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Reisenovellen - Band 2

Heinrich Laube: Reisenovellen - Band 2 - Kapitel 24
Quellenangabe
typenovelette
booktitleReisenovellen - Band 2
authorHeinrich Laube
year1834
publisherVerlag von Otto Wigand
addressLeipzig
titleReisenovellen - Band 2
pages550
created20120503
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Padua.

Wenn ich ein ächt englisches Gesicht sehe, da kommt mir immer eine ganze Schaar von historischen Gedanken. Dies helle, klare Gesicht mit dem Reife eines grünen neblichen Landlebens erinnert mich stets an die Völkerwandrung. In solchen englischen langen Gestalten, die so halbblond, vergeistigt gesund aussehen, erblicke ich das große Geschlecht der Gothen, welche den größten Theil Europa's damals verjüngten. Es ist mir immer, als existirten nur drei Menschengattungen in unserm Welttheile, nämlich Slaven, welche aus dem tiefen Asien und aus verborgenen asiatischen Thälern sich zusammengefunden haben; ferner Gothen, welche bis nach Spanien und Afrika drangen, und noch heut das Hauptelement von Teutschland, Skandinavien, England, Holland, Belgien, Nordfrankreich sind; drittens Ueberreste der alten klassischen Völker, der Völker, welche einst alle lateinisch verstanden.

390 Als wir an einem Landhause bei Vicenza still hielten, sah ich drei Männer auf dem Balkon stehen, und sie sahen aus wie ganz verschiedene Geschichtsepochen. Der mittlere war länger als die beiden andern, schlanker, mit unbestimmteren, aber interessanteren Gesichtsformen, mit einem drängenden, tief poetischen dunkelblauen Auge. Das war ein Barbar, der von den Gothen abstammte – es war nicht ein Lateinischer Strich an ihm, und die sanfte gothische Liebe lag auf seinen Augenbrauen, er mochte finster oder fröhlich aussehn. Die andern beiden waren nicht so groß, hatten Adlernasen und diktatorische Augen voll Kraft, aber ohne Phantasie. Alle Formen an ihnen waren fest, scharf, abgemacht, nichts aber blieb unbestimmt, zweifellos in ihrem Aeußeren. Und der Zweifel ist es, welcher die moderne Zeit beginnt: der Zweifel schuf neue Religionen, der Zweifel stürzte Rom, der Zweifel macht interessant, ein Wort, was die klassischen Völker gar nicht kennen. Sie waren bloß groß oder klein, schön oder häßlich.

Und das sind sie zum Theil in Italien noch, sie sind wirklich noch die fortgepflanzten Leiber und Augen und Nasen der Lateiner, sie sind ganz, ganz andre Menschen als wir Gothen, wir Barbaren. Die lateinischen Völker sind heut noch schöner als wir, aber wir sind reicher, mannigfaltiger und interessanter. Das Wort Langeweile ist ihnen noch unbekannt, und 391 das ist ein Zeichen, daß sie viel langweiliger sind, als wir. Sie leben in Stößen, und tragen bewußtlos zwischen diesen tödtlich lange Pausen; wir leben in fortwährender Bewegung und Thätigkeit, wir sind viel breiter, umfangsreicher gebildet, die lateinischen Völker sind heut noch so einseitig wie Rom es war. Rom's Einseitigkeit war aber großartig, die jetzige italienische ist putzig. Sie produciren statt der altrömischen Triumphe scharmante Opern, und sind ein Vierteljahr lang von einer Tenorarie entzückt, und warten dann ein Vierteljahr auf eine neue. Statt der altrömischen Wundergeschichten erzählen sie sich kleine Geschichten von ihren Komponisten, und in Ermangelung größerer Gegenstände bewundern sie diese. Rossini ist einmal in Mailand in einen Musikladen getreten, und hat eine sehr schöne Dame dort gefunden. Er will ihr eine Liebeserklärung machen, die Dame fordert sie aber musikalisch. Und Rossini geht in's Nebenzimmer, und schreibt eine kleine Arie, wo jede Zeile mit einem gesungenen Seufzer schließt, und die Dame und Italien sind entzückt davon.

Diese Geschichte vom Rossini im Mailänder Musikladen hab' ich in jeder Stadt zu wiederholten Malen erzählen hören, und sie erzählten das, wie die alten Römer von Cato's Tode in Utica gesprochen haben mögen.

Die beiden Italiener auf dem Balkon erzählten 392 sie eben wieder dem Engländer, der zwischen ihnen stand, ich hörte sie bis unten seufzen, und wir machten, daß wir fortkamen.

Der Weg nach Padua wird immer teutscher, man sieht sogar hie und da eine Wiese; es stehen Weiden am Wege, italienische Pappeln, Rüstern mit ihren flüsternden Blättern, Platanen mit ihrem dunkelgrünen Walde, sogar die schönen italienischen Ochsen werden seltner. Solch' ein Paar Ochsen, die mit altrömischer Gemüthsruhe vor einem Wagen liegen und käuen, dürfen auf einem richtigen italienischen Bilde nicht fehlen. Sie sind sehr groß und stark, haben edle, noble Ochsengesichter mit ernster, klassischer Ruhe, und ihre Hörner sind groß und kühn wie das Papstthum. Alle Ochsen, die ich dort gesehen habe, waren von weißer Farbe, und diese gab ihnen solch' ein menschlich melancholisches Kolorit, daß ich mir Italien gar nicht mehr denken kann, ohne seine stillen, wiederkäuenden Ochsen, die in schweigsamer Schönheit und lautlos ihre Lasten ziehn. Diese Ochsen haben auch die vielen tausend Verwundeten gezogen, welche für die Freiheit oder sonst Etwas in die Kugeln gelaufen sind. Auch die blutenden Räuber ziehen sie nach den Städten, und wenn ihnen der Priester begegnet, so halten sie still, damit der Sterbende die letzte Oelung bekomme, ja sie knieen selbst dabei nieder – es sind liebe historische Thiere, 393 die sich in Alles zu schicken wissen, und gleich allen Ochsen nicht ahnen, welch' eine furchtbare Kraft in ihrem Zorn und ihren Hörnern ruht.

