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Reisenovellen - Band 2

Heinrich Laube: Reisenovellen - Band 2 - Kapitel 27
Quellenangabe
typenovelette
booktitleReisenovellen - Band 2
authorHeinrich Laube
year1834
publisherVerlag von Otto Wigand
addressLeipzig
titleReisenovellen - Band 2
pages550
created20120503
sendergerd.bouillon@t-online.de
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San Marco.

Helft mir aus den engen Gassen,
Wo die Mädchen mich erdrücken,
Seht nur wie die Sterne laufen,
Wie die Häuser sich schon bücken.

Und nun kommt der Sturm vom Meere –
Ach du schwarzgelockte Kleine
Schütz mich armen blöden Teutschen,
Sprich, und wohnst du wohl alleine? –

»Si Signore!« –

Wenn man irgend kann, soll man unter freiem Himmel sterben, das ist besser.

Ich war sehr blaß, und die Augen und die Kniee bebten mir, aber ich trat aus dem Hôtel de l'Europe, und wankte nach dem Marcusplatze. Zwar wußt' ich auch den Weg nicht, und es war Nacht, aber in Venedig darf man nur hinter den Menschen hergehn, sie gehn alle auf den Markus, und des Nachts zahlreicher als am Tage. Wie hoch waren die Häuser, wie eng die Gassen, wenn sich zwei Liebende 450 auf beiden Seiten aus den Fenstern legen, so können sie beinahe einander küssen, maulschelliren können einander zwei Nichtliebende ganz gewiß.

Der Himmel ist in den hohen, engen Gassen so hoch, die Paar Sterne sind so weit, daß ich mich lieber unchristlich unten umsah – piccolo, mio piccolo! klang's von allen Fenstern, aus allen Thüren, und wie geworfene Fackeln kreuzten sich die lodernden Augen, wie süße auf Sicht zahlbare Wechsel winkten die weißen Arme – zu viel Demokratie für Venedig. Ich wollte zum ersten Male lachen, da war mir's, als zöge Hortensia vom Gardasee und der Madonna del Monte ihr blasses Gesicht zurück – »vorüber, ihr Schafe, vorüber, dem Schäfer wird gar zu weh!«

Allerlei südliche Früchte, allerlei Fleisch und Speise ist aufgehäuft in den engen Straßen, sie sind lauter Durchgänge zum großen Saale – da stand ich an seinem Eingange. Ja, er ist der große steinerne Saal von Venedig, der heilige Markusplatz, so komfort und abgeglättet ist Alles an ihm, der Kaufmannssaal der mittelalterlichen Edelleute, massiv von Reichthum, stolz von Adel.

Da war er. Es war keine Lüge, der Himmel lag ernsthaft mit dem Sterndache über ihm, die langen ernsthaften Prokuratien standen steinern an der Seite hin, im Hintergrunde lag San Marco selbst 451 wie ein alter Araber mit goldnem Barte, der ein Kreuz auf seine Mütze gesteckt hat; vor ihm flogen die drei schlanken Säulen nach den Sternen auf, die Säulen der drei Königreiche Cypern, Kandien und Morea, die venetianischen Obelisken verlorner, gestorbner Königsgeschlechter. Die ganze Geschichte Venedigs steht auf dem Markusplatze geschrieben; rechts von den Königreichen steht europäisch dreist, abgesondert von der Kirche, wie überall in Italien, der Glockenthurm des Marcus, die Campanile. Seine ehernen Zungen haben den schlanken griechischen Lateinern die venetianischen Triumphe in's Ohr geheult, als der blinde, neunzigjährige Doge Dandolo in der Nacht Byzanz erstürmte, da haben die Glocken der Campanile auf dem Markus auch gestürmt und ganz Venetia hat christlich gebetet um neues Gold und neue griechische Mädchen.

Ich setzte mich ermattet nieder auf die marmornen Fließen des großen Saals, sein Boden ist glatt wie das Parquet eines Ballsaals. Unter den Prokuratien war es tageshell, ein spiegelndes Kaffeehaus am andern, die Menschen wogten auf und nieder, als sei die Nachricht vom eroberten Byzanz eben angekommen, als sei Venetia noch lebendig. Gesang und Saitenspiel schwirrte über das Stimmengebraus, namentlich eine jener mörderischen welschen Sopranstimmen, welche die Arie aus dem Barbiere di Sevilla 452 sang, und wie wahnsinnig »Lindoro, oh Lindoro!« kreischte, als schrie Venezia um Hilfe. Ich habe die Inhaberin selbiger Stimme später kennen gelernt, sie war von altem venetianischem Geblüt; von kaufmännisch adligen Sitten und ohne Vorurtheile, wenn sie Geld verdienen konnte, wie ihre Ahnen, sie war noch aus jener asiatisch-venetianischen Zeit.

