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Reisenovellen - Band 2

Heinrich Laube: Reisenovellen - Band 2 - Kapitel 20
Quellenangabe
typenovelette
booktitleReisenovellen - Band 2
authorHeinrich Laube
year1834
publisherVerlag von Otto Wigand
addressLeipzig
titleReisenovellen - Band 2
pages550
created20120503
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Verona.

Es liegt in einer von der Sonne braun gebrannten Ebene. Wenn man nicht besonders neugierig ist, fährt man vorüber. Das Entrée ist ebenfalls nicht lockend. Es ist ein stattlich Dorf, was allmählig zur stattlichen Stadt wird. Wir sahen nichts als Mönche, Soldaten und Schleier. Die Mönche sind noch nicht tief genug aus Italien, und die Soldaten sind Oesterreicher, also beider Gattungen Gesichter stumm und dumm. Aber die Schleier sprachen desto mehr. Es war gegen Mittag, die Kirchen waren aus, unser Don Juan von Bardolini fuhr wie Theseus durch den belebten Corso, die schmale lange Hauptstraße Veronas. Links und rechts flogen die langen weißen Schleier, und in der Schnelligkeit sahen wir dahinter und daneben eitel tödtlich schwarze Augen, und alle schossen und alle trafen.

Ich wußte nur nicht, ob ich rechts oder links gehen sollte, sonst wäre ich gar nicht in den Gasthof 306 eingetreten. Und die Romanschreiber hatten doch also Recht; ich wußte nicht, wo ich hinsehen sollte vor hübschen Mädchen, und sie machen's nicht so stocktugendhaft wie in Teutschland, wo jedes Auge entweder sagt: ich bin verheurathet oder ich werde heurathen. Sie halten die Liebe nicht für ein Handwerk, wozu man einen Gewerbsschein braucht, sondern für eine freie Kunst.

Mit einem tiefen teutschen Seufzer trat ich in's Haus. Eine dralle hübsche französische Grisette mit hüpfenden Gazellenaugen sprang an uns vorüber, und lachte und rief. »bon jour Messieurs,« und als wir nicht rasch genug dankten, flüsterte sie lachend zum Kellner, wir seien sicherlich aus Teutschland. Und als ich aus dem Fenster unsres Zimmers sah, da lag ein breiter eiserner Balkon einen Stock tief unter mir, darauf standen drei Frauengestalten in schwarzseidnen Kleidern, und die eine war immer schöner als die andere. Schwarze schmiegsame Locken, braune Locken, an den Norden mahnend, fielen auf die vollen weiße Schultern, und große nördliche Augen, in denen man ausruhen kann, sahen herauf nach dem Fremdlinge.

Ich wußte gar nicht, wie ich mein Glück, meine Freude, mein Wohlsein äußern sollte, so vergnügt war ich, ich wußte noch gar nicht, was Alles geschehen würde, aber ich wußte, daß sehr Schönes sich 307 ereignen müsse, und ich wußte, daß ich nichts zu wissen brauchte.

Die Hauptsache waren aber die nordischen Augen – oh, es sind die Augen der Heimath, und sie erzählen lange, lange Geschichten mit liebenswürdiger Schwatzhaftigkeit. Südliche Augen sind Blitze, sie treffen eh man sie völlig sieht, sie sind zwei Leidenschaften, denen man sich in die Arme wirft. Aber nördliche Augen sind still webende Gedichte mit geheimnißvoller Tiefe, dunkle Wasser mit lockendem endlosem Grunde, sie sind kein blendender Feuerschein der Donnerwolke, sie sind schönes erquickliches Tageslicht. Sie entzünden nicht die unbändige Leidenschaft; aber sie wecken die schmerzlichsüße Sehnsucht, sie erweichen uns ganz und gar, unsre ganze Seele streckt bittend, flehend die Arme aus nach diesen weichen nördlichen Augen.

Ich kenne zwei graue Mädchenaugen mit geheimnißvoller schwarzer Pupille und mit schwarzen Schatten, und wenn ich ein Gedicht machen will, und wenn ich auf Augenblicke ein glücklicher und guter Mensch werden will, so denk' ich an jene großen grauen Augen mit den geheimnißvollen schwarzen Schatten.

Die Weltgeister haben die Menschen geschaffen; aber die unendliche Gottheit selbst hat uns die Augen gegeben. In den Augen allein wohnt die 308 Unsterblichkeit, und ich will's jedem Menschen an seinen Augen ansehn, wie er aussehen wird in einer andern Welt. –

Aber die Augen müssen nicht eintönig schwarz, braun oder blau sein, denn in solchen steht nichts geschrieben.

Lauter solche Gedanken schaukelten mich, als ich auf den Corso in Verona hinabsah nach dem Balkone. Wenn die schwarzseidnen Damen mit den vollen Lockenköpfen und den weißen Schultern heraufsahen, so waren ihre Blicke allerdings sehr ernsthaft, es waren nicht dramatische Blicke Italiens, aber es war jener schöne, sanfte Ernst, der auf ein Lächeln wartet, es war der Ernst eines reichen epischen Gedichtes.

Die kleine Französin hatte mir bald vertraut, daß es unermeßlich reiche, sehr schlecht französisch sprechende Damen, daß es sehr sonderbare, ja verrückte Damen, mit einem Worte, daß es Engländerinnen seien. Die älteste war die Frau eines sehr garstigen Lords gewesen, der Lord hatte sich aber ersäuft, weil er zu viel Geld und zu viel Langeweile gehabt, die Lady halte ihre Trauerzeit in Verona, und habe zu dem Ende den ganzen ersten Stock des Gasthofes gemiethet, und zwar auf drei Monate gemiethet.

309 Und die andern beiden Damen. Die kannte sie nicht, sie sprächen immer englisch. Sie sollten die Schwestern der Lady sein.

Dabei lachte das Mädchen immer schelmisch und sagte, sie sei aus Paris. Sie dachte, ich wüßte das nicht, als sie aber nach einiger Zeit die keifende Stimme der Lady hörte, und mit rothen Wangen von mir schied, da schien mir's, als zweifelte sie nicht mehr dergestalt an meinen geographischen und orthographischen Kenntnissen.

Meine Gefährten waren ausgegangen, um Kirchen und Merkwürdigkeiten Veronas anzusehen. Ich fand meinen Gottesdienst auf dem Balkon viel passender, und drei schwarze schöne Damen schienen mir eine sehr wichtige Merkwürdigkeit, die man als gewissenhafter Historiker sorgfältig betrachten müsse.

