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Reisenovellen - Band 2

Heinrich Laube: Reisenovellen - Band 2 - Kapitel 31
Quellenangabe
typenovelette
booktitleReisenovellen - Band 2
authorHeinrich Laube
year1834
publisherVerlag von Otto Wigand
addressLeipzig
titleReisenovellen - Band 2
pages550
created20120503
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Lord Byron.

– Das Nähere, Umständliche ist mir entfallen, aber es war wieder tiefe Nacht in Venedig, als ich in einer Gondel vor Lord Byrons Wohnung stand. Es ist immer Nacht, wenn ich an Venedig denke, und die Lichter spielen entweder auf den glatten Fliesen des Markusplatzes, oder über die Lagunen herüber von der Piazetta, oder den langen, stolzen, öden Canale grande entlang. Ein wenig spärlich sind dort die Lichter, wenn der Mond nicht hilft, die Palläste sind, wie gesagt, meist todt, vom Rialto schimmern einige österreichische Laternen herunter in die Tiefe.

Die Gondel war festgemacht, ihr Führer lag am Ruder hingestreckt, und schlief, ich lehnte an jenen kleinen Fenstern, welche dicht über dem Wasser sind, und hinter denen der giovine Inglese oft gesessen haben soll. Dort hört' ich die schöne Stimme jener 475 Nacht wieder, welche sprach: »Ihr habt Alle zu wenig Muth, Ihr Poeten – und – sehne dich nach mir«. Wenn ich mich nur recht erinnern könnte, ich glaube, es wären noch süßere Dinge zu erzählen von jenem hochbusigen, freudestolzen, adligen Weibe; Lord Byrons Geschichte, welche ich in jener Nacht erfuhr, hatte sich meines Gedächtnisses bemächtigt, und die andern Dinge waren nicht bloß für das Gedächtniß.

Dieser Lord Byron, bei dessen Namen die tugendhaften Mütter in England heut noch erschrecken, stammte von den Rittern Wilhelms des Eroberers. Es war normännisch Blut in ihm, wie in Robert dem Teufel, und die Normänner waren viele Jahrhunderte die südlichen Teufelsgenies des Nordens. Sie haben auch die vollblütigen normännischen Pferde gezogen, die jeder Philister zu würdigen weiß. Die Irländer sagen, seine schöne, liebe Mutter sei mitunter wahnsinnig gewesen, und es ist etwas Bekanntes, daß sein Großvater Menschen todtgeschlagen, und sein Vater in tollem Strudel sein Vermögen durchgebracht hat.

Es ist eine Naturerscheinung, daß die Hauptbeweger der Menschheit seit mehrern Jahrhunderten immer auf jener stockphiliströsen Insel sich erheben, wo die Religion stets eine platte, lederne Beschränktheit und die Poesie eine gespreizte Schulfuchserei 476 war. Aus England ist Shakespeare und die Freiheit und Lord Byron gekommen. Lord Byron ist aber der wilde Vater jener modernen Poesie ohne Pietät, welche mit nackten Händen an's Herz greift. Er giebt den Ton zu jener poetischen Politik an, aus welcher wir noch keinen Ausgang gefunden haben, welcher sich die kaufmännische Prosa und die leeren, formellen Konstiuirer bemächtigt haben, und für welche wir in die Gefängnisse geworfen werden. Alle die Launen, Ungezogenheiten, Tollheiten, alle die schönen Frevel sind zu sehen an diesem wilden, schönen Lord, welche man dem modernen Dichterthume zum Vorwurfe macht. Ja, es war wirklich nach den laufenden Begriffen ein Koloß von Immoralität. Die Engländer werden es auch am Spätesten lernen, daß die großen Dichter die neue Moral machen, daß die Dichter Gottes ächteste Söhne sind, daß alle Dichtkunst Religion ist, und alle Religion Dichtkunst. Die Moral ist der Lauf des Jahres: im Frühling blüht und grünt sie im Munde der Poeten, im Sommer wird sie durch die Sonnenstrahlen und warmen Lüfte unter der Menge verbreitet, im Herbste trägt sie die tugendhaften Früchte, und im Winter erstarrt sie, und wird alt: die Welt braucht immer neue Dichter.

