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Reisenovellen - Band 2

Heinrich Laube: Reisenovellen - Band 2 - Kapitel 22
Quellenangabe
typenovelette
booktitleReisenovellen - Band 2
authorHeinrich Laube
year1834
publisherVerlag von Otto Wigand
addressLeipzig
titleReisenovellen - Band 2
pages550
created20120503
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vicenza.

Außer in Belgien und in Klein-Asien sitzen sich nirgends die großen Städte so auf der Schulter als in Ober-Italien. Man schläft nicht aus von einer zur andern. Nach Malta und Belgien wohnen auch die meisten Menschen hier zusammengedrängt.

Die Straße nach Vicenza ist noch heut so breit, daß die große Armee 25 Mann hoch marschiren kann; und weiß wie Kreide. Weithin nach Norden und Süden ziehen sich dunkle ausdruckslose Felder von Rankengewächsen, die Morgensonne lag glühend auf der Gegend, als wir uns Vicenza näherten. Es schweigt Alles in ihren Strahlen, das ganze Land hat ein katholisch stilles Kolorit; ich könnte mir keine schwatzhaften, predigenden Protestanten in Italien denken. Schon wegen der Sonne können Luther und Calvin kein Glück hier machen.

368 Viecnza ist eine Sommerresidenz der Lombardei, ein Mittelpunkt des Lombardischen Adels. Die weite dunkelgrüne Fläche ist erfüllt von Villen und adeligen Häusern, und in der Stadt ist die einzige große Oper, welche im Sommer thätig bleibt. Ich glaube, nur in der Messe wird auch in Bergamo gesungen, in Bergamo, wo Tasso geboren ward. Sonst sind alle die riesengroßen Opernhäuser geschlossen und beschattet von geheimnißvollem Bretterdunkel. Man glaubt es aber kaum, wie wichtig Oper und Theater für den Italiener ist. Puppenspiel und Komödie ist sein Element, die Franzosen sind die Schauspieler der Weltgeschichte, die Italiener die Komödianten der Liebhabertheater. Wie die alten Römer rasen sie noch heut für die vicensischen Spiele. Sie reisen von Venezia nach Milano, von Milano nach Fiorenza, von Fiorenza nach Roma, um eine neue Oper zu hören. Die Opern sind ihre Staatsactionen; eine neue Oper ist der Mittelpunkt einer ganzen Jahreszeit. Daneben fehlt ihnen, wunderlich genug, der Tanz. Dieser ist völlige Nebensache in Italien. Klima, körperliche Faulheit, tiefere Volksgebräuche mögen die Ursache davon sein. Ein unverheurathet Mädchen darf nie tanzen, und diese Sitte ist nicht eben ohne Grund, wie das mancher eifersüchtige Liebhaber zugestehen wird. Wer giebt gern allen frivolen Händen den heißen unerfahrnen 369 Leib seines Mädchens preis. Ich war einst sehr entzückt, als mich ein teutsches Mädchen nach dem ersten Kusse versicherte, jetzt tanze sie nimmer wieder, Sie kam mir wie eine freiwillige Heilige vor. Solche heilige Feminina giebt's zur Genüge in Italien. Auch die niedrige Klasse tanzt nicht wie bei uns in den Schenken um die Säule herum, sie amüsirt sich stiller.

Die Liebesintriguen sind bekanntlich in Italien an der nächtlichen Ordnung, aber man darf nie vergessen, daß sieben Achtel davon mit Frauen spielen, auf die Mädchen kommt sehr wenig.

Das sind statistische Notizen für Reisende.

Darum heurathen auch die Mädchen blitzgeschwind, sobald ihnen ein Mann nur den kleinen Finger beut. Sie werden erst durch den Ehemann, das heißt durch seinen Namen, Mitglieder der Gesellschaft. Die armen Mädchen, besonders wenn sie nicht aus vornehmen und reichen Betten stammen, sind sehr übel dran. Ein Mädchen kann sich bei der Opera nur in der Loge sehen lassen, in's Parterre gehen nur die, welche keine Mädchen sein oder bleiben wollen. Die Logen sind aber theuer.

