Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Heinrich Laube >

Reisenovellen - Band 2

Heinrich Laube: Reisenovellen - Band 2 - Kapitel 37
Quellenangabe
typenovelette
booktitleReisenovellen - Band 2
authorHeinrich Laube
year1834
publisherVerlag von Otto Wigand
addressLeipzig
titleReisenovellen - Band 2
pages550
created20120503
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Metternich.

Bei den meisten teutschen Schriftstellern, die ihre Bücher nicht eben in der Kanzlei anfertigen, ist es eine hergebrachte Mode, bei dem Namen Metternich einige Verwünschungen auszustoßen, und von Freiheit und Tyrannei zu sprechen. Metternich ist für mich von Seiten der Gewalthaber neuerer Zeit nach Napoleon der größte Mann. Ich mäkle nie an der Größe, ich bin ein Historiker, und Historie ohne Poesie ist ein Unding, und Poesie von einerlei Farbe ist die Langeweile.

Metternich ist ein Held und ein Erdengott so gut wie Achilleus und Cäsar, und Gregor und Napoleon Bonaparte. Die Historie wägt nicht blos die Prinzipien, sondern auch die Thaten nach ihrer specifischen Schwere. Metternich hat den alten, schwer bedrohten Absolutismus des Regierens unter allen Stürmen erhalten, er hat ihn gegen die unbändige Republik Frankreich, gegen den unwiderstehlichen, glänzenden Usurpator Napoleon, gegen die melancholischen Freiheitshelden von 13 und 14 gewahrt, er hat ihm den Sieg erfochten gegen die modernen Freiheitsmänner und gegen ihre gefährlicheren Ideen. Er ist der jetzige Gott des Absolutismus, und vor Göttern muß man sich beugen, auch wenn man sie nicht liebt.

545 Wo man sein Bild in Wien erblickt, da wird man genöthigt, stehen zu bleiben: es ist der Kopf des olympischen Zeus, wie ihn Phidias geformt hat, und die Besorgniß jenes griechischen Kritikers hat mich dabei nicht einen Augenblick verlassen, daß er die Decke des Hauses wie eine Eierschale zerstoßen würde, wenn er fiel, einmal in seiner ganzen Länge aufrichtete. Es ist sehr möglich, daß Metternich einst das blaue Sternendach des Absolutismus zertrümmert, wenn er seine Glieder im Tode streckt. –

Ich habe nach Napoleon keinen so schönen Götterkopf gesehen, als den Metternich. Wer es nicht weiß, daß er Oesterreich und halb Europa regiert, der darf nur in einen Wiener Kunstladen oder auf dem Josephsplatze in die Porzellanniederlage treten, er wird es erfahren. Dort hab' auch ich's erfahren, was ich von diesem Manne zu halten habe. Und diese schönen Zeusköpfe sind ächt, die hohe, weiche Stirn, die stolz gewölbten Augen und der vornehme Zug über die edle Nase und den schmalen, feinen Mund hinweg, alle diese Kennzeichen des Olympiers sind wirklich sein – es war in dem glänzend erleuchteten Theater der alten Stadt Prag, wo ich ihn in die Loge treten sah, wo ich jene Bilder mit ihm vergleichen konnte.

Er stammt aus einem alten Geschlecht am Rheine und ist 1773 geboren. Vorfahren von ihm haben auf den rheinischen Kurstühlen gesessen. Sein Vater war wie er österreichischer Minister, und regierte 1791 die Niederlande, welche damals noch österreichisch waren. Jener Georg Metternich, der auf dem berüchtigt gewordenen Rastadter Kongresse Oesterreichs Kommissiarius war, ist der Vater dieses Clemens Metternich. Er begann seine große Karriere mit den verschiedenen Gesandtschaftsposten, erst bescheiden in Dresden, dann in Berlin um die wichtige Zeit, als sich Napoleon die Krone aufsetzte, Hanover okkupiren und den Herzog von Enghien 546 erschießen ließ, endlich Aug' in Auge jenem Chronos, der seine Kinder verschlang, in Paris selbst.

Man erzählt mehre Witzworte Napoleons über Metternich, der schön gewachsene, Damen suchende österreichische Kavalier schien ihm nicht gefährlich. Und Napoleon hat außer dem Winter und der Freiheitslust keinen gefährlicheren Feind in Europa gehabt, als den Fürsten Clemens Metternich, selbst Pitt in England hat ihm nicht so viel geschadet. Vom Jahre 1805 an waren alle Kontinentalkriege gegen Napoleon Gedanken aus Metternichs Herzen, und nicht die Brautmusik bei der Hochzeit von der Tochter seines Kaisers, nicht der schöne König von Rom, welchen die Habsburgerin dem Napoleon gebar, nicht die natürlichsten Gefühle hielten ihn ab, seinem größern Plane treu zu bleiben, wie die Kreuzritter jenem Schwure, das heilige Grab zu befreien.