Und mit großer Qual schaffen diese oft das Neue, was mit Geburtswehen aus ihrem Geiste 477 bricht, und meist werden sie dafür gekreuzigt. Sie sehen in schönen, göttlichen Augenblicken das neue Weib der Welt am Horizonte vorüberfliegen, aber es wird bald wieder ordinaire Dämmerung um sie herum, sie stürzen sich schnaufend nach dem Geheimnisse der Schönheit und Harmonie, was eilig vorüberflog an ihrem Auge, sie zertreten in jacher Hast Dieses und Jenes, sie werden wirklich unmoralisch, und gebären nur die Anfänge einer neuen Klassik, aber noch keine Klassik.

Lord Byron ist durch seinen launischen Stolz zu wirklichen Unfläthereien verleitet worden. Er war im Stande, Leuten, die ihm begegneten, deren Physiognomie ihm mißfiel, und die sich nicht mit ihm schießen wollten, mit der Reitgerte in's Gesicht zu hauen. Solche Menschen sind die quälenden Ahnungen einer reicheren Welt, so wie der Teufel nach den meisten Mythen aus dem Paradiese stammt. Sie gehören aber eben so wenig wie der Teufel in die Hände alltäglicher Menschen, denn selbige machen eben die dummen Teufel daraus.

Still und klösterlich wuchs dieser junge Normann in einem alten Klostergebäude auf, in einer jener stillen, kirchlichen englischen Provinzen zwischen dichtem grauen Nebel und sammtgrünem Rasen. Von Haus aus lahm und schwächlich, darf er draußen in der frischen Luft herumspringen, um 478 sich zu stärken, und so verbrüdert er sich früh mit der Erde, und lauscht ihren geheimnißvollen Athemzügen. Besorglich streichelt ihm die süße Mutter das feine, interessante Gesicht, und sie entschließt sich mit Mühe, ihn auf eine lateinische Schule zu geben. Störrig gegen den Schulzwang geht er hier umher. Mit 16 Jahren bezieht er die Universität Cambridge, ist faul, verabscheut die Mathematik, verspottet die langweiligen Klassiker, lies't englische Dichter, und macht Liebesgedichte. Sein Stubenbursche ist ein junger Bär, und als er abgeht, läßt er ihn in seinem Zimmer, damit er bei der nächsten Wahl eines Fellow als Kandidat auftrete, eine Verhöhnung der akademischen Würden, welche ihm die Engländer nie vergeben haben. Aus Grimm machten sie ihm die Originalität der Bärengeschichte streitig, und publizirten eine Anekdote von Philipp, dem ausschweifenden Herzoge von Wharton. Dieser sei in Genf plötzlich seinem Hofmeister durchgegangen, und habe ihm folgendes Billet auf den Tisch gelegt: »Ich bin fort, damit es Ihnen aber nicht an Gesellschaft fehle, habe ich Ihnen meinen jungen Bären zurückgelassen, als den passendsten Gefährten, der irgendwo für Sie aufgefunden werden kann.«

Mit 19 Jahren kommt Byron wieder nach der alten Abtei Newstead in die hohen Zimmer, unter die breiten, schattigen Bäume, und hier giebt er 479 zuerst seine »hours of Idleness«, Stunden des Müßiggangs heraus, hier erkürt er sich in einem Neufundländischen Hunde einen neuen Gefährten, hier ist er vielleicht über die Zäune gesprungen, um jenem stillen, englischen Mädchen zu begegnen und die Hand zu drücken, die wie ein sanfter Geist durch seine Jugend schreitet.