Das Land gehört den patricischen Familien; das arme Volk ist nicht so vortrefflich dran, als wir glauben, wenn es auch nicht so leicht hungern muß, wie bei uns; denn der Italiener hat wenig Hunger 370 und stillt ihn sehr wohlfeil mit einem Stück Polenta und Wassermelone. Die bekannten Pinienzapfen oder pignoli sind schon eine Delikatesse. Napoleons Franzosen sollen Monate lang davon in Spanien gelebt haben. Man röstet sie, und der Kern schmeckt wie Mandeln. Was das Vergnügen anbetrifft, so entschädigen sich die niedrigen Klassen in den Kirchen und des Sonntags im Tagstheater und auf dem Korso, wo sie spazieren gehn.

Jede italienische Stadt hat ihren Korso, da fährt Abends um die siebente Stunde die beau monde sich und die schönen Kleider spaziren. Das ist der Eitelkeitsweg der Stadt, wo man mit schönen Equipagen, Gesichtern und Toiletten wetteifert. Das sind die italienischen Bälle. Die Patrizier fahren und produciren Pariser Moden, die Plebejer kommen aus dem Theatro diurno und produciren italienische Augen und legère, ungeschnürte Taillen.

Die alte italienische Komödie mit den stehenden Figuren ist übrigens in jenen Theatern längst verstorben, die alten Späße, über welche der Großvater schon gelacht hat, verfangen nicht mehr, Pantalone mit dem Bocksbart ist schläfrig, Arlechino ist lahm. Scribe und Kotzebue sind an der Tagesordnung. Auch das italienische Volkselement ist verwirrt worden, ausländische Melodramata werden mit hungrigem Interesse angesehn.

371 Der Korso von Vicenza zieht sich bis hinaus in's Freie nach dem Campo Marzo, und soll einer der schönsten in Italien sein.

Was die Vicentiner selbst anbetrifft, so kann ich nicht darüber urtheilen, ich habe nichts als Sonnenschein und steinerne Gebäude gesehn. Die Sonne war dreist italienisch an jenem Tage, und nur Geschäftsleute und Gesindel ließen sich in Vicenza sehen. Geschäftsleute sind aber in Leipzig und in Vicenza gleich uninteressant, und das Gesindel gleicht sich überall in Italien: es hat braune, schmutzige, adlige Gesichter und bettelt bis auf's Blut.

Wenn ich Napoleon gewesen wäre, ich hätte mit dem italienischen Gesindel einen großen Prozeß vorgenommen. Ein stumpfes. nordisches, slavisches Element reißt immer mehr ein in die Gesichter der Teutschen. Es werden immer mehr verwischte Novellengesichter producirt, die scharfen, schönen Umrisse hören am Ende einmal ganz auf, es droht uns eine trostlose Flachheit der Gesichter. Ich hätte als Napoleon einige hundert dieser italienischen Bettler in warmen Bädern rein waschen, sie in goldne Kleider nähen lassen und sie als Ducas und Marcheses nach Teutschland geschickt. Sie hätten alle vortreffliche Partieen gemacht, den alten Adel wieder aufgefrischt. und lebten jetzt als sekularisirte und mediatisirte Herrlichkeiten. –

