saal der philharmonischen Gesellschaft plötzlich eintrat wie ein verdrießlicher, aber entmannter Löwe. Seine Maske paßt gut zu seinen Schriften: man denkt, er verstellt sich, und macht nur einen physiognomischen Witz: es ist viel dreistes Hunnenthum, nutzlose Kourage, säuerliches Vergnügen, was selbst keinen Spaß vom Spaße hat, und – wunderbar genug – eine tiefe liebenswürdige Gutmüthigkeit in dem Gesichte dieses teutschen 72 Schalksnarren. Der Intendanzrath scheint ihm schlecht zu bekommen, oder er hat unruhige Nächte oder zudringliche Besuche – er sah so gewiß jämmerlich malkontent aus. Seine Unzufriedenheit hat keine Kourage, sie ist wie ein kleiner Straßenköter, der auf alles Vorübergehende losfährt, als wollte er's zerreißen; man weiß aber schon, er thut nichts, es ist nur blinder Lärm, man sieht sich kaum noch nach dem Kleinen um.

Saphir ist ein Beispiel, wie ein charmantes Talent ohne Charakter eben so gut Bankerott macht als ein begüterter Kaufmann ohne Ordnung. Zum Eulenspiegel berufen, hat er sich zum Hofnarren oder gar nur zu dessen Intendanz erniedrigt, und ist dann wie jeder besoldete Spaßmacher zum Hanswurst herabgesunken. Saphir wird nie majorenn, er hätte immer einen Vormund neben sich haben sollen, eine Privatcensur; Saphir ist nicht seines Witzes Herr, sondern der Witz ist sein Herr, er muß alle dummen Streiche machen, die seinem Witze einfallen. So wie Lord Byron den Mazeppa auf ein wildes Pferd binden ließ, und dies in die Wälder unter die andern wilden Pferde, unter die hungrigen Wölfe jagte, so hat sich Saphir auf den lüsternen Esel seines Witzes gebunden, und er muß nun all' das Uebel tragen, was dieser anrichtet, wenn er unanständig schreit, ausschlägt und dergleichen Dinge macht.

73 Saphir ist nicht zurechnungsfähig. Ein guter Freund von mir sagt immer von ihm: er ist ein liebenswürdiger Lump, aber er thut ihm Unrecht; sein Witz ist ein Lump, und zwar ein rachsüchtiger, eitler, vorlauter Lump, aber Saphir selbst ist ein guter, ja ein lieber Narr, dem man nicht zürnen kann. Ich seh' es kommen, daß er noch für eine Kleinigkeit feil ist; denn

»Du fängst mit Einem heimlich an,
Bald kommen ihrer mehre dran,
Und wenn Dich erst ein Dutzend hat,
So hat Dich auch die ganze Stadt!«

Man wird Pasquille von allen Seiten bei ihm bestellen können. Seine Jungfräulichkeit ist hin, man hat ihn sogar um den Einfall betrogen, und ein geprellter Narr läuft Karriere – Gott weiß, wo er noch hinkommt. Es that mir in der Seele weh, als ich dies zerbrochne Gesicht sah. Der Mißmuth rauchte schlechten Tabak in seinen Zügen, und das Gelächter, was zuweilen aus den Winkeln seines Gesichts vorüberschob, bedeckte sich mit krampfhaften Händen die Augen. Seine starken semmelblonden Locken liegen wie Erynnienwitze undurchdringlich dicht auf seinem Haupte, und dräuen herab auf die zwickenden schlechten Gewissens-Aeuglein, und auf die ausschweifende Nase und das große Maul, was jeder Skandals-Schriftsteller haben muß. Und 74 doch liegt der Nebel eines guten, ja poetischen Herzens über diesem unorthographischen Antlitze; ich habe Saphir lieb, wie ich manches gefällige Mädchen lieb habe, das unter bunter, vielfacher, täglicher und nächtlicher Liebe ein gefühlvoll Herz bewahrt; er ist ein guter Mensch, der nicht dafür kann, wenn er schlechte Streiche macht. Ich weiß auch, daß er nicht deshalb weinerlich aussieht: die schlechten Streiche würde er sich vergeben, aber die dummen Streiche nagen ihm am Innersten.

Es liegt tiefe Weisheit in Staberls Worten: »Wann ie nur wos davon hätt!« das weiß Saphir, der Journalisten-Staberl sehr wohl.

Die alten teutschen Hypochondristen, denen er gewiß bei mancher Verdauung beigestanden, sollten sich in portofreien Briefen nach seinem Herzbeutel- oder sonstigem Weh erkundigen, und ihm unter die Arme greifen. Ein witziger Mann ist bei schlechter Zeit ein guter Zeitvertreiber, und einer schlechten Zeit kann man nichts Besseres anthun, als sie vertreiben. Ich habe immer Viel an Saphir herumgeschmählt, und ihn doch eigentlich immer gern gehabt. Nun ich einmal meine früheren Hoffnungen auf ihn verloren gegeben, möchte ich zuweilen gern Witze von ihm lesen; sie erfrischen mir oft das Blut. Er erhält sich in all' seiner Niedergeschlagenheit doch stets in einer Art von Elasticität, und wenn er sich nicht 75 mitunter so viel witzige Gewalt anthäte, so schriebe er wirklich elegant über Nichts. Und das ist keine Kleinigkeit.