Aber bald geht der Teufel los. Im Edinburgh Review werden seine Gedichte auf das Raffinirteste heruntergerissen – Henry Brougham hat sich später zu der Kritik bekannt – und Byron schreibt seine berühmte Satire »Englische Barden und schottische Kritiker«, er ist ein gesporntes, Normännisches Schlachtroß, er stampft und schäumt. Nun kommen die tollen Tage in Newstead, die wildesten, geistreichsten Bursche aus London, die hübschesten Aktricen vom Kingstheater lärmen und schlüpfen in den Kreuzgängen Newsteads herum; mit Entsetzen sagen die Engländer: »Dieser junge Mann hat mehr Geliebte als Musen«, mit Grauen erzählen sie sich's, daß er aus den Schädeln seiner Ahnen einen zu seinem Mundpokal habe machen lassen, daß er seinem neufoundländschen Hunde ein Monument im Parke gesetzt, und ihm ein Epitaphium gedichtet habe, daß er die Menschen nicht brauchen könne, und der Hund sein einz'ger Freund gewesen sei.

Es war eine wüste Zeit zu Sanct Newstead – 480 blaß und überdrüßig kam er von da als junger Lord in's Oberhaus, und da er keine Stellung fand, setzte er sich mit dem wilden Hobhouse zu Schiffe, und fuhr nach Portugal, Spanien, Griechenland, schwamm durch den Bosporus, strich mit dem Homer auf den Lippen in der trojanischen Ebene umher, und ließ sich endlich still und einsam in Griechenland nieder. Hobhouse kehrte heim.

– Wunderliche Welt! Jetzt ist Hobhouse englischer Kriegsminister, und tritt zurück, weil er nicht alle Forderungen seines liberalen Herzens realisiren kann, er ist bleich wie immer, aber auch betagt – der schöne Byron ist schon lange, lange todt, und hat nichts mehr von den neuen Tagen gesehn.

Damals blieb er unter den Oelbäumen in Griechenland sitzen, küßte schöne hellenische Mädchen, trank Cyperwein, und schrieb die Pilgerfahrt seines »Childe Harold«, das Gedicht seines Lebens, erzählte den »Giaur« jene bunte, türkische Geschichte, und seine rundeste, »die Braut von Abydos«, dichtete den »Korsar«, den Medora liebt, das wunderbar schöne Weib, jenen Korsar Konrad, den »Mann von Einer Tugend und Tausend Verbrechen.«

Dann kam er müde nach England, in das ihm lästige Vaterland zurück. Ich weiß nicht, ob er jene Gedichte schon fertig mitbrachte, aber sie erschienen bald darauf, und es folgten schnell »Lora«, eine Art 481 Supplement des Korsaren, und seine berühmte Ode an Napoleon, die ihm jene plumpen Engländer nie vergaben.

Und Byron war in jener Zeit ruhebedürftig, und Napoleon war zum ersten Male gestürzt – da trat der gequälte Poet am 2. Januar 1815 mit einem Weibe an den Altar, und wollte ein Hausvater werden, und ruhige, glückliche Tage genießen. Er wird ordentlich, bezahlt seine Schulden, wird solid – ach, welch' ein Irrthum. Dieser Erste der modernen Elementargeister muß vorausbezahlen für alle folgenden. Die Welt seines Herzens und die Welt um sein Haus herum sind in schreiender Disharmonie, es besteht kein Frühling mit frostigen Nächten.

Diese Ehe krönt seine bürgerliche Zerrüttung, ein zipp-englisches, platt tugendhaftes Weib wirft Hagel und Schlossen auf sein Herz, und die englischen Philister heulen ihr Bravo. »Besonders ist es in London der Fall, – sagt ein Franzose – daß von allen thörichten Dingen die Verheurathung als die ernstlichste betrachtet wird«. – Wie paßte Byron in eine englische Ehe, wie paßt der Poet in ein einziges Versmaaß? Sie folterten ihn mit Nadelstichen, sie hätten ihn getödtet, wenn er nicht wieder auf's Schiff entronnen wäre. Jenes Farewell, was er dort auf dem Verdeck sang, das ist deine unauslöschliche Anklage, du aberwitziges, prosaisch moralisches England, mit 482 deinen Pfaffen und alten Weibern gotteslästerlicher Frömmigkeit.

Während seiner Verheurathung hat er die »hebräischen Melodieen« herausgegeben, in denen es die traurigen Herzen jenseits des Kanals übelnahmen, daß er die Bibel als ein historisches Buch behandelte. Darin ist jener große Untergang von Sanheribs Heer, wie die Assyrer in der Ebene, unter dem dunkeln, verpesteten Himmel dahinsterben. Und »die Belagerung von Corinth« und »die Parisina« hat er damals geschrieben.