Auf dem Wege nach Padua findet man sogar eine Art von Dörfern, die wie in Teutschland hinter Bäumen liegen. Es geht der Meeresküste zu, alle Aussicht ist zu Ende, und dennoch wurden wir lebhaft daran erinnert, daß wir noch in Italien seien. Der Tag neigte sich, der Vetturin fuhr mit seinen kleinen dalmatischen Pferden, die hier sehr gewöhnlich sind, auf der breiten Straße frisch trabend dahin, es lag Alles still und glücklich um uns her. Da wies der Vetturin mit der Peitsche auf eine weiße Wolke hin, welche nach dem adriatischen Meere zu langsam vorüberzog. Sie war klein und unbedeutend, und wir begriffen nicht, was er damit wolle. Da sahen wir plötzlich, daß die Wolke in Feuer aufging; alle teutschen Träume und Allegorieen fielen mir ein. Sie schleuderte Blitze nach allen Seiten, und rückte nicht von der Stelle. So klein, so weißblond und so voll Feuer. »Auf dem Meere ist ein Gewitter«, sagte der Kutscher, und setzte sich auf seinem Sitze fester, und schüttelte mit dem Kopfe.

Nach einer kleinen Weile kehrte er sich wieder um, und sagte uns leise, an unsrer Straße seien so viel Bäume, und es würden häufig Wagen angefallen von Spitzbuben.

394 In Teutschland habe ich immer auf die gute Polizei geschimpft, hier schimpfte ich auf die schlechte. Mit welchem Vergnügen hätten wir einige preußische Gensdarmes umarmt, wenn sie uns begegnet wären. Jeder von uns verachtete laut die Furcht vor eingebildeten Gefahren, und Jeder senkte still die Hauptbörse in den Stiefel, und rüstete sich eine Theaterbörse für den Banditen. Damit selbiger auch meine Delikatesse erkenne, steckte ich einen Dukaten unter das Silbergeld; wir wurden still, und erwarteten unser Schicksal. Es ward immer dunkler, und »Padua« – »Padua« seufzten unsre Herzen.

Plötzlich hörten wir lärmende Stimmen unweit vor uns – der Vetturin seufzte den Namen eines Heiligen, und hieb in die Pferde – es schien ein Trupp von Landleuten zu sein, die aus Padua kamen.

Endlich lag eine schwarze Masse vor uns, und der Vetturin athmete tief auf. Der österreichische Korporal mit der weißen Jacke und dem gelben Wüstengesichte war uns ein höchst erfreulicher Anblick, und zum ersten Mal in meinem Leben gab ich meinen Paß mit Vergnügen ab.

Das Gewitter vom Meere hatte einen Schauer seines Zorns herübergeworfen bis auf's Land, die Straßen waren feucht, und die Regentropfen glänzten hie und da im Laternenschein. Es war ein 395 endlos Fahren durch allerlei Straßen, und ich mußte mich immerfort besinnen, wo ich sei. Es giebt Städte, bei denen man nicht einen Augenblick vergessen kann, wohin sie gehören; wer kann durch die vornehmen Berliner, durch die ängstlich stillen Casseler, durch die wogenden Wiener Straßen fahren, ohne fortwährend Berlin, Cassel und Wien vor Augen zu haben, wer verkennt eine teutsche Reichsstadt, eine polnische Landstadt!

Aber in dies Padua konnt' ich mich nicht finden, die Doctoren von Padua rauschten mir mit ihren langen Roben im Kopfe herum, ich konnte die Vorstellung nicht los werden, daß wir in eine teutsche Universität gerathen seien. An den Häusern liefen die steinernen Lauben entlang, wie man sie in den schlesischen Gebirgsstädten sieht. Dort werden sie »Löben« genannt, und es sind Schutzdächer, welche fünf, sechs Schritte breit herüberreichen in die Straße, und lange Bogengänge bilden, wo man vor Sonne und Regen geschützt ist. Unter diesen »Löben« waren die Boutiquen geöffnet, und die Menschen liefen hin und her wie bei den teutschen Jahrmärkten.

Dann rollte der Wagen wieder neben finstern alten Gebäuden vorüber, und die ganze mittelalterliche Gelehrsamkeit Padua's sah schwarz von ihnen herunter. Das gab der Stadt wieder eine düstre Würde. Aus einer Piazza hielten wir vor der »Stella d'oro.«

396 Alles in dem Hause war dunkler, kalter Marmor, der Fußboden, die Wand, der Tisch, der Fenstersims, es ward mir am Ende feierlich gelehrt zu Sinne, und ich ging mit gemessenen, ernsthaften Schritten aus, um mir die nächtliche Stadt zu besehen, unter jedem Quadersteine dacht' ich, ruht das Buch eines Doktors von Padua.

Ein glänzend erleuchtet Gebäude zog meine Blicke und Schritte an. Es kam mir vor wie ein moderner salomonischer Tempel, auf den Vorplätzen saßen Herren und Damen. Wenige Stufen führten hinauf, und da saßen wieder Herren und Damen und eine endlose Reihe von Zimmern lag vor mir, ich mochte mich rechts wenden oder links, und Alles war glänzend hell, und überall saßen Herren und Damen. Ich war wie berauscht, und griff nach der ersten Säule, ob ich träume oder wache. Die Säule war glatter, kühler Marmor – ich rannte schnell durch die Säle, überall schöne Welt, glänzendes Licht, überall Marmor, Alles Marmor.

Hat denn Tasso in Padua gelebt, ist's ein Palast aus Armida's Gärten?! – Nein, sagte der Archivarius, es ist ein Kaffeehaus, in Berlin würde man's eine Tabagie nennen. Genießen wir ein Glas Eis.

