Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Heinrich Laube >

Reisenovellen - Band 2

Heinrich Laube: Reisenovellen - Band 2 - Kapitel 14
Quellenangabe
typenovelette
booktitleReisenovellen - Band 2
authorHeinrich Laube
year1834
publisherVerlag von Otto Wigand
addressLeipzig
titleReisenovellen - Band 2
pages550
created20120503
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Botzen.

    Die Cypresse ist der Freiheit Baum,
Weil sie keine Früchte trägt,
Und ruhig schwankt im Himmelsraum,
Wenn man die Frucht von den andern schlägt.

    Die Cypresse ist der Freiheit Baum,
Weil sie trägt ein einfach Kleid;
Der Frühling stickt ihr nicht bunt den Saum,
Darum trägt sie im Herbste nicht Leid.

    Die Cypresse ist der Freiheit Baum,
Weil man sie dir pflanzt auf's Grab.
Dein Leben war im Kerker ein Traum,
Dem der Tod die Flügel gab.

Bei Botzen sah ich die erste Cypresse. Dicht vor der Stadt fliegt sie wie ein südlicher Freudenschuß in die Höhe. Da fiel mir Rückert ein mit jenem Liede, denn das Lied ist schön, und Rückert ist ein Dichter. Noch vor einigen Jahren ward er ärmlich geliebt, und wenig gekannt, und da sang er wie die Nachtigall ungesehn im dunkelsten Gebüsch die schönsten 167 Lieder. Jetzt wird er schon geschwätzig; aber die innerlichen Jugendtöne dringen doch oft noch siegreich hervor.

Die Cypresse ist ein hoher, schlankpoetischer Baum, ein schöner, lyrischer Vers. Und sie hat solch ein mild ernsthaftes Ansehn, wie süßes Liebesweh, was sich tröstet mit den sanften Lüften und der schönen Sonne; tritt man nah zu ihm hin, so findet man die feinste Bildung – ach, der Süden ist des Erdbodens Kultur, alle Bäume sind fein und sauber ausgebildet, während unsre nordischen wie die gröbsten Frescos nur von Weitem angesehen werden dürfen. Die Cypresse gleicht fast unsern Myrthenstöcken, die so hoch gewachsen sind und höher, als unsre höchsten Pappeln.

Jene Cypresse von Botzen war wie ein romantischer Wegweiser, an ihr sah ich's: es giebt wirklich einen Süden, wovon du so viel gelesen hast, und nun giebt's auch gewiß Palmen, diese liebenswürdigen, vornehmen Gedichte der Natur, und Zedern, die stolzen Fürsten der Bäume. Ich war darüber äußerst glücklich, denn ich muß gestehen, daß ich den Geographien und Reisebeschreibungen immer gemißtraut habe. Gar manchmal dacht' ich, die Leute seien so zu gemeinschaftlichen Lügen übereingekommen, und wenn ich hinkommen würde, so würde man mir eröffnen, ich müßte auch so lügen, wenn ich 168 nicht todtgeschlagen sein wollte. Jetzt aber war ich plötzlich diese Sorge los, und ich glaubte nun sogar an die Cedern auf dem Libanon, und ich sah jetzt wieder wie in meiner biblischen Jugend des Königs Salomo langbärtige Zimmerleute oben auf dem Libanon Cedern fällen für den Tempel zu Jerusalem, und wenn ein so großer Baum gestürzt ist, sich hinlegen in seinen Schatten, den er liegend noch wirft, Honig und Datteln genießen und schlafen. All' meine südlichen Träume wachten auf, als ich bei Botzen sah, daß es wirklich Cypressen gebe.

Und immer mächtiger drang weich und wollüstig die italienische Luft heraus, sie quoll wie warme Freude aus dem Süden her. Es war ein heißer Sonnentag, als ich in's Etschthal hinabfuhr unterhalb Botzen, aber die heiße Luft war leicht, rein, bequem. Wenn es in Teutschland heiß ist, da fällt uns die Hitze wie Blei auf Kopf und Rücken, so wie Alles ist auch die Luft dicker und plumper. Die italienische Luft ist voll Feuer, aber ohne Dampf.

