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Reisenovellen - Band 2

Heinrich Laube: Reisenovellen - Band 2 - Kapitel 28
Quellenangabe
typenovelette
booktitleReisenovellen - Band 2
authorHeinrich Laube
year1834
publisherVerlag von Otto Wigand
addressLeipzig
titleReisenovellen - Band 2
pages550
created20120503
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Dogenpallast.

Am andern Tage sah ich diese Herrlichkeiten bei freiem Sonnenscheine, und all' meine Furcht war verschwunden, ich erblickte die grauen Haare, und die Runzeln der Machtlosigkeit am Dogenhause, die Seufzerbrücke, der berüchtigte ponte dei sospiri ist vermauert, der alte Stein des ganzen Hauses, dessen Stockwerke plump über einander gethürmt sind, ist lebensmüde, die Löwenrachen sind verschwunden, nur kleine schmutzige Oeffnungen sind geblieben. Sonst warf man jene lebensgefährlichen Anklagen seiner Mitbürger in diese Rachen, welche oft das Leben des Angeklagten verwirkten, es waren die Behältnisse jenes schauerlich geheimnißvollen Ostracismus, dem so oft die fürchterliche Antwort wurde »die Republik sorgt für ihn« – jetzt finden sich nur noch kleine, bettelhafte Verläumdungen vor.

456 Und was ist Venedig ohne seine Seufzer, seine Löwen und seine Schrecken! Der todte Rumpf eines Meeresungethüms, in dessen Rachen allerlei kleine Fische gefahrlos spielen.

An jenem Tage dauerte mich Venezia zum ersten Male. Es begegnet uns wohl, daß wir einen reichen, übermüthigen Gecken verwünschen, der den armen Teufel mit dem Fuße von sich stößt, daß wir im Unmuthe sogar den Wunsch ausstoßen, den gefühllosen Uebermuth selbst am Bettelstabe zu sehn. Wenn es sich aber wirklich ereignet, was in unserm Jahrhunderte der Rache gesellschaftlicher Sünden so leicht geschieht, wenn wir den gestürzten Glanz in Lumpen sehn, so jammert uns sein – und so ging mir's damals mit Venedig. Ich weiß nicht mehr, ob es ein Sonntag oder einer der vielen Feiertage Italiens war, welche das Land doppelt schön machen. Kurz, es war Alles aufgeputzt, als ich nach dem Marcus ging, und auch der Marcus hatte seine Sonntagsfähnchen umhängen müssen, und hierin lag das Tragische. Auf das alte, vornehme Gesicht hatte man eine bürgerliche Sonntagsmütze gestülpt. Auf den drei levantischen Säulen flatterten die schmutzigen schwarz und gelben Fahnen Oesterreichs – es schämte sich für Venedig mein Auge. Die prosaische Fahne jener Ritter der gebacknen Hahnerl auf den poetischen Trümmern der alten Venezia 457 Superba. Oh – – Aber es waren ja auch die verwahrlosesten unter den barbarischen Völkern, Gothen, Vandalen und Hunnen, welche zuerst die klassischen Reiche stürzten, und der roheste Römer, Mummius hatte einst Corinth zerstört.

Das sind die ironischen Späße der Weltgeschichte, – dreist flatterten die Fahnen an den rothen thurmhohen Säulen.

Heut trat ich zum ersten Male in die Marcuskirche, ein Gebäude schon im neunten Jahrhunderte begonnen, und von außen und innen mit plumper Pracht besät. Gold und Edelsteine kriechen träg' an allen Wänden auf und nieder, wo man die Hand, wo man den Fuß hinstreckt, Alles ist kostbar, es ist eine drückende, ächte Pracht, ohne Schönheit, und auch ohne Christenthum. Es gleicht in allen Formen mehr einer sinnlichen Moschee, es ist nichts als derber Materialismus darin, und keine einzige, nach einem Jenseits verlangende christliche Idee ist in dieser Kirche.

