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Reisenovellen - Band 2

Heinrich Laube: Reisenovellen - Band 2 - Kapitel 25
Quellenangabe
typenovelette
booktitleReisenovellen - Band 2
authorHeinrich Laube
year1834
publisherVerlag von Otto Wigand
addressLeipzig
titleReisenovellen - Band 2
pages550
created20120503
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Petrarca.

»Im 14. Jahrhundert wurden die klassischen Wissenschaften wiederhergestellt in Italien, namentlich durch übersiedelte Griechen und Petrarca.«
Allgemeine Weltgeschichte.

Es war ein rother teutscher Sommerabend, als der Herr Professor Witte in Schlesien jene Worte sprach, das Resultat seiner Studien über Petrarca. Eigentlich waren's keine Worte, sondern der Herr Professor lächelten nur, aber wie viel Worte lagen in diesem Lächeln!

Ich kam damals aus der Stadt und fand eine Damengesellschaft im Garten zwischen himmelblau und rosenroth blühenden Hortensien sitzend, und mitten drunter den Herrn Professor. Er ist ein schöner langer Mann mit einem italienischen Dichterkopfe, wenn er schweigt gleicht er dem Ariost, und seine poetisch braunen Augen, sein jungfräulichen Heldengesicht machen den angenehmsten Eindruck.

424 Ich kam von einer zärtlichen Sonettendame, welcher ich nicht begreiflich machen konnte, daß es noch etwas Besseres gebe, als süße Verse, ich war entrüstet über die Zuckerpoeten, ich schimpfte auf Petrarca, der so viel und so lange Jahre geschmachtet und gegirrt, und die Frauenzimmer verdorben, und selber kein ordentliches Vergnügen gehabt habe.

Der Herr Professor saß neben einem blonden schlesischen Fräulein, und lächelte, sagte, ich möchte mich über diesen Punkt des verstorbnen Petrarca beruhigen, und lächelte wieder.

In Padua bei dem feisten Gesicht Petrarcas fiel mir jenes schlesische Lächeln ein, und ich verstand plötzlich die Studien und das Lächeln des Professors. In diesem gesättigten Antlitze lag keine Sonettenascese, seine durchsichtige Zärtlichkeit für Laura ist nicht ohne Folie gewesen, er hat gelebt und geliebt.

Die keusche Laura weiß es, ich gehöre nicht zu den Materialisten, jenen plumpen Gewürzkrämern, welche an keine fruchtlose Schwärmerei glauben – ich habe für zwei Augen und zwei Locken, die fern von mir waren und blieben, Jahre lang gesungen. aber es machte mir doch sehr viel Freude, daß ich von Petrarca jetzt eine bessere Meinung haben konnte. Das Lächeln des Professors und das Bild in der Cathedrale zu Padua haben mir dargethan, daß 425 jener Dichter manch' andres Mädchen mit reeller Empfindung umarmt hat. Ich hätte mir's wohl auch früher denken können, daß er nicht umsonst zum geistlichen Stande übergetreten sein würde.

Petrarca hatte nämlich Anfangs zu Montpellier und Bologna jura studirt, wie es sein Vater gewollt hatte. Aber es ward ein schlechter Jurist aus ihm, und das ist eine von den wenigen Eigenschaften Petrarca's, welche mir immer poetisch erschienen ist. Er war von Hause aus ein Bücherwurm, und lag so lange über den alten Klassikern, bis sie ihm sein Vater in's Feuer warf. Sein Vater starb indessen zeitig genug, und Francesco Petrarca beeilte sich nun, geistlich zu werden.

Es glaubt Niemand mehr als ich an die Gewalt der Verse, ich habe selbst die erfreulichsten Beispiele neben mir gesehen; wer weiß, ob ich jemals glücklich geworden wäre, hätte ich keine Verse gemacht. Aber es blieb mir doch immer unwahrscheinlich, daß Petrarca das Studium der klassischen Wissenschaften wieder erweckt habe durch seine Sonette an Laura, die so unklassisch enthaltsam sind. Und doch lehrte unser Herr Prorector Jahraus Jahrein so. Petrarca und die schöne Laura und die Buchdruckerkunst kamen immer zusammen bei dieser Gelegenheit.

Die Historiker vergessen stets zu erzählen, daß Francesco Petrarca ein fleißiger, stiller Mann 426 gewesen ist, der Ciceros Briefe über die Freundschaft herausgab, Manuscript sammelte, philosophische Dialoge schrieb, mit vieler Mühe Griechisch lernte, römische Antiquitäten studirte, und nur in Mußestunden Sonette an Laura machte. Diese Sonette fabricirte er, wenn ihn das Quellenstudium ermüdet hatte, gegen Abend in der Dunkelstunde; man erzählt, daß ihm die Augen seiner Katze dazu geleuchtet hätten, und daß er all' die zarten Gedichte zuerst auf seinen Schlafrock geschrieben habe. Der glückliche Schlafrock, eins von den wenigen Stücken, an welchen sich Francescos Genialität ausließ.

