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Reisenovellen - Band 2

Heinrich Laube: Reisenovellen - Band 2 - Kapitel 11
Quellenangabe
typenovelette
booktitleReisenovellen - Band 2
authorHeinrich Laube
year1834
publisherVerlag von Otto Wigand
addressLeipzig
titleReisenovellen - Band 2
pages550
created20120503
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Innsbruck.

Als wir durch die Wasser hindurch waren, kehrten wir in einem Wirthshause ein, um zur Nacht zu essen. Die Leute waren so still geschäftig, melancholisch freundlich, wie man die Tyroler meist in ihrem Lande findet. Auf der Landstraße und in der Fremde sind sie am meisten gesprächsam und lustig. Witz und Humor haben sie niemals, dafür sind sie ein zu anfängliches Volk. Sie sind zufrieden, und diese Zufriedenheit gewährt ihnen eine ruhige Laune, in welcher sie die liebenswürdige Beschränktheit niemals irr werden läßt.

Nur die Intelligenz macht unzufrieden.

Die Tische waren sauber gedeckt, ein langes, sanftes Mädchen, das immer roth wurde, wenn sie Jemand von uns jungem Volke anredete, servirte uns ein ärmlich Essen. Die »Zeitung für Tyrol und Voralberg« lag auf dem Tische, ich freute mich, daß 130 das kleine Land doch auch seine eigne Zeitung habe. Es war lauter Türkei darin, und der Oesterreichische Beobachter machte französische Blätter herunter, von denen die Tyroler nichts wußten. Die Julirevolution haben sie durch Reisende erfahren, aber immer noch früher als die Spanier, die doch näher an Frankreich wohnen, und erst im Winter 1831 französische Mährchen hörten, weit, weit her, wie die Vorfälle von König Artus Tafelrunde.

Es saßen aber doch ein Paar Tyroler im Winkel, die sich von erschrecklichen Dingen erzählten, welche drüben hinter den Bergen geschehen sein sollten.

Vor der Thür fanden sich Tyroler Musiker ein, und begrüßten uns mit sanften Tänzen. Diese Sitte hat etwas Gastfreundliches und Heimliches, sie kamen auch nicht mit den Notenblatte, um etwas zu haben, sie spielten ihre Weisen aus dem Kopfe, und als wir ihnen etwas schenkten, waren sie dankbar und vergnügt wie die Kinder.

Tyrol ist überhaupt das Land der großen Kinder. –

– Da ich den andern Morgen im Wagen erwachte, war das Thal breiter geworden, und die Sonne lag wie ein jungfräulicher Kuß darauf. Links öffnete sich das Zillerthal, was sich heimlich und traulich in die Berge hineinschleicht. Bei der Umspannung sagte mir ein Tyroler, da drin im Zillerthale sitze in einem einsam gelegenen Häuschen ein 131 recht armes Mädchen, deren Schatz sei vor mehrern Jahren ausgezogen mit seiner schönen Jodelstimme, und das Mädchen wartete noch immer mit Schmerzen, daß er wiederkommen werde, und an jedem Morgen dächte sie, heute sei der rechte Tag, und sehe in's Thal hinunter. Aber der rechte Tag sei noch immer nicht da.

Als ich ihm sagte, der Schatz möchte wohl ein ander Mädchen und Unterkommen gefunden haben, und käme vielleicht gar nicht wieder, da schüttelte er lächelnd den Kopf, und sagte: das thut kein Tyroler, jeder Tyroler ist treu.

Und wirklich sind sie das wiederum wie die Kinder, und wie ein anfänglich Volk, dem die Treue, auch die dümmste, Religion ist. Man erzählt unglaubliche Beispiele. Erst vor Kurzem war ein Tyroler wieder gekommen, der draußen ein steinreicher Mann geworden war, und die schönsten Mädchen hatte heurathen können. Er war wiedergekommen, um seiner Gretli Wort zu halten, und als er die Gretli abgemagert, elend wiedergefunden, als sie ihm auch gar nicht mehr gefallen hat, so ist er doch seinem Versprechen treu geblieben, und hat sie geheurathet, und lebt jetzt recht freudlos mit ihr.

