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Reisenovellen - Band 2

Heinrich Laube: Reisenovellen - Band 2 - Kapitel 34
Quellenangabe
typenovelette
booktitleReisenovellen - Band 2
authorHeinrich Laube
year1834
publisherVerlag von Otto Wigand
addressLeipzig
titleReisenovellen - Band 2
pages550
created20120503
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Triest.

In Triest hab' ich eigentlich nichts gesehn als Steine, Geld, noch einmal Steine, Geld und Kaufleute und Wassermelonen. Das sind meine herben Erinnerungen aus dieser Stadt, der prosaischen Ueberwinderin Venedigs. Diese beiden Städte repräsentiren unsre heutigen Lebensverhältnisse: dort drüben steht der stolze Nobili mit einem magernden vornehmen Gesichte, sein Rock ist nach der vorletzten Mode, und die Farbe verschießt, hier aber neben uns steht der übermüthige Kaufmann mit dem fetter und fetter anschwellenden Gesichte, seine modernen, feinen Tuchkleider dehnen sich aus, seine Uhrgehänge quellen strotzend über den Unterleib hervor. Venedig ist die magre ägyptische Zeit, Triest die fette. Umsonst ist jenes endlich auch zum Freihafen gemacht worden, es war zu spät; die junge vom Berge herabrollende steinerne Stadt hat Besitz genommen von der Adria, die Levante steigt 515 jetzt in Triest an's Land, man verhöhnt den venetianischen Hafen neben dem weiten, tiefen Triestiner.

Es werden nicht zehn Jahre in's Land gegangen sein, und wir werden uns nach den alten Ungezogenheiten des Geburtsadels sehnen, wir werden nach den vergessenen adeligen Lächerlichkeiten schmachten. Sie affektirten doch ein höheres Kriterium, sie kokettirten doch mit Poesie und nobler Gesinnung, es war doch eine Art Anstand in der Maskerade. Die Industrie überfluthet Alles, und in Kurzem muß jeder Mensch eine Art von Kaufmann sein. Es konkurrirt Alles nach den Regeln der Addition. Wer einen Louisd'or mehr hat, ist einen Louisd'or mehr werth. Das Geld siegt vollständig – wir müssen mit allen Händen arbeiten, irgend noch ein edles Gefühl in Kours zu erhalten.

Das ist mir Alles mit der steinernen Stadt Triest auf's Herz gefallen – ich hätte zwar noch einige andre grüne Erinnerungen aus einem stolzen glatten Hause am Hafen, ich muß mich aber erst besinnen, ob ich Alles verrathen darf. Ich kam aus dem Meere, salzgestärkt und erfrischt wie ein Seeprinz, da bewegte sich oben im zweiten Stock jene lichtgrüne Jalousie, und es flogen griechische Locken und Augen herunter – – ich werde mich besinnen.

Es giebt viel griechisches und türkisches Wesen in Triest, und das Volk redet ein so korruptes Patois, daß 516 Einem türkisch zu Muthe wird. Zwischen italienischen Brocken wälzen sich stockfremde Sprachfiguren einher, die Gott weiß in welcher asiatischen Wüste groß geworden sind. Die ganze Stadt ist mir wie ein Jahrmarkt erschienen an der Grenze eines fremden Welttheils. Die Geschäfte werden aber alle in Gold gemacht, und die pauvren Illyrier, welche die wohlfeilen Wassermelonen ausschreien, erinnern an das Treiben bei einer Farobank, wo Einer nach verlornen Goldstücken ein Glas Zuckerwasser kommandirt. Alle Häuser sind von kaltem, zweifellosem Stein, alle Straßen sind mit solchen Quadern gepflastert, es sieht Alles so trocken, aufgeräumt kaufmännisch aus, als wäre die ganze Stadt ein Waarenspeicher, und die Straßenräume seien nur eben zufällig leer. Eine tödtlich solide Kaufmannsstadt, ich habe nicht eine einzige Blume gesehn.

