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Reisen und Abenteuer des Kapitän Hatteras. Zweite Abtheilung

Jules Verne: Reisen und Abenteuer des Kapitän Hatteras. Zweite Abtheilung - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitle
authorJules Verne
year1875
publisherA. Hartleben
volume8
seriesBekannte und unbekannte Welten
addressPest, Leipzig
titleReisen und Abenteuer des Kapitän Hatteras. Zweite Abtheilung
senderhille@abc.de
firstpub
created20070701
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Siebenzehntes Capitel.

Altamont's Vergeltung.

Am andern Morgen erwachte der Doctor und seine zwei Gefährten nach einer völlig ruhig verbrachten Nacht. Die Kälte hatte sie, wenn sie auch nicht bedeutend war, doch am Morgen belästigt; aber gut bedeckt, wie sie waren, hatten sie, unter Obhut der friedlichen Thiere, fest geschlafen.

Das Wetter blieb schön, und sie beschlossen, auch noch diesen Tag der Erforschung des Landes und dem Aufspüren von Bisonochsen zu widmen. Man mußte schon Altamont die Möglichkeit bieten, ein wenig zu jagen, und man einigte sich also dahin, daß, wenn diese Thiere auch die friedliebendsten der ganzen Welt wären, er das Recht haben solle, sie zu schießen. Uebrigens bietet ihr Fleisch, wenn es auch stark nach Moschus riecht, eine schmackhafte Speise, und die Jäger freuten sich darauf, einige Stücke solch' frischen und stärkenden Fleisches mit nach Fort Providence zu bringen.

Während der ersten Morgenstunden bot die Reise nichts Besonderes. Im Nordosten fing das Land an, sein Aussehen zu ändern. Einige Terrainerhöhungen, die ersten Wellen einer bergigen Gegend, deuteten auf eine andere Art des Bodens. Dieses Land von Neu-Amerika mußte, wenn es nicht ein Continent war, doch eine sehr große Insel bilden; im Uebrigen handelte es sich jetzt nicht darum, diese geographische Frage zu lösen.

Duk lief weit voraus und stand bald bei der Fährte einer Heerde Bisonochsen; schnell trabte er voraus, und schwand bald den Jägern aus den Augen.

Diese folgten seinem lauten, deutlichen Gebell, dessen Eifer ihnen verrieth, daß das treue Thier endlich das Ziel ihrer Begierde aufgefunden hatte.

Sie gingen schneller, und nach etwa anderthalb Stunden trafen sie wirklich auf zwei große und ihrem Aeußern nach wirklich furchterweckende Thiere; diese eigenthümlichen Vierfüßler schienen über Duk's Angriff sehr verwundert, ohne übrigens zu erschrecken. Sie fraßen eine Art röthlichen Mooses, welches den schneereinen Boden bedeckte. Der Doctor erkannte sie leicht an ihrer geringeren Größe, ihren breiten, an der Basis verbundenen Hörnern, an dem merkwürdigen scheinbaren Fehlen der Schnauze und an ihren kurzen Schwänzen. Der Gesammteindruck dieses Baus hat ihnen bei den Naturforschern den Namen »Ovibos« (Schafochse) erworben, ein Wort, welches also an die beiden Naturen, denen sich dieses Thier anschließt, erinnert. Ein Büschel dicker und langer Haare und ein feiner, brauner, seidenartiger Pelz ist ihnen eigenthümlich.

Beim Erblicken der Jäger liefen die Thiere sogleich davon, und diese verfolgten sie in vollem Laufe.

Aber für Leute, die ein halbstündiger Dauerlauf vollkommen außer Athem brachte, war es schwer, sie einzuholen. Hatteras und seine Genossen hielten an.

»Teufel! sagte Altamont.

– Teufel ist das richtige Wort, versetzte der Doctor, der kaum Athem schöpfen konnte. Diese Wiederkäuer überlasse ich Ihnen als Amerikaner, aber sie scheinen von ihren Landsleuten nicht die vortheilhafteste Meinung zu haben.

– Das beweist, daß wir gute Jäger sind«, erwiderte Altamont.

Indessen blieben auch die Bisonochsen, die sich nicht mehr verfolgt sahen, in staunender Haltung wieder stehen. Es war augenscheinlich, daß man sie im Laufen nicht erlangen würde; man mußte sie einzuschließen suchen; das kleine Plateau, auf dem sie jetzt waren, bot sich fast selbst dazu an.

Die Jäger ließen durch Duk die Thiere necken, während sie in nahen Hohlwegen heranschlichen, das Plateau zu umgehen. Altamont und der Doctor versteckten sich an dem einen Ausläufer desselben hinter Felsenvorsprüngen, während Hatteras, der es von der anderen Seite unvermuthet erstieg, sie ihnen zutreiben sollte.