Offenbar waren mir die Glyptothek, das Bier und Saphir die interessantesten Dinge in München gewesen. In jenem Concert, wo Saphirs Gesicht ein Solo spielte, hatte ich zwar auch eine Dame auftreten sehn, die sehr gut geigte, aber ich hatte glücklicherweise ihren Namen vergessen, und denke nicht gern daran zurück, obwohl sie sehr gut spielte. Es wäre ein ästhetisches Malheur, wenn die Damen nicht bloß die Frauen im Hause, sondern auch die Violine spielen wollten. Das Fleisch des Unterkinns wird ungebührlich herausgequetscht, die Arme sind fast immer in Winkel verschränkt, die Brust, der Sitz der Liebeswünsche, wird mit Holz bedeckt – nein, die Damen sollen nicht Violine spielen. Da lobe ich mir die Passion einer jungen Dame, welche mir bald darauf in Venedig sagte, daß sie von einer verzehrenden Leidenschaft für das Violoncell gefoltert werde. Da ich die Leidenschaft liebe, so hab' ich ihr zugeredet. Hoffentlich interessiren sich die Damen auch nächstens für die Trompete und Posaune; jene Göttin, welche die Flöte wegwarf, als sie ihre verzerrten Gesichtszüge im Wasserspiegel sah, ist schon zu lange todt. Es geht eine große Wehklage über Israel: die Damen wollen nicht mehr hübsch sein.

76 Aber die Natur trat uns in einem hoffnungsreichen Morgenkleide entgegen, entschlossne blaue Berge flogen trotzig an unsern Blicken vorüber, und hoch drüben sah tief aus den Bairischen und Tyroler Alpen in der Sonne glänzend der blendende Schnee in die grüne Ebene herunter. Bald waren wir hineingeschoben in die Salzburgischen Voralpen, neue Bergformen entwickelten sich.

Der Vicomte war mir unter den Residenzen in München verschwunden, er hatte Geschäfte mit dem bairischen Kaiserthume, der Archivarius saß schweigend neben mir, und dachte an das Freudenauge, was er aus dem Wagen gehoben, zwei sanfte Reisende lasen mit stiller Andacht Rinaldo Rinaldini, der Starost saß im Kabriolet und pfiff.

Frisch grün wie junges Gras kam bei Wasserburg der Inn geschossen, immer steiler wurden die Berge, und ihre Wasser von Regen geschwellt, schäumten lärmend durch die Thäler. Es hieß, die Salza habe die Thäler zerrissen, und wir müßten einen weiten Umweg durch die Schluchten machen.

Die Nacht breitete sich früh zwischen diesen hohen Wänden aus, während hoch oben und weit draußen der Tag noch spielte. Auf allen Stationen war große Geschäftigkeit, die langen Bauerboten kamen von allen Seiten herbei und erzählten von den Unthaten der Wasser, und schilderten Gefahren und 77 warnten vor der Weiterreise. In solchen tiefen Bergen hat die nächtliche Gefahr etwas Unheimliches, sie kann aus jeder Krümmung, aus jedem Hinterhalt thurmhoch herabstürzen, klafterntief mit dem Opfer in die Erde fallen.

Ein Paar katholisch ernsthafte Salzburger ritten mit Laternen bewaffnet vor dem Wagen her, und die Lichter flogen scheu über die schwarzen Bergmassen, und plötzlich über einen schweigsamen mysteriösen See, der still und ruhig schlief. Von der Spannung erschöpft, schlief ich ein; ein dumpfes Donnern weckte mich wieder; der schwere Postwagen rollte durch das hohe Festungsthor von Salzburg, der weiße östreichische Grenadier nahm die Pässe ab, durch abgestorbene Straßen donnerte unheimlich der Wagen, ein großes Thor ging knarrend auf; es war mir, als ging's in die Vorhöfe der heiligen Inquisition.

Einen Gasthof suchend schritten wir über die Salzabrücke: die hohe Festung, die steilen Berge sahen wie alte Verstorbene auf uns herab – der Mond war leise aufgegangen, das ganze wunderliche Salzburg glich einer steilen katholischen Kirche mit hohen und niedrigen Altären von schwarzem Marmor, die einzelnen halb italienischen Häuser am Flusse hin waren die kleinen Betaltäre und der Mond goß Segen und Licht und Musik und den Glanz der bischöflichen Gewänder vom Hochaltare.

78 Nur die Salza, welche dicht unter der Brücke die vollen hohen Wellen warf, störte die Todtenstille.

Wir waren wieder in Oesterreich. In diesem österreich-katholischen Gebiete ist Alles todt und still, und eine blöde Schlafsucht, eine stupide Pönitenz liegt mit knöchernen Armen über dem Lande. Die moderne Bildung ist unbekannt und verboten, nur Fremde, die damit behaftet sind, betreten die Salzabrücke –

Es bedünkte mich, wir kämen in eine Stadt, welche seit zwei Jahrhunderten vergessen worden sei hinter den hohen Bergen. Der Starost donnerte an die Hausthür eines Gasthofes; wir erschraken vor dem Lärmen, den dies Pochen in der hohlen, schlafenden Gebirgsstadt machte. Er pochte wieder und wieder; es regte sich Niemand, man schläft fest und katholisch in Salzburg; leise fing es an zu regnen, wir waren ausgeschüttelt vom Postwagen; es begann ein leises Fluchen. Da öffnete eine blinzelnde Köchin mit Salzburgischen ausgespannten, leeren Zügen und einem Salzburgischen Kröpflein.

Wir konnten nichts Besseres thun, als schlafen. 79

 


 

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