Wir setzten uns, und man brachte uns Eis. Abgerundet, abgezirkelt wie ein schlanker rosenrother Thurm stand das Glas vor mir, ich scheute mich, 397 das Kunstwerk anzurühren. Eine volle Paduanerin saß nicht weit von mir, und sah mich forschend und lächelnd an – der gothische Barbar mochte mir aus allen Fingerspitzen kucken.

Und doch war mir Alles, doch war ich mir selbst niemals so klassisch vorgekommen, als hier mitten in diesem Marmor. Ein anständiger Mensch kann hier gar nichts Ordinaires sprechen. Die alten Griechen hatten auch wirklich viel leichter schreiben, wenn sie unter ihren klaren, schönen Hallen saßen; die Gedanken sind wie die Kinder im Mutterleibe von den Umgebungen abhängig: die Mutter versieht sich, und das Auge versieht sich. Das Verdienst eines Teutschen ist noch einmal so groß: er sieht in seinem kleinen Landstädtchen nichts als Misthaufen und sorgenvolle Gesichter mit dem unwandelbaren Motto. »Gieb uns unser täglich Brot!« und soll schöne, fröhliche Dinge schreiben.

Wenn man aber so unter Marmor und Schönheit sitzt, dann hält man auch das ganze Schreiben für überflüßig – wenn wir befriedigt sind, brauchen wir keine Feder. Ohne Hunger giebt's keinen Schriftsteller. Es ist nur zu bedenken, daß es mancherlei Hunger giebt. –

– Ich weiß es selbst nicht, wie lange ich an jenem Abende im neuen Paduanischen Caffeehause gesessen habe. Meine Reisegefährten waren 398 fortgegangen, ich wußte nicht mehr, wann und wohin – durch die offnen Fenster drang die abgekühlte, üppige Gewitterluft, rings um mich her erblickte ich Marmor und klassische, römische Köpfe, und ein schönes Weib darunter spielte mit ihrem Shawl, mit ihren Augen und kleinen Geschichten, die sie erzählte.

Nur eine davon hab' ich behalten. Im Jahre 1812, als Napoleone noch Herr der Welt war, kam ein blutjunger französischer Volontair durch die Straßen von Padua geritten. Er hat noch keinen Bart, aber große, verliebte Augen, und als diese zwei andern verliebten Augen im ersten Stockwerk begegnen, da steigt er vom Pferde, tritt in's Haus, und ersucht die Mutter des schönen Mädchens, was er am Fenster gesehen, ihn in's Quartier zu nehmen. Die Mutter frägt nach seinem Billet. Der Franzose sagt, er habe es verloren, aber es laute zu ihr – »Madame heißen doch?« –

– Signora Carmagnola –

»Ganz recht, Signora Carmagnola; ich habe den Namen schon in Paris gekannt, der Oberst meines früheren Regiments hat uns oft erzählt, wie er im Kriege gegen die Austriaci Padua zum ersten Mal besetzt habe, damals haben die schönsten Damen Padua's auf den Balkonen gestanden und die Franzosen »willkommen« geheißen«. »Damals – so erzählte, Signora, mein Oberst mit Feuer – damals habe er 399 vor dem schönsten Mädchen Paduas seinen Degen geneigt, vor Mademoiselle Carmagnola« –

Dabei küßte der junge Franzos der Signora mit vieler Galanterie die Hand, öffnete die Thür des Zimmers, und bat sie, voranzugehn. In selbigem Zimmer befand sich das schöne Mädchen, was er am Fenster gesehen hatte, und der junge Herr versicherte der Mutter und der Tochter, daß er nie eine so frappante Aehnlichkeit gesehen habe.

Am nächsten Abende, als die Signora Carmagnola nach dem Prato della Valle spaziren ging, lag der junge Franzos vor der Mademoiselle Carmagnola auf den Knieen, und beschwor sie, ihn zu lieben. Das Mädchen verwirrte ihm mit der kleinen Hand die schwarzen Locken, und sagte, er sei noch zu jung. Da sprang der Franzos auf, holte ein Pistol, und schwor dem Mädchen mit bebender Stimme, daß er sich auf der Stelle erschießen werde, wenn sie ihn nicht liebe. Das Mädchen lachte, und beruhigte ihn, was ihr nicht so schwer wurde, da der Franzos sehr hübsch war. Er blieb ein halbes Jahr lang in Padua, und sprach nicht mehr vom Erschießen. An einem schönen Morgen aber erhielt er draußen an der Brenta auf dem Exercierplatze den Befehl, alsogleich zu marschiren. Er gewann nicht so viel Zeit, um Abschied zu nehmen, und erst vor einigen Wochen kam er zum ersten Male wieder nach Padua zurück.

400 Es waren also über zwanzig Jahre vergangen, und in zwanzig Jahren ändert sich viel. Er forschte umsonst an allen Orten nach der Signora Carmagnola. Niemand wußte, was aus ihr geworden sei; im Jahre 1813 sei sie aus ihrem Hause verschwunden, die Stadt habe sieben italienische Miglien im Umfange, es habe sich Niemand die Mühe gegeben, die Frau mit ihrer blassen Tochter aufzusuchen.