Jenes heilige Grab war aber das alte historische Bett der Legitimität, auf welches sich der korsische Abenteurer mit Stiefel und Sporn geworfen, was er mit Koth besudelt hatte, mocht' es auch Siegeskoth der wunderbarsten Schlachten sein. Je mehr er Verdienste besaß, um so eher mußte er herunter vom Sitz des heiligen Ludwig, denn nicht die rohe Jakobinerfaust, sondern die weiße, schöne Hand Napoleons war dem Prinzip des unwandelbaren legitimen Rechts gefährlich. Nicht die Gemeinheit fürchtet der Vater eines jungfräulichen Mädchens, sondern die Größe.

Und so erschien er denn, jener Clemens Metternich, den Napoleon als junger Kaiser verspottet hatte, das Gespenst von Napoleons Legitimität, das Gespenst, was ihn daran erinnerte, er sei noch lange nicht sein Enkel, so erschien er dann zum letzten Male vor ihm in Dresden 1813 am Schlusse jenes bedrohlichen Waffenstillstandes. Es war derselbe Damen suchende Kavalier aus Oesterreich, welcher vor sieben Jahren nach Paris gekommen war, aber diesmal ließ er bekanntlich jenen kleinen Hut liegen, 547 welcher dem Kaiser aus der Hand fiel beim heftigen Auf- und Niedergehen.

Wenige Monate darauf, als der nächste Frühling kam, war Metternichs Schwur erfüllt und das heilige Grab erlöst vom Renegaten. Es kamen die Jahre, wo kleine englische Mädchen den gelähmten Riesen auf St. Helena Whist spielen lehrten; und wo die siegreichen Schlachten Metternichs begannen, die Schlachten zu Wien, Aachen, Troppau, Laybach, Verona, Münchengrätz und wiederum zu Wien, die Schlachten für das Staatsprinzip vor Luthers Zeit. Metternich ist vielleicht der einzige Mann in Europa, der es weiß, daß das Christenthum und jeder alte Glaube mit Luther zu Ende ging – Oesterreich und Metternich haben darum jede Art von Lutherthum bekämpft bis auf das Blut. Denn er hält mit Recht eine halbe Religion und einen halben Absolutismus für eben so schlimm, als Irreligiosität und Republik, er fürchtet eine chronische Krankheit eben so wie eine akute.

Und diese Ganzheit ist das Imponirende jenes Systems. Wer weiß übrigens, wie viel Systematisches man ihm unterlegt, es ist das schöne Geschick großer Männer und der historische Ausdruck ihrer Größe, daß die Hauptgedanken des Zeitalters zu den ihrigen gemacht werden, sie mögen Ansprüche darauf haben oder nicht. Uebrigens ist Metternich aufmerksam auf alles Geschriebene, er läßt sich jedes wichtige Buch aus der Buchhandlung holen, er belauscht jedes Flüstern des Zeitstromes. Ich weiß nicht, ob er den absoluten Glauben, den er verlangt, selbst theile, ob er fähig ist, ein System zu erfinden, seine Fähigkeit, für ein System zu erfinden, betrachte ich mit Bewunderung, ob ich auch dies System niemals geliebt habe.

Dies System ist übrigens nicht so künstlich als es die Leute machen, aber es ist ganz, und dies ist sein Vorzug. Die Dinge sind nicht das Resultat tiefer gelehrter Studien, sondern das Resultat der 548 Tage und Wochen, die man ungestört kommen und gehen läßt, und die einfache Sorge, alle Aenderung in diesen Tagen und Wochen zu vermeiden.

Mit dem ersten Gedanken der Reformation ward das ganze frühere Menschensystem erschüttert, die unmittelbare Verbindung mit dem Himmel ward aufgehoben, der Glaube und jede unbezweifelte Autorität hörten auf. Seit jener Zeit behelfen wir uns in Staat und Religion mit Surrogaten, welche halb Protestantismus, bald Konstitution heißen. Das hat Oesterreich von jeher geahnt, und Metternich weiß es vielleicht. Um diesen Glauben jeglicher Hinsicht, nicht bloß um den an die Jungfrau Maria, hat es so viel Tausende von Menschen und Gulden in den dreißigjährigen Krieg, in die Kriege mit Napoleon geworfen. Dieser Glaube, der älteste und umfassendste Restaurationsglaube ist jetzt noch am Stolzesten verkörpert in Clemens Metternich, er ist der moderne Philopömen, jener gewaltige Grieche, welcher die alten Götter und Reiche vor den neuen Römern schützen wollte.