Hier fällt das Land immer jäher hinab nach Italien. Die Felsen sind zu Ende, breit und dunkelgrün geht die Etsch durch das breit gewordene Land, sie trägt schon Schiffe. Der enge Thalcharakter Tyrols ist verschwunden, man fährt durch lauter Gärten, Alles ist mit Wein bedeckt, wie breite Wiesen laufen die Reben hin, nur hie und da versteckt man noch 169 ein wenig Getraide darunter vor der Sonne wie das Kindlein unter dem Mantel. Der Mais allein blieb uns treu.

Es war ein üppiger Nachmittag, der Starost hatte geschlafen, als wir auf der Station ausstiegen, und er seine gewöhnlichen Fragen an den nächsten Mann richtete, der an einer Hausthür saß. Da begegnete es ihm plötzlich, daß sein Teutsch nicht mehr verstanden wurde. Der Sprung nach Italien ist ziemlich plötzlich. Es war eins von jenen kleinen, unordentlichen Städtchen. Unter jedem sonnverbrannten Felsen liegt ein solches; die eigentlichen Dörfer hören auf. Diese kleinen Nester sehen aus, wie man sich asiatische Karavansereien denkt – lüderliche Dächer, Schmutz in Fülle und braune Gesichter. Die Kaffeehäuser beginnen, und die Müßiggänger präsentiren sich. Das kleinste Loch hat beide. Das Kaffeehaus ist das moderne Forum der neuen Römer.

Da saßen die ersten mit den vornehmen Gesichtern und der malpropern schmutzigen Kleidung, und sahen stolz herab auf uns Barbaren. Die Thür nach der Straße ist immer offen, und theils in dem kleinen offnen Zimmer, was man von außen übersieht, theils vor der Thür sitzen die rauchenden Nobili, und nur wenige verzehren ein Paar Centesimi. Der Gast und der Wirth macht Spektakel, wenn eine Kleinigkeit verlangt wird.

170 Das war also Italien? Dies Städtchen sah aus wie eine Zigeunerkolonie. Die Häuser mit ihren hohlen, fensterlosen Oeffnungen glotzten uns an. Alles Volk lebt auf der Straße, und ist unhäuslich; darum vertheidigt es denn auch seinen Heerd so schlecht. Alle Leute sehen plötzlich wie Spitzbuben aus.

Es war schon Abend, als wir nach Trient kamen. Wie hatte ich mir Trient gedacht, wenn der Professor Gesenius von dem großen Koncilium allda erzählte! Da war Gericht gehalten worden über den Himmel, wie er uns beizubringen sei, so viel hundert ehrwürdige, bucherfahrene Gottesgelahrte waren hierhergefahren, waren hier herumgewandelt mit den langen Röcken; so wie Halle, eine Stadt in Teutschland, nach Torf und Schmutz und protestantischer Gelehrsamkeit riecht, so dacht' ich, wird Trient nach katholischer riechen. Ich roch. Schmutzig ist der Katholizismus und der Protestantismus hier und dort, aber jener handelt en gros, und hat vornehme, schöne Manieren dabei; man läßt sich mancherlei gefallen um der schönen Köpfe, Busen und Stimmen willen. Dieser ist ein Viktualienhändler, der sich mit Jedem in einen Handel einläßt; er ist nöthig, aber was Großes richtet er nicht aus.

Wie die Lichter tanzten, wie die Menschen auf den Straßen hin und her summten in Trient, als 171 kämen sie eben aus dem Koncilium, und wären nur eben fertig geworden mit dem Katholizismus, und besprächen noch im Eifer Dieses und Jenes. Denn Trient ist die Vaterstadt des Katholizismus, hier ist er in seiner heutigen Gestalt zur Welt gekommen, Trient ist eigentlich die heiligste Stadt der Katholiken, das Medinah der Moslemims. Dahin flüchtete sich Muhamed vor den Verfolgern, hierher der katholische Glaube vor den ihn verfolgenden Wittenbergischen Gedanken. Und hier setzten sie fest, was nimmer aufgegeben werden dürfte vom römischen Glauben, was nimmer angetastet werden dürfte an den petrinischen Sagen und Novellen. Santa Triente war der Sitz der Verschwörung.