Das Grabmal Juliens sollte ich mir ansehn – Julia, du weißt es, wie ich dich geliebt von jener Stunde an, da ich zu dir sprach: »daß ich der Handschuh wär an deiner Hand, und küßte deine Wange,« ich war noch sehr jung damals, als ich zum ersten Male las von deiner plötzlichen göttlichen Liebe, und seit jener Zeit besuche ich alle Maskenbälle, um dich zu finden. Shakespeare weiß es, denn ein großer Dichter sieht tief in die Herzen, daß ich den ganzen Winter unter zärtlichen Küssen die Julia liebe und den ganzen Sommer unter lustigen und 310 schalkhaften Küssen die schöne humoristische Porcia. Ich gedenke deiner in Verona, ich sehe die schwarz und rothen Montagues und die schwarzen Capulets unter meinem Balkon auf dem Korso heranziehen und die Degen entblößen, ich seh es: da drüben an jener tiefen Hausthür fällt mein alter Freund Mercutio, der Tod und der Humor ringen wie Tod und Leben auf seinem bleichen, bärtigen Gesichte. Ich seh es: hier aus der Seitengasse stürzt Romeo mit den langen Locken und großen schwärmerischen Augen, sein Degen ist blank und er schreit laut, daß meine Engländerinnen selbst erschrecken: »Tybalt, Merkutios Mörder, steh!« Und hier auf dem Trottoir vor dem offnen Kaffeehause beginnt der Kampf. Tybalt fällt, Romeo wirft den Degen weg, und geht in jene enge Nebengasse; dort führt der Weg hinaus nach der Etsch und nach dem Garten der Capulets, wo Julia harrt – – ja, ja, Alles das geschah hier unten und drüben auf jenem Platze. Aber Julia, was soll ich an deinem Grabe, wenn ich den Romeo nicht finde!

Solche alte Stellen seh' ich nicht gern wieder, es ist hohes Gras drüber gewachsen, Schutt und Steine liegen zerbröckelt umher; alte Liebes- und Trauerspiele haben später keine Augen mehr. Ich ließ den Archivarius und den Starost hinausgehen, und blieb.

311 Den Grabstein Juliens hat man fortgekauft für ein Museum – wenn die arme Julia noch lebte, ich glaube, sie setzten auch sie in solch' Antiquitätenkabinet, und zeigten sie als Merkwürdigkeit. Brave Leute, diese Antiquare, brave Leute, aber schlechte Musikanten. – Das stolze Haus der Capuleti, wo der glänzende Maskenball war, jener Maskenball, auf welchem wir unsre Herzen verloren, das stolze Haus ist jetzt eine Fuhrmannskneipe. Und das soll ich mir ansehn – für eine Fuhrmannskneipe den Pallast der Capulets geben, den ich mir seit der ersten Lektüre von Romeo und Julia erbaut habe!? Nicht doch.

Ich blieb still an meinem Fenster stehn und sah hinab auf den schattigen Balkon, wo die schwarzen Engländerinnen mit den weißen Schultern hin und wieder gingen. Es war mir sehr wohl zu Muthe, die Luft war so verführerisch weich, die Mädchen waren so nahe, und besonders die eine mit dem braunen Haare, die so oft heraufsah. Es lag so viel englische Geschichte in dem großen grauen Auge.

Die andern gingen in's Zimmer, sie blieb allein auf dem Balkon. Ich legte mich tief hinab zu ihr und flüsterte: »daß ich der Handschuh wär an deiner Hand. und küßte deine Wange.«

Pause. Sie regte sich nicht. Es ist nicht wahrscheinlich, daß Sie Schlegelsches Teutsch versteht. 312 Hastig riß ich ein Blatt aus meiner Brieftasche, und schrieb ihr Romeos Worte darauf, faltete es, ließ es vor ihre Füße fallen. Es glitt über ihre schöne Schultern, und fiel an den Boden des Balkons. Sie regte sich nicht. Ich fürchtete den kleinsten Wind, aber es wehte nicht der kleinste Wind. Es war eine scharmante Windstille, man wußte nicht, was geschehen würde.

Und das weiße Taschentuch fiel ihr aus der Hand. Sie hob es auf, und ging in's Zimmer. Der Himmel segne deine unsterbliche Liebe, Romeo.

Ich eilte hinab auf die Straße, denn das Gesetz der Schwere zieht auch die Liebesbriefchen nach dem Boden. Klassischer Korso, ein neuer Montague ging auf und ab.

Sie kam wieder, und sah hinaus und sah herab, aber der Zettel flog, ohne daß sie's bemerkte. An der Hausthür, wo Mercutio zum letzten Mal saß, erhaschte ich ihn. Es war mein Zettel, und wenn es nicht so schön Tag gewesen wäre, so hätte ich nicht gesehn, daß unter meiner Schrift zwei kleine Worte standen, zwei kleine unbedeutende Worte.

O, du scharmantes »Warum denn nicht!« Ich küßte dich »Warum denn nicht?« und mein englisches Mädchen ging lächelnd in's Zimmer.

313 So sagte ja auch Julie zu Romeo, als er sie das erste Mal küßte »Warum denn nicht!« –

»Ihr küßt nicht nach der Kunst« – ei, und warum denn nicht?.

Wer am Tisch sitzt, und nicht ißt
Und nach Italien geht und nicht küßt,
Und die Sonne sieht und nicht lacht,
Der ist aus Langerweil gemacht. –

Wenn ich dich wieder seh', Julia aus Alt-England, werd' ich noch viel glücklicher sein, und doch bin ich schon so glücklich. – Was noch wachsen kann

                Ist eben die Seligkeit –

Wenn ich nur Jemand in der Eil hätte umarmen können, das war meinem Herzen durchaus nothwendig. 314

 


 

Wir knieten in dem dunklen Winkel einer kleinen Kirche neben einander. Die Kirche war sehr klein, und es war nur ein Schleier zu sehen. Das Auditorium bestand nämlich aus eitel Frauenzimmern; und alle Häupter waren gebückt und beschattet von den langen veronesischen Schleiern. Ein junger dicker Prediger sprach von den Höllenstrafen, und hob besonders heraus, daß es in der Hölle gar nichts zu trinken gebe, weder Wein noch Wasser, noch Gefrornes, noch Limonade. Dabei wischte er sich den Schweiß von den heißen Wangen. Wenn ein Baier zugegen gewesen wäre, der hätte sich schön in's Fäustchen gelacht; denn der Herr Kaplan hatte das Bier ausgelassen. Was ist das für eine miserable Hölle, wo noch Bier zu haben ist, solche Especen haben wir genug in teutschen Bierkneipen, und dabei haben wir noch Vergnügen. 315 Ein gebildeter Mensch trinkt zwar niemals Bier, aber was kümmert das die Hölle?