Der Franzos ergiebt sich in sein Schicksal, und vergißt die Angelegenheit, er war seit dem Jahre 1813 weit in der Welt herumgekommen, und hatte Vielerlei erlebt. Geschäfte hatten ihn nach Padua geführt, Geschäfte fesselten ihn eine Zeitlang daselbst. –

Eines Tages schlendert er in der Kirche der heiligen Justina herum, betrachtet das schöne Altarblatt Paul Veroneses und die geschnitzten Chöre, an denen Riccardo Taurin zwei und zwanzig Jahre gearbeitet hat, und ist festlich gestimmt durch das hohe, einfache Gebäude – da erhebt sich an einem Seitenaltar eine Frauengestalt. Nur einen Moment sieht er die Augen, dann fällt der Schleier darüber. Aber jene Augen wecken alle Gestalten seines Herzens auf. Acht Tage lang geht er umsonst nach Santa Giustina, das Mädchen mit den wunderthätigen Augen ist nicht mehr zu sehn. Am neunten Tage, als er eben wieder in aller Frühe nach der Kirche steuert, 401 tritt sie mit einer älteren Frau eben aus der Thür, ihr Schleier ist zurückgeschlagen – das Antlitz fällt ihm wie ein Gedicht seiner Jugend in die Seele. Er glüht und bebt, er kann sich nicht fassen – das Mädchen umarmt die ältere Frau, die nach der andern Seite von dannen geht. Jene kommt auf ihn zu, unverschleiert, schön wie ein Sonnenstrahl – berauscht von ihrem Anblick tritt er ihr entgegen, und bittet sie, seine Begleitung anzunehmen. Er bittet so heiß wie ein Wüstenwandrer, der am Verschmachten ist, um einen Trunk bittet. Das Mädchen lächelt – er war ein Mann von etwa fünf und dreißig Jahren in voller Mannesschönheit. Sie sagt ihm, ihre Mutter sei eben nach der Brenta gegangen, um nach Venecia zu fahren, sie wohne allein, und könne keinen Mann bei sich sehen. Wenn er ihr was zu sagen habe, so möge er ein Stück mit ihr gehn, nur nicht bis an ihr Haus wegen der Nachbarsleute.

Und der gewandte Franzos war so bestürzt von der Schönheit und Anmuth des Mädchens, daß er nichts zu sprechen wußte, und sie nur dringend bat, des andern Tags wieder zur heiligen Giustina zu kommen.

Am andern Tage kniete er neben ihr in einer stillen Seitenkapelle, und sein Mund floß über von dem Gesange seines Herzens. Er sagte ihr, sie sei die Heilige seiner Seele, das Geheimniß seines Lebens 402 ruhe auf ihrem Munde, der Himmel seiner Seligkeit in ihren Augen.

Das Mädchen lächelte, und ging heim. In einiger Entfernung ging er ihr nach, und sah das Haus, in welches sie eintrat.

Als es dunkel ward, öffnete er die Thür ihres Zimmers, und warf sich zu ihren Füßen, und beschwor sie um Liebe. Das Mädchen machte ihm lebhafte Vorwürfe, daß er sie so in Verlegenheit bringe, die Hausleute hätten ihn gewiß gesehn, und ihre Mutter könne jeden Augenblick von Venecia zurückkommen, und die habe sie immer auf das Rührendste gewarnt vor unvorsichtigen Liebschaften.

Er blieb aber ungestört zu ihren Füßen liegen, und beschwor sie immer glühender um Liebe. Endlich sagte sie ihm, daß er ein hübscher, angenehmer Mann sei, daß er aber mehr das Zutrauen weckende Wesen eines Bruders für sie habe – jetzt aber möchte er nach Hause gehn, denn die Mutter könne jeden Augenblick kommen.

In dem Augenblicke ging die Thür auf – es war unterdeß sehr dunkel geworden – eine Frau, vom Regen triefend, kam bis vorn an's Fenster, wo der Franzos noch vor dem Mädchen kniete, und suchte im Dunkeln die Gestalten zu erforschen. Als sie einen Mann und die Situation zu erkennen schien, wendete 403 sie sich zurück in's Zimmer; ihr großes feuchtes Tuch fiel zur Erde; sie ließ es liegen.

Nur dem nahen Ohr des Franzosen vernehmlich flüsterte das Mädchen die schwankenden Worte: 's ist meine Mutter – –

Die Frau stand im Hintergrunde still – Niemand regte sich im Zimmer. –

Unweit von dem Gemache, was die beiden Frauen bewohnten, lebte in einem kleinen Raume ein bejahrter Studiosus, der ein eingezogenes, fleißiges Leben führte, und des Abends immer zu Hause war. Die Mutter des Mädchens war ihm sehr zugethan, weil er ein sanfter, verlässiger Mensch zu sein schien, und die Tochter machte es ihr oft zum Vorwurf, daß sie dem Studiosus mehr von ihrem Leben erzähle, als ihr, der leiblichen Tochter.

Dieser Studiosus trat jetzt mit einem Licht in das schwüle, schweigsame Zimmer, er habe die Signora Carmagnola nach Haus kommen hören, und wolle sich erkundigen, wie es ihr in Venecia ergangen sei. Die Signora aber nahm ihm hastig das Licht aus der Hand, und schritt zu dem fremden Mann und ihrer Tochter. Der Franzose sprang auf, als er jenen Namen hörte – sie standen einander gegenüber, die Augen wühlten einander krampfhaft in den Zügen, das Entsetzen trat immer klarer auf ihre Gesichter –

404 Mit tonloser Stimme fragte er nur hinweisend: »Und das ist deine Tochter?«

Die Augen drängten sich der Frau aus den Höhlen, die Lippen bebten, sie konnte nur wiederholt mit dem Haupte nicken – sie hatten sich vollständig erkannt.

In dem Momente dieser unzweifelhaften Klarheit fiel der armen Carmagnola das Licht aus der Hand und verlosch – der Franzos stürzte schaudernd nach der Thür, hinter ihm drein der Studiosus. – –

Hier hielt die Dame einen Augenblick inne, und legte ihre Hand auf die Schulter des neben ihr sitzenden Mannes und ihre Finger spielten, als komponirten sie das Ende der Begebenheit. Der ganze Zuhörerkreis war mäuschenstill, es war schon ziemlich spät, wie ich glaube, und die Säle waren leer geworden. Nach einer Pause sprach sie unaufgefordert weiter:

Der Studiosus scheint von allem Früheren durch die Signora völlig unterrichtet gewesen zu sein – er ist eilig hinter dem Franzosen hergelaufen; dieser aber hat nicht eher gerastet, bis er erschöpft vor Santa Giustina niedergesunken ist. Der Studiosus hat sich neben ihn gesetzt, und ihn nach Diesem und Jenem gefragt: automatisch hat der Unglückliche geantwortet. Endlich hat der Studiosus ihm vorgestellt, daß er seinen Fehler gut machen und Signora Carmagnola die 405 Aeltere heurathen solle, er, der Studiosus nämlich, werde in nächster Woche Advokat, habe als solcher sein Auskommen, und ersuche ihn im Voraus um die Hand seiner Tochter, die ihm sehr wohl gefalle. Sie könnten dann eine Familie bilden.