Hier beten seit beinahe tausend Jahren die schönen Venetianerinnen in den langen schwarzen Sammtröcken mit den offnen Aermeln, die so weich, schmeichelnd und zutraulich sind; hier beten sie für das Gedeihen ihrer Leidenschaft. Hinter dem Pfeiler steht der blutjunge, blasse Venetianer und beflügelt ihr 458 Gebet, – das nennt man katholisches Christenthum. – Hier in der Marcuskirche haben auch die Ruffiani ihre Herberge, deren Geschmack durch den steten Anblick von Plastik und Malerei vortrefflich gebildet ist. Ein Ruffiano ist nämlich ein Mensch, welcher den Geschmack des Fremden leitet, in Teutschland wird er sehr plump »Kuppler« genannt: der Italiener ist aber mit seiner Sünde dreister, und besitzt einen gewissen Ehrgeiz der Schönheit. Man kränkt ihn auf's Tiefste, wenn man die Schönheit seiner Dame nicht anerkennt.

Nun traten wir unsern Gang in den Dogenpallast an. Unten an der Riesentreppe steckten in alten Pulten zwei würdige italienische Physiognomien mit langen Fingern und langen Nasen. Sie sahen aus wie vergessene Volkstribunen, und sind auch wirklich welche. Ihr Geschäft ist so süß, daß man es den ernsten Mienen nimmer ansähe: sie schreiben Liebesbriefe für das junge Liebesvolk, das des Schreibens unkundig ist. Der Platz an der Riesentreppe ist merkwürdig genug dazu gewählt, – hier soll das Haupt Marino Falieri's heruntergerollt sein, und wer die Riesentreppe hinaufstieg, mußte seine Liebesgeschichten vergessen. Uebrigens ist diese Treppe nicht riesenmäßig groß, sondern hat ihren Namen von den Riesenbildsäulen, welche auf ihr stehen.

Hier hinauf geht's in alle die schauerlichen 459 Geheimnisse der Republik, in diesem grauen Pallaste liegen alle Regierungsmemoiren Venedigs; es ist mir unmöglich, nach der Reihe zu erzählen, ich war zu befangen. Ich bin die goldne Treppe hinaufgestiegen, auf welcher man die fremden Gesandten einführte, ich habe in all' den Sälen gestanden, wo die feierlichen, grimmigen Dogengesichter hängen, wo der erste Doge mit der Fischermütze, wo der schwarze Schleier statt des verloren gegangenen Hauptes Marino Falieri's hängt. Der Saal reicht gerade aus bis zu dem letzten Dogen, den Napoleon pensionirte, die Zeit war erfüllt, für einen neuen Verwalter der Republik war kein Platz mehr.

Ich bin im Saal der Zehne gewesen, und obwohl er leer war, schnürte er mir die Kehle zu, auf den dunkelbraunen Bänken las ich lauter Todesurtheile. Der Saal ist nicht groß, und gleicht einer heimlichen, mörderischen Familienstube. Und überall, allüberall sind die wimmelnden Bilder Tintorettos, dieses Foliomalers, bei dem die Menschen wohlfeil sind wie einst in Venedig. Dieser Tintoretto war ein Helfershelfer der venetianischen Richter, sie konnten nicht so viel Figuren hinrichten lassen, als er malte, lange, lange Wände sind voll von ihm. Walter Scott hat in seinen langen Romanen nicht so viel Personen genannt, als Tintoretto in seinen langweiligen Bildern gemalt hat.

460 Die Sonne fiel über die Lagunen herein in die großen, prächtigen Säle; ich hätte es gar nicht für möglich gehalten, daß Venedig unter Sonnenschein regiert worden wäre; die großen, fabelhaften Seeschlachten an den Wänden gewannen bei dem heitern Lichte ein so lustiges Ansehn, als seien all' die Dinge nur zum Zeitvertreib geschehen. –

Der grelle Sonnenschein in dem nächtlichen Hause trieb mich von dannen, und ich gerieth tief in die Stadt hinein – nimmer werd' ich jenes alte Dogenhaus vergessen mit seiner harmlosen Unbefangenheit, hinter welcher die Geschichte so gräßlicher Jahrhunderte grins't.

Es waren jene engen, erdrückenden Gassen Venedigs, in welche ich gerathen war, wo das Elend nackt an den Thüren steht, und bei den Wunden Christi um einen Centesimo fleht. Die nackten Weiber bieten ihren Leib, die Männer ihre Fäuste, ihre Schultern, ihr Gewissen für einen Centesimo. –

O, Moses war ein weiser Mann: es rächt sich die Sünde bis in's tausendste Glied, vom Dogenhause führte der Weg direkt in den Jammer dieser Gassen.

Es ist das größte Unglück, betteln zu müssen. 461

 


 

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