Außerdem erzählte der junge Prediger noch, wie man mit glühenden Zangen gezwickt, mit spitzen Nadeln gestochen würde, und was man für schlechte Gesellschaft finde, es war zum Erstaunen, wie er in der Hölle zu Hause war, und alle Details zu entwickeln verstand – die weibliche Versammlung regte sich nicht. Nun kam er noch einmal auf den Durst, und ging dann mit einem tiefen Seufzer zu den Freuden des Paradieses über. Er trocknete sich wiederum den Schweiß ab, und schilderte den interessanten Umgang mit den Heiligen männlichen und weiblichen Geschlechts, welchen man da genießen würde. Er entwickelte die besondern gesellschaftlichen Vorzüge jedes Einzelnen und jeder Einzelnen, und sprach besonders von den ausgezeichneten Rednertalenten, welche man dort versammelt finde, und von dem vorzüglichen Orchester, welches Madonna Santa Cäcilia dirigire. Das war ein sehr gefährlicher Moment, und mein verderbtes Innre neigte sich sehr zu der schlechten Gesellschaft in der Hölle, denn langweilige, vortrefflich und rein gesetzte Kirchenmusik und schöne Kanzelreden können mir auch das Paradies verleiden. Jetzt schwang er sich aber mit einer oratorischen Wendung zur himmlischen Liebe, und verbreitete sich darüber links und rechts, da entstand 316 eine Unruhe, ein Flüstern und Räuspern zwischen den Schleiern, daß ich meinte, wir befänden uns im englischen Unterhause, im Hause der Gemeinen, und es flöge »Hört, hört« von Bank zu Bank.

Der Kaplan schilderte auch diese Angelegenheit massiv, und ich darf's nicht läugnen, daß das Paradies mit bedeutender Majorität durchging. Er hielt sich namentlich sehr lange bei den 11000 Jungfrauen auf, und kam mehrmals darauf zurück, daß im Paradiese Gütergemeinschaft herrsche, und Jedermann machen könne, was er wolle.

Darauf entließ er uns mit seinem besten Segen. Ich küßte meiner schwarz verschleierten Engländerin die weiße Hand inbrünstig und andachtsvoll, und reichte ihr meinen Arm. Wie ein Rabe flatterte ich zwischen all' den weißen Schleiern zum Kirchlein hinaus. Hier gab es trotz des Gedränges keine Stöße und Püffe wie in Teutschland, es waren lauter sanfte, schmeichelvolle Arm- und Handbemerkungen, welche mich unterrichteten. Und alle liebten den jungen Kaplan. Bei der Giulietta war er gestern gewesen, bei der Francesca heute, zur Laura wollte er morgen kommen, er schien das ganze Auditorium persönlich zu kennen, um kraft seines Amtes die Liebe an allen Orten zu verkündigen. Das wird gewiß ein Heiliger, und er bekommt bald eine größere Kirche. –

317 Das Kirchlein stand schräg über von unserm Gasthofe, wir hatten gar nicht weit bis nach Hause, aber wir wollten eben weit mit einander gehen. Es war völlig dunkel auf den Straßen geworden, und um diese Zeit fliegen die italienischen Nachtvögel aus. Nachtvögel sind alle Italiener, die Flügel haben, das heißt laufen können. Es ist um diese Zeit in den italischen Städten, als begänn' der Ball auf den großen Plätzen: durch alle Straßen fluthen die Menschen, und schwatzen und lachen, die weißen Schleier fliegen wie Sommerwölkchen, und die Trabanten jenes Gestirns hinterdrein. Die steinernen Häuser von allerlei Bauart schließen die müden Tagesaugen, in ihren Korridoren wird geflüstert und geküßt, sie verrathen nie etwas davon, denn sie schlafen, und hören und sehen nichts. Sie sind die Vertrauten aus den teutschen Komödien, die am Tage für die Liebespaare wachen, und des Nachts für sie schlafen.

Wir kamen am Grabmale der Scaliger vorüber – Jenny sagte mir's – und ich sah die großen steinernen Ritter. Was sie aber machten, weiß ich nicht, es war zu finster, und Jenny sagte: was gehen dich die Scaliger an? sie sind von Stein, sehr kalt und lange todt. Man muß den Todten aus dem Wege gehn, denn der Tod ist die widerwärtigste Unregelmäßigkeit des Lebens, der Tod ist 318 das einzige Unglück der Erde, wenn's keinen Tod gäbe, so wären wir Götter. Die Leute, welche ihn nicht fürchten, sind dumm, sind besoffen an hergebrachtem Muthe, ich fürchte den Tod, und wenn ich ein Mann wäre, so fürchtete ich nichts als den Tod. – Vorüber an den Scaligern! –

Vorüber, Jenny! du bist ein Weib.

Hu, wie schwarz, wie dick, wie breit, wie unfaßlich stieg das alte Gebäude vor uns auf; man läuft, man läuft, und entläuft ihm nicht, es liegt Einem mit den schweren Steinblöcken auf der Ferse. Das ist die Arena, das Amphitheater. Todtenstill war's rings um die Arena, mit verwitterter drohender Kraft stand sie da in der Finsterniß, wie besiegter römischer Trotz, wie ein zürnendes Alterthum. Sie gleicht von außen einer unwirschen römischen Ruine, und mit gerunzelten Augenbrauen sah sie hinüber auf die Piazza-Bra, wo die Oesterreichische Regimentsmusik Strauß'sche Walzer und Bellinische Melodieen spielte, wo die Veroneser zu Hunderten auf den breiten Quadern hin und her tänzelten. Wir traten in die wogende Menge hinein. Ein solcher Abend in der Piazza-Bra ist viel vergnüglicher als ein teutscher Ball; es ist nicht so viel Licht da und doch viel mehr Feuer, man braucht nicht untadelhaft weiße Glacéhandschuhe, man braucht keinen guten Ruf, keine Tugend und 319 keine Empfehlung, und Mädchen und Musik sind viel lustiger. Eben kam der Mond über die Arena heraus, ein reputirlicher Kronleuchter, und aus den glänzenden Kaffeehäusern, die alle offen stehen, kam vielfacher Lampenschein zu Hülfe. Hundert Stühle harren, ich setzte mich mit Jenny, wir aßen pesce, schönes südliches Eis, und sahen zu, wie die Weiber und die Paare vorüberlachten. Ach, wie viel Intriguen liefen da durcheinander, wer sie alle wüßte! Aus solchen Haufen hat sich Boccacz den Decamerone gestohlen, und Boccacz ist noch heute der hübscheste italienische Spitzbube.

Nachmittag, als Jenny bei Tisch gefesselt, war ich in die Arena gegangen; jetzt mußt' ich ihr erzählen, was ich da gesehen.

Wer diese Jenny sei? Ja, das erfahre ich selbst erst später; es war das Mädchen mit den blendend weißen Schultern, und sie war mir allerdings bekannt wegen ihrer Schönheit, denn Schönheit sieht der Schönheit ähnlich, aber ich wollte es lange nicht glauben, daß wir uns aus Teutschland kennten. –

Es war also zur Zeit, wo die Engländerinnen zu Mittag aßen, als ich in die Arena stieg. Ich ging wohl eine halbe Stunde um sie herum, ehe ich den Eingang fand. Von Außen hat sie ein sehr mürrisches Ansehn, wie eine verfallene Stadtmauer dehnt sie sich in weitem Kreise, die schwächliche 320 Nachwelt hat hie und da schwächliche, ökonomische Holzgestelle in ihre Tiefungen gebaut – die Zeiten wurzelten mir so kläglich durch Kopf und Herz, daß ich umkehren und von dannen gehn wollte. Ich meinte auch, es sei nichts Besseres dran zu sehen, als dies braune Lazaroniäußere.