Ich ging in stiller Mittagshitze die langen weißen Straßen hinauf nach der Post – an jeder Ecke fühlt' ich nach meinem Gelbbeutel, denn Triest sieht ganz so aus, als müßte man gleich Galeerensklave werden, wenn man seinen Geldbeutel verliert. Man spricht nicht, man zahlt bloß.

Die alte Stadt mit einem illyrischen Bettelgesicht, kriecht höher nach dem Berge hinauf um das Kastell her, ignorirt von den neuen steinernen Fremdlingen. Hier kauert auf einem Kirchhofe das 517 Denkmal Winkelmanns, der in Triest gestorben ist. Bis 1833 hat man herumbetteln müssen in Teutschland, eh' es zu Stand gekommen – Triest mit seinen reichen teutschen Kaufleuten, Teutschland mit seinen reichen Verehrern von Literatur und schöner Kunst verläugnen sich nirgends. Schon Seume hat für dies Denkmal gesammelt. –

Das jetzige Triest ist das Werk des Kaisers Caroli VI. Auf der Piazza della Borsa steht sein Bild. Es hat mich erquickt, weil es das einzige Zeichen ist, daß dieser kalte Reichthum doch nicht völlig isolirt sei von aller menschlichen Geschichte. Stolz lächelt daneben die weiße Borsa, natürlich das beste Gebäude der Stadt, nach dem kleinen Kaiser hin.

Ich fühlte mich so dürr und ausgetrocknet in diesem lautlosen Reichthume, ich brauchte jenen guten alten Gott, welcher die grünen Wälder und schwatzhaften Flüsse geschaffen hat, und nirgends, nirgends war er zu sehen. In solch' einer Handelsstadt müßte man von vornherein ein Spitzbube werden, um die Prosa auszubeuten, und etwas unberechenbare Poesie zu erzeugen. Ich ging nicht, ich stürzte hinaus nach dem Meere, und in den weichen Armen der Adria fühlt' ich erst wieder, daß ich noch in derselben alten Schöpfung Gottes sei, wo es Gefühle und Freuden giebt.

Als ich zurückkam, und an den hohen, stolzen 518 Hafenhäusern vorüber ging, da bewegte sich eben jene grüne Jalousie, und toll gemacht durch das Unromantische des Orts trat ich keck in's Haus, und stieg dreist zwei Treppen hinauf. Es war Alles still und glänzend; nur die letzte Thür am Saalfenster schien mir ein Wenig geöffnet, und ich glaubte ganz, ganz leises Gesumme eines Liedchens zu hören.

Aber ich habe wirklich nichts zu erzählen, denn da ein griechisches Mädchen nicht zu verstehen ist, wenn man nicht neugriechisch versteht, so wird Alles pantomimisch abgemacht. Man versucht's mit einigen Erinnerungen aus dem Anakreon, aber da giebt's ein immerwährendes Kopfschütteln und wunderliches Lächeln. Es läßt sich nichts Besseres thun, als dem Mädchen den Kopf still und den Mund verschlossen zu halten. Meine griechischen Erinnerungen waren ohnedies lauter kriegerische aus dem Thukydides und Homer, wir waren aber Beide viel mehr zum Frieden geneigt und umgingen die Präliminarien.

Ein griechisches Mädchen hat große Kelchaugen, aus denen cyprischer Wein strahlt. Die feinen Bogen der Augenbrauen, die Schläfe, die schöne Nase wie aus Blumenblättern gebaut, und der schmale verschwiegene Mund sind heut noch so schön als damals, wie Alkibiades die leichten Athenienserinnen in seine Brust hineindrückte. Etwas wilder mag ihre 519 jetzige Schönheit sein, aber ein barbarischer Ungestüm erhöht die Kräfte, spannt die Muskeln straffer.

