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Reisenovellen - Band 2

Heinrich Laube: Reisenovellen - Band 2 - Kapitel 33
Quellenangabe
typenovelette
booktitleReisenovellen - Band 2
authorHeinrich Laube
year1834
publisherVerlag von Otto Wigand
addressLeipzig
titleReisenovellen - Band 2
pages550
created20120503
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Adria.

Ich habe mich immer umgesehn in Venedig nach den Banditen, von denen die Leute so viel geschrieben haben, aber umsonst. Die Bildung zerstört all' solche interessante Klassen, die Bildung und die Polizei. Es ist in Ober-Italien auf das Strengste verboten, Waffen bei sich zu führen – es mag noch Bravo's in Venedig geben, aber sie haben keine Dolche mehr.

In der Merceria hab' ich einmal einen jungen Mann gesehn in ächt venetianischer Dolchwuth. So etwas hatte ich nicht für möglich gehalten, und ich sah jeden Augenblick aus jeder Tasche, aus jedem Finger zehn Dolche springen. Es war ein Zustand, dem ich selbst einen Ausweg wünschte, die Wuth hob den kleinen Mann vom Fußboden auf. Der Teutsche zürnt oft schnell und donnernd, aber der Italiener haßt plötzlich und lebensgefährlich.

506 Fast alle neueren Erfindungen der Kultur gehen dahin, die Individualität zu vernichten, nur die moderne teutsche Poesie der Prosaisten und hie und da auch die neue französische Schule sucht sie zu retten: sie kokettirt, um durchzudringen, mit der Dreistigkeit des Individuums. In Italien kann sie ihre Studien machen. Es ist der liebenswürdigste Zug der Italiener, daß sie jede Persönlichkeit gewähren lassen – der gewöhnlichste Bursch in Italien ist ein Selbst, und auf der Riva der Slavonier in Venedig findet man heut noch die trefflichsten Shakespearschen Gestalten. – Der Schiffer, welcher uns zum Dampfboote fuhr, besaß eine sehr fatale Individualität: er spielte mit uns das tollste Hazardspiel. Es war der äußerste Termin, die letzte Viertelstunde, um aufgenommen zu werden am Vapore. Das wußte der Gondolier vortrefflich, und mitten im Bassin legte er das Ruder hin, und erklärte, nicht weiter zu fahren, falls ihm nicht das besprochene Fährlohn doppelt ausgezahlt würde. Zugestanden. Nach einer Minute verlangte er das Dreifache, nach zwei Minuten das Vierfache. Wir konnten nichts thun, als ihn in's Meer werfen, und dann kamen wir zu spät. Er verzog keine Miene dazu, als ich über das Gondelhäuschen klettern, und die Exekution beginnen wollte. Es war ein schwarzer Abend, die Lichter schimmerten unheimlich von der Piazetta und 507 der Riva der Slavonier herüber und glitzerten gespenstisch hie und da über das Wasser in's Banditenantlitz des Gondoliers. Die Machtlosigkeit gegen jene Willkühr der Marcusherrn war mir nie so schmerzhaft eingedrungen, als in diesem Augenblicke, wo solch' ein schuftiger Fährmann Fangball mit uns spielte.

Wir versprachen ihm Alles, und als die Gondel im letzten Momente der noch erlaubten Frist an den Vapore anlegte, und der Schuft nicht mehr entrinnen konnte, da gab ich ihm den vom Haus aus bedungenen Lohn, und zog ihm für das Uebrige einen Hieb über den Buckel. Und er? – er lachte und bettelte um eine Kleinigkeit, und fuhr singend von dannen. So wunderlich sind diese Käuze.

Das Dampfboot war sehr voll, und wir fanden mit Mühe auf einigen Tauen ein Plätzchen. Es begann das Räderwerk seinen Lärm unten am Bauche des Schiffs, wo die Schaufeln vom Dampfe gedrängt schlürfend in die Wellen greifen, und immer weiter zurück flog das nächtlich flimmernde Venedig, was des Nachts aussieht, wie eine fabelhafte Lufterscheinung mit hin und her fliegenden Sternen. Das Meer ist noch weit hinaus ruhig, und wirft nur die kleinen Hafenwellen, so groß ist der Einfluß der Murazzi. Diese Murazzi sind die kolossalste Erscheinung Venedigs, riesenhafte Steindämme, welche 508 tief in's Meer hinein errichtet sind. Sie sollen schon zu Zeiten der Römer begonnen sein, und schützen die Stadt vor dem Eindringen des Meeres, sie sind die Garantie Venezias.