Hätten nur nicht die Engländerinnen gerad bei Tisch gesessen!

Endlich gerieth ich in eine Oeffnung, man verlangte einige Centesimi von mir, man schob mich hinein, und – beim Jupiter Capitolinus – es war mir, als starrte mich an aus weiten steinernen Augen Roma, die ewige, selber. Mein alter zerlesener Livius blätterte sich auf vor meinen Augen, und die vier Weltbuchstaben S P Q R standen vor meinen Blicken. Es läuft nur noch heut ein Rieseln über die Schultern, wenn ich sie aussprechen höre von einer tiefen Stimme, die vier Worte: »Senatus PopulusQue Romanus« – da sah ich das braune Numidien, das heiße Syrien, die hohen Lusitanen, die fernen Briten in die Knie sinken, Alles, was groß ist, beugt sich vor diesen vier eisernen Buchstaben. Und diese Buchstaben sahen mir plötzlich in's Gesicht, ich fühlte mich plötzlich in der Römer Gewalt. Rings um mich liefen die hohen steinernen Treppen hinauf bis an den Himmel, bis 321 zum Jupiter, und Alles war verschlossen, nur dieser hohe, römische Steinweg führte hinauf.

Ich fühlte es, daß ich ein germanischer Barbare sei, denn so hoch und steinern hatte ich mir das Römerthum nimmer gedacht. Wenn man aber in Teutschland, wo ein Paar alte Rathhäuser und ein Paar neue Theater die Macht der Ahnen und der Zeitgenossen bekunden, wenn man da oben von römischen Bauten hört, da poltern die Worte hindurch durch die Vorstellung und das Gedächtniß, und es bleibt nichts zurück. – Aber jene veronesische Arena liegt jetzt wie ein großes römisches Monument in meinem Sinn. Ich begreife es jetzt, wie die Barbaren, welche über die Alpen stiegen, meist in Ober-Italien rasteten, hier in Verona, dem ersten römischen Vorposten still hielten – sie fürchteten sich. Diese Arena hatten die Römer in den wenigen Mußestunden beiläufig aufgethürmt, sie war eine kleine Erholungsstudie – das Volk, welches sich solchergestalt mit Riesenbauten erholt, das sucht man nicht gern in Waffen auf. Und man hört gar keinen nennen von den stolzen römischen Namen, der sich für diesen Riesenbau interessirt hätte, ausdruckslose Namen, wie Schulz und Müller, erfährt man bei genauer Forschung. So alltäglich war solch' ein Werk.

Hu – es springt ein Bild von schauerlicher 322 Größe Roma's in die Höhe, wenn man zu Verona in die Arena tritt.

Ich stieg langsam die Stufen hinauf, und die Stufen waren so hoch, daß meine preußischen Beine gar nicht zureichten. Hatten denn die Römer auch so lange Beine?

Mit dem einen Beine traten sie tief hinein in's stille Asien, bis an die Zelte der Parther, mit dem andern standen sie auf dem Walle von Eboracum, was heute York heißt im lustigen Alt-England. Sie hatten lange Beine. Für die kleineren Menschen und für die Weiber haben sie aber kleine Fußwege gehauen in die hohen Quadern, welche den langen Schritt theilen. Hie und da läuft solch' ein Fußweg bis hinauf zum Jupiter. Da ich kein Antiquar bin, so hielt ich diese kleinen Schritte für modernes Römerthum.

Es war mir so feierlich, als wenn ich wieder in der lateinischen Klasse zu Groß-Glogau säße, und der Rector mit lateinischer Lippe den römischen Klassiker explicirte. In solch' feierlicher Schweigsamkeit stieg ich hinauf bis auf die breite oberste Stufe. Die Römer schwindelten nicht: die steile Höhe hinab nach der Piazza ist durch nichts beschränkt, und wenn man sich umwendet, und hineinsieht in diesen spitzzulaufenden Trichter von Treppen, da wird Einem das Herz weit demokratisch. Hier könnte sich die 323 Repräsentantenkammer eines ganzen Erdtheils versammeln, und die Republiken könnten Weib und Kind mitbringen, und es würde noch Platz genug sein zu Intriguen.

Ich dachte mir solch' einen alten römischen Abend, wenn das bärtige Togenvolk lang und breit von oben bis unten auf diesen Quadern gelegen hat, stolz und hochmüthig. Und Alles sprach römisch – wer hat das stolze Latein erfunden mit den vollen, unbeugsamen Konsonanten und den starräugigen Vokalen! Wie vornehm sprach ein römischer Bettler seine unbeugsamen lateinischen Worte und der Jude unter den Tempelgängen in Jerusalem, der Germane in seinen Wäldern mußte die wichtigsten dieser Worte lernen.

Ich habe die Römer nie geliebt, denn ich liebe nimmer das bloße Prügeln und Kriegführen, die Schlagedrein und Haudegen, seien sie noch so groß, ich liebe die Schönheit mehr, als die rohe Kraft. Aber wenn ich in die Nähe der Römer komme, so tret' ich immer scheu wie vor dem Anblick einer imposanten Matrone zurück. Ich will sie nicht küssen, aber ich will sie staunend betrachten. Und die großartige Einheit des engen Gedankens, »Roma, nil nisi Roma«, die starre Einheit dieses engen Gedankens, in welchen sie alle Welttheile keilten, befängt mich wie der strenge Blick einer Matrone.

324 Wie in ein Meer sieht man hinein da oben von der Arena, wie in ein römisches Meer – da unten der enge Schauplatz, das ist der Senat, der Senat aus Gold und Eisen. Dahin laufen alle Stufen; er sitzt wie Neptun mit dem Dreizack im krystallnen, tiefsten Meeresgrunde. Wenn die alten grauen Senatoren ihre Bärte schüttelten, da bebte der Erdkreis.

Roma – Roma – Roma – wie lächerlich klingt dein Löwenname jetzt, wie das entweihte Zauberwort einer verstorbenen Religion, deren Mysterien das Gespött eines Knaben sind. Da unten in der Arena war ein italienisches Theater ausgeschlagen, und man gab ein kläglich Lustspiel nach dem teutschen Signore Gotzebue, worin eine Frau ihren Mann betrog, und die Italiener lachten darüber so gräulich, daß manchmal ein kleiner Nachhall von dem Gelächter bis zu mir heraufdrang, der ich oben bei den alten Römern saß. Ein abgerissen, historisch Lachen, was durch die Luft flog. Was hatte es zu bedeuten? Stumpfnüstrige Hunnen und Czechen gingen neben mir da oben auf der altrömischen Höhe auf und ab, als bewaffnete Wachen. Sie waren in graues österreichisches Tuch genäht, auf ihren schlaffen, struppigen Barbarengesichtern lag eine endlose Rede von Unkultur, auf ihren 325 schwülstigen Lederlippen krochen kothige, uncivilisirte Worte – und sie bewachten die alte Roma.