Ist das nicht eine rührende, beschränkte Treue? –

– Immer breiter wurde das Thal, immer grüner und sonniger, der Wagen rollte durch Hall, das 132 über und über in Dampf gehüllt ist von den Salzsiedereien, auf breiter, glatter Heerstraße, an welcher strotzende Obstbäume prahlten, tanzten die Pferde im lustigen Sonnenschein, ein bunter Tyroler nach dem andern kam vorüber, die Berge traten höflich, aber hoch und schön immer weiter zurück, immer herrlicher ward das weite Thalbecken, io Tyrol! jauchzten wir alle, es war gar zu schön – Innsbruck lag vor unsern Augen.

Rings ist Alles von den hohen Bergwänden geschlossen, nur zu den befreundeten Tyrolern stehen die Thalwege offen, nach Teutschland schützt die steile Martinswand mit ihren Genossen, nach Italien der stolze hohe Brenner, Raum zum Spielen und Springen ist im breiten Thale genug – hier wollen wir Hütten bauen, riefen wir alle, von nirgends her kann eine Störniß dringen.

Ich weiß keine Stadt, in welcher teutsch gesprochen wird, welche meinem Auge, meinem Herzen so gleich einer Geliebten mit offnen Armen entgegengekommen wäre, als Innsbruck. Nur Wien brachte mir auf der Spinnerin am Kreuz noch mehr, noch raschere Küsse, aber ich wußte es schon, daß in Wien so viel Oesterreicher wohnten, ich wußte es, daß es eine unkeusche Stadt sei.

Daß der Sonnenschein wie blankes Gold zu Innsbruck auf allen Thürmen, allen Dächern lag, 133 mochte wohl auch viel dazu beitragen. Ich liebe den Sonnenschein wie die Augen, ich suche ihn wie die Pflanze, ich bete ihn an wie ein Peruaner. Wenn es düster und regnerisch wird, da mögen wohl die Felsen um Innsbruck bedrohlich zusammenrücken und traurige Demonstrationen gegen die Stadt machen, und in der goldnen Sonne zu Innsbruck mag es ein Wenig langweilig werden.

Aber ich frage nicht, wie wird das schöne Mädchen aussehn, wenn es Runzeln hat! Ich ging mit einem wunderlichen Wohlbehagen unter den Arkaden der Stadt hin, wo man Versteckens mit der Sonne spielen kann. Die Tyroler hatt' ich mir eigentlich nie eine bedeutende Stadt bildend denken können. Sie sind auch hier meistens entartet, oder sehen aus, als ob sie nur zum Besuche da seien. Der Tyroler gehört auf's Land, dort ist er eine Notabilität. Es ist merkwürdig, wie edel er auch in Lumpen aussieht, das feierliche, edle Gesicht eines Tyroler Bettlers mit den stillen, regelmäßigen Zügen setzt Einen in Verlegenheit. Sie sahen alle aus, wie hochgeborne Granden, die hinter den verborgenen Thälern einen Karneval aufführen mit grün und rothen Bändern.

Aber fein stolz auf Innsbruck gehen sie umher, fein stolz auf ihre Hauptstadt. Ich glaube, sie ließen sie während der sechs Wochentage leer stehen, und kämen 134 bloß des Sonntags her, um die Kirchen zu besuchen, auf den Straßen herum zu schlendern, auf der Innbrücke zu stehn, und die Tyroler Berge anzuschaun – das thäten sie, wenn die äußeren Landstraßen nach Innsbruck plötzlich verschüttet würden, und die Bewohner der Stadt nicht mehr bestehen könnten. Sie haben ein Faible für Innsbruck. Botzen ist viel bedeutender in Lage und Wohlhabenheit, die Blüthe Tyrols rankt sich da zusammen, aber Innsbruck ist die alte Jugendgeliebte, sie hat ihre heißesten Thränen, ihre bessern Thaten gesehn, es ist ihr Heiligthum, das Mekka der Tyroler.