Plötzlich flog der Vapore hinab, hinaus – die Murazzis sind zu Ende, hieß es auf dem Schiffe, die eigentliche Meeresfahrt begann mit allen ihren tragikomischen Zuständen. Ich war zum ersten Male auf dem hohen Meere, wo bei friedlichster Ruhe die Wogen fortwährend geschäftig auf- und niederrollen, jene stille Schwermuth des Magens, jene lebensmörderische Sehnsucht der Seekrankheit kam denn auch alsbald über mich, indessen hatten die Meeresgötter ein Einsehn, da sie meine Bereitwilligkeit erkannten. Ich habe nie eine Tapferkeit so bewundert, als in jener Nacht die Tapferkeit der Seehelden – man erzählt, daß Nelson immer seekrank gewesen sei. Der Mann muß eine geistige Kourage besessen haben ohne Gleichen, denn es giebt keinen ähnlichen, eben so niederschlagenden, entmuthigenden Zustand des Körpers als den der Seekrankheit. Ich weiß nicht, welche Organe in mir die Fähigkeit behalten hatten zu lachen, aber ich weiß, gelacht wurde in mir beim Anblick der Gesellschaft, auf dem Verdeck und in der Kajüte. So müßten sich die Alten den Orkus und den Zustand der Verdammten gedacht haben, wenn sie Humor besessen 509 hätten. – Die entschieden Unglücklichen, zu denen ich gleich von vornherein gehörte, sind allerdings nicht komisch, aber jene Menge, die wie Tantalus zwischen Furcht und Hoffnung qualvoll schwebt. So saßen meine alten Reisegefährten, der Archivarius und Starost wie gequälte Schlachtopfer auf den Tauen, mit zusammengekrümmten Leibern, schmerzhaft dubiösen Gesichtern, gefalteten Händen, mitten in jenem entsetzlichen juste milieu der Seekrankheit. – Die Matrosen spannten die Segel auf und eine Stange riß dem Starosten die Mütze vom Haupte in's schäumende Meer, der Unglückliche sprang in die Höhe, wollte ihr nach, spottend murmelte das Meer in seiner Finsterniß, und der Nachtwind flog drohend über des Beraubten Haupt.

Wenn ich nur gewußt hätte, wer vorn im äußersten Winkel des Schiffes leiden mochte; unter einer breiten Decke bewegte sich's krampfhaft hin und her, und ein alter Matrose stand immer so theilnehmend dabei, und brachte Mancherlei herzu, und sah unter die Decke, und war gar nicht Matrose. – Diese bewegliche Decke hatte etwas Rührendes für mich. Bei all' dem Jammer rings um mich her war ich neugierig. Ich stolperte indessen in die Kajüte hinab, und legte mich auf den Boden, da alle Bänke von Leidenden in Beschlag genommen waren. Solch' eine Kajüte ist ein kleines Cholerahospital, die 510 Spucknäpfe gehen herum wie Tabacksdosen. Ein volles, schön gebildetes Weib wälzte sich neben mir am Boden, sie litt unaussprechlich, hatte sich in der Angst des Herzens die Haare und den Busen aufgerissen, und streckte die Hände flehend nach mir aus, als könnt' ich ihr helfen. Ich hatte selbst alle mögliche Charakterstärke nöthig, um nicht in die schlechten Manieren meiner Umgebung verwickelt zu werden. Das horizontale Liegen am Boden unterstützt hierbei den Umstand auf's Beste.

Es war eine recht schlechte Situation. Das sollte nun jenes gepriesne Meer sein: der Himmel, in den ich sah, war eine hölzerne Kajütendecke, das Unendliche um mich war jenes Krachen der Leiber mit dem fatalen revolutionairen Tone, meine poetischen Gefühle glichen jenen unvergeßlichen Empfindungen meiner Kindheit, wenn mir zu besserer Leibesöffnung Sennesblätter eingeflößt worden waren. Ich erinnere mich nur, daß die Namen »Täuschung – Kiekebusch – Schweinigel – Schöpfung« in mir herumwirthschafteten, daß die Räder unter mir im Meere braus'ten, und daß ich endlich wieder aufwachte. Die Lampen brannten düster in der Kajüte, die kleine Treppe herab kroch ein grauer Tagesschein, Alles schlief ringsum mit jenen leichenartigen, schmutzigen Gesichtern, und der ganze Raum hatte auch das Ansehn jener wüsten Studentenstuben, wo 511 man die Nacht vorher glücklich gewesen ist. Die Leute mit fünf Sinnen nennen es wenigstens so. Solche Räume sind mir Kirchhöfe der menschlichen Schönheit – ich raffte mich auf; das arme, schöne Weib lag noch neben mir, ihre aufgelös'ten Haare waren auf meine Hand gefallen, ihre Augen und Lippen zuckten noch, als könne sie auch der Schlaf nicht schützen.