Der römische Stolz, die römische Rede, die römische Götterform, die römische Heroen. Freiheit bewacht von ein Paar hunnischen und czechischen Musketenträgern, die Römer Italiener geworden, welche in der Arena über Kotzebue lachen – Italiener! klingt der Name nicht schon schneidend wie ein furchtsamer nächtlicher Dolch, und der Himmel noch derselbe dunkelblaue Göttermantel, und die Steine noch so hart wie damals – o, die Italiener sind mir nie so klein vorgekommen, als da ich sie da oben von der Arena betrachtete. Ich kam mir wie der weise Gibbon vor, der auf dem Kolosseum zu Rom seine gigantische Römergeschichte schließt, mit jenem markzerwühlenden Fluche schließt über das jammervolle christliche Rom. Gibbon war garstig, und die Nacht brach herab auf Rom, als er den schönen Fluch aussprach und seine Gesichtszüge dabei zu einer erschrecklich schönen Häßlichkeit ausspannte.

Wenn man das Christenthum liebt, so muß man nimmer nach Italien ziehn, die christliche kranke Brust hat all' das alte Römermark verzehrt. – –

Ich stieg die kleinen Stufen hinunter, und »bravo, bravo, bravi, bravi«, schrie Alles um mich her; das theatro diurno ging eben zu Ende.

326 Es war ein guter historischer Scherz, als sich die nordischen Barbaren im vorigen Jahrzehend diese Stadt zum Kongreß ausersahen. Ein römischer Posthumus war zerschlagen, und hier auf klassischem Boden wollte man die Verlassenschaft theilen. Damals hat man hier in der Arena ein Schauspiel arrangirt, und alle Sitze sind voll gewesen – in diesem einzigen Anblicke konnte der romantische Norden seinen Sieg über den klassischen Süden erblicken. Solch' ein Anblick ist ein Sieg. Ich glaube, auch Chateaubriand hat hier gesessen, und die großen Worte haben sich auf seinen Knieen geschaukelt. Man muß so eitel sein wie Chateaubriand, um auf römischen Steinen große Worte zu haben. In römischen Bauten kann ich meine Schreibtafel nicht aus der Tasche nehmen. 327

 


 

Jenny sagte, ich sei ein Narr, und ich sollte ihr lieber vom Theater erzählen, ich sei ja aus Teutschland.

Ich hatte beim Hinaufsteigen wirklich eine Zeitlang zugesehn und zugehört. Der Anblick war mir neu. Es war unten in der Arena ein Theater aufgeschlagen, so groß wie eine teutsche Provinzialbühne, einige Logen zogen sich bis an die Stufen heran, und die übrigen Zuschauer saßen nun an die 50 Stufen hoch über einander unter Gottes freiem Himmel. Die Höchsten waren allerdings einige Stockwerke von der Bühne entfernt, aber sie hatten feine Augen und Ohren, wenigstens lachten sie tüchtig mit. Die Schauspieler selbst waren einem Teutschen sehr auffallend: die Dame des Stücks, eine hohe römische Schönheit, erschien in einem mit strahlendem Golde besetzten rothen Sammtkleide, und war bis in's 328 Detail prächtig gekleidet. Es war aber ein einfaches Konversationsstück, welches aufgeführt wurde. Als ich immer weiter hinaufstieg, und die Römer sich in meinen Sinn einnisteten, da hüpfte die rothsammtne Prinzessin wie eine kleine Cleopatra vor meinen Augen herum. –

Außer ihr waren noch zwei Herren in dem Stück beschäftigt. Der ältere war ihr Mann, den sie nicht liebte, der andre ihr Freund, den sie sehr liebte. Alle drei sprachen mit einem Aufwande von Kraft und Energie, als wollten sie die Welt erobern. Jenes prächtige, wichtige Sprechen und Agiren ist aber ächt italienisch: sie stammen wirklich meist noch von den alten Römern, und da sie keine Söhne der Scipionen und keine stolzen Thaten mehr haben, so affektiren sie wenigstens Söhne des Cicero und machen stolze Worte. Und Redetalent haben sie wirklich alle. Die Schauspieler sprachen ihr dummes Zeug mit einem Ausdruck, mit einer Klarheit, mit einer stürmischen Eindringlichkeit, als seien's die wichtigsten Dinge. Ich kann den innerlich leidenschaftlichen Ton noch heut nicht vergessen, mit welchem der Liebhaber seiner Geliebten aufzählte, wie rasend er sie liebe, wie unglücklich er sei, und wie die Italiener auf den steinernen Sitzen mit ihm lärmten. Und bei solchen einzelnen Worten und bei plötzlichen schreienden Wendungen ihrer üppigen Opernarien, da ist es Einem, als wende 329 sich die italienische Freiheit im Grabe um, und seufze tief wie eine unglückliche Mutter – und dann glaub' ich einen Augenblick dran, daß die Italiener mit ihrem depravirten Volkscharakter nur eine große Komödie spielen, und eigentlich Alles falsch, Alles Maskerade, ja daß Alles in großer Verschwörung begriffen sei, und auf den rothen Morgen einer sicilianischen Vesper harre. Es ist aber nicht so – nur die Jugend und Freiheit gehören zusammen wie Schönheit und Liebe. Aber Alles Andre ist leider ächt. Oder sie sind wie die alten Komödianten, die nicht mehr aus der Koketterie herauskönnen, sie mögen auf den Brettern sein, oder nicht.

Ich fürchte wirklich, die Italiener sind alte Komödianten – bekanntlich das furchtsamste Gesindel. –

– Es war ein ächt italienischer Anblick, wie die feinsten Nüancen der Konversation geschrieen werden mußten, damit man auf den steinernen Treppen etwas davon merke, und wie man das Plumpste jubelnd aufnahm. Der betrogene Ehemann spielte seine Rolle mit einer Volubilität, und einem Leben ohne Gleichen, und Publikus lachte erschütternd über sein eheliches Malheur.

Das Sakrament der Ehe ist auch hier wohl bestellt – und Niemand kann was Neues erfinden.

Jenny lachte, und zeigte mit dem Finger in das Gedräng. Da spazirten die andern Engländerinnen, 330 und wir sahen's an den gebeugten Augenlidern, daß sie das verlorne Kind suchten. Jenny rief nach ihnen, ich erschrak des Todes, und hielt ihr eiligst den Mund zu. Sie hatten's glücklicherweise im Gewühl nicht vernommen.

Aber Jenny, sprach ich, und all meine Liebeshoffnungen kauerten sich zusammenschrumpfend nieder – aber Jenny – –

Sie hatte mir versprochen, draußen im Garten, wo Julia schläft, mit mir zu schwärmen, sie hatte alle Einleitung in bester Romanform getroffen, mich zu lieben, wie es einem jungen feurigen Mädchen wohl ansteht, und jetzt wirft sie alle Knospen und Blüthen unsers Inkognitos den Leuten an den Kopf – Jenny! – Sie lachte kindisch.