Voll bittern Grolls, voll peinigenden Schmerzes, voll mörderischen Unwillens verließ er das widerwärtige Vaterland: damals lebte sein Geliebter, der wildschöne Sheridan, es lebte Lewis, der unbändige »Mönch« noch, Walter Scott schrieb Romane, Canning Satiren, Wordsworth, der melancholische, Colbridge, der kecke, und Shelley, Shelley, sein Liebling, der skeptische Held, Alle diese sammelten sich damals um John Murray, den eleganten Buchhändler, der seine blanken Guineen für ihre blanken Gedanken gab. Und zürnend ritt Lord Byron, der Mittelpunkt dieser Leute, über das Schlachtfeld von Waterloo, den Rhein hinauf, tief in die Schweiz hinein. Hier unterhält er sich mit Rousseau und Abälard und Heloise, schreibt den »Gefangnen in Chillon« und den dritten Gesang des »Childe Harold« und 483 »Manfred«, den Sprößling Goethes, den Stiefbruder von der ersten Hälfte des Faust.

Es ist einer der wenigen rührenden Momente in Goethes Leben, wo seine Liebe zu diesem wilden Sohne wie ein warmer Strom aus seinem Herzen bricht. Goethe hat wirklich Lord Byron geliebt. Wie manches Kind der Byronschen Leidenschaften war ihm bekannt, denn er ist der Patriarch der neuen Religion – aber er hatte mehr Glück und kühleres Blut, und machte ein Liedchen draus, wenn dort zwei Welten an einander prallten. Es ist eine der weichsten Stunden im langen Leben des Geheimenraths der Poesie gewesen, als die Nachricht nach Weimar keuchte, zu Triest sei ein schwarzbewimpelt Schiff gekommen, auf dessen Verdecke habe die Trauerbotschaft gelegen, daß er in Griechenland gestorben sei, der schöne Lord aus dem garstigen England. –

– All' seine tollen Zweifel waren im »Manfred« an den Alpen hinauf in den Himmel geklettert, jene tödtliche Sehnsucht nach Kenntniß der jenseitigen Dinge, die jeden Helden eine Periode hindurch bis auf den Tod schüttelt, jene menschgöttliche Sehnsucht hatte er ausgestreut in jenem Gedichte; er hatte den starren Kopf an die Felsen gestoßen, die heiße Brust an die Gletscher gelegt, und nun stieg er hinab nach Italien. Und hier packte er noch einmal mit all' seinen Kräften die wirkliche schöne Welt, die uns Gott 484 frei gegeben hat zu unsers Herzens und unsres Leibes Freude. Abgeschüttelt war im Manfred jene subtile, christliche Ueberschwänglichkeit, welche die Erde über dem leeren, unerreichbaren Himmel vergißt, der Don Juan irdischer Schönheit, stieg er herunter von den Alpen.

Manfred war wohl von Shelley angeregt. Auf einem Ausfluge nach Genua trifft er seines Geistes und seines Lebens unglücklichen Doppelgänger, den lieben, armen Shelley. Eine innige Freundschaft verbindet sie bald. Sie hofften einer so wenig wie der andre von der unnatürlich gearteten Welt, und Shelley hoffte auch noch weniger von Gott, und die thörichten Engländer nannten ihn deshalb einen Atheisten. Das Unglück hing wie ein Skorpion an seiner Ferse, und sagte ihn durch die Welt, er war eben so unglücklich wie Byron, nur noch unglücklicher, und darum liebten sie einander so sehr. In Oxford war Shelley relegirt worden wegen irreligiöser Gedichte, deshalb verstößt ihn sein Vater, es verläßt ihn die Geliebte, er flieht wie Byron aus England. Die englische Dummheit bedroht sogar sein Leben, und am Posthause zu Pisa fällt ihn ein moralischer Plumppudding mörderisch an, als er Shelleys Namen hört.

