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Reisenovellen - Band 2

Heinrich Laube: Reisenovellen - Band 2 - Kapitel 15
Quellenangabe
typenovelette
booktitleReisenovellen - Band 2
authorHeinrich Laube
year1834
publisherVerlag von Otto Wigand
addressLeipzig
titleReisenovellen - Band 2
pages550
created20120503
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Roveredo.

Es ist einer meiner tröstlichsten Gedanken, daß alle die Gebilde unsrer Phantasie, die Roman- und Novellenfiguren, welche wir uns recht deutlich gestalten, daß all' diese Figuren wirklich geschaffen werden. Mit ihnen zu leben wird unser nächster Himmel sein. Wahrscheinlich sind wir auch nur verkörperte Gedanken von einem andern Planeten, und was wir Sympathie nennen, Interessantes, geheimen Zug des Herzens, das hängt ganz genau damit zusammen. Das ist aber das Geheimniß der Liebe. Jeder hat eine dunkle Erinnerung an die Bilder seines poetischen Herzens von früheren Planeten her, und nun sucht er, und sucht. Oft findet Romeo plötzlich die Julia, das ist der Moment, wo sich die Poesie erfüllt. Mancher sucht aber sein ganzes Leben und findet sein Gebild nicht; es ist vielleicht unter die Mohren gerathen, wo er nicht hin kommt, oder er fährt 178 mit der Post vorbei. Darum haben die Eilposten etwas Besorgliches für mich. In jenem stolzen Hause kann sie wohnen, der Kondukteur nimmt keine Rücksicht auf vorirdische Poesie, es geht vorüber. Wenn meine Sehnsucht manchmal recht groß wird, da möcht' ich zu Fuß über den ganzen Erdboden wandern, und in jedem Hause nachsehen und nachfragen, ob das Bild meiner Seele etwa da wohne. Ich werde gewiß nicht eher sterben können, als bis ich alle Länder und alle Menschen gesehen habe; ich habe z. B. einen sehr schmerzhaften Verdacht, daß in den Wäldern am Fuß der Cordilleren in Südamerika einer meiner schönsten Träume aus früherer Welt wohnt, als wunderschönes gebräuntes Mädchen auf mich wartet, und ich weiß nicht, wie ich nach den Cordilleren kommen soll. Meine guten Freunde sagen, das sei dummes Zeug. –

Manche aber, die immer an unklaren Begriffen gelitten, und nimmer klare Gestalten in sich ausgebildet haben, empfinden nur eine unklare Sehnsucht, und das sind die sogenannten Suitiers, die nach Allem jagen und nichts Bestimmtes suchen. Solche waren niemals Künstler.

Aber Schleiermacher z. B. wandelt jetzt schon mit Schlegels Lucinde Arm in Arm an einem veilchenblauen Flusse, und setzt sich mit ihr in die Blumen. Die Literaturgeschichte weiß, wie der tugendhafte 179 Professor der Philosophie, der platonische Mensch, welcher zu Stolpe im Lande Pommern den Plato und die Romantik studirte, wie selbiger Professor für die wilde Lucinde geschwärmt hat. Ein solcher Liebhaber bekommt sein Theil an der Dichtung, und der fromme Friedrich Schlegel muß im nächsten Himmel dem Herrn Professor Schleiermacher Zutritt verstatten zu seiner Lucinde, ob auch Lucinde die Schleiermacher nicht liebe.

Wie freu' ich mich wegen solcher Ideen auf den Himmel – den gewöhnlichen theologischen müßt' ich mir verbitten, der wird sehr langweilig sein. Der Herrgott und die Engel und die Seligen schweben alle. Das Schweben ist unbequem; und man singt Hymnen und geistliche Lieder – das macht Kopfschmerzen und melancholisch. Aber dort kommt Lessing mit der Emilia Galotti und der Gräfin Orsina Arm in Arm. A propos, ich mache die Dichter darauf aufmerksam, daß sie in ihren Werken immer etwas exquisit Schönes unversorgt, was man so sagt, leer ausgehen lassen, damit sie im Himmel keine Schwierigkeiten haben, und gleich ankommen können. Denn ich bin meiner Sache nicht recht gewiß, ob der Dichter auch einen Vorzug vor seinen gedichteten Liebhabern hat, oder am Ende den verehrten Onkel spielen muß, der das Geld zur Einrichtung hergegeben, und sich nun am Zusehn beglückt. Das wäre dann 180 die Ironie des Himmels, und der Prinz von Guastalla nähme alsdann die Emilia und Orsina beide in den Arm, und Lessing könnte sich mit dem alten Odoardo unterhalten, und seinen Rigorismus mit einigen Prisen beruhigen. Ich kann auch nicht dafür stehn, ob und was für eine Sorte im Himmel geschnupft wird.