Ja, gewöhnliches Mädchen aus Engelland, rief ich, jetzt kenne ich Dich, jetzt weiß ich's, daß Du jene Halberstädter Pseudo-Jerta bist, von der ich in Halle Abschied nahm. Du bist jenes Ungeheuer, was keine Liebesgedanken, sondern nur Liebeslaunen hat, Du bist –

Ach, und das Mädchen war so schön in diesem Augenblicke, sie strich sich lächelnd mit der weißen Hand über die Augen, und die Augen sprühten Feuer, und ich wußte, daß mir all' mein Peroriren nichts half, daß ich aber sehr glücklich wäre, wenn ich das englische Mädchen in diesem Augenblicke 331 küssen könnte. Ich brach ab bei den Worten »Du bist –« und bat Jenny, mir einen katholischen Kuß zu geben, drüben im Schatten der Arena, im breiten, toleranten Schatten.

Sie spitzte, mich zu necken, den Mund, nahm mich bei der Hand, und führte mich in's Gedräng, und als ich ihr zärtlich die Hand drückte, lachte sie, und gab mir eine zarte, liebenswürdige Ohrfeige. Plötzlich aber ließ sie mich los, und stand lachend vor den Ihrigen, den andern schwarzen Engländerinnen, erzählte ihnen, daß sie mit einem Teutschen spaziren gewesen sei, und sprach gleich von etwas Anderem. Solche Spazirgänge schienen also gar nicht an ihr zu befremden. Ich stand wie ein Schulbube darneben, und war kein Gegenstand. Man promenirte weiter auf der Piazza, man kam zurück, ich war so teutsch dumm, dergleichen englisches Wesen nicht begreifen zu können, ich stand noch an derselben Stelle. Jenes englische Auge ohne Blick von der Halberstädter Post ging wieder an mir vorüber. Umsonst sprach ich drei Worte für Jenny, als ihr Arm mich streifte, unsre Bekanntschaft war zu Ende. Dumme vornehme Leute machen's in Teutschland so, wenn sie dem armen Plebejer auf wüstem Felde oder in bürgerlicher Gesellschaft begegnet sind, und ihn dann wieder finden im Schooße ihrer Pairs. Aber Jenny war bloß vornehm und nicht dumm, Jenny war nur englisch, 332 und würde es mit ihrem Ehemanne eben so machen. Ach, und Jenny war so schön, ich hätte vor ihr niederknien mögen auf der steinernen Piazza.

Sie kam nicht mehr zurück. Der Archivarius strich vorüber mit einer schwatzhaften Italienerin, auch er sah mich nicht, denn er sah in nächtliche Augen – der Starost ging sporenklirrend neben einer stolzen hohen Veroneserin einher, und sprach, und sprach, als gälte es sein Leben. Nur ich war eine müßige Ariadne – dummes Italien, was half mir deine üppige Nachtluft, in der man sich nicht erkältet, was halfen mir die südlichen Mädchengedanken, die in mir herumflogen, was halfen Gedanken – Gedanken. Ueberhaupt denk ich nur, wenn ich nichts Besseres zu thun habe.

Langsam ging ich nach Hause quer über den großen Platz. Die Guelfen und Ghibellinen haben hier oft ihre Schwerter gemessen, und die Italiener sagen, auch Romeo's und Juliens Unglück habe darin gelegen, daß die Guelfen und Ghibellinen einander todtschlugen. Die Menschen waren immer dumm, und machten sich das Leben sauer, und den Tod leicht. Diese Guelfen- und Ghibellinenkämpfe sind mir immer wie die Studentenskandäler vorgekommen – als es noch teutsche Universitäten gab, da befeindeten sich die Parteien und schlugen eventualiter einander 333 todt, weil die einen sagten, schwarz und roth sei hübscher, die andern aber: blau und roth.

Zum Zeitvertreib sind die schlimmsten Dinge geschehen, und die gründlichsten Historiker, die überall tiefe Ursachen suchen, machen die dümmsten Streiche und verfälschen die Geschichte am meisten. Die steigende Civilisation ist oft nur darum ein Trost, weil sie das Todtschagen allmählig ganz und gar abschafft. In einigen Jahrhunderten wird man Alles schriftlich abmachen, und eine Schachpartie wird die Kriege entscheiden.

Wer lacht da?

Ich stand an einem Pallaste, und sah durch den Thorweg, tief in einen Garten hinein, über die Etsch hinweg, und in dämmrigen Mondschein bis hinauf auf ferne schwarze Berge mit sanften Konturen. Es war gar nichts zu lachen – o Jenny, mit der weißen Schulter, es war gar nichts zu lachen. Ich lehnte mich an eine kalte Statue, und aus meinen Augen, die durch die schmale Durchsicht über den Fluß flogen, aus meinen Augen liefen warme Thränen.

Warum weinte der teutsche Narr? Stiegen ihm die teutschen romantischen Schriften zu Kopf? – Ach, es fiel mir ein, daß ich wohl nimmermehr das Glück finden würde – das Glück, dessen Ahnung in meiner Seele liegt. Diese wirre Weltgeschichte 334 unsers durcheinander gebildeten Wesens, diese Unruh, die uns von Land zu Land jagt, dieser weite Himmel, diese steinerne Erde, diese Schönheit des Weibes, welche ein Nachtfrost zerstört, dieses Launenhafte, an dem Alles hängt in dieser Welt, dieses Unrecht, das fortwährend herrscht, und nicht zu besiegen ist, diese Machtlosigkeit des einzelnen Menschen – Alles, Alles das peitschte mir bittre warme Thränen aus den Augen.

Thränen sind ein kleiner Rest der alten Gottheit in uns – es giebt Augenblicke, wo man verrückt wird – so nennen's die Menschen – wenn man nicht weinen kann. Die Menschen, welche schwer weinen, werden leicht wahnsinnig. Das heißt: sie denken leicht anders, als die meisten übrigen, und man nennt sie dann wahnsinnig, weil das Gesetz das richtige heißt, an welches die Meisten glauben.

Julia, Julia Capulet, ich könnte eine ganze Nacht weinen, wenn der todesbleiche Gedanke vor meine Augen tritt, daß Du sterben mußtest an dieser Erde, weil Du eben die schöne Julia warst, weil diese Erde zu arm für Dich war.

Als ich diese Worte laut gesprochen, trat ein Bettler hinter der Statue hervor, und bat mich im Namen der heiligen Giulietta um eine Gabe. Nein, Julia, ich weiß es, Du bist keine Heilige, ich hoffe es, Du wirst nimmer eine, Du bist Romeo's. Ich 335 griff in die Tasche und gab dem Bettler ein Geldstück. Es war ein österreichischer Dukaten, aber ich hatte nichts anderes, und mußte in diesem Augenblicke dem Bettler gewähren, hätt' es mein Leben gekostet. Alle Heiligen wünschte er auf mich herab.