Er kommt wie Byron zurück, heurathet wie dieser, um nur etwas Liebes zu haben, findet wie dieser kein Glück, verläßt Weib und Vaterland wieder, und kommt nach Italien in Byrons Arme. Das Meer 485 erbarmt sich des Verstoßenen, die Wellen bedecken sein Leben, und sie bringen dem suchenden Byron den gequälten Leib plätschernd an's Ufer. Lord Byron errichtete einen Scheiterhaufen, um die Erdmasse des Freundes, welche so schwer auf ihm gelegen, zu verflüchtigen. Es war einer der schlimmsten Tage des Lords.

Shelley war's, der ihm zuerst den »Faust« in die Hände gab und verteutschte. Armer Shelley! Wie Viel hast du für uns gelitten! –

Italien ist Byrons zweites Vaterland, Venedig die Geburtsstadt seines Don Juan. Hier traf er seinen Freund Hobhouse wieder, hier fuhr er Nachts in den Kanälen umher, und träumte von Welten und Menschen, frei wie die Schönheit und schön wie die Freiheit. Nur im Süden gedeihen die schönen Bäume, Byron wäre in jenem kühlen England vor Gram gestorben, hätte es keinen Süden gegeben, wie die Singvögel, wenn sie unsern Winter überdauern müßten. Lord Byron wäre auch nicht so unglücklich gewesen, hätte er von Jugend auf unter diesen südlichen Menschen gelebt, die von ihrem Vater her wissen, daß die Schönheit der Erde und der Weiber keine Theaterdekoration sei.

Auf diesem wunderbaren, unbefriedigten Venedig liegt Byrons Antlitz mit seinem Zauber, und seinem tödtlichen Verdruß. Wie Byron mit der Sinnlichkeit, 486 buhlt Venezia mit dem weichen Meere – zwei schöne Sterbende, eine historische Stadt besitzt nur ein größeres Herz, und stirbt länger. Er nannte sie auch nur »die frischeste Insel seiner Träume«, und hier kam ihm auch als Todeskuß der Humor, hier schrieb er seine erste humoristische Erzählung, den »Beppo«, die Geschichte jenes muntern Seefahrers »Giuseppe«, hier vollendete er den »Childe Harold«, und ersann den genialen »Mazeppa«.

Ich hatte nie etwas von Byron gelesen, meine Freunde hatten mir nur seine Schriften beschrieben, da sah ich eines Tag's das Bild Mazeppa's: ein schöner, nackter Mann ist auf ein wildes Pferd geschnürt, das Pferd stürzt durch den Wald über einen schroffen Abgrund, Todesangst bricht aus seinen Augen und Nüstern, Wölfe stürzen aus allen Winkeln – auf dem zweiten Blatte ist es todt zusammengestürzt, Mazeppa's halber Leib ist unter dem Leichname begraben, seine Augen lechzen nach dem Tode, wilde Pferde schreien und schlagen ringsumher nach dem Unglücklichen, oben flattert ein Rabe nach dem Aase lüstern. Damals sagt' ich: dieser Mazeppa ist Lord Byron, der schöne Unglückliche, der in England lebt unter den Wölfen und rohen Pferden der Kosacken, und festgebunden ist auf das geängstigte Pferd einer alten, verlornen Moral. Das Bild machte einen unbeschreiblichen Eindruck auf mich, und ich habe von da 487 an niemals einen Augenblick gezweifelt, daß der Dichter des Mazeppa voll Poesie sei. In meinen Träumen sah ich das gehetzte Pferd fliegen, sah die offnen Rachen der Wölfe, und den entsetzlichen Schmerz im Aug' und in jeder Muskel des schönen nackten Mazeppa.

Armer Lord Byron!

Seine bunte Wohnung am Canale grande war eine tragische Maske seines Geschicks. Unter Bären, Affen, Papagaien und eben so scheckigen Bedienten saß er da, der feine, eitle, verführerische Form-Aristokrat, schrieb den »Marino Fallieri«, die »Fossari«, den »Sardanapal«, besang, wie früher den Tasso, jetzt auch den Dante, bedauerte lebhaft den Tod eines einzigen Engländers, des Zahnarztes Wathe, verschrieb sich Zahnpulver aus London, zerstampfte die Feder, daß er nicht so groß werden könne, wie Shakespeare, spielte mit seinen Hunden, umarmte die schönen Weiber, und schrie auf zum Himmel über die Armuth dieser Erde.