Ich glaube nicht an seinen Sieg, denn er ist auf einen bloßen Vertheidigungskampf beschränkt, ich glaube aber auch nicht an einen dauernden Sieg seiner Gegner, wenn sie nicht tiefere Staatsformen erfinden, wenn ihnen nicht ein neuer Messias kommt. Ist es vorbei, daß der Staat an den Himmel geknüpft werde, oder ist der Himmel immer nöthig zur Dauer menschlicher Institutionen? Seit die direkte Verbindung des Staats mit den Göttern durch Zweifel und Thatsache gelös't worden ist, seit man den Absolutismus zertrümmert hat, ist nur eine Gleichgewichtstheorie erfunden worden, die wir repräsentative Verfassung nennen. Alle Staatsverhältnisse erreichen ihre Endschaft mit der Quadratmeile, das sogenannte natürliche Recht ist ihre sublimste Erweiterung, ihre höchste Transcendenz – und dabei schwören wir Eide, und berufen uns auf Dinge, deren Gewichte nur an einer Verbindung mit dem Himmel, an einer Religion hängen, und werfen's einander vor, wenn diese Eide weggeworfen 549 werden wie abgenutzte Handschuhe. Von dem System einer Nützlichkeitsübereinkunft erwarten wir Treue, Glauben, Gewissen, lauter Dinge, die nur in religiöser Athmosphäre bestehen können; mit einem Balancirsysteme begnügen wir uns.

Es mag unpassend scheinen, in Zeiten der Gefangenschaft zu spekuliren, und von Reisen zu sprechen bei verschlossenen Pforten, Börne kann und soll es nicht billigen, denn er hat ein andres Geschäft, das Geschäft für Heut und Morgen – aber wenn ich von Metternich rede, das heißt, von der ganzen Restauration, so muß ich auch von einem ganzen Fortschritt reden.

Erfindet jenen Mittelpunkt der Nothwendigkeit, welcher Glück und Harmonie auf Jahrhunderte sichert, zeugt einen Messias, wir brauchen ihn. Ich kann mich oft der Furcht und Hoffnung nicht entschlagen, wir seien erst im Stadium Johannes des Täufers, und die Weihnacht werde noch kommen, und während des bedenklichen Zwielichts jetziger Tage, lasse ich den poetischen Gelüsten ihren Willen, und ergötze mich zu Wien an der Heldenfigur Metternichs, deren Umgebung mich zum Dank dafür erdrücken würde, käm' ich in ihre Nähe. Man muß übrigens Metternich niemals verantwortlich machen für die berüchtigten Polizeihandthierungen, für das, was man kurzweg »österreichisch« zu nennen pflegt: er steht am Steuer, und sieht über das Meer, und der Matrosenlärm im Schiff'sraume kümmert ihn nicht, er vertritt das österreichische System aber nicht Oesterreichs Verwaltung, er ist kein Polizist. –

Aber im Allgemeinen – bin ich nicht schon ein scharmanter Oesterreicher geworden, ein Oesterreicher mit aufgeklärten Ideen? Sollte nichts aus mir werden können? – Ich saß auf einer Bank jener schönen Terrasse unweit Metternichs Hause, die Morgensonne schien warm und liebenswürdig, und ich ging ernstlich mit mir zu Rathe, ob ich denn ganz verderbt, ob nicht eine Richtung in mir: aufzufinden sei, mit 550 welcher ich einige Wochen in Wien existiren könne. Und wenn ich auch alle Tage dasselbe sprechen müßte. Man sagt, eine gute Natur hilft sich immer selbst, auch die meine hat sich geholfen; ich will nur aufhören, sonst bring' ich's am Ende gar noch zu einem Orden, und das Buch wird gar zu dick.

Ich bin sehr neugierig darauf, was ich über Wien sagen werde, über diese Stadt eines Paradieses, eines Paradieses ohne Feigenblatt, Schlange und ohne Baum der Erkenntniß. Es ist zu befürchten, daß ich mich durchweg günstig darüber vernehmen lasse, denn mein Magen war zu jener Zeit in ganz vortrefflichem Zustande; und da geh' ich einem Märtyrerthume entgegen ohne Gleichen; ich setze Geist, Liberalismus, Geschmack und Havannahcigarren auf's Spiel, die in Wien nicht zu kaufen sind. Ich meine nämlich die Havannahcigarren, welcher Umstand allerdings unangenehm. Fremder Tabak ist nicht erlaubt, das ist ja aber eben Wien, daß man nach einigen Wochen nichts Fremdes mehr braucht, nichts Ausländisches.

Ist das Kultur oder sonst Etwas? Auf die Beantwortung dieser Frage kommt's allein an. Darin ruht die Schilderung Wiens und unsrer Zeit. Ich und der Staberl, wir woll'n unser Mögliches thun.

 


 

 << Kapitel 36 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.