Da ist der Franzose aufgesprungen, hat den Studiosus weithin geschleudert an die Erde, und ist von dannen gestürzt. Dieser aber hat sich aufgerafft, und ist ihm nachgeeilt durch alle Straßen, bis hinaus vor's Thor. Das Regenwetter, was schon Signora Carmagnola überfallen hatte, ist ein starkes, vom Meere herkommendes Gewitter gewesen. Als die Beiden draußen an der Brenta umhergeirrt sind, ist das Unwetter immer ärger geworden – nach einem heftigen Blitz und Donnerschlage hat der Studiosus den Franzosen nicht mehr gesehen.

Die Dame hielt noch einmal ein. Es war wieder Alles still, dann schloß sie plötzlich:

Ich habe vor einer halben Stunde den Studiosus gesprochen; er hatte nicht den Muth, nach Hause zu gehn, und den unglücklichen Frauen zu sagen, daß der Franzose tödtlich getroffen sei vom Himmel für sein Liebesglück und Unglück.

Die Sache ist nämlich heut Abend geschehen, und jener heftige Schlag, der um die neunte Stunde fiel, hat den Mann getroffen. –

– O du schlimme weiße Wolke, flüsterte ich vor mich hin, die so unbefangen aussah, und wie zum Spaße blitzte, wie wir nach Padua fuhren.

Die Gesellschaft brach auf – ich blieb allein in Gedanken sitzen. Nach einigen Minuten kam die Dame allein, eine Opernarie trällernd, zurück. Sie hatte ihren Handschuh vergessen. Ich hatte ihn in der Hand, und tändelte damit, ohne es zu wissen. Sie nahm ihn mir, und schnippte mich leis dabei an die Finger, und lächelte. Aus meinen Gedanken heraus, sah ich sie staunend an.

»Veramente uno Tedesco!«

Si Signora!

Und sie lächelte wieder, und ging. Ich bin später allein nach Haus gegangen. 407

 


 

Als wir am andern Morgen in unsern hohen Betten erwachten, fiel uns ein, daß Titus Livius in Padua geboren sei. Dieselbe Sonne, welche durch unsre Jalousieen kroch, ist zu ihm gekommen, und hat ihm alle die Mythen vom alten Rom gebracht, an welche wir so treuherzig geglaubt haben, bis der grämliche Niebuhr das nüchterne Licht seines römischen Rationalismus anzündete.

Livius muß ein sehr ernsthafter Mann gewesen sein; ich kann mich nicht von der Idee trennen, daß er immer eine dunkelbraune Toga getragen, bei Tische Wasser getrunken und zum Nachtisch Radieschen gegessen hat. Aber ich weiß nicht einmal, ob es zur Römerzeit Radieschen gegeben hat, und ob es jetzt welche in Italien giebt. So würde ich nur schmerzlichst den Glauben aufgeben, daß Cornelius Nepos klein und dick und überaus freundlich und gutmüthig 408 gewesen, den die römischen Adolescentes hie und da dupirten. Er hat es wohl gemerkt, aber immer lächelnd verziehen. Daß er ferner zierlich gesalbte Tituslocken getragen, gern gut gegessen, graziös und gemessen getanzt und einschmeichelnd die Flöte geblasen habe, wegen des Epaminondas. Eben so schwer würde ich den Gedanken opfern, daß Horaz etwas krumme Beine gehabt, und im Essen und Trinken dem Herrn v. Rumohr geglichen habe. Wenn der Tabak schon erfunden gewesen wäre, so hätte er gewiß auch geschnupft.

Unter solchen profanen Gesprächen frühstückten wir, und gingen dann den berühmten Salone aufsuchen, den größten Salon der Welt. Er ist größer als die Westmünsterhalle, ja als die Guildhall in London, und die Petersburger gedeckte Reitschule soll ihn nicht erreichen an Umfang. Man sagte mir, er sei 300 Fuß lang und 100 Fuß breit; ich verbürge aber niemals Zahlen, weil man die schlimmsten Schulden damit machen kann, und ich vergesse nicht bloß die Schulden, sondern sogar ihre Zahlen. Daß er aber, selbiger Salone, gar keine Mittelstütze hat, daß sein Dach bloß auf den alten Mauern ruht, das hab' ich selbst gesehn und bescheinige ich hiermit. Man kann also die Solidität jener republikanischen Mauern berechnen. Er ward 1172 gebaut von Pietro Cozzo. Ganz, ganz hinten, es ist eine Reise bis dahin, steht 409 die Büste des Livius, ganz so trocken und mürrisch, wie man ihn immer konterfeit sieht. Er hat mit demselben ernsthaften Gesichte die republikanische Gerichtsbarkeit gesehen, die hier mit unerbittlicher Strenge und Kürze gehandhabt wurde, wie er jetzt die leere Oede, die hölzernen Trümmer der alten Richterstühle, den staubigen Bauschutt sieht, welcher im Saale sich aufhäuft, und bei einem Luftzuge in der Sonne spielt. Durch die eine Thür gingen die Gerichteten in die Freiheit, wohin sie wollten, durch die andre auf das Schaffot. Die lombardische Freiheit des Mittelalters hatte rauhe Hände, und war fanatisch wie ein eifersüchtiger Liebhaber. Die republikanischen Guelfen waren so despotisch wie die monarchischen Ghibellinen. Freiheit und Republik sind eben auch nur Worte, zu denen man Adjektiva setzen kann.