Da drüben, einen Büchsenschuß von der Stadt liegt der Berg Isel, wo die Baiern wie die Spatzen erschossen wurden, wo sie sich zuschrien: »ein Hundsfott, der nicht seinen Mann trifft,« wo ihre Stutzen an einem Vormittage fünf und sechzig Officiere niederwarfen, diese Innbrücke hat Hofer geheiligt. Hier kreuzte er seine Arme und stürzte durch den Kugelregen auf die Feinde, und rief: »Vorwärts Tyroler. St. Georg und mein Bart werden Euch als Schild dienen.«

In und um Innsbruck liegt die Quintessenz des Tyroler Ruhms, sie lieben es wie die Juden Jerusalem, wie die Römer Rom, wie die Franzosen Paris. Wenn man einen Tyroler begegnet, so 135 frägt er: wo bist Du her, und hast Du Innsbruck gesehn?

Die Stadt zieht sich mit ihren elfhundert Häusern von Teutschland nach Italien hin, und hat für mehr als 10,000 Einwohner Platz. Eine lächerliche Merkwürdigkeit ist das goldne Dach, dessen Bedeutung schon der Beiname des Stifters bezeichnet. Friedrich mit der leeren Tasche hat es angelegt, und es ist eine leere, putzige Renommage, ein kleines vorgebautes Dächlein von goldbelegten Ziegeln.

Auch der Gedanke solch einer goldnen Prahlerei ist durchaus nicht tyrolisch. Der Tyroler erwirbt gern Geld, und er verschleudert es auch nicht so schnell und leichtsinnig wie der habsüchtige Italiener, aber es hat ihm auch keinen so todten Werth wie dem geizigen Schweizer. Er liebt das Schmucke, er kauft Viel, und giebt ohne Bedenken zwei Drittheile seines Erwerbs für einen schönen Hosenträger, ein feines Hemd und eine weiche Sammtjacke. Er ist viel zu eitel und zu reinlich, um mehr als ordentlich zu sein.

Eins aber beweis't dies goldne Dach, was schon Jahrhunderte lang unangetastet liegt; die Ehrlichkeit der Tyroler. Es hat sich noch Niemand an einem Ziegel vergriffen. Ich glaub' es gern, daß der Versuch des Diebstahls am Zusammenhange der Masse und der sonstigen Beschwerlichkeit scheitern würde, 136 aber englische Industrieritter hätten gewiß schon hundert Versuche gemacht. Ein Diebstahl ist in Tyrol eine arge Seltenheit, und wenn einer vorfällt, so ist der Dieb gewöhnlich aus Italien oder drüben aus Steiermark.

An Kirchen und Heiligenbildern fehlt es in Tyrol, namentlich in Innsbruck nicht: der Tyroler ist nicht nur fromm, er ist noch wacker abergläubisch. Es war kein geringer Grund zum Aufstande, als die bairische Regierung die geistlichen Komödien und Wallfahrten untersagte, welche die Tyroler in großen Schaaren besuchen. Jetzt ist kaum ein Ländchen in Europa, wo der Katholizismus und die patriarchalische Hierarchie noch so üppig, warm und feist gediehen, als Tyrol. Spanien und Portugal sind skeptischer, und in Italien wuchert bekanntlich nur die Sinnlichkeit oder gar die Lüderlichkeit des Katholizismus. Das ist um so auffallender, da man von den vielen Wanderern aus Tyrol, die mit Teppichen und dergleichen in Europa herumziehn, und dann zurückkehren, einen profanirenden Eindruck in der Heimath erwarten sollte. Aber die Tyroler heulen mit den Wölfen, sie hüllen sich in Schaafskleider, doch die Tyroler Stimme, die Tyroler Haut bleibt von allem Aeußeren unberührt. Sie sind für kein Kontagium empfänglich, auch die Cholera hat keiner mitgebracht. –

137 Nächst Hofer ist der Kaiser Max eine Hauptperson in Innsbruck. Er hat in der Hauptkirche ein eigenthümlich Denkmal. Hinter einem Eisengitter steht eine Art Sarkophag, auf welchem mit der größten Zierlichkeit in lauter kleinen Nürnberger Hautreliefs seine Schlachten abgebildet sind. Es ist sehr bezeichnend, daß man ihn durch solche kleine charmante erhabne Sächelchen verherrlicht hat, diesen letzten teutschen ritterlichen Sanguiniker mit der braven Liebenswürdigkeit. Ein schnurriger Pendant zu seiner Geschichte, dessen Schalkhaftigkeit dadurch erhöht wird, daß es die Tyroler mit den niedlichen kleinen Schlachten ganz ernsthaft meinen. Dieser brave, ein wenig beschränkte, poetische Kaiser Max, was unternahm er für gewaltig ritterliche Dinge, und hatte nie Glück, erreichte nie etwas, gewann nie Einfluß. Er war der schönste teutsche Schauspieler, der noch einmal die Romantik, das persönliche Heldenthum spielen wollte zu einer Zeit, wo die antiromantische Vernunft erfunden wurde. Zu Innsbruck in der Kirche ist sein gar zu treues Denkmal.