Nach einer halben Stunde hatte Jeder seine Stelle eingenommen.

»Jetzt werden Sie sich nicht widersetzen, sagte Altamont, diese Thiere mit Flintenschüssen zu empfangen?

– Nein, das ist ehrlicher Krieg«, erwiderte der Doctor, der trotz seiner natürlichen Gutmüthigkeit doch Jäger vom Grunde seiner Seele war.

So sprachen sie, als sie die Thiere, Duk ihnen auf der Ferse, sich schnell in Bewegung setzen sahen; weiter entfernt rief Hatteras laut und jagte sie nach der Richtung des Doctors und des Amerikaners, die sich bald dieser prächtigen Beute entgegenstellten.

Sogleich standen da die Ochsen, und da sie vor einem einzelnen Feinde weniger Furcht hatten, so liefen sie gegen Hatteras wieder zurück. Dieser erwartete sie festen Fußes, legte, als sie nahe genug waren, an und gab Feuer, ohne daß seine Kugel, die eines der Thiere mitten auf die Stirn traf, sie im Laufe aufzuhalten vermochte. Der zweite Schuß von Hatteras machte die Thiere nur wüthend; sie stürzten sich auf den entwaffneten Jäger und warfen ihn jählings um.

»Er ist verloren!« rief der Doctor.

In dem Augenblicke, da Clawbonny diese Worte im Ton der Verzweiflung ausrief, that Altamont einen Schritt voran, um Hatteras zu Hilfe zu eilen, dann blieb er wieder stehen, im Kampfe gegen sich selbst und seine Vorurtheile.

»Nein, rief er aus, das wäre ein Schurkenstreich!«

So stürzte er mit Clawbonny schnell nach dem Kampfplatze. Keine halbe Secunde hatte sein Zögern gedauert, aber so wie der Doctor sah, was in der Seele des Amerikaners vorging, so verstand es auch Hatteras, er, der lieber umgekommen wäre, als daß er die Hilfe seines Nebenbuhlers angerufen hätte. Jedenfalls hatte er kaum Zeit, sich darüber Rechenschaft zu geben, denn Altamont war schon nahe bei ihm.

Hatteras, der zu Boden lag, suchte die Hörnerstöße und Huftritte der beiden Thiere abzuwehren; lange hätte er indeß diesen Kampf nicht fortzusetzen vermocht.

Er war nahe daran, unvermeidlich in Stücke zerrissen zu werden, als zwei Flintenschüsse fielen; Hatteras fühlte die Kugeln fast seinen Kopf streifen.

»Nur Muth!« rief Altamont, der sein abgeschossenes Gewehr von sich schleuderte und auf die wüthenden Thiere losstürzte.

Der eine der Ochsen stürzte, im Herzen getroffen, zusammen; der andere wollte in schäumender Wuth dem unglücklichen Kapitän den Leib aufschlitzen, als Altamont ihm gegenüber sprang und mit der einen Hand sein Schneemesser tief zwischen die geöffneten Kinnbacken stieß, während er ihm mit der anderen durch einen furchtbaren Beilhieb den Kopf spaltete.

Das Alles geschah mit so wunderbarer Schnelligkeit, daß ein Blitz hinreichend gewesen wäre, die ganze Scene zu beleuchten.

Der zweite Ochse brach in den Knieen zusammen und fiel todt nieder.

»Hurrah! Hurrah!« rief Clawbonny.

Hatteras war gerettet.

Er verdankte also sein Leben demselben Manne, den er in der Welt am meisten haßte! Was ging in diesem Augenblick in seiner Seele vor? Welche menschliche Regung, die er nicht zu bemeistern vermochte, stieg in ihr auf?

Hier liegt ein Geheimniß des Herzens, das sich jeder Deutung entzieht.

Wie dem auch sei, Hatteras ging ohne Zaudern auf seinen Rivalen zu und sagte mit ernster Stimme:

»Sie haben mir das Leben gerettet, Altamont.

– Sie hatten es mir gethan, erwiderte der Amerikaner, und nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: Wir sind quitt, Hatteras.

– Nein, Altamont, erwiderte der Kapitän, als der Doctor Sie aus dem Eisgrabe hervorzog, wußte ich nicht, wer Sie waren, doch Sie haben mich mit eigener Lebensgefahr gerettet, trotzdem Sie wußten, wer ich sei.

– Nun, Sie sind Meinesgleichen, entgegnete Altamont; doch sei dem wie ihm wolle, ein Amerikaner ist kein feiger Schurke.

