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Reisenovellen - Band 2

Heinrich Laube: Reisenovellen - Band 2 - Kapitel 17
Quellenangabe
typenovelette
booktitleReisenovellen - Band 2
authorHeinrich Laube
year1834
publisherVerlag von Otto Wigand
addressLeipzig
titleReisenovellen - Band 2
pages550
created20120503
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Malcesini.

Glücklicherweise war mein Mantelsack auf dem Boote, ich kleidete mich in Eile um, die Schiffer lachten still, der Archivarius und der Starost stellten sich vor Hortensien und lachten ebenfalls.

Unsere Feinde hatten gar keine Kriegserklärung für nöthig erachtet, man hatte sich auf gar keine Fragen und Erörterungen eingelassen, es war römisch hergegangen. Wir wußten nicht, ob Hortensia erkannt worden, ob ihr Bruder ersoffen sei. Einem lebhaften Angriffe und Widerstande weicht der Italiener aus. Unsre Schiffer legten bei Malcesini an; dort wollten wir einige Stunden schlafen und vor Anbruch des Morgens weiter fahren. Mit einigen Flüchen und Demonstrationen durch Stock und Faust wurde der Schwarm Gesindels vertrieben, der sich überall wo Fremde ankommen an diese hängt und auf das Gepäck stürzt. Es war wenig Licht in dem 239 kleinen Orte zu sehn, und er bot einen unheimlichen italienischen Anblick dar. Hortensia hing sich beim Aussteigen innig an mich, und als ich sie auf's Auge küßte, küßte ich eine thränenfeuchte Wimper. Ich fragte sie, was ihr fehle, sie schüttelte den Kopf »niente, mio Tedesco,« und drückte mir einen heißen Kuß auf die Lippen. Da ging sie von mir, und machte sich mit dem Gepäck zu schaffen.

Als wir mit einer geschwätzigen Wirthin, die halb hübsch, halb garstig war, Zimmer, Betten und Speisen behandelt hatten, und uns häuslich einrichten wollten, ward Hortensia vermißt. Wir liefen an den See, wir suchten an allen Ecken und Enden und schickten Boten aus – umsonst, sie war nicht aufzufinden. Ein Boot war nicht gelandet, vom See her konnte ihr nichts begegnet sein; es blieb nichts übrig, als sich in des wunderlichen Mädchens Thun zu ergeben.

Es war Alles so mährchenartig hergegangen, seit ich das Mädchen getroffen, daß ich jetzt nachdenklich an dem großen Tische unsers Zimmers saß, und den Archivarius fragte, ob denn das Alles wirklich passirt sei. Er lächelte und sprach: In Italien kann Alles passiren.

Ich fragte unsre zweifelhafte Wirthin, was sie zur Hortensia meine. Sie lächelte wie eine teutsche Soubrette, machte mir ein Kompliment, warf mir 240 einen verrätherischen Blick und hüpfte, ohne Antwort zu geben, hinaus.

Der Starost öffnete einen kleinen Balkon, der auf den See hinaus führte – es war eine rabenschwarze Nacht draußen, trotz dem, daß die Sterne am Himmel glühten, und es war todtenstill. Ich saß unbeweglich an meinem Tische, und dachte fortwährend: das also ist Italien!

Da erhub sich plötzlich draußen ein Geschrei, was durch seine Regelmäßigkeit den Charakter eines Gesanges annahm. Es war ein Ständchen; in Teutschland hätten wir's anfänglich für Feuerlärm gehalten, und die Ansicht wäre freilich nicht ganz falsch gewesen. Es mußte entsetzlich brennen bei dem Burschen, denn er schrie wie ein Zahnbrecher, und sang wenigstens funfzehn bis zwanzig Strophen in einem Strich, nach ein und derselben Recitiv-Melodie herunter. Sie haben in Italien Alle Stimmen wie die Hähne, und wenn er gegen Ende der Strophe ein Wenig erschöpft war, so fing er doch die neue stets wieder mit einer Vehemenz an, daß ich noch bei der zwanzigsten davor erschrak und mich vor dem nächsten Anfange fürchtete.

Ich habe noch niemals einen sanften Trieb wie die Liebe, so entschlossen um Hilfe rufen hören. Alles war todtenstill, nur der arme verliebte Teufel 241 schrie seine Litanei; es hätte ein Stern herunter fallen mögen.

Wenn man im September oder Oktober durch einen großen, flüsternden teutschen Wald fährt, da hört man den Hirsch sein Ständchen brüllen, just wie diesen Italiener, und es ist lebensgefährlich, ihm nahe zu kommen.

Wir schlossen den Balkon und kletterten auf das himmelhohe Bett, welches in ununterbrochner Breite ein Drittheil der Wand einnahm, und uns Dreien überflüssigen Raum gewährte.

Aus süßen italienischen Träumen weckten uns die Schiffer. Wir wollten noch in der Morgenfrühe den See entlang fahren, und wenn die Sonne im Mittag stünde, bereits zu Verona im kühlen Schatten ein schönes Mädchen küssen, von dessen liebenswürdigen Zügen wir jetzt noch keine Ahnung hatten.

Malcesini lag noch tief in seinen nächtlichen Decken. Die Engländer machen viel schöne Stahlstiche, und stellen oft einen kleinen Hafen dar mit einigen kecken Häusern und kecken Piraten – so ist mir Malcesini erschienen in seiner Nachtruhe.