Es scheint aber daraus hervorzugehn, daß die tugendhaften Dichter am schlechtesten wegkommen. Aber alle Freitage, wo die Katholiken fasten, ist bei Goethe Soirée und das wird ohne Zweifel im Himmel die interessanteste Gesellschaft sein. – Mlle. Mariane, Philine, Aurelie – o, ich hoffe, Goethe hat nicht Zeit genug für Alle. –

– Schrecklich wäre es, wenn sich's mit dem Himmel anders verhielte, wenn man mit all' unsern ordentlichen Leuten umgehn, Boston spielen, Thee trinken müßte, wenn sie am Ende von unsereinem sagten: 's war doch och een ordentlicher Mensch – es wäre schrecklich, und eine bewegte Hölle bliebe dann der einzige Trost. –

– Es war nämlich in der Nacht, als ich solche Dinge zwischen Trient und Roveredo dachte. Ich hatte immer geglaubt, am Eingange von Italien würde mich eine sehr heftige Liebe erwarten, und nun hatte ich große Angst, daß ich bei meinem Glück vorbeifahren möchte. Auf jeden Fall nehm' ich mir 181 vor, bei nächster Gelegenheit einige ganz absonderliche Gestalten zu komponiren, damit man doch etwas für den Himmel zu erwarten hätte. Weiße, rothe und gelbe Turbane von schöner Seide mußten sie tragen, das wußt' ich schon – wir kamen aber eben in Roveredo an, und ich mußte auf mein Gepäck Acht geben, denn die Italiener haben etwas schwankende Grundsätze über die Gütergemeinschaft.

– Ja wahrlich, hier beginnt Ober-Italien, es kamen die Flöhe, der Schmutz und die schöne Luft mit Macht; wir ließen des Nachts die Fenster offen, und die Luft fiel herein in's Zimmer wie weicher Sammt, sie war so verführerisch, daß ich nicht schlafen mochte, sondern mich hinlegte in's Fenster, mit offner Brust Italien genießend. Unten am Hause schlief ein Bettler warm und fest auf offner Straße. So lieb' ich den Himmel, er muß nicht so viel Vorkehrungen nöthig machen zum Leben.

Die italienischen Häuser sind alle durchweg mit Stein gepflastert, und nach hinten zu haben sie steinerne Balkons, von denen man in's Freie sieht, oder in einen geschlossenen Hof, der am Mittag Schatten gewährt und kühles Wasser gegen die Sonne. Auf diesen Balkonen und den weiten kühlen Saal-Fluren, welche zu ihnen führen, spielen die meisten italienischen Liebesgeschichten.

182 In Roveredo sah man vom Saale hinaus auf die letzten Tyroler Berge. Fern, fern war Teutschland, seine Geschichte, seine Freiheitskriege kamen mir wie ein kalter nordischer Traum vor, neben mir an der Wand hing eine große Tafel, darauf stand geschrieben, wie der Kaiser Alexander und ich weiß nicht mehr, welcher Potentat noch, hier gewohnt hätten, als sie zum Kongreß nach Verona gereis't wären. Ich frühstückte neben der Tafel – was kümmert mich der Welten Lauf, der Archivarius notirte, der Starost rauchte, und prahlte mit weiten, weißen Hemdärmeln.

Ich dachte, wir seien Römer, die auf ihrem Landgute lebten und stumm hineinsahen in die Sabiner Berge.

Ruhig, indifferent, still, unthätig, das kann man leicht unter diesem Himmel werden; man muß den Italienern ihren jämmerlichen Volkscharakter nicht so übel nehmen.

Wir wollten von hier seitab nach dem Garda. Die Abfahrt und die Ankunft ist in Italien immer ein Skandal, als wenn in Teutschland Jemand arretirt wird. Den Wagen umlagern zehn bis funfzehn Kerle, jeder macht sich etwas zu thun, jeder verlangt etwas, jeder lärmt, die Italiener sind meistens Poeten, sie haben nur Stegreifbeschäftigung, 183 ihr eigentliches Geschäft ist Müssiggang, aber mehr spekulativer als kontemplativer. Aus dem kleinsten Ereigniß machen sie ein historisches Factum, um die Leere ihrer Zeit zu täuschen. Sie sind die größten historischen Renommisten, noch größere als die Franzosen.

Italien ist das Wirthshaus Europas, in Bewegung, thätig sind nur die Fremden, auf den Landstraßen lauter Fremde. Das Haus hat keinen Herrn und Alles ist käuflich.

Auch auf dem kurzen Wege nach dem Garda fanden wir kein Dorf. Sie wohnen in lauter kleinen Städten; da kann man besser faullenzen, auf Fremde und Zufälligkeiten lauern.

Es ist gar sonderbar, wenn man mit der Morgensonne durch die kleinen italienischen Flecken kommt, die sich alle für Städte ausgeben und stolze Namen führen. Man denkt, es wohnen lauter Zigeuner und Juden da, gelbbraune Häuser, gelbbraune Gesichter, und doch beginnt das Land erst, und es sind hier eigentlich noch die Zipfel von Wälsch-Tyrol.

Sie sitzen an den schattigen Thüren, und lärmen am frühen Morgen, auch die Handwerker arbeiten aller Welt zur Schau, und die Mädchen und Weiber kokettiren mit jedem Fremden schon am frühen Morgen.

184 Es lag ein Mädchen vor einem bärtigen Heiligenbilde auf den Knieen, und als der Starost vorüberging, und eine polnische Arie pfiff, da entschied sie sich mitten im Gebet für Fleisch und Blut und ihre Augen verließen den hölzernen Heiligen.

Die Italiener beten, wie bei uns die Weiber stricken: wenn sie nichts Besseres zu thun haben, und aus Gewohnheit glauben sie, daß es was hilft. 185

 


 

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