– Nein, gewiß nicht, rief der Doctor, er ist ein Mensch, ein Mensch wie Sie, Hatteras!

– Und mit mir soll er den Ruhm theilen, der uns noch zu ernten bevorsteht.

– Den Ruhm, zum Nordpole vorzudringen, sagte Altamont.

– Ja wohl, erwiderte der Kapitän mit Selbstgefühl.

– Ich hatte es also errathen, rief der Amerikaner; Sie haben gewagt, einen solchen Beschluß zu fassen! Sie haben zu versuchen gewagt, diesen unnahbaren Punkt zu erreichen. O, das ist schön; das sage ich Ihnen, ich; das ist herrlich!

– Aber Sie, fragte Hatteras schnell, Sie befanden sich also nicht wie wir auf dem Wege zum Pole?«

Altamont schien mit der Antwort zu zögern.

»Nun? fragte der Doctor.

– Nun denn, nein! sagte der Amerikaner. Nein! Die Wahrheit über die Eigenliebe! Nein, ich hatte den großen Gedanken, der Sie hierher geleitet hat, nicht. Ich wollte mit meinem Schiffe nur die Nordwestpassage durchfahren; das ist Alles.

– Altamont, sagte Hatteras, dem Amerikaner die Hand entgegenstreckend, seien Sie also unser Ruhmesgefährte und kommen Sie mit uns, den Nordpol zu entdecken!«

Und die beiden Männer reichten sich zum warmen, redlichen Drucke ihre Hände.

Als sie sich nach dem Doctor umdrehten, standen diesem die Thränen in den Augen.

»O, meine Freunde, sagte er, sich die Augen trocknend, wie vermag mein Herz die Freude, mit der Sie es erfüllen, zu fassen! O, meine theuren Gefährten, Sie haben für den gemeinschaftlichen Erfolg die leidige Frage wegen der Nationalitäten geopfert. Sie haben sich gesagt, daß weder England noch Amerika hierbei in Betracht kommen, und daß eine innige Sympathie uns gegenüber den Gefahren unserer Expedition verbinden muß. Wenn der Nordpol erreicht ist, was kommt darauf an, wer ihn entdeckt? Warum sich so erniedrigen und darauf pochen, daß man ein Amerikaner oder ein Engländer ist, wenn man sich rühmen kann, ein Mensch zu sein!«

Der Doctor drückte die versöhnten Feinde in seine Arme; er konnte sich vor Freude kaum beruhigen, und auch die beiden neuen Freunde fühlten sich durch die Freundschaft, welche der würdige Mann ihnen entgegen brachte, nur noch mehr genähert.

Clawbonny sprach, ohne sich zurückhalten zu können, von der Eitelkeit der Wettbewerbung, von der Thorheit des Rivalisirens, und von dem so nöthigen Zusammenwirken zwischen Menschen, die so weit von ihrem Vaterlande verlassen sind. Seine Worte, seine Thränen, seine Zärtlichkeiten, Alles kam aus dem Grunde seines Herzens.

Doch beruhigte er sich endlich, nachdem er Hatteras und Altamont wohl zwanzig Mal umarmt hatte.

»Und nun, sagte er, an's Werk, an's Werk! Da ich als Jäger zu Nichts gut gewesen bin, so wollen wir meine Fähigkeiten auf anderer Seite benutzen!«

Er ging daran, den Ochsen auszuweiden, den er »den Ochsen des Versöhnungs-Opfers« nannte, und machte das so geschickt, daß er vielmehr einem Arzte glich, der eine sorgsame Section vornimmt.

Lächelnd sahen ihm die Gefährten zu. Nach wenigen Minuten hatte der gewandte Operateur etwa einen Centner appetitlichen Fleisches herausgeschnitten, das er in drei gleiche Theile theilte; Jeder belud sich mit einem derselben, und zurück ging es nach Fort Providence.

Um zehn Uhr Abends erreichten die Jäger, von den schiefen Strahlen der Sonne beleuchtet, Doctors-House, wo Johnson und Bell sie mit einer guten Mahlzeit erwarteten.

Aber noch bevor sie sich zu Tische setzten, rief der Doctor, auf seine beiden Jagdgenossen zeigend:

»Mein alter Johnson, ich hatte einen Engländer und einen Amerikaner mitgenommen, nicht wahr?

– Ja wohl, Herr Clawbonny, erwiderte der Rüstmeister.

– Nun, und zurück bringe ich zwei Brüder!«

Freudig reichten die beiden Seeleute Altamont die Hände; der Doctor erzählte ihnen, was der amerikanische Kapitän für den englischen gethan hatte, und diese Nacht beherbergte das Eishaus fünf wahrhaft glückliche Menschen.

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