Oben auf dem Verdeck war's noch mäuschenstill, selbst die Matrosen kauerten in den Winkeln, und schoben nur ein Augenlid in die Höhe bei meinem Geräusch. Der Wind lag tief in den Segeln, der frische, kalte Morgenwind, und fern an den grauen Himmelsrändern kletterte unsicher die Dämmerung über das Meer herauf. Zusammengerollt wie Mantelsäcke lagen der Starost und der Archivarius neben den Tauen, ein buntes Tuch ersetzte jenem die verlorne Mütze, der Berliner bildete den Hintergrund der Gruppe – es flog ein Wüstenbild durch meinen Sinn: die Araber schlafen an das Kameel sich lehnend auf dem Wege von Damaskus nach Aleppo. – –

Ich lehnte mich an den Mast, der Tag klomm immer höher, zum ersten Male trank mein Auge rings Meer, nichts als Meer, wornach es so lange gedürstet hatte von Jugend auf. So wie die Ewigkeit, ein Ding ohne Anfang und Ende, konnt' ich immer das Meer nicht für möglich halten. Und 512 beide sind da, ich weiß es, aber ich denke nicht gern darüber nach, weil man dabei verrückt werden kann; ach wir kleinen komischen Menschen, – es ist der ächte Humor Gottes, daß er uns so große Leidenschaften gegeben hat.

Mein Magen war damals noch zu sentimental, als daß ich mich hätte auf absonderliche Meeresgedanken einlassen können, obwohl ich mich sehr darauf gefreut hatte. Das fühlt' ich aber: es ist wunderbar schön auf dem Meere, und wenn Einem nicht eben übel wird, so sind die Heldenthaten natürlich, die Schwingungen des Herzens sind auf der See viel weiter, weiter, gewaltiger. Alle Landpoesie ist putzig neben den Meeresgedanken.

Welch' ein Stolz gleitet auf den häuserbreiten Wellen einher, und das Wasser der Adria ist wirklich blau, rein-blau, zauberhaft blau wie strotzender blauer Taffet, aus welchem die Brautkleider geschnitten werden. – O, du geheimnißvolle blaue Adria, du Römerfee, wie großartig fluthetest du mir den Abschied Italiens, wie ganz gehörst du zu Italien! Auf dir ist Cäsar geschwommen und Diocletian und Lord Byron!

Bald nach der Morgensonne stiegen die illyrischen Küsten aus dem Meere. Es war ein purpurgoldner Morgen, die Poesie flog an dem fernen steilen Gestade mit leuchtenden Kleidern hin und her.

513 Ade, Italien, ich werde wiederkommen, du dunkles, schönes Weib, um deine nackte Brust zu küssen, und nur Hispania werd' ich mehr lieben.

Es ist so viel Einzelnes und so wenig Ganzes über das Land geschrieben worden. Ich hoffe sehr auf den Professor Witte. Er kennt vielleicht die Literatur des Landes am Genauesten, er hat sich im Wesen, Charakter und in der Sprache jener singenden Römer lange und aufmerksam herumbewegt, er hat mir im Angesichte des von — und aller Schönheit verlassenen Städtchens Schkeuditz, versprochen, seine Studien und Skizzen zu verarbeiten und herauszugeben. Nur möge er sie diktiren, denn er gehört zu den interessant sprechenden Schriftstellern, die uninteressant schreiben. –

An einer Bergesbucht lief Triest in die Höhe, pfeilschnell schoß der Vapore darauf los. Es war ein heißer Morgen, als wir landeten, ich ließ meinen alten Matrosen nicht aus den Augen, er hatte fortwährend Kaffee unter jene geheimnißvolle Decke praktizirt, jetzt erst hob er sie – ein garstiges altes Weib kam zum Vorschein, deren schwarze Haare wüst über das braune Antlitz hingen. Erschreckt sprang ich an's Ufer – Triest, das war ein schlimmes Omen. 514

 


 

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