Der Markusplatz war früher der levantische Bazar Europas; hierher kam Alles zuerst aus dem Oriente, von hier aus ging Alles nach dem Oriente, auch Marco Polo, einer der frühsten Helden unserer Geographie.

Langsam ging ich hinab nach der Marcuskirche hin; ich trat leise auf, denn ich fühlte mich beschämt, ich hatte an der Aechtheit dieser Dinge gezweifelt. Bei den drei Säulen öffnet sich rechts die Verlängerung der Piazza nach dem Meere hin, die Piazetta, die Vorhalle des Platzes. Hier ist der Dogenpallast, hier steht dicht an den Lagunen der geflügelte Löwe Venedigs, und der heilige Theodor, ein verschollner alter Heiliger mit schmaler Taille, hier stiegen die Helden zu Schiff, hier landeten sie, wenn sie wiederkamen, hier trat der Doge auf den Bucintoro, um die alte Mythe der Meereshochzeit zu feiern – hier ist die Thür Venezias. Diese Piazetta hat Alles gesehen, und doch ist sie glatt und naiv wie ein junges Mädchen, und lächelt hier zum grauen 453 Dogenpallaste hinauf, und hier zu den Fenstern des österreichischen Gouverneurs. Allerlei Blut ist auf ihr geflossen, zwischen ihren beiden Säulen ist manch' edler Kopf vom Richtschwerte in's Meer geflogen, das Meer ist herausgetreten und hat mit ihr gebuhlt – ihre hellen Quadersteine haben kein Gedächtniß, sie ist ein unbeschriebnes Blatt. Drin auf dem eigentlichen Markusplatz, in jenem steinernen, verschwiegenen Archive steht Alles. Auf der Piazetta treiben alle vorlauten Meerwinde ihr Spiel, aber links hinein in's Heiligthum der alten Stadt, in's Boudoir der Meereskönigin, in die Markustiefe wagen sie sich nicht.

Wenn einst Venedig untergeht, so stirbt die Piazetta mit eben dem lächelnden Gleichmuthe, aber der Kampf, welchen der alte Marcus drin erhebt, wird fürchterlich sein, und man wird das Gebrüll seiner alten venetianischen Löwen über ganz Europa hören. Denn dort drin liegen auch die alten aristokratischen Löwensünden, und die Sünden haben das zäheste Leben, namentlich die aristokratischen.

Scheu schlich ich zurück, um die levantischen Säulen, ich hätte es nimmer gewagt, sie anzutasten, eilig schlüpfte ich unter die Procuratien, wo die Menschen wogten; es überkam mich eine kindische Furcht vor dem alten Venedig, was unter den Marmorplatten herauskriechen könnte.

454 Ich war noch recht krank, und setzte mich still in das offne Kaffeehaus, um teutsche Zeitungen zu suchen.

Vor mir, den Rücken nach mir wendend, saß eine hohe venetianische Dame. Ich sah nichts als einen stolzen Nobilinacken, und kühne Schultern, kühn wie ich mir die Schultern des Bucintoro denke. Und dies dreiste Fleisch war weiß, wie man es selten sieht in Italien, und erweckte mir das süßeste Heimweh, ein süßeres Heimweh, als die Allgemeine Zeitung, die vor mir lag, und in welcher der Artikel Wien noch immer anfing wie in meiner frühsten Jugend:»5 proz. Metalliques 97⅛; 4 proz. Met. 88½; Bankaktien 1247½. – Aus Konstantinopel hat die Post nichts Neues gebracht« – –

O liebes Wien, Du langer einfacher Gedanke eines guten Magens, Gott erhalte Dich.

Der schöne heimathliche Nacken war verschwunden, der Archivarius erschien und schalt mich, daß ich ausgegangen, und wir führten einander nach Hause. Der Weg war aber weit, weit; Gott weiß, wo wir überall noch gewesen sind. 455

 


 

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