Ich habe einst eine Lebensgeschichte Petrarca's gelesen, darin sagte sein Biograph. »Nicht minder als Philosophie und Historie liebte er die Poesie.« Wackrer Biograph! Wie richtig hast du Francesco beurtheilt ohne es zu wollen. Er war ein sehr moralischer Mensch und liebte auch nebenbei zuweilen die wunderschöne Königin.

Das Vorbild seiner Poesie war der ehrenwerthe Herr Virgilius Maro, Dante schien ihm zu ausschweifend.

Die große Renommée des Petrarca war ein Meisterstück der Philologen: er ward nämlich berühmt wegen seiner fleißigen, saubern lateinischen Gedichte; poetische Briefe und ein großes Heldengedicht »Afrika« hatte er geschrieben, und deshalb führte 427 man ihn am Ostertage 1341 unter glänzenden Feierlichkeiten auf's Kapitol in Rom, und setzte ihm den poetischen Lorbeerkranz auf's Haupt.

Nebenbei – erzählen seine Zeitgenossen – machte er auch kleine italienische Gedichte, und diese komische Erscheinung fügte sich auf folgende Weise. Francesco war eben von der Universität Bologna zurückgekommen nach Avignon, und es mochten ihm wohl noch mancherlei lustige Studentendinge im Kopfe herumspringen, obgleich er eigentlich immer ein solider Mensch war. Da ging er einmal während der Charwoche in die Kirche der heiligen Clara, und erblickte Madonna Laura, und verliebte sich sehr. Von da an machte er sieben und zwanzig Jahre lang Sonette auf diese Dame, welche sehr keusch und tugendhaft war, und ihn nur manchmal mit einem kleinen Lächeln belohnte. Diese Passion kostete ihm viel Zeit und er machte sich oft Vorwürfe darüber, »weil er wohl einsah, wie sehr diese Schwärmerei seine geistige Thätigkeit hindere.« Er zog sich nach Vaucluse zurück und »kämpfte mit seiner Leidenschaft, zugleich ernstlich studirend.« –

In Verona erhielt er am 8. April 1348' die Nachricht von Laura's Tode, und nun machte er noch sechs Jahre Gedichte auf sie. »Nur im Alter äußerte er, daß er seiner Jugendschwärmerei sich schäme, 428 und daß er jene Gedichte, die freilich Gleichgestimmten gefielen, nicht geschrieben haben möchte.« –

Ja, Petrarca war immer ein ordentlicher Mensch, und gehörte nie zu jenen Dichtern, denen die poetischen Gefühle Heiligthümer sind. Er fastete mit der größten Gewissenhaftigkeit, hielt seine große Bibliothek in Ordnung, verehrte die Heiligen, besang später die heilige Jungfrau statt der irdischen Laura, hatte große Ehrfurcht vor den Reliquien, war allen Leuten, die Bücher haben wollten, gefällig und vermachte einen Theil seines Vermögens den Kirchen. –

– Ueber diesen Dingen war ich sitzen geblieben in der Kathedrale zu Padua vor Francesco's Bildnisse. Jetzt kam der Starost, und fragte mich, ob wir nach Arqua fahren wollten. Das ist ein Dorf vier Stunden von Padua, wo er in der Nacht des 18. Julius 1374., in einer warmen Sommernacht, gestorben ist. Er starb wie er gelebt: auf seinen Büchern. Des Morgens fand man ihn in seiner Bibliothek, mit dem Haupte auf ein Buch gestützt. Guter Francesco, du warst ein treuer und vortrefflicher Mann, aber warum sollte ich zu dir nach Arqua fahren. Die Sache kostet Geld, und hatte keinen reellen Zweck, deine Bücher sind nach Venedig und von da in alle Welt gewandert – du hättest solch' eine nutzlose Reise selbst übel genommen.

429 Ich erhob mich langsam und ermüdet von meinem steinernen Sitze, und verließ kopfschüttelnd dein Bild. Wenn ich nur genau gewußt hätte, ob der Professor Witte mit jenem Lächeln auch die Laura gemeint hätte. Sobald ich noch erfahre, daß Francesco eine Nacht in Avignon bei der schönen Laura gewesen ist, streich ich das ganze Kapitel aus. 430

 


 

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