Ich gedachte unwillkührlich jenes grauen Regentages, als ich zum ersten Male nach Wittenberg kam. Wittenberg ist bekanntlich ein höchst vernünftiger Ort, wo man von Nüchternheit trunken werden kann. Vor dem Thore liegt die märkische Wüste, und ich war bald ein Gegenstand der Bewunderung, als ich täglich einen Spaziergang versuchte; draußen wohnt der schattenlose Sand, innen wohnen die Tuchmacher, die Tugend und der Mark-sächsische Dialekt, auf dem Markte steht der Luther unter einem Regendach, vor dem Elsterthore konnte man alle Tage einige kleine Pappeln sehn, zum Zeichen, daß Luther hier die Bulle verbrannt habe, des Abends 172 trank man Kuckuckbier, und spielte Schaafkopf mit teutscher Karte – lebhaft erinnerte ich mich dieser protestantischen Amüsements. Und jetzt sprang ich vom Wagen, um katholische zu suchen.

Hu, war das ein Gewimmel, ein Wogen von geheimnißvollen Menschen auf den Straßen. Dunkle Mädchen wisperten hierhin, flüsterten, schlüpften dorthin. Und die Luft flatterte wie ein schalkhafter Schleier lieblich um die Schläfe, und tändelte mit den Sinnen, und fremde, musikalische Klänge, die in Wittenberg kein Mensch verstand, flatterten wie lose, holde Vögel um die Ohren: Signore - Tedeschi - buona sera - si, si, si, questa piazza! - -

– – Es war eine stolze katholische Figur, die vor mir her ging nach dem Platze hin, ein langes, schwarzseidnes Gewand, ein dichter Schleier, aber das Auge erkannt' ich, ächt tridentinisch war es, es bestand feurig auf der Verehrung der Madonna. Das war gewiß die Geliebte eines alten Kardinals, der sie nach dem Koncilium hier gelassen hatte zum ewigen Denkmal einer Schönheit des sechzehnten Jahrhunderts. Sie war mit Weihwasser besprengt, und alterte nicht, sondern bekehrte des Abends junge luthersche Teutsche, die über den Brenner kamen, bekehrte sie zum allein selig machenden Glauben.

Als ich eine Weile neben ihr gegangen war, saß ich fest in den Netzen ihres gefährlichen Auges, 173 räusperte mich, und wünschte ihr einen guten Abend. Sie schwieg. Ich sagte ihr, Trient sei eine schöne Stadt, wenn man sie des Abends sehe, und Walch erzähle in seiner Kirchen- und Ketzerhistorie, daß es schon 1545 sehr schöne Mädchen hier gegeben habe. Sie schwieg; blieb aber stehen, wendete sich zu mir, warf den Schleier vom Gesicht, und sagte: No capisco.

Da fiel es mir erst ein, daß ich kein Wort italienisch verstand, die Grammatik mit den Redensarten steckte im Koffer, der Starost, welcher gleich Mithridates und Mezzofanti 99 Sprachen redete, ja, sogar noch mehr, nämlich Sprachen, die zu Mithridats Zeiten noch nicht erfunden waren, der Starost war nicht bei mir, ich war in einer schlimmen Lage, und verließ mich auf die unverkennbare Pantomime. Ich zuckte die Achseln, und sagte: das ist sehr schlimm, Mademoiselle! dabei küßte ich ihr aber die Hand, und sah ihr in's Gesicht. Die Piazza war zu dunkel, ich konnte nicht viel sehen. Sie kam mir wie eine dunkle katholische Kirche vor, es wird Mancherlei getrieben drin: gebetet und geliebt, in weiter Ferne schimmert undeutlich die ewige Lampe. Das waren die selbst im Dunkeln blitzenden Augen. Ihre Stimme war tief, wie die Orgel. Sie hatte noch nicht verstanden, daß nichts zu verstehen sei, und sprach in fragendem Tone Unterschiedliches. Ich versuchte es 174 mit dem Französischen, ich sprach aus Verzweiflung Lateinisch, und sagte yes und si promiscue, so daß ich mich selbst nicht mehr verstand. Umsonst – sie ward am Ende still, und blieb an einem großen Thore stehen.