Ich wollte das Alles mit einem Türken besprechen, der etwas später neben mir auf der Bank lag vor unserm Wirthshause, aber wir verstanden einander nicht und er sprach auch kein Wort. Vor unserm Gasthofe am Hafen war ein bretternes Zelt aufgeschlagen, der Abend fiel auf's Meer und auf die Berge, welche sich hoch über Triest thürmen, und hinter denen die Wege nach der Türkei, zu den Kroaten, den Ungarn und nach Wien führen, die Berge liefen dunkelblau mit rothen Rändern rings um die Hafenaussicht weiter nach dem Friaul hin, es war wie eine Theaterverwandlung Triests; und wir beide lagen einander gegenüber und schmauchten unsere Pfeifen, und bliesen den blauen Rauch so lang und so behaglich als möglich. Ich sah den Mann in seiner türkischen Tracht zuweilen an, er schenkte mir keinen Blick. Ich glaube, jene Völker haben für dieses asiatische Vegetiren gar kein Wort: ein sichres Zeichen, daß ihnen die Sache so natürlich ist wie das Athmen. Wahrlich, nur dort unten, wo die Sonne scheint, kann die Klassicität gedeihen, die Kunst der Ruhe, wir jache, hastige, fahrige Wesen mögen froh sein, daß wir uns solch' eine Art von Romantik erfunden haben.

Wenn ich nur gewußt hätte, ob sich der Albanese 520 was dächte, sein Augapfel regte sich nicht. Und doch ist das Volk im Grunde immer klüger als wir; wir machen nur so viel Wesen und haben einen großen Apparat.

Ich konnt's nicht erfahren; man rief mich ab; umsonst sagt ich »Leben Sie wohl Herr Türke,« umsonst »Ich empfehle mich Ihnen,« umsonst winkte ich ihm Ade mit der Hand, sein Augapfel regte sich nicht, und der blaue Rauch stieg ununterbrochen auf aus seinem Munde.

Das Christenthum paßt wirklich nicht für das Volk; es ist eine zu delikate, höfliche Religion und verbietet genau genommen auch das Tabakrauchen als einen sträflichen Sinnenkitzel. Es ist eine Religion für den Norden, wo man auf der Erde blutwenig Vergnügen hat, und sich mit der Idee entschädigt. 521

 


 

Es war tieffinstrer Abend, als ich im Eilwagen am steilen Gebirge hinauffuhr, woran Triest sich lehnt. Ich war nicht mehr begleitet vom Starost und Archivarius, erst in Wien wollten wir uns wieder treffen, es saßen drei Menschen mit mir im Wagen, von denen ich keinen Begriff hatte, ich hatte noch keinen Zipfel von ihnen gesehn, und sie regten sich auch nicht.

Der Wagen fuhr langsam, weil es steil aufwärts ging, und ich legte mich bequem in's Thürfenster, um in frischer Abendluft zu träumen von den wunderlichen Dingen auf dieser Erde, wie ich wiederum über ein Gebirg führe, um das Glück dahinter zu suchen, nach welchem ich ausgefahren von Jäschkowitz im Lande Schlesien. Ach, es waren auch noch immer nicht die Pyrenäen, es waren unbekannte illyrische 522 Berge, und man hatte mir sogar erzählt, zwischen diesen Gebirgen bis Laybach hinunter wimmle es von illyrischen Räubern. Sie saßen am Ende schon bei mir im Wagen und ließen mir nur noch ein Wenig Muße zum Schwärmen in der schönen Nachtluft. Gott weiß, was sie für eine Sprache redeten, und auf welche Weise man ihnen einige menschliche Vorstellungen machen könnte.

