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Reisenovellen - Band 2

Heinrich Laube: Reisenovellen - Band 2 - Kapitel 29
Quellenangabe
typenovelette
booktitleReisenovellen - Band 2
authorHeinrich Laube
year1834
publisherVerlag von Otto Wigand
addressLeipzig
titleReisenovellen - Band 2
pages550
created20120503
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Venetianer.

Wenn der Lombarde diesen östlichen Winkel seines Landes mit allen Vorzügen näher bezeichnen will, so nennt er Wein von Vicenza, Brot von Padua, Nudeln von Treviso und – Maitressen von Venedig.

Die venetianischen Weiber gelten Vielen für die schönsten, wenigstens für die liebenswürdigsten in Oberitalien. Sie haben von der weichen Lagunenluft eine geschmeidige Haut, von dem engen, abenteuerlichen Wesen ihrer Stadt sind sie von Jugend aus gewandt und abenteuerlich geworden, sie sind mit Grazie lüderlich, wie man das in Teutschland nennt. Und die ausgelassene Grazie entwickelt in ihrem freien Weben die keckste Schönheit. Auch Byron fand hier sein schönstes »Thier der Schöpfung,« die wildschöne Fornarina, deren zornige Liebesarme ihn entzückten.

Ich habe nicht viel Gelegenheit gehabt, in das innere bürgerliche Leben der Venetianer zu blicken; 462 sie sind ein Wenig scheu und mißtrauisch, namentlich gegen die Tedesci, unter deren Herrschaft sie jetzt gebeugt sind, obwohl die Venetianer noch für die leichtsinnigsten und weichlichsten Italiener gelten, welche die alte Freiheit Italiens am Besten vergessen haben. Es ist sogar nichts Seltenes, daß man die jungen Nobilis eines sehr langsamen, trägen, zweifelhaften Muthes beschuldigt. Otto von Pirch hat in seinen liebenswürdigen Caragoli viel Interessantes über das jetzige Gesellschaftsleben mitgetheilt. Ich entnehme folgende Stellen seinem Buche. Es war ein fröhlicher Sonnentag, als sie in der guten Stadt Breslau seinen todten Leib unter gedämpftem Trommelschlage hinaustrugen auf den Militairkirchhof vor dem Ohlauer Thore – es hatte mich lange nichts so erschüttert, als die Todtenschüsse, welche sie über seinem Grabe abfeuerten – jene Schüsse fuhren krachend durch meinen Lebensmuth. Otto von Pirch war ein junger, schöner Soldat, mit aller Liebenswürdigkeit höherer Kultur ausgerüstet. Er hatte lustig allerlei Fährlichkeiten seiner Reisen bis hinab an die türkische Grenze bestanden, und war lebenslustig in seine Heimath zurückgekehrt. Da reitet er bei heiterem Sonnenscheine eines Tags um die Breslauer Promenade, sein Auge schweift fröhlich forschend umher, da wird das Pferd plötzlich scheu, springt auf die Seite, wirft den Reiter aus dem Sattel, geht im 463 sausenden Galopp durch, und auf den harten Steinen wird dem im Bügel hängenden Reiter das Haupt zerschmettert, das freie, gedankenvolle Haupt. Zerschlagen lag es in jenem Sarge, über welchen die Schüsse flogen. Von den wilden Bannatsvölkern war er unbeschädigt heimgekehrt, und in der friedlichen Heimath springt ihm der Tod wie ein tückischer Schuft in den Nacken.

Ich werde im nächsten Theile auf seine verdienstlichen Notizen über das Land der Magyaren zurückkommen. Hier Einiges von ihm über die Venetianer.

»Die jungen Nobili treten früh in den Genuß des Lebens; die schönen Künste und Liebesintriguen machen ihre einzige Beschäftigung. Während sie die Wissenschaften vernachlässigen, umfaßt ihr Geist mit leidenschaftlichem Feuer die Gebiete der Plastik, der Malerei, und besonders der Musik, und sie legen allen Ernst und Eifer, deren sie fähig sind, in das Studium derselben. Fast immer außer dem Hause, und inmitten so vieler und großer Kunstgegenstände, nehmen sie in diesem Studium eine rein praktische Richtung. – Ist es ein Wunder, daß all' ihre Sinne nach Genuß verlangen? – Die Eroberung der jungen Frauen ist völlig verwebt mit jener Richtung. Prüfend und schwelgend gehen sie von einem Gegenstande zum andern, nicht mit der flatterhaften Kälte, die man den Franzosen Schuld giebt, sondern indem 464 sie sich tief in den Augenblick versenken. So viel Gluth und Lust aber zerstört sie früh, und die Folge solcher Leidenschaftlichkeit ist allen Gesichtern tief eingegraben. Erst spät, ermattet, gewinnen sie die Besinnung. Dann folgt ein Jahrzehend des Ueberdrusses am Wechsel, dem sie ein Ende machen, indem sie sich mit den jüngsten, unerfahrensten Mädchen verheirathen.«