Ich kam zum Tode ermattet, in meinen Gasthof zurück, die Zimmer der Engländerinnen glänzten im hellen Lichterschein, in dem meinen war es finster. Ich legte mich auf's Sopha, ein altes Lied, in alter Liebeszeit, tief oben in Teutschland gedichtet, summte mir durch den Kopf:

Thränen fallen hinunter
In eine tiefe Welt,
Wo fromm und schön die Liebe
Des Rechtes Wage hält –

Einst sind sie lauter Küsse,
Denn Liebe ist gerecht,
Drum weint hier lauter Hoffnung
Ein thränenreich Geschlecht.

Und das Lied, was ich einst den lichten Augen eines blonden Mädchens in Schlesien gemacht hatte, sank dunkel in Verona aus meine Augen. Ich schlummerte ein, und ich weiß heut noch nicht, wie spät es damals war. 336

 


 

»Wollen Sie sich ergeben?«Fragte sie mich heut –
Nimm, sprach ich, das Leben,
Aber nimm es heut!

»Morgen,« sprach sie mit Lachen,
Und band die Schleife fest –
Sie will mich elend machen,
Durch das, was sie mir läßt.

Yes, Jenny - yes, rief ich und sprang in die Höhe. Der Archivarius hatte mich geweckt, ich sollte mit hinunter gehen, und zur Nacht essen, es seien Teutsche da.

Yes – sagte ich, und wir gingen hinunter.

Der Schlaf ist eins von den Geheimnissen, in welchen die Quintessenz der fünf Bücher Mosis, das heißt die ganze Schöpfung der Welt ruht. Ich hatte Alles rein verschlafen und vergessen.

Wir waren noch kaum aus Teutschland heraus, 337 und schon klang es so beruhigend heimathlich: Es sind Teutsche da. Man darf nur etwas verlieren, um es zu lieben.

Im Speisesaale saß ein schwammiges, aufgeblähtes Brillengesicht, wie man deren zu hundert im teutschen Reiche sieht. In den Zügen kein Charakter, über den Augen Gläser. Das sind eben die Leute, aus denen man Alles machen kann, nur nichts Besonderes. Neben diesem ordentlichen Manne, der mit Aufmerksamkeit die neuen italienischen Gerichte speis'te, saß ein trocken blondes Dämchen. Das teutsche Philisterthum, eine vollkommen originale Eigenschaft unsers Vaterlandes, sah ihr mit all seiner glücklichen Beschränktheit aus den indifferenten Zügen und Fingern. Sie war höchst blond, durch und durch blond. Es giebt eine Sorte blonder Mädchen in Teutschland, von denen ich schon mehrere Jahre argwohne, daß sie weißes Blut haben: sie sind alle bis zur Langenweile dürr tugendhaft, und bilden die Hauptreserve der alten Jungfern. Diese Mädchen halten die Energie des teutschen Volkes sehr auf, sie sind die Ehrendamen der Gleichgültigkeit.

Solch' teutsches Paar saß am Tische, und ich war durchaus nicht begierig nach seiner Bekanntschaft, verschanzte mich hinter unschmackhaften italienischen Speisen, kümmerte mich um nichts. Aber der Starost konnte nie einer Bekanntschaft aus dem Wege 338 gehn, und das Pärchen that nach Kräften erfreut, als es Landsleute verspürte.

Der Herr mit der Brille bewieß mir sehr bald, daß ich ganz ohne Nutzen reis'te, er fragte, ob ich dies oder jenes, und das oder dieses gesehen – nein, nein, nein, o mein Gott, nein. Und nun sagte er mir, daß ich nichts gesehen habe. Wie mir der Mensch Angst machte wegen des Nutzens und wegen des Buchs, das ich über die Reise schreiben wollte. Und nun erzählte er, was Alles zu sehen gewesen sei auf unserm Wege, und was wir Alles versäumt hätten. Er stand fortwährend 20 Grad Réaumur und fand Alles höchst, ja höchst interessant.

Ich bezeugte Reue, und hörte auf zuzuhören: das Schlafglöckchen der Langenweile fing an zu klingeln, der Mann sprach von der Aristokratie, und der richtigen Mitte, und das blonde Frauenzimmer sagte immer »Ja,« und nach einer Weile »Ja gewiß.«

Ich ließ mir in der Stille das Fremdenbuch vom Kellner bringen, und vergewisserte meine schläfrige Muthmaßung, daß der Herr mit der Brille und dem sauber gebürsteten blauen Rocke ein schlechter teutscher Schriftsteller sei, dem der Buchhändler wenig Honorar zahlt, weil andre Leute die noble Gesinnung des Autors bezahlen. Solche Quinquailleriehändler, die mit ihrer kurzen, unbedeutenden Waare zu 339 wuchern verstehn, kann ich in Teutschland genug finden, in Italien geh ich ihnen aus dem Wege.

Der Mann hatte noch einen freiherrlich berühmten Namen, er hieß Rousseau. Ich begreife nicht, wie man Rousseau heißen, und nichts, gar nichts weiter werden kann als ein ordentlicher, gemäßigter Zeitungsschreiber, das ist ein naturwidriges Vergehen.

Der Starost, demokratischer als ich, der sich mit Allem herumgebalgt, was ihm in den Weg kommt, ließ sich mit Herrn Rousseau ein; der Archivarius saß zusammengekauert da, und lachte mit den Augen und mit den Fingerspitzen; ich ging von dannen.

Es war schon spät in der Nacht, das Haus war schweigsam und todt. Als ich über den Saal des ersten Stockwerks schritt, wo die Engländerinnen wohnten, hörte ich leise Musik, Harfentöne und eine melancholische, berauschend süße Altstimme. Es war ein alt altenglisch Lied. Ich liebte einst ein schlankes nordteutsches Mädchen, und sie sang das Lied oft spät des Abends, als unsre Liebe schon zu Ende ging. Es klingt noch viel trauriger als »der König in Thule,« und das Herz thut Einem so weh dabei, wenn man es hört.

Ich schlich den Saal entlang den Tönen nach – ein großes Fenster stand offen, was heraus auf den Flur führte. Drinnen im Zimmer am jenseitigen Fenster saß die Sängerin in hellem Mondscheine, die 340 Harfe schimmerte, das weiße Nachtgewand des Mädchens leuchtete.

Es war Jenny, die verführerische englische Jerta. Das braune Haar fiel in aufgelös'ten Locken über ihre Schultern, die vollen Arme tändelten auf den Saiten, ihre tiefe Romanzenstimme sprach von Diamantengruben ihres Herzens, die Niemand je gesehen. Wie still lehnt' ich mich auf das Fenster und horchte, und dachte der Geschichte dieses Mädchens nach, von der ich nichts wußte. Das mußte eine sehr moderne englische Novelle sein.