Es war so heilig räuberisch still auf der hohen illyrischen Gebirgsstraße, ich war wirklich todeseinsam, und dachte an meine Mutter, die immer fürchtete, es würde was Besondres aus mir werden. Wenn man mich hier todtschlug und in eine Schlucht warf, so erfuhr sie nie, was aus mir geworden sei, und das beunruhigte mich – da öffnete sich ein wunderbares Schauspiel meinen Blicken: Weit, weit unten in der schwarzen Nacht sprangen tausend Lichter in die Höhe, und plötzlich erschien ein dichter kompakter Feuerschein, als thue sich die Geisterwelt da unten auf. Neugierig kam auch der Mond dazu, und da sah ich's auf einmal, da erkannt' ich's an seinen im blassen Licht zitternden Wellenspitzen, das dunkle in der Nacht ruhende adriatische Meer. Es ist eine alte Sage von den Liebschaften des Mondes mit den Meereswellen; sie mochten nicht glauben, daß ihnen da hoch oben Jemand zusehen könnte, ich hab' sie belauscht und weiß Dinge zu erzählen, Dinge, die 523 manchem stillen, meerestiefen Mädchen den Schlaf stören könnten.

»Schaun's, do is Triest noch 'mol, und Leichtthurm und die ganze Geschicht« rief mein Vis à vis.

Dadurch erfuhr ich zugleich, daß ich ruhig schlafen könnte, denn einen Spitzbuben mit österreichischem Dialekte weiß ich mir nicht zu denken. Ich erfuhr auch noch mehr von Triest: da unten, wo einsame Lichter brannten, seitwärts von der Stadt, wohnte jetzt noch ein Weib von jenem berühmten Geschlechte der Pelopiden aus Corsika, eine Schwester des seligen Kaisers Napoleon, jene Carolina, die Gemahlin Murats, des berühmten Reitergenerals, welcher auch König von Neapel war. Es ist bekannt genug, daß jener romantische Reiter, dessen Straußfedern wir bei Dresden und Leipzig gesehen haben, einen unhistorischen Tod fand: er ward privatim erschossen. Seine Frau, des Kaisers Schwester, stützte sich auf Oesterreich, und lebte zuerst in der Nähe von Wien. Das ward aber nicht lange geduldet und sie mußte nach Venedig gehn. Und auch von hier vertrieb man sie wieder; jetzt besitzt sie die Villa Marzo in der Nähe von Triest, man nennt sie in ihren Zirkeln majesté, man spricht mit ihr von ihrem Bruder – auf der illyrischen Küste klingen die Dinge fabelhaft wie ein Shakespear'sches Lustspiel – eine 524 Schwester Napoleons! Das ist doch wirklich was Besonderes, der beste Adel in Europa, da 's eine Schwester ist. Denn Napoleons Bruder zu sein ist unbequem – –

Da war ich nun tief in Gedanken über das Unglück dieser Pelopiden; das Haus des Tantalus ist verwüstet bis auf den Letzten: der Kaiser stirbt jenseits des Aequators an einer langweiligen Krankheit, an der schon sein Vater gestorben ist, sein schöner schlanker Sohn mit der schmalen lotharingischen Brust des Hauses Oesterreich stirbt unnapoleonisch an der Schwindsucht, seine Brüder sterben an der Vergessenheit, seine Schwestern sterben an dem kleinen, einsamen Privatleben, sein Weib gebiert Kind auf Kind, nachdem sie einen Napoleon geboren, sein Schwager Mürat, den nie eine Kugel traf, fällt unter ordinairen Delinquentenkugeln, und seine alte Mutter mit dem gespenstischen Namen Lätitia kann nicht sterben, sie sitzt zusammengekauert da wie Hecuba im verbrannten Pallaste von Ilium. –

– Die Lichter wurden immer kleiner, der Leuchtthurm mit dem Meere verschwand, es verschwand auch Triest. Es war mir mit dieser Stadt wie mit einer Theaterdekoration gegangen: in der Nähe hatten mich die plumpen groben 525 Striche angewidert, und in der Entfernung war mir der Reiz gekommen. Handelsstädte und große Gelehrte muß man nur aus der Ferne ansehn, in der Nähe stören der Schmutz und die Tintenflecke.

Carolina lebt jetzt in Florenz. 526

 


 

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