Das Lämpchen von einem Muttergottesbilde, was in der Nähe war, fiel über ihr Gesicht – sie sah wahrlich aus wie eine schmerzensreiche Madonna, welche irgend ein berühmter Meister gemacht hat. Sie trägt einen schwarzen Schleier, und ich glaube, unter dem Augenliede steht auf jeder Seite eine große Thräne. Von jeher hatte ich das frevelhafte Verlangen, diese Thränen und das große, galiläische Auge voll menschlichen Schmerzes zu küssen. Da ich Protestant war, und an die Jungfrau Maria nicht zu glauben brauchte, so vergab ich mir diese lästerliche Sünde.

Und diese Madonna stand vor mir, und sah mich mit ihren verliebten dolorosen Augen an, und das Mitgefühl über meine ketzerische Sprache war nicht zu verkennen.

Ich fühlte deutlich, daß Etwas geschehen müsse, und bemächtigte mich nun aller Superlative, deren ich habhaft werden konnte, ich rief: »bellissima, amabilissima, extremementissima«, ich seufzte: »Madonna«.

175 Sie lächelte, und trat in den düstern Hof durch mehrere dunkle Kreuzgänge. Ich führte sie am Arme, und ihr warmes katholisches Leben schlug heiß in mein Blut; – ich küßte sie, und vergaß Wittenberg und den Dr. Luther. Das war der erste italienische Kuß – böse Menschen sagen, wir hätten die ganze Reformation nur einer küßlustigen Nonne zu danken, nur die Küsse der Katharina von Bora hätten dem Luther so viel Muth gemacht. Man soll nicht spotten, aber Klosterküsse sind von besondrer Gewalt – meine süße Nonne führte mich im Dunkeln eine steinerne Treppe in die Höhe, links und rechts ging's auf einem Balkon weiter – plötzlich rief von der andern Seite eine gedämpfte Männerstimme einige rasche italienische Worte. Madonna schrack zusammen, riß sich von mir los, verschwand. Es flog eine Thür; ich stand im Dunkeln. Ich stand lange; nirgends ein Laut. Und die Züge der Madonna wurden mir immer schöner, und ihr warmes Leben, das ich gefühlt, ward immer lockender, und die Zeit immer länger.

Resignirend suchte ich den Rückweg. Umsonst; keine Treppe war zu finden, so gern ich die Entdeckung mit einem kleinen Sturz bezahlt hätte. Alles war kalte Mauer, kalter Stein. Wenn ich etwas jünger war, so hätte ich weinen können. Die Aussicht war da, die erste italienische Nacht romantisch 176 kampiren zu müssen, und die Post ging ab mit meinen Reisegefährten und meinen Habseligkeiten. Auch wurde mir sehr langweilig zu Muthe in dieser Stockfinsterniß. –

– Als ich mich später wieder auf dem Postwagen fand, der gen Roveredo hinabfuhr, wußte ich gar nicht, wie das zugegangen sei. Madonna hatte ich leider, sehr leider nicht wieder gesehn, ihr Bild küßte meine geschlossenen Augen, und wenn ich ein Wenig einschlummerte, so war mir's, als führ' ich mit ihr in den Himmel. Liebesgedanken aber und die Strahlen unsrer Augen zogen unsern weichen Wagen.

Wenn ich nur wüßte, wer mich hinunter geführt hat von jenem Balkon; es ist mir, als erinnerte ich mich dunkel einer warmen Hand, und gesprochen wurde gar nichts, geliebt hab' ich aber das leitende Wesen sehr, und Trient war ganz still und finster.

Trient war ganz still und finster, aber ich denke gern an Trient, obwohl ich nicht Viel davon gesehn habe. 177

 


 

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.