Ein entarteter Tyroler, der mir die Martinswand wies, erzählte, eigentlich sei's kein Engel gewesen, der ihn gerettet, sondern ein Gemsjäger, und der Kaiser Max habe ihn dafür geadelt, und seine Familie existire noch. »Aber« – setzte er ächt tyrolisch hinzu – »auf die Martinswand ist noch kein 138 Tyroler hinaufgekommen, und herunter erst gar nicht«. –

In unsrer Wirthsstube gab's so viel Bilder von Hofer, als Kouverts auf dem Tische. Aber der gute Kaiser Franz hing einsam hinter dem Ofen, von Fliegen verunglimpft. Das ist nicht bös gemeint, das Schicksal hat's so gefügt. Und Hofer hat den Leuten wirklich einen großen Gefallen gethan. Damals gewährte er ihnen eine Art Mittelpunkt, und das thut er heut noch. Für die besten Gedanken brauchen die Völker Fleisch und Blut, sie müssen sie wie der Apostel Thomas mit Händen greifen können.

Diese Inkarnation hat aber Teutschland immer noch gefehlt. Wir haben gar keinen gemeinschaftlichen Helden, und das ist unser Unglück. Blücher war ein Preuße, Karl der Große ein Franke, Luther ein Protestant, Heinrich der Finkler mußte die Wälder ausrotten, und hatte für die Menschen keine Zeit, die Hohenstaufen liebten nur Italien, Friedrich der Große nur Frankreich – wir hatten noch keinen Helden und haben keinen. Nur Klopstock und die vaterländischen Mystiker können am Strohfeuer von Worten warm werden, und sich mit Herrmann trösten, mit Herrmann und Thusnelda und mit Thusnelda und Herrmann. Andern vernünftigen Leuten, die gern was Rechtschaffnes lieben möchten, ist das zu 139 lange her, und es geht uns kein Landwehrmann in's Feuer, wenn wir ihm sagen: Im Namen Herrmanns und Thusneldens, Michel drauf! Was kümmert den Michel Herrmann und Thusnelda!

Es ist eine Schwäche, das Heldenthum der Personen und Namen; durchgebildetete Völker entwachsen ihr, aber es ist eine poetische Schwäche, wenn der Name wirklich auf eines Helden Stirn, auf der Stirn des tüchtigsten Mannes steht. Nur ein Volk, das keine andere Vereinigung hat, als den Namen und die Sprache, ein solch Volk muß einen Helden haben, bei dessen Namen ihm das Wasser in die Augen schießt. Es ist leider in Teutschland zu viel Republik in Kunst und Wissenschaft: da giebt's ein immerwährendes Guillotiniren, links und rechts fliegen die Köpfe der Herrscher, Göthe, Schiller, Kant, Fichte, Schelling, Hegel, und zu viel Republik unter den Notabilitäten aller Art. Bin ich nicht sehr liebenswürdig, daß ich zu viel Republik finde?

Es ist in Teutschland zu wenig Außerordentliches, durch Größe Ueberwältigendes. Das Land hat sein Heroenzeitalter übersprungen, es hat sich zu früh etablirt, hat die Kinderkrankheiten des Heldenthums nicht durchgemacht, daher seine Armuth, sein Siechthum.

Tyrols Kinderkrankheit war der Aufstand von 1809, und Andreas Hofer war sein Arzt, 140 Beichtvater und Todtengräber, das frühere Geschlecht ist freilich dabei zu Grund gegangen, aber in einer frischen, schnellen Krankheit, die eine gesunde Trauer zurückläßt, und im Namen Andreas Hofer hat die neue Generation ein Bannerwort bekommen für alle Zeiten. Andreas Hofer ist ein moderner Schutzpatron Tyrols geworden, und er hängt nicht umsonst in allen Wirthsstuben. 141

 


 

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