O, die Griechen wußten es wohl, wie unglücklich die Titanen auf dieser Erde seien.

Gegen Abend fuhr er mit seinen Hunden an's Land, ritt seine schnellen Pferde, schoß Pistolen, und kam in der Nacht wieder, um in den Lagunen sich schaukeln zu lassen und zu träumen von Gottes Rathschlägen.

488 Wenn es nicht erzählt würde, ich hätte es erfunden, daß er eitel gewesen sei auf seinen schönen Kopf, eitel wie Napoleon und jeder große Mann auf seine schöne Hand, daß er sogar beim Schwimmen Handschuhe getragen, daß er stolzer gewesen sei auf seine Person, als auf seinen Geist. Das war seiner launischen Schönheitslust nothwendig, und folgende Aeußerung zu seinem Hausarzte ist gewiß wörtlich wahr. »Drei Dinge machen Sie mir nicht nach: ich habe ein Gedicht geschrieben, wovon in einem Tage 10,000 Exemplare verkauft worden sind, ich putze eine brennende Kerze auf dreißig Schritt mit der Pistole, und ich bin durch den Bosporus geschwommen«. –

Hier in Venedig war's, in diesem Palaste, wo einst Thomas Moore mit ihm speis'te, und wo er beim Desert hereintrat und ihm seine Memoiren übergab. Dieser mittelmäßige Poet, dessen glatter Wortreichthum die Mittelmäßigkeit besticht, hat es gewagt, den Auftrag jenes Sterbenden zu veruntreuen, er hat die Memoiren verfälscht herausgegeben. Dies prüde Krämervolk hat die beiden ersten Poeten unsrer Tage, den Napoleon und Lord Byron zu Tode gemartert, und hinterher durch seine Poeten, die Edlen Scott und Moore, verläumden lassen. Pfui über sie! Wenn das Volk nicht sonst so groß, so konsistent tüchtig wäre, ich könnte es hassen ob dieser historischen Geschwüre. Dieser wohlgenährte Thomas 489 Moore bildet sich ein, das beste Freundschaftsstückchen geübt zu haben, um Byrons Ruf bei der englischen Prüderie – der Wicht weiß nicht einmal, daß er die Geschichte bestohlen hat, und daß solches eine Sünde ist gegen den heiligen Geist.

Von Venedig geht es rasch mit Byron zu Ende. Er schreibt noch den »Kain«. Hier sollte der Teufel wie ein Geistlicher sprechen, aber Byron meint, es sei nicht angegangen, der Teufel müßte höflicher reden.

Seines gequälten Herzens erbarmt sich noch einmal die Liebe, die schönste seines Lebens, die innige, siegreiche Liebe zur schönen Gräfin Guiccioli in Pisa. Es war ein Weib so süß und weich wie der schönste Liebesvers aus Romeo und Julia – und diese ächte, alte, moralistische Liebe, die er umsonst gesucht, dies Ein und All des Lebens fällt noch wie eine milde Sternennacht über sein Aug' und Herz. Sie beschämt sein ganzes Leben, und gießt ihm den göttlichen Tod in die Brust. Er weint wieder Thränen, die ihm seit der Kindheit gefehlt, küßt keusch ihre Augen, besteigt den Herkules, und segelt gen Griechenland, um für die Freiheit zu fallen. Und der Himmel liebte seinen Sohn, der sterbende Fechter moderner Poesie verschied bald und sanft in den Armen seines getreuen Lechter, 33 Jahre alt. So 490 schloß im Jahre 1823 dieses gewaltige, moderne Epos. –

– Sie reichte mir noch die weiße Hand zum Fenster heraus, ich küßte sie, und ruderte mich heim. – Ich mochte Niemand stören, und weckte den Schiffer nicht. – 491

 


 

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