Das Wasser des Sees war warm wie ein schlafendes Mädchen, die Sterne waren lebendiger geworden, die Luft schlief regungslos. Das Schifflein flog rasch in den dunkeln See hinaus. Ich dachte sehr ernsthafte und schöne Dinge, habe sie aber 242 vergessen. Eins weiß ich nur noch: ich beschäftigte mich lebhaft mit Erfindung eines neuen Sonnensystems. Der Mittelpunkt desselben sollte aber nicht mehr eine gelbe Sonne sein, welcher man nicht in die Augen sehen könnte, sondern eine weiß und rothe mit zauberischen Augen, um welche alle Planeten und Kometen kreisen und schweifen müßten.

Ich lag meiner ganzen Länge nach auf dem Rücken im Schiffe und sah in die Sterne. Wir sprachen über dies und jenes, das heißt die Sterne und ich, wir machten Gedichte mit einander und sagten uns gegenseitig Schmeicheleien. Die Sterne lassen sich Viel gefallen, sie sind das Volk des Himmels, und das Volk ist überall Volk. Wenn die Sonne, ihre Königin, nicht da ist, da regiert der Vicekönig, Signor Mond, und wenn auch der spaziren geht, da haben sie Freiheit und Gleichgültigkeit, und dabei ist's so dunkel, daß Eins über das Andre fällt. Da spreizen sich die mediatisirten Fürsten des Himmels, der Sirius, die erlauchte Familie des Siebengestirns, die Kassiopeja, der Hund, und wie die willkührlichen Bilder weiter heißen. Die bürgerlichen und schlecht adligen Talente thun sich zusammen als Milchstraße, und sprechen und schimmern allerlei. –

Da flogen graue Blitze über den Himmel; furchtsam traten die Sterne zurück. Und die Blitze wurden heller, und mit ihnen flog der 243 Morgensonnenwind über die Berge des Ufers, die Sterne wichen weiter und weiter, und die Schiffer spannten das Segel auf, und brauchten nicht mehr zu rudern – die Kraft des Tags regiert, der Tag kam vor der Sonne hergeflogen.

Freilich wurde es plötzlich kalt, und als ein Schiffer sah, daß ich am meisten dabei fror, warf er mir seinen braunen Mantel zu, und sagte resignirt: er sei's gewohnt.

Der See öffnete sich eben in stolzer Breite nach dem Süden hinunter, und die ernsthaften Rinaldini-Ufer des nördlichen Sees wurden weich und rund, und verloren sich weiter unten in die Fläche der Lombardei, nach Peschiera und Verona hinab. Die Isola bella – denn eine solche hat jeder italienische See – sprang wie ein Garten der Armide aus dem Gewässer, und es leuchtete aus der Ferne von ihr her, wie weiße Schlösser leuchten, hinter deren Säulen schöne Nymphen tanzen. Die Augen Jean Pauls blitzten mir von den Zinnen entgegen, und ich sah den Titan die hohen Treppen auf und niedersteigen und in den wollüstigen Gebüschen verschwinden.

Das Schifflein trieb um das Vorgebirge unsrer guten Hoffnung, die Schiffer nannten es die Spitze des heiligen Vigilio. Der gute steinerne Alte steht hier am Eingange in den engeren Garda, und weiß gewiß nicht weshalb. Ich will nicht dafür einstehn, 244 aber es war mir, als trüge er einen Henri quatre, ein Schutzpatron der Wachsamkeit, kommt den Italienern sehr ungelegen, und genießt wenig Aestimation, unsere Schiffer nahmen nicht einmal die Mützen vor ihm ab. –

– Aber eine alte verfallende Kirche hinter ihm von gutem Stein, und weiter am Ufer hin, das immer ergiebiger und gefälliger wurde, weiche, sammtne Olivenwäldchen, eine glänzende Morgensonne, ein dampfender See, und in der Fensterblende ein Mensch, der über uns her den See entlang blickt – mußte mir's nicht einfallen, wie das Alles ein Goethesches Gedicht sei; ich hörte die Worte in dem Wellenschlage.

In Teutschland ist Goethe gestorben, aber in Italien saß er vielleicht in der Fensterblende der alten Kirche Vigilio am Vorgebirge des Garda. Es war ein schöner katholischer Sonntag, der mit der schönsten Sonne auf Italien herunterfiel. Der Mann da oben war gewiß – er regte sich nicht, und es war zu weit, um genau zu sehn. Ich ließ die Schiffer halten, und sang mit lauter Stimme.

»Kennst Du das Land, wo die Citronen blühn?«

»Blühn« antwortete das Echo, und der Starost sagte, der Mann ob St. Vigilio habe mit dem Kopfe genickt.

245 Ich glaub's, ich glaub's, er ist hier gut bekannt: hier am Garda hat er seine Iphigenia geschrieben, und da ihn die Leute noch immer nicht genug kennen, so will ich beim Garda sein Leben schreiben, wie es mir im Sinne ruht. Das Leben Wolfgang Goethes ist zwar keine Novelle aber ein Roman.

Drüben in Malcesini hat man ihn einmal beim Zeichnen der Landschaft verhaften wollen, da hat er das einzige Mal in seinem Leben das Volk haranguirt, wie Ariost die Räuber. Ich hätt' es wohl sehen mögen. 246

 


 

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