Als das Lied zu Ende war, stellte sie die Harfe weg und sah in den Mondschein, eine hohe, weiße Lady Macbeth. Ganz leise fing ich an zu sprechen, und sie zu bitten: Jenny erzähl' mir Deine Geschichte. Ich wußte es, daß sie nicht erschrecken würde. Sie wendete sich langsam um, und kam nach der Tiefe des Zimmers. Dicht vor mir am Fenster blieb sie stehen – »erzähle Jenny!« Ich ergriff ihre Hand und ihren weichen Arm und drückte meinen Mund und meine Augen darauf. »Jenny erzähle.«

Darauf schien mir's, als dringe ein leiser Seufzer aus ihrer Brust. Ach, das war mir so unendlich rührend; ich hatte nie geglaubt, daß Jenny seufzen könne. Sie legte ihre flache Hand auf mein Gesicht, und sagte: Meine Geschichte, Henry, ist sehr teutsch, diese wollüstige veronesische Nachtluft paßt 341 nicht dazu – Du sollst sie in Teutschland erfahren, reise nach Teutschland. Und ihr Haupt mit dem wallenden Haare sank einen Augenblick auf meine Augen, und es war mir als zucke Jennys Busen wie unter einem schnellen Messerstiche.

Bald darauf war das Fenster geschlossen, und ich wandte mich um heimzugehn – heim? ich wußte selbst nicht wohin. Noch einmal aber mußt' ich an's Fenster klopfen: »Jenny, Du kennst mich nicht, Du wirst mich im breiten Teutschland nicht finden.«

Da kam Jenny noch einmal, legte mir mit zwei Fingern noch einen kleinen Kuß auf die Lippen, und sprach: »Ich kenne Dich, Du bist ein kompromittirter Schriftsteller, die Polizei weiß Deine Adresse – geh!«

Ich ging. Die kleine Französin fuhr im Nachtröckchen über die Treppe, und flüsterte »komm mit,« aber mein Herz war beschäftigt, ich weckte den Kellner, ließ nach der Post schicken, stieg in den Wagen, und fuhr von dannen.

»Wenn man nicht genau hinsieht, kann man vorüberfahren« – welch' ein dummes Wort war das gewesen! Das ganze braunrothe Verona legte sich auf meine Seele für jenes Wort.

Verona ist eine höchst wichtige, poetische Stadt – ich gestand mir's jetzt. Alle Zeitalter sind dort abgedruckt, und das hätte ich wohl wissen können, als ich 342 die alte braune Mauer, die ernste, melancholische Befestigung, drüben jenseits der Etsch, nach den Barbaren zu erblickte. Hier fand ich die ersten Römer, Auge in Auge sah ich diesen ernsten Jugendbekannten, mit denen ich im Cornelius Nepos so viel umgegangen war. Hier fand ich die Gothen, meine Ahnen – o, es waren tüchtige Ahnen, und alt, alt, langweilig alt. Dort drüben im Mondschein stand die Burg Theodrichs, wie ein bestaubtes Folioexemplar des Nibelungenliedes. Wenn er nun hinauf träte auf die Zinne, dein Ahnherr, der alte lange, in Eisen rasselnde Dietrich von Bern – wie lang müßte sein Bart jetzt sein. Die Italiener nennen heut noch einen rothen Kalenderheiligen zur Sicherheit neben dem rädernden Namen Theodorico.

Hier fand ich die letzten Spuren der langen blondbärtigen Longobarden, in Verona nur giebt's noch hier und da ein wunderlich, gefährlich blondes Mädchen. Ich wollte den Hofrath Böttiger küssen, wenn er mir die Versicherung geben könnte, Julia Capulet sei blond gewesen, für diese Notitz scheute ich kein Opfer.

Da – halt Kutscher – ja, das ist il castello vecchio, und es ist sehr möglich, daß der blutrothe Ezzelino dort gehaus't und seine Kerker bevölkert habe. Sehr möglich. Weiter, Kutscher, mich friert bei diesem Anblick.

343 So? – draußen, sagte er, weit draußen soll auch ein Grabmal des Königs Pipin sein. Man wirft die Zeiten hier wie ein Spiel Whistkarten durch einander, König Pipin möge mich entschuldigen, daß ich ihn mit einem »So?« abspeise, es ist zu lange her, daß er gestorben ist, und ich habe es nie zu einer Illusion über ihn bringen können, weil er »klein, kurz und dick« genannt wird. Hätt' ich nicht den Napoleon gesehen, ich hätte mein Lebtag nicht daran geglaubt, daß man zu gleicher Zeit klein, kurz und dick, und groß sein könne.

Pipin war der erste französische Napoleon, er wird nur nicht gezählt, weil er einen größeren Sohn hatte. Kinder sind oft ein größeres Unglück, wenn sie gerathen als wenn sie mißrathen; 's ist wie mit schönen Eheweibern.

»Man könnte vorüberfahren« – was ist doch solch' ein launenhafter, moderner Reisender für ein unzuverlässiger Mensch. Die Alten hatten gar nicht Unrecht, daß sie sich auf Reisen ex officio Alles ansahen – man hat als Reisender ein Amt, und soll dessen warten.

Hier sah ich zum ersten Male die breiten Massen einer lombardischen Stadt, den ganzen großen Unterschied zwischen ihr und einer teutschen. Wir sind 344 Gothen, Eingewanderte, wir fühlen uns nie sicher auf unserm Boden, wir haben eine Religion, und Häuser gebaut, die zur Hälfte sehnsüchtig im Himmel leben. Das ist hier Alles anders. Klobig, breitgedrückt sind die Paläste, nirgends spitz strebend, nirgends nach dem Himmelreich lüstern wie bei uns. Befriedigt sind die Häuser und Thürme, fertig mit ihrem Dasein – klassisch.

Ein officieller Reisebeschreiber macht's wie die Exegeten mit der Bibel: er nimmt mit wenig Variationen denselben Grundtext an, und macht die gebräuchlichen Glossen. Bis einmal ein gescheidter Mann kommen und diesen und jenen sagen wird: Ihr seid Alle Narren. Ich wollt' er käme bald, eh man zu alt und ein zäher Narr wird. Denn das Alter unterscheidet sich eben dadurch von der Jugend, daß es an seine Narrheit glaubt.

Der Mond schien klar, ich dachte, Jenny's Augen drin zu sehn, und hätte weinen mögen über die traurige Geschichte Jenny's, die ich nicht kannte. Verona, die Stadt der Montecchi und Capuleti stand so regungslos da, weiß wie ein Todtenhemd fiel der Mondschein in die Gassen, Julia ist todt – Alles todt. Der Wagen rollte weicher auf der breiten weißen Heerstraße, ich drückte mich in die Wagenecke, und weil ich müde war, 345 dankte ich Gott, daß ich nicht die Welt zu regieren brauchte, sondern schlafen könnte.

Das Geräusch des Wagens wurde immer leiser und leiser, und immer schwächer und schwächer wurden die Worte. Meine Geschichte ist sehr teutsch – die Polizei weiß deine Adresse – nicht doch Jenny – nicht doch – – 346

 


 

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