372 – Ich trat mit dem Archivarius aus dem Wirthshause. Wir hatten zu Mittag gegessen und waren sehr mißvergnügt. Das römische Essen disharmonirte entschieden mit unserm germanischen Magen. Wir zogen so lange grämliche Gesichter, bis wir einander ansahen und lachen mußten. Auch der Speisezettel ist so renommistisch wie Alles in Italien, er ist endlos lang wie Leporellos Register »all' der Damen, die sein Herr geliebt und liebet.« Unkundig jener stockitalienischen Namen der Gerichte verlangte ich schulmäßig und einem soliden Studium angemessen von oben herunter eins nach dem andern. Aber ich war bis auf die Hälfte des Zettels gekommen, und noch war nichts erschienen, was nur von Weitem an etwas reell Teutsches, noch weniger Englisches erinnert hätte. Jedes kleine, unbedeutende Beiessen, was man bei uns gar nicht nennt, was sich von selbst versteht, spielte hier eine selbstständige Charakterrolle. Und Alles triefte von Oel – die Olivenwälder sind ganz scharmant, aber die Olivensaucen sind übel. Man verjagt den Hunger an einer italienischen Tafel, aber nur durch Ekel. Schon in Vicenza seufzte ich nach vaterländischem Brote, nach schwarzem, hausbacknem, barbarischem Brote; ich habe mein Vaterland lange nicht so geliebt, als da mir übel war vom Vicentinischen Mittagsessen. Die wackre Gesinnung jener Landsleute, welche den 373 Börne schmähen, den Vaterlandsschmäher, fiel mir schwer auf's Herz. Ich hatte sie nie genug gewürdigt, und ich glaube, Börne verschont auch nicht einmal das Sauerkraut, nicht einmal das gemüthliche, teutsche Sauerkraut. Nichts ist dem Manne heilig, er frevelt an den schönsten Gefühlen. –

Diese italienische Polenta, eine weiße porenlose Mauer aus Mais zusammengeknetet, kann einen verstockten Sünder zum Geständniß bringen. Ich habe nie Weinlieder geschrieben, da mir Essen und Trinken niemals poetisch genug gewesen ist, aber wenn man mir in Italien bei jedem Mahle jenen verwahrlos'ten rothen Wein vino nero - vino santo etc. vorsetzte, da hab' ich mit inniger Sehnsucht, mit heißem, poetischem Verlangen an unsre schlanken blanken Rheinweinflaschen gedacht, ich hätte gern den Anblick einiger Cypressen für einen tiefen, recht tiefen, teutschen Zug gegeben. Ach, ich habe in Italien fortwährend gedurstet.

– Wir schlichen wie ein Paar Schüler, die schlechte Censuren bekommen haben, trübselig in dem Schatten der großen Häuser hin. Um solches Vergnügens willen so weit zu reisen!

Aber die Schatten waren breit, die Häuser waren hoch. Wir sahen hinauf. Stolze, schöne Gebäude, und ohne Aufhören stolze, schöne Gebäude, und wie oft blieben wir stehn vor einem merkwürdig 374 majestätischen Hause – und die majestätischen Häuser glichen alle einander wie die Söhne einer und derselben Mutter. Auf einem Platze standen wir plötzlich selbst steinern vor einem gewaltigen, steinernen Säulenhause – es war ehrwürdig dunkelgrau, und hatte ein volles diktatorisches Gesicht wie ein römisches Richthaus. In den Säulengängen waren die schönsten Melonen, Pfirsichen, Aprikosen, Feigen, Orangen und Limonen aufgehäuft, ihre blendenden Farben hoben das düstre Haus.

Wir sahen uns kopfschüttelnd an, und fragten einander, ob wir uns irrten, ob nicht Er aus Vicenza sei. Drauf erkundigten wir uns bei einem Weibe, das Limonen verkaufte, von wem das Haus erbaut sei. In Teutschland hätten wir einen Antiquar suchen müssen, hier weiß das jedes Hökerweib. Der alte Städtestolz ist noch nicht erloschen, der eine Zeitlang die Kräfte der Lombardei so auf die Spitze getrieben hat. Sie wissen nichts mehr von Guelfen und Ghibellinen, von Päpstlich und Kaiserlich, aber sie sind noch eifersüchtig, noch neidisch auf einander. In solchen Zeiten der Eifersucht haben die Griechen und Lombarden ihren Sturz vorbereitet; aber auch ihre größten Männer erzeugt. Es geht mit Völkern und Staaten wie mit den Früchten des Feldes und Baumes – wenn sie reif sind, werden sie gemäht oder fallen ab.

375 Und das ist die Tragödie der Weltgeschichte, über welche man eigentlich als ein gebildeter Mensch nicht mehr weinen sollte.

Die Limonenverkäuferin bestätigte mit Feuer und Hast, daß Er aus Vicenza sei, ganz und gar aus Vicenza, und dort drüben sei das Haus, was er bewohnt, und alle Palazzi Italiens habe Er gebaut – si! – – 376

 


 

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