Ist das nicht gut österreichisch, und hab' ich nicht Talent? –

Der Cicerone sagte uns, der Salon sei mit dem Aequator parallel gebaut, und die Sonne bescheine jeden Monat ein andres Zeichen des darin angebrachten Thierkreises. Als Padua 1405 an Venedig gefallen, sei sie im Wassermann gestanden, als Napoleon eingezogen, im Löwen; jetzt stehe sie schon lange im Widder, es sei, als ginge die Sonne nicht mehr von der Stelle.

410 Ich weiß nicht, ob der behende Franzose, welcher unser Führer war, dergleichen Jedermann sagt. Unten am Salone kommt man auf den sogenannten Herrenplatz. Hier stand während der Franzosenzeit die Bildsäule der Freiheit. Jetzt steht nichts da, sogar die Bildsäule ist verschwunden.

Jeder, der Goethes Faust gelesen hat, weiß, daß Padua eine Universität besitzt, denn ein Bekannter Mephisto's ist dort promovirt worden. Tasso hat hier Collegia gehört und der süße Petrarca hat, wenn ich nicht irre, welche gelesen. Ich habe irgendwo erfahren, daß der Hohenstaufe, Kaiser Friedrich, sie um's Jahr 1222 gestiftet hat; es wurde also ghibellinische Wissenschaft hier getrieben, und Suetonius ward mehr gelesen denn Tacitus.

Unser französischer Cicerone zuckte die Achseln, als wir zur Academia geführt sein wollten. Ich schreibe dieses Achselzucken als Schilderung der Paduensischen Universität her. Als nach der französischen Julirevolution, wo sich so viel Leute massakriren ließen, damit der König nicht mehr König von Frankreich, sondern König der Franzosen, und nicht mehr Karl, sondern Ludwig Philipp heiße, als nach jener Revolution auch Italien etwas Aehnliches machen wollte, verschworen sich auch in Padua die Studenten. Es ist auffallend, daß in Paris, Teutschland und Padua 411 meist die Studenten Revolutionen anfangen. Das Uebel muß tief liegen, vielleicht im Studium selber. In Paris haben sie dafür Kreuze bekommen, in Padua hat man sie relegirt, in Teutschland, dem Lande der Gründlichkeit, geht man dem ganzen Orden an die Wurzel, wie Philipp der Schöne in Frankreich dem Orden der Tempelherrn. Diese wurden angeklagt, einen Götzen Bafomet anzubeten, jenen wird dasselbe Verbrechen zur Last gelegt; der Götze soll nur einen andern Namen haben.

Die Geschichte treibt mitunter blutige Scherze. Aus jenem Hause der Templer, deren Großmeister und wichtigsten Ritter ein französischer König verbrennen ließ, ging Ludwig XVI., ein abgesetzter französischer König zur Guillotine. Das Haus hieß damals und heißt heut noch »le temple.«

Und wie gewöhnlich begannen die Paduaner Studenten jene Revolution höchst unschuldig romantisch und liebevoll: streuten blau roth und weiße Kokarden aus. Wegen dieses bunten Scherzes wurden 200 fortgejagt.

Es sah ziemlich leer und wüst in dem schwarzen steinernen Gebäude aus, hie und da wuchs Gras zwischen den Steinen, die meisten Studiosen, welche ich vorüberhuschen sah, hatten eben so verblaßte Freitischgesichter wie im teutschen Oesterreich. Sie 412 erinnerten mich an die schwarzen Kurrendeschüler, welche, wie die Todtenvögel früher in den teutschen Städten herumzogen, und vor den Thüren betrübliche Gesangbuchlieder sangen. Das war ein Institut zur Beförderung der christlichen Hypochondrie und zu Ehren Luthers. Bekanntlich hatte in Erfurt das bedürftige Geschrei des kleinen Martin eine Witwe dahin erweicht, ihm einen Freitisch zu geben.

Indessen standen doch einige in einem fernen Winkel der Kolonaden, die sich im düstern Hofe herumziehn, denen allenfalls die roth, blau und weißen Kokarden aus den Augen sahn. Die Universität in ihrer jetzigen Gestalt ist von den Venetianern erbaut im Jahre 1493. Sie hat durchaus keinen Eindruck auf mich gemacht, so viel man mir von den schönen Säulen Sanforino's sagte, und daß einst 18,000 Studenten hier studirt hätten. Von gewöhnlichen Menschen hätte kaum die Hälfte Platz gefunden, aber von Studenten gehn bekanntlich immer doppelt so viel in einen Stall als von andern geduldigen Schafen, und das Göttinger Testat »N. N. hat sich Studirens halber hier aufgehalten,« stammt vielleicht aus Padua. Es ist auch lächerlich, das Wort »Studiren« auf Professorenweisheit zu beschränken, Universität ist eben ein Platz für allgemeine Kultur. Ich bin überzeugt, daß Tasso während der Kollegien schöne Augen studirt hat, weil darin mehr 413 Weisheit steckt, denn in allen Büchern, und doch hat er das Meiste gelernt in Padua. – Das Kollegium der Jesuiten in Breslau, was man Universität dort nennt, trat immer wie ein stolzer steinerner Gedanke zwischen meine Blicke und Padua's Akademie. Jene Gesellschaft Jesu war viel kühner als die ganze Menschengesellschaft Italiens, denn die Jesuiten waren selbst kühner und klüger als die katholische Kirche, die in Italien geboren und erzogen wurde. Sie waren die stärksten Bastardsöhne Rom's, die ihre Mutter überlisteten und verhöhnten.

Rechts am Eingange steht unter dem Portikus der Paduanischen Universität eine steinerne Statue. Sie stellt ein thörichtes Weib dar, was so viel Gelehrsamkeit besessen hat, daß man ihr den Doktorhut aufgesetzt hat. Die Person sieht sehr geckenartig aus, und heißt Lucretia Cornelia Pistoja.

Einfältiges Weib, konntest Du nichts Besseres thun, als gelehrt werden? Ist es nicht tausendmal schöner, zu lieben und sich lieben zu lassen? Diese Statue ist ein steinernes Pasquill, und die Weiber sollten sie niederreißen. –

– Ich hatte schon fortwährend gefragt, ob wir nicht bald zur Santa Giustina kämen, und zum 414 Prato della Valle; ich hoffte im Stillen, der jungen Carmagnola zu begegnen. –

– Ich bin auf dem Prato della Valle gewesen, aber das arme Mädchen habe ich nicht gesehen, die Leute sagten, sie sei nach Venedig in's Kloster gefahren. – 415

 


 

Unser französischer Cicerone schwur beim heiligen Antonio von Padua, dieser Prato della Valle sei das schönste Marsfeld der Welt. Bekanntlich handeln die Ciceroni mit den Merkwürdigkeiten, welche sie zeigen, und jeder Krämer lobt seine Waare.

Der Platz ist aber wirklich schön; man athmet tief auf, wenn man aus den verengten schweren paduanischen Gassen kommt. Er ist sehr groß, und wie überall läuft der Korso an den Seiten her, denn der Korso ist der Busenstreif der italischen Städte. Es ist viel Blut darauf geflossen, so still österreichisch er jetzt auch erscheint. Gegen den langen bärtigen Alarich ist hier gefochten worden, gegen den kleinen vergelbten und verschrobenen Attila, der die garstige Hunnenfaust nach einem purpurnen römischen Kaiserweibe ausstreckte, und in den italienischen Bürgerkriegen war dieser Platz ein gewöhnlicher Fechtboden. Damals hatte man weiter keine Beschäftigung, als sich 416 gegenseitig bei Gelegenheit todt zu schlagen; man nennt diese Art die poetische Rittersitte, und bei einer solchen Gelegenheit blieben denn auch hier auf dem Prato della Valle die Venetianer Sieger auf dem Platze und zogen mit rothen Schwertern hinein in die Thore.

Inmitten dieses weiten Platzes ist eine grüne Insel, welche der Brentakanal absondert. Es ist eine kleine, aber erquickende Insel des Ruhms, das Pantheon von Padua, drüben staubt der Korso, das gewöhnliche, beschwerliche Leben, hier diesseits der Brücke grünt ein dunkelgrüner Rasen, über welchen breite Bäume ihren Schatten werfen, und in diesem Schatten stehen achtzig berühmte steinerne Männer, und warten auf Fremde, welche sie anstaunen, und im Staunen die alten Thaten erzählen, weshalb sie versteinert worden sind.

Es ist etwas vornehm Langweiliges, solch' eine Statue zu sein, aus kalter Masse Jahr ein, Jahr aus unbeweglich zu stehn. Ich habe schon als kleiner Bube die Statuen bedauert, weil ihnen die Zeit erschrecklich lang werden müsse. In unserm Garten stand ein verwahrlos'ter kleiner Engel aus vaterländischem Sandstein, zu dem ging ich wenigstens immer an langen Sonntag-Nachmittagen, und erzählte ihm Geschichten, und tröstete ihn wegen des Verlustes seiner Finger. Die einsame Langeweile einer einzelnen, besonders ausgezeichneten Statue hat indeß immer 417 noch etwas Poetisches, so Peters des Großen auf seinem Fels bei Petersburg; der große Churfürst in Berlin, der unverwandt, Jahr aus Jahr ein auf einen Fleck über der schmutzigen Spree sieht, steht zu sehr inmitten des Lärms der Berliner Fischweiber, die aus einem Theater in's andre laufen – einsame Berühmtheit entschädigt wenigstens durch das Kitzeln des Despotismus. Aber wie hier in Padua mit 80 berühmten Leuten unverwandt auf einem Flecke stehn, das ist tödtlich.

Es ist übrigens hier eine sehr gemischte Gesellschaft, ein teutsches Casino würde solche Verschiedenartigkeiten nimmer dulden. Zwischen berühmten Paduensern und Päpsten steht der Polenkönig Sobieski, ja der evangelische Landgeistliche Gustav Adolph und sein wüster General Herr Banner, der so gern die Mädchen verführte. Mit diesen beiden spricht doch gewiß keiner der übrigen ein Wort, auch wenn Herr Banner vom langen Anhören der Vorübergehenden italienisch gelernt hätte. Es sieht wirklich aus, als hätte man den beiden Herrn ein raffinirtes Exil bereiten wollen. Denn angenommen, daß die Statuen in stiller Nacht lebhafte Konversation mit einander führten, wie erschreckte Liebespaare wirklich gehört haben wollen, so ist doch der General Banner in einer bedauernswerthen Lage. Sein König predigt ohne Aufhören protestantische Moral und die Verderblichkeit des Fleisches, und Banner muß 418 zähneklappernd all der weiß und rothen, sanften teutschen Mädchen gedenken, denen er ganz andre Dinge gepredigt hat. Armer Banner!

Die Franzosen, welche vor thatlosen Statuen keinen Respekt fühlen, haben in der Jakobinerzeit widerwärtig auf dieser Insel gewirthschaftet. Auch die todte, steinerne Aristokratie war ihnen zuwider, und sie haben viele alte venetianische Nobili geköpft, deren abgeschmackte Physiognomien ihnen nicht behagten.

Die Paduanerinnen kennen die Statuen alle vortrefflich, die historische Wissenschaft blüht hier, die alten steinernen Gäste geben vortreffliche Merkmale zu Rendezvous, und ein Mädchen von funfzehn Jahren würde sich schämen, eine geschichtliche Schwäche zu verrathen, wenn ihr Liebhaber von Sobieski spräche.

Nun gingen wir zur Santa Giustina. Armes Mädchen! Die Kirche war sehr schön, besonders da mich draußen auf dem Prato die Heldengluth der paduanischen Sonne gepeinigt und nach kühler Religion lüstern gemacht hatte. Die Teutschen wissen gar nicht, was Katholizismus ist? Wenn ein Sachse dieses Wort ausspricht, so denkt er dabei an den Tetzel und an den Aberglauben; und schüttelt sich vor Aufklärung, denn zum Aberglauben fehlt ihm die Phantasie – der italienische Katholizismus ist ein Landesprodukt Italiens wie die Citronen und Melonen, man braucht ihn hier gegen die Witterung. Diese kühlen Kirchen 419 preisen Gott in der Sonnenhitze vortrefflich. Dieser italienische Herrgott ist ein freundlicher, wohlthätiger alter Herr, der's seinen Kindern bequem macht – der nordteutsche protestantische Herr Zebaoth ist nur um einen Grad bessrer Laune als der israelitische Jehovah. Ich habe Leute gesehn, die sich an frischen Wintertagen die Gliedmaaßen erfroren in den protestantischen Kirchen – und mehr als die Gliedmaaßen, wie die Fakirs, die sich officiell gottesfürchtig maltraitiren. Statt die Kirchen zu heizen – denn die Religion ergänzt die Erde – machten sie noch die Thüren auf und hielten lange Reden.

Ich lobte mir Santa Giustina, eine schöne, einfache und kühle Kirche. Da setzte ich mich auf eine Marmorstufe, und dachte in erfrischender Bequemlichkeit über den Ruhm nach. Ob's der Mühe werth ist, nach Ruhm zu jagen! Ich habe meine stillen, kartoffelgenügsamen Stunden, wie dort zu Santa Giustina, wo ich nicht mit dem Augenliede zucke, auch wenn mir's allen Ruhm der Erde brächte. Aber man sitzt freilich nicht immer zu Santa Giustina! 's ist eine feine moralische Gourmanderie, die Ruhmsucht und der Ehrgeiz – aber die Faulheit und der Egoismus nehmen wie das Ungeziefer überhand, wenn man sie ganz vernachlässigt. Der Nachruhm ist Senf nach dem Mittagsessen, wenn man keine Poesie besitzt; was ein ordinairer Bürgermeister, Minister oder Schriftsteller mit dem 420 Nachruhm will, hab' ich nie begreifen können – der ist nur etwas für die Poeten.

Es giebt ein Stadium in jedem Menschenleben, wo man einsieht, daß all' unser Wissen und Glauben, selbst die ältesten Grundsätze, ein zufälliges, künstliches Gebäude sind, was über Nacht einstürzen kann. Morgen kann den Leuten das Alles blau erscheinen, was uns heute roth ist, morgen verlieben sich die vernünftigsten Leute in veilchenblaue Gesichter und rosenrothe Augen.

In solchem Stadium hält man sich an die Poesie, man schafft. Da ist man denn wohl auch im Stande, den Nachruhm unterzubringen. Wenn ein Mensch mit Ruhm bedeckt stirbt, so entsteht zum Beispiel ein neuer Stern, und die Menschen dieses Sterns erhalten eine Seele des Wohlbefindens, welche eben aus diesem Nachruhm besteht. –

Der Starost störte mich in meinem sublimen Ideengange, und sagte mir, daß wir noch in die Kathedrale gehen müßten. Wir gingen in die Kathedrale, ich setzte mich wieder auf eine Marmorstufe, und der Starost trat nach einer Weile wiederum zu mir und erzählte, daß ich vor dem heiligen Petrarca säße. Er ist im Kalender schlecht bewandert und nannte den Petrarca einen Heiligen, weil er in der Kirche hing, als wenn bloß Heilige gehangen würden, und in der Kirche bloß Heilige hingen.

421 Ich fühlte einen angenehmen Hunger beim Anblick des Petrarka, so wohlgenährt, feist und behaglich sieht er aus, und so hatte ich mir ihn gedacht. In diesem Gesichte lag ein immer heitrer Appetit, eine bequeme aristokratische Sinnlichkeit, eine liebenswürdige Sinnlichkeit, aber nichts, nichts von Phantasie.

Von meinem niedrigen Sitze aus sah ich ihm so lange in die wohlgenährten Augen, bis ich herzlich lachen mußte. Gewiß, ich hatte Recht gehabt: er war eine Sonetten-Koquette, welche dick und fett wurde beim Liebesweh. Seine Neigung zur Laura störte ihn nicht im Mittagsessen, und wenn er schlaflose Sonette machte, so geschah's des Ruhms und nicht der Liebe wegen. Ich war von frühauf mißtrauisch gewesen gegen diesen Poeten: es waren immer unsre mittelmäßigen Geister, welche so viel Lärm von italienischen Sonettisten, und der Quelle von Vaucluse machten, und alle die Damen welche mit süßer, dünner Stimme so überaus den Petrarca erhoben, konnten gewöhnlich nicht lieben, sondern nur über die Liebe sprechen. Denn es ist mit der Liebe wie mit andern Dingen; wer ernstlich damit beschäftigt ist, spricht nicht viel davon. Laura und Petrarca heuratheten sich bloß der Sonette wegen nicht. Ich will deshalb die Meinung nicht verbreiten helfen, daß Petrarca nie geküßt habe – so sah dies hübsche, bequeme Gesicht des Paduanischen 422 Domherrn gar nicht aus, was vor mir am Pfeiler hing. Der Literaturgeschichte wegen will ich auch die Worte eines der industriösesten Studenten Petrarcas nicht verschweigen, die Worte des Professor Witte, der als Kind so berühmt war.

Es soll indessen der Schicklichkeit halber über Herrn Petrarca und Herrn Witte ein neues Kapitel anfangen. 423

 


 

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