»Die jungen Mädchen wachsen im Kloster, oder Hause unter einer Gouvernante auf. Feine Stickereien und Musik sind die Hauptgegenstände des Unterrichts, und fast nur um zur Messe zu gehen, verlassen sie das Haus. Haben sie das sechzehnte Jahr erreicht, so stellen sich jene gealterten Bewerber ein, und die Heirath wird schnell geschlossen. Findet sich keine Parthie, so bleiben sie oft bis zum zwanzigsten Jahre unter der Gouvernante, deren Strenge dann abnimmt und sich wohl in Rath und Hilfe bei den Intriguen verwandelt. Die junge Frau, die vor der Heirath die Welt nur wenig anders, als vom Chor der Klosterkirche, oder vom Terrazzino des Hauses sah, tritt nun in's Leben ein. – Eine Loge in der Fenice ist eben so Bedingung einer guten Parthie wie anderswo eine Equipage. In der ersten Zeit erschöpft sich der Gemal in Aufmerksamkeit, bald aber sind ihm die Fesseln unbequem. Ein gleichbetagter Freund, der Genosse seiner Jugendsünden, entzückt von der 465 naiven Schönheit der jungen Frau, stellt sich ein, und wird vom Gemal anfangs geduldet, dann, gefahrlos zum Begleiter und Hüter des jungen Wesens bestellt. Nun ist der Cavaliere servente da, und die junge Frau, der schon die Zärtlichkeit ihres Gemals unbehaglich war, wird durch die Annäherung und Süßigkeit seines Freundes stufenweise zur Verzweiflung gebracht. Es erscheinen junge Männer, und eifern um ihre Gunst. Sie spielt eine Zeitlang mit allen, entscheidet sich dann für einen, und erwählt ihn zum Cicisbeo. Die Intriguen beginnen, für die vor Allem der Gondolier gewonnen werden muß. Die junge Frau hat ihre Gondel, der Mann die seinige.« »Der Zufall entscheidet gemeiniglich die Wahl des ersten Cicisbeo. Dann sucht das Herz, und in die erste Intrigue tritt die zweite. Nun wird das Herz befriedigt, aber die Neigung zur Intrigue ist erwacht, und die lange Reise ist begonnen, aus der die Frau mit reicher Erfahrung, erst dann austritt, wenn keine Eroberung mehr gelingt, und selbst die Jüngsten nicht mehr von ihr belehrt sein wollen.«

»Während dessen sind die Kinder herangewachsen. Heirathsspekulationen, und das nie endende Interesse am Theater und an der Conversation füllen die zweite Hälfte des Lebens aus. So höflich und klug ist die italienische Jugend, daß sie alternden Frauen die größten Rücksichten beweis't. Dies erhält die Matrone 466 liebenswürdig, nun erst entwickelt sich ihr Geist völlig, sie sucht nachzuholen, was jener Taumel verhinderte, sie lies't, und so kommt es, daß besonders in Italien das Gespräch mit Frauen, die nicht mehr in den ersten Jahren der Ansprüche sind, so vorzugsweise anziehend ist.«

»Heirathet einmal ein junger Mann, so ist die Sache noch übler, er sucht alsbald Wechsel und Lust außer dem Hause, und Rache der Eifersucht öffnet noch schneller den jungen Männern den Zutritt zu der Verlassenen, und kein alter Kavalier bewacht sie.«

Die Italiener sind alle sehr geschwätzig, die Conversazione ist ihnen nach der Musik das Wichtigste. Eine Loge im Fenice und eine muntre Conversazione, davon leben sie Jahr aus, Jahr ein. Die Logen im Theater sind bekanntlich Gesellschaftszimmer, dort nehmen sie auf den Sofas Besuche an, dort schlummert der Gemal, der Cavaliere servente macht die Honneurs, der Cicisbeo seufzt, die Herrin lacht. Es ist eine Uebung des jungen Venetianers, den glücklichen Moment zu treffen, wenn er seine auserkohrne Dame ziemlich allein findet. Der Eheherr wird nach Hause geschickt, um nach den Kindern zu sehn, die liebenswürdige Dame zieht die Vorhänge zu, damit sie kein Geräusch im Plaudern störe, es wird still in der